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Zu Gast bei ökologischen Oliven-Bauern

Wie Gott in Griechenland Zu Gast bei ökologischen Oliven-Bauern Die Gastfreundschaft der Griechen ist sprichwörtlich, ihr ökologisches Bewusstsein nicht unbedingt. Aber unter dem blauen Himmel von Hellas gibt es vorbildliche Bio-Projekte. Zum Beispiel auf dem Peleponnes, wo zwischen Kalamata und Sparta mehr als 300 Familien vom bio-logischen Oliven-Anbau leben
30.06.2002

Wie Gott in Griechenland

Zu Gast bei ökologischen Oliven-Bauern

Die Göttin der Kochkunst muss eine Griechin gewesen sein – und Politimi Lapea ihre Ur-Ur-Ur-Enkelin. Üppig beladen ist der Tisch mit Speisen, bei deren Zubereitung ich eigentlich hatte mithelfen wollen. Die Idee: Einzutauchen in die Traditionen von Saidona, des ersten griechischen Bergdorfes, das komplett seine Olivenöl-Produktion auf Bio umgestellt hat. Aber das war typisch deutsch gedacht, eine aktive Mithilfe lässt die griechische Gastfreundschaft nicht zu.

Gut so. Wer weiß, ob der Stifado (Eintopf mit ganzen Zwiebeln), das würzige Omelett, die Spanacopita (Teigrolle mit Spinat und Schafskäse) und all die Beilagen und Süßspeisen so gelungen wären, wenn ein neugieriger Journalist die Arbeit gestört hätte.

Politimi hat Teig an den Händen, als sie uns die Tür zu ihrem kleinen, an den Hang geschmiegten Häuschen mit dem herrlichen Ausblick öffnet. Eine Großmutter wie die 75-Jährige würden sich wohl viele wünschen: vital und aktiv, gelassen und warmherzig. Fast alles, was heute Abend auf den Tisch kommt, hat die Bäuerin eigenhändig im Garten geerntet. Und das wild wachsende Chorta-Gemüse (eine Art Löwenzahn) stammt aus den Olivenhainen des Dorfes, die Ende April nur so prangen vor Blumen und Wildpflanzen.

Die Mani südlich der griechischen Provinzhauptstadt Kalamata: Eine Landschaft, die der Seele Flügel verleiht. Weit schweift der Blick von den Anhöhen hinunter zu den Fischerdörfern. Stolz thronen darüber die Gipfel des Taygetos-Gebirges. Dazwischen Olivenhaine, so weit das Auge reicht, Zypressen stecken dem silbrig-hellen Grün dunkle Kerzen auf.

Zurück im Bergdorf Saidona. Costa Xideas und Fotis Klampatseas, die nach dem Festessen am Vorabend Bouzuki spielten und Sirtaki tanzten, beginnen heute mit den ersten Arbeiten im Olivenhain nach der Ernte im Winter. Ein schöner Tag: Der Himmel strahlt, die Bienen summen und die knöchel- bis kniehoch gewachsenen Blumen wetteifern um Bewunderung. Es ist ganz einfach, einen biologisch bewirtschafteten Hain von einem konventionellen auf den ersten Blick zu unterscheiden: Die Blütenpracht gibt’s nur im intakten Ökosystem. Wo Kunstdünger und Spritzmittel regieren, überlebt lediglich eintöniges Gras.

Erste Sahne. Costa steuert zielstrebig die Stellen an, wo die Blumen besonders üppig gedeihen. Ein paar Schläge mit der Hacke und es kommt braune Erde zum Vorschein: Hier liegt in einem langen, zugeschütteten Graben der Kompost, fertig gereift und erdig duftend. Costa grinst zufrieden auf die Frage nach der Qualität: „protoprama“, erste Sahne.

Die Kompostwirtschaft ist eine zentrale Säule des biologischen Olivenanbaus. Sie beeinflusst den Humusgehalt und damit die Fruchtbarkeit des Boden auf messbare Weise. In der Gegend von Saidona stieg der Humusgehalt von einem auf mittlerweile bis zu fünf Prozent.

Schon in der Kindheit war Fotis’ zweite Heimat der Olivenhain. Jetzt ist der gelernte Elektromechaniker dorthin zurückgekehrt. Jahrelang arbeitete er als Lastwagenfahrer in einer Spedition in Kalamata, nur das Wochenende verbrachte er im Dorf. Aber das Stadtleben war nichts für den naturverbundenen Junggesellen. Seine Lebensphilosophie: „Es ist gut für den Menschen, näher bei sich zu sein.“

Hervorragende Qualität. Was der ehemalige Medizinstudent zum Leben brauchte, verdiente er bei den Olivenbauern. Sehr schnell erkannte der damals 26-Jährige, welches Potenzial in dem Mani-Öl schlummerte. Die Koroneiki-Olive ist eine hervorragende Sorte, in Harmonie mit den vielen Sonnentagen, der Hanglage und dem Boden liefert sie eine Qualität, die sich (nicht nur, aber auch) in Zahlen beschreiben lässt. Bläuel-Öl enthält im Schnitt 0,4 Prozent freie Fettsäuren. Es unterschreitet die von der EU festgelegte Grenze für die höchste Qualität „nativ extra“ (1 Prozent) somit um mehr als die Hälfte.

Allerdings: Diese Qualität galt im eigenen Lande zunächst wenig. „Die Mani war die Toskana Griechenlands“, sagt Burgi Bläuel. Das hochwertige Öl wurde in Tankwagen gepumpt und nach Italien verschifft. Dort verpasste man ihm edle Etiketten, wenn auch keine griechischen. Irgendwie müssen die Italiener ihre Bestände füllen. Denn die Ölbäume der Toskana liefern nur halb so viel „grünes Gold“ wie weltweit als Toskana-Öl vermarktet wird.

Gegen enorme bürokratische Widerstände setzte Fritz Bläuel zwei Ziele durch: Er bekam nach eineinhalb Jahren endlich eine Exportgenehmigung – brauchte also das Mani-Öl nicht mehr in abenteuerlichen Fahrten und in Bierflaschen nach Wien zu schmuggeln. Und er war der erste, der den Wunsch von Rapunzel-Chef Joseph Wilhelm nach Olivenöl in zertifizierter Bio-Qualität erfüllen konnte.

Der Weg der frühen Jahre war steinig. Einmal überlebte die Firma nur, weil der Priester aus dem Nachbardorf den beiden Österreichern die kompletten Einnahmen der Kirchenkasse in die Hände drückte. Ein Kredit, den sie Gott sei Dank zurückzahlen konnten.

Szenenwechsel: „Wir haben ein Problem“, verkündet Helga Papagiannea und streckt den Kopf in Burgi Bläuels Büro. Die Nachfrage nach Mani-Öl ist höher als gedacht, bis spätestens Mitte nächster Woche muss ein zusätzlicher Lastwagen die Serpentinen der engen Bergstrecke hinaufkriechen und das frisch abgefüllte Öl in Empfang nehmen. Was tun? Samstagarbeit? Eine zweite Schicht? Helga telefoniert einige Stunden, um eine für alle verträgliche Lösung zu finden. Die Samstagsarbeit – es wäre nicht die erste in den letzten Wochen – lässt sich vermeiden, wenn ein paar Liefertermine nach hinten geschoben werden und die Mitarbeiter am Freitag und Montag länger dableiben.

Immer frisch. In der Halle neben den Büros geht es lebhaft zu. Die Arbeiterinnen, die gerade Speiseoliven in Gläser füllen, machen Scherze, zwei stimmen ein Lied an. Im Gegensatz zur Öl-Abfüllung, die über eine moderne Maschinen-„Straße“ läuft, ist das Entbittern der schwarzen und grünen Früchte Handarbeit. „Wir produzieren nie auf Vorrat, sondern immer frisch“, erklärt Marketing-Spezialistin Anja Deuser. Und: Die schwarzen Kalamata-Oliven sind echt. Sie werden nicht, wie es sonst die Regel ist, als grüne Oliven eingelegt und nachträglich mit Eisenoxid gefärbt. Die genaue Rezeptur der schwarzen und grünen Kalamata-Oliven ist freilich geheim und stammt von Voula Manolea, der guten Seele der Fabrik. Voula ist eine der ersten Mitarbeiterinnen der Bläuels und kocht jeden Tag für alle. Ihre Hühnersuppe – ein Gedicht.

Zurück im Büro, wird Anja von Elisabeth Kiriakoulakou in Beschlag genommen. Die letzten Details der Projektzeitung Biotypos (zu deutsch etwa: Bio-Zeitung) sind zu klären. Welches Bild kommt auf den Titel, wo platzieren wir die Anzeige? Biotypos erscheint alle zwei Monate und wendet sich an die Biobauern des Mani-Projektes. Hier geben die fünf Projektbetreuer Hintergrundinformationen und praktische Tipps. Und eben hat Burgi Bläuel ihr Editorial fertig, in dem sie auch auf meinen Besuch und den tollen Abend in Saidona eingeht.

Verständliche Sehnsucht. Wie lasse ich diese zweitätige Abwechslung vom Redaktionsalltag am besten ausklingen? Burgi Bläuel nimmt mir die Entscheidung ab und lädt uns zum Mittagessen in die Bucht von Stoupa ein. Auch Maikel Jespersen kommt mit, ein Berufsfotograf, der mit seiner Familie seit sieben Monaten mit

Peter Gutting


Spritzgifte aus dem Flugzeug

Erst ein paar Jahre ist es her, da wurden die konventionellen Olivenhaine der Mani noch von Flugzeugen aus gespritzt. Die Folgen für die Tier- und Pflanzenwelt waren unübersehbar. Massenweise Bienen wurden getötet. „Das ging bis hinunter zu den Stränden“, erzählt Fritz Bläuel. „Die mussten geschlossen werden, weil es von sterbenden Bienen nur so wimmelte.“ Durch ein Verbot der EU wurde die staatlich organisierte Umweltverschmutzung aus der Luft schließlich gestoppt. Doch in Griechenland setzte die Regierung die EU-Regelung erst 1994 in die nationale Praxis um. Seitdem lässt das Landwirtschaftsministerium die konventionell bewirtschafteten Haine nur noch vom Boden aus spritzen.


Durch den Bio-Anbau in der Mani bleiben der Umwelt erspart:

  • 1.500 Tonnen chemische Dünger
  • 3,3 Millionen Liter Herbizide
  • 210.000 Liter Insektizide

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