Jeden Tag eine gute Entscheidung. Für eine bessere Welt. Für uns alle.
Umwelt

Zu Besuch bei Wala

Stars und Steiner Woran erkennt man ein anthroposophisch orientiertes Unternehmen? An der Form des Gebäudes? An der Kleidung der Mitarbeiter? Nein, man muss schon genauer hinschauen, meinen Claudia Trunk (Fotos) und Peter Gutting (Text). Die Gänseblümchen haben tiefe Eindrücke hinterlassen. „Mir taten am Abend alle Knochen weh“, erzählt Katharina Hahlhege
31.01.2004

Stars und Steiner

Die Gänseblümchen haben tiefe Eindrücke hinterlassen. „Mir taten am Abend alle Knochen weh“, erzählt Katharina Hahlhege. Die handverlesene Ernte der hautreinigenden kleinen Allerweltspflanzen war hart. Schließlich kriecht die Ressortleiterin Marketing/Vertrieb der Wala Heilmittel GmbH nicht jeden Tag über die Erde des firmeneigenen Heilpflanzengartens direkt hinter dem alten Bürogebäude.

Manchmal aber doch. Jede Führungskraft des 400-Mitarbeiter-Betriebes mit seinen beiden Marken Wala Arzneimittel und Dr. Hauschka Kosmetik arbeitet drei Tage im Jahr an der Basis: bei Ernte, Verarbeitung, Abpacken oder Versand. Katharina Hahlhege weiß daher, was es für die sechs Gärtner bedeutet, wenn das Unternehmen aus Qualitätsgründen darauf besteht, dass jedes einzelne Gänseblümchen (wie auch alles andere) per Hand geerntet wird.

Gänseblümchen als Heilpflanzen: Hier im firmeneigenen Garten hat Katharina Hahlhege (oberes Bild) im Sommer bei der Ernte geholfen.

Handarbeit und Hightech, künstlerische Ambitionen und blitzblanke Maschinen, Rudolf Steiner und Popstar Madonna – vom „Spagat“ wird häufig die Rede sein an diesem grauen Novembertag in Eckwälden/Bad Boll, einem kleinen Ort nahe Göppingen, auf den hügeligen Ausläufern der Schwäbischen Alb. Von einem Spagat allerdings, der eine wesensgemäße Haltung zu sein scheint für einen Organismus namens Wala.

Stella McCartney war da – einen ganzen Tag lang

Wir staunen über so viel Bescheidenheit: Warum wirbt das Unternehmen nicht mit der Tatsache, dass Dr. Hauschka Kosmetik derzeit Kult ist bei Hollywood-Stars wie Julia Roberts oder Cate Blanchett? Warum erfährt niemand, dass Modedesignerin Stella McCartney, Tochter des Ex-Beatle und Freundin von Madonna, sich einen ganzen Tag Zeit nahm, um die Herstellung zu besichtigen? Die Antwort ist so verblüffend wie einfach: „Unsere Kosmetik gibt es seit 1967. Der Trend hat uns erreicht, nicht umgekehrt“, sagt Julia Richter. Natürlich freut sich die Pressesprecherin, wenn Publikumszeitschriften von sich aus über die Vorlieben der Hollywoodstars berichten. Aber deswegen die Redaktionen ansprechen? „Das passt nicht zu uns.“ Punkt.

Vielleicht hätte Firmengründer Dr. Rudolf Hauschka (1891 bis 1969) seine Freude an solchen Geschichten gehabt. Hauschka, erzählt Julia Richter, war eine Forschernatur: vielseitig interessiert und gebildet, idealistisch, kosmopolitisch. Vom Begründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner, bekam er den entscheidenden Tipp in der Frage, wie man Heilpflanzenauszüge für Arzneimittel ohne Alkohol haltbar machen könne. Denn Alkohol, so Steiner, mumifiziere die Wirkstoffe. „Studieren Sie die Rhythmen, Rhythmus trägt Leben“, sagte Steiner zu Hauschka.

Der tüftelte und setzte die wässrigen Auszüge drei Gegensätzen aus: Bewegung/Ruhe, Licht/Dunkel und Wärme/Kälte. Nach sechs Jahren hatte Hauschka Erfolg: Er stellte 1929 einen wässrigen Rosenauszug her, der sich als haltbar erwies: Offenbar schützt das Rhythmisieren die Lebenskräfte vor dem Verfall. Dieser erste Auszug blieb sage und schreibe 30 Jahre lang stabil.

Tradition trotz Hightech: Rühren bei Sonnenaufgang

Auch heute werden viele Pflanzen für Kosmetik und Arzneimittel nach diesem Verfahren aufbereitet, sieben Tage lang. Kurz vor Sonnenaufgang bringen die Mitarbeiter die flüssigen Pflanzen-Essenzen in den kühlen Lichthof und setzen sie durch Rühren in Bewegung, eine Stunde lang. Dann geht’s zurück ins Dunkle, wo Ruhe und Wärme herrschen. Am Abend dieselbe Prozedur, alles per Handarbeit.

Kehrtwende in die Moderne: Wir besichtigen das neue, im Jahre 2002 fertiggestellte Herstellungs- und Logistikzentrum. Wie von Geisterhand bewegen sich Kartons in die Tiefe,. In der Produktion gelten für Kosmetika dieselben strengen Regeln wie für Medizin. Besucher müssen deshalb draußen bleiben. Durch die Außenfenster bestaunen wir die Homogenisier-Maschine, die 1.200 Kilo Salbe oder Creme auf einmal verarbeitet.

Weiter im Spagat. Tempo ist nicht alles, für die wichtigen Dinge lässt man sich Zeit. Zum Beispiel für die Entwicklung der Gesichtscreme Quitte. Allein für den Duft brauchte Katharina Hahlhege ein halbes Jahr. Warum? Weil da so eine verführerische Anfangsvision war: „Ich dachte an reife Früchte, die ihr Aroma im Raum verströmen.“ Aber das Quittenwachs, das eher etwas muffig riecht, machte lange Zeit einen Strich durch die Rechnung. Die Marketingfrau ist froh, dass sie sich den Rhythmus leisten darf, den eine kreative Lösung eben braucht. „In einer anderen Firma hätte mich die kaufmännische Abteilung für verrückt erklärt.“ Aber die Wala Heilmittel GmbH gehört der Wala Stiftung. Und für die spielen Qualität und Gebrauchswert der Produkte die entscheidende Rolle.

„Wirtschaftliche Aktivität ist für uns nur insofern sinnvoll, als sie der persönlichen Weiterentwicklung in Freiheit dient“, zitiert Geschäftsführer Dr. Johannes Stellmann aus der Unternehmensphilosophie. Das bedeutet unter anderem, dass ältere Mitarbeiter wegen ihrer Erfahrung und Lebensweisheit geschätzt werden. Und dass Gewinne nicht in die Taschen von Kapitalgebern wandern, sondern entweder in die Entwicklung des Unternehms reinvestiert oder an die Mitarbeiter ausgeschüttet werden, teils in bar, teils „unbar“ im Sinn einer Altersvorsorge. Und seien wir ehrlich: Wo sonst ernten die Chefs noch persönlich die Gänseblümchen?

Große Turmalin-Ausstellung

Kunst und Kultur spielen eine große Rolle im Leben des Unternehmens. So stehen die Gebäude für Kunstausstellungen der Mitarbeiter zur Verfügung, es gibt einen Werkchor und Instrumentalisten. Derzeit plant das Unternehmen eine Ausstellung, die auch Besucher aus einem größeren Umkreis anziehen dürfte: Vom 12. bis 28. März findet eine Ausstellung von Madagaskar-Turmalinen statt. Werktags von 11 bis 20 Uhr. Weitere Infos unter www.wala.de

Weg von der Labello-Sucht

Bei Dr. Hauschka-Kosmetik geht man nicht von gleichbleibenden, sondern sich wandelnden Hautbildern aus. Für sie ist Kosmetik Hilfe zur Selbsthilfe. Katharina Hahlhege erklärt dies an einem persönlichen Beispiel: „Bevor ich die Marke Dr. Hauschka kennenlernte, war ich mehr als zehn Jahre Labello-süchtig.“ Dann versuchte es die damalige Naturkosteinzelhändlerin mit der Lippenpflege von Hauschka. Nach wenigen Tagen hörte das Bedürfnis auf, die zuvor ständig trockenen Lippen permanent nachzufetten.

Wala in Zahlen

  • 1923: erste Ideen zur Firmengründung, Hauschka trifft Steiner
  • 1935: erstes Laboratorium in der Nähe von Ludwigsburg
  • 1950: Anfänge der Wala in Eckwälden/Bad Boll
  • 1967: Aufbau der Kosmetik-Linie durch Elisabeth Sigmund
  • 1986: Gründung der WALA-Stiftung und der Dr. Hauschka-Stiftung
  • 1994: zweites eigenes Gebäude am Ortseingang von Eckwälden
  • 1998: neues Erscheinungsbild für die Kosmetik
  • 2002: neues Herstellungs- und Logistikzentrum, Umweltpreis des Landes Baden-Württemberg
  • Umsatzzuwachs 2002: 20 Prozent
  • Mitarbeiter: 400
  • Neue Mitarbeiter in 2002: 80
  • Sortiment: Kosmetik: 100 Produkte und Arzneimittel: 1.000 Produkte

Kommentare

Das könnte Sie auch interessieren

Ähnliche Beiträge