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Umwelt

Zu Besuch bei Martina Gebhardt

Martina Gebhardt stellt Pflegeprodukte im Einklang mit der Natur her und lässt sich dabei von Indianern und den Heilkundigen des Altertums inspirieren. Ihr oberstes Gebot: Absolute Aufrichtigkeit gegenüber den Kunden. // Text: Manfred Loosen, Fotos: Maria Scherf
31.03.2005
Martina Gebhardt stellt Pflegeprodukte im Einklang mit der Natur her und lässt sich dabei von Indianern und den Heilkundigen des Altertums inspirieren. Ihr oberstes Gebot: Absolute Aufrichtigkeit gegenüber den Kunden. // Text: Manfred Loosen, Fotos: Maria Scherf

Im Rhythmus der Natur

Martina Gebhardt stellt Pflegeprodukte im Einklang mit der Natur her und lässt sich dabei von Indianern und den Heilkundigen des Altertums inspirieren. Ihr oberstes Gebot: Absolute Aufrichtigkeit gegenüber den Kunden. // Text: Manfred Loosen, Fotos: Maria Scherf

NaturKosmetik wird bei Martina Gebhardt wortwörtlich genommen: „Alle Rohstoffe sind natürlich, Konservierungsmittel oder chemische, synthetische Rohstoffe verwenden wir nicht“, erklärt sie. „Das bedeutet, dass wir wissentlich und absichtlich auf einige Produkte verzichten: Shampoos zum Beispiel!“ Denn dafür müsste man aus natürlichen Rohstoffen Zuckertenside chemisch-technisch herstellen. Das lehnt Martina Gebhardt aber ab. Auch tote Tiere zu verarbeiten ist für sie tabu. Deshalb gibt es in der Produktpalette auch keine dekorative Kosmetik: „Für Lippenstifte müssten wir zum Beispiel Cochenille-Läuse zu Hunderttausenden töten. Das machen wir nicht“, erklärt die Kosmetikherstellerin resolut. Da ist sie sogar strenger als der Bundesverband Deutscher Industrie- und Handelsunternehmen für Arzneimittel, Reformwaren, Nahrungsergänzungs- und Körperpflegemittel (BDIH), der das Siegel „Kontrollierte Naturkosmetik“ verleiht. Laut dessen Kriterien ist der „Einsatz von Rohstoffen toter Wirbeltiere“verboten. Läuse sind keine Wirbeltiere, sondern Insekten. Martina Gebhardt möchte sie dennoch nicht verwenden, um daraus Farbstoff zu gewinnen. „Ich will den Verbraucherinnen nichts vormachen“, sagt sie, denn kaum eine Frau, die Lippenstift benutzt, weiß, dass die rote Farbe oft aus toten Läusen stammt.

Martina Gebhardt verbringt die Hälfte des Jahres auf ihrer Farm im US-Staat Utah. In der Nachbarschaft leben Indianer, von denen sie viel gelernt hat in punkto Achtung gegenüber der Natur. „Traditionell essen die amerikanischen Ureinwohner nicht irgendein Stück Fleisch, sondern töten das Tier bewusst für ihre Ernährung. Sie bedanken sich bei dem Tier, dass es ihnen zur Ernährung zur Verfügung steht“, erzählt die Firmenchefin. Vor Jahren hatte sie sich zwei Schweine gekauft, in ihrem Garten gehalten und später auch geschlachtet. „Ich wollte wissen, was es mit mir und meinem zwar seltenen Appetit auf Fleisch tut, wenn ich das Tier, das ich vorher großgezogen hatte, selber schlachte", sagt Martina Gebhardt, die einige Jahre überzeugt vegetarisch gelebt hat. „Es ist für mich kein Widerspruch, Kosmetika zu verkaufen, für die kein Tier sterben muss, selber aber ein Tier zu töten. Ich erlaube mir in meinem Leben zu experimentieren, doch das heißt nicht, dass ich meine Produktphilosophie aufgebe."

Auf ihrer Farm hält sie heute 42 Bio-Rinder, jedoch nicht zum Schlachten, sondern für den Verkauf an Bauern, die eine eigene Zucht aufbauen wollen. Außerdem leben Schweine, Ziegen und Gänse als Streichelzoo auf ihrem Anwesen, das sich die Naturkosmetik-Chefin vor elf Jahren gekauft hat. Der Fotograf Anselm Spring hatte ihr den Tipp gegeben, dass ein großes Stück Land zum Verkauf stehe. Spring wohnt gleich nebenan. „Hier in 2.600 Meter Höhe ist die trockene, saubere Luft ideal für den Anbau von Kräutern“, erzählt Martina Gebhardt. „Es gibt keinerlei Industrie. Ganz in der Nähe wurde sogar ein Schild aufgestellt: ‚Hier ist die sauberste Luft der USA!’ steht da drauf!“ Außerdem sorgen die Berge hinter der Farm für ausreichend Regen. Martina Gebhardt erntet hier aus Wildbeständen unter anderem Indianischen Wacholder, Wüstensalbei und die Indianische Pinie.

Mit einem Kalender fing alles an

Ihre Liebe zu schonenden Hautpflegemitteln erwachte schon sehr früh: Als sie etwa zwölf Jahre alt war, bekam Martina Gebhardt den Pflanzenkalender von Maria Thun in die Hand. Sie war fasziniert davon, welche Möglichkeiten die Natur den Menschen bietet, Schmerzen zu lindern, Haut sanft zu pflegen.

Daraufhin sammelte sie Kräuter und mischte ihre ersten Cremes mit überraschender Wirkung: Eine Narbe auf der Wange, die ein Hund verursacht hatte, verschwand fast ganz. Außerdem besserte sich ihre Akne deutlich, woraufhin auch ihre Klassenkameradinnen die Cremes haben wollten. Also begann Martina Gebhardt mit einer Mini-Produktion selbst gemischter Salben. Nach dem Abitur finanzierte sie sich sogar ihr Architekturstudium damit. Als sie es 1985 abschloss, musste sie sich entscheiden: Naturkosmetik herstellen oder Häuser planen? Die erste Messe, auf der sie ihre Produkte präsentierte, gab den Ausschlag: „Das war wenige Tage nach dem Super-GAU in Tschernobyl“, erinnert sich Martina Gebhardt. „Die Menschen waren auf der Suche nach gesunden, unbelasteten Lebensmitteln. Da war es logisch, dass sie auch saubere Kosmetik haben wollten.“

Kosmetik siegt über Architektur

Der Umsatz von Martina Gebhardts Mini-Firma explodierte förmlich, und es wurde ganz klar: In Zukunft würde sie für, mit und von Naturkosmetik leben und dabei den Kunden gegenüber immer aufrichtig bleiben. „Auf dieser Messe waren so viele Scharlatane, die aus der Atomkatastrophe ihren Vorteil schlagen wollten: Besondere Cremes sollten sogar die Folgen der Strahlung mindern. Da hab ich mir geschworen, immer nur ehrliche Produkte herzustellen!“ Dazu gehört auch, dass sie fast ausschließlich Rohstoffe aus biologisch-dynamischem oder kontrolliert biologischem Anbau verwendet.

Aus dem Zweimannbetrieb im bayerischen Issing ist heute ein Unternehmen mit 30 Mitarbeitern geworden. Da die Produktion schon nach sechs Jahren aus allen Nähten geplatzt war, zog die Firma nach Rott-Pessenhausen, 40 Kilometer westlich von München, um. Dabei kam das Studium der Chefin wieder zum Tragen: Sie baute einen mehr als 800 Jahre alten Bauernhof ökologisch um. In einem Teil davon wohnt sie noch heute, wenn sie in Deutschland ist. Der Rest dient als Produktionsstätte und Büro. In den USA, wo sie jedes Jahr viele Monate verbringt, setzen sich außerdem ein Farmmanager und eine Pflückhelferin für die Firma und für nachhaltig schonende Naturkosmetik ein.

Nach den Mondphasen

Bei Martina Gebhardt Naturkosmetik wird im Einklang mit den Zyklen in der Natur produziert. „Wir richten uns bei Vielem nach dem Mond, wie es Rudolf Steiner beschrieben hat“, sagt die Chefin. Kräuter werden nach seinem Verlauf gesät, geerntet und die Herstellungs-zeiten werden nach bestimmten Mondphasen ausgerichtet.

Geheimnisvolle Spagyrik

Spagyrik ist eine besondere Herstellungsmethode. Das Wort kommt aus dem Griechischen: „spao“ heißt trennen, lösen, scheiden, „ageiro“ das Gegenteil davon: binden, vereinen. Die Ausgangssubstanz (zum Beispiel Mimose) wird durch Verbrennen und Destillation in ihre verschiedenen Bestandteile zerlegt. So wird das „Wertvolle vom Nutzlosen“ geschieden. Die wertvollen Bestandteile, durch Feuer und Wasser gereinigt, werden dann wieder vereint. „Die so hergestellte spagyrische Essenz enthält die heilkräftigen Substanzen in veredelter Form und ist so therapeutisch effektiver als das Ausgangsmaterial“, erklärt Martina Gebhardt.

Von Bayern nach Utah

  • ab 1978 Martina Gebhardt entwickelt, produziert und vertreibt Naturkosmetik im Versand
  • 1986 Gründung der Martina Gebhardt GmbH in Issing/Bayern und Belieferung von Naturkostläden
  • 1992 Umzug des Firmensitzes nach Rott-Pessenhausen
  • 1994 Kauf der Farm in Utah, USA
  • 1997 Aufbau der amerikanischen Dependance
  • 2004 Einstellung eines weiteren Geschäftsführers: Dietmar Loose
  • 2006 20-jähriges Bestehen des Unternehmens

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