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Ziegen melken - echt cool

Projekt ‘Kinderacker’: Öko-Landbau zum Anfassen Die neue Ess-Kultur muss in der Schule anfangen - eine oft gehörte Forderung. Doch konkrete Projekte, die bleibende Lernerlebnisse schaffen, gibt es bislang noch wenige. Wir haben uns eines angesehen: den ‘Kinderacker’ im Raum Göttingen
31.07.2002
Projekt ‘Kinderacker’: Öko-Landbau zum Anfassen Die neue Ess-Kultur muss in der Schule anfangen - eine oft gehörte Forderung. Doch konkrete Projekte, die bleibende Lernerlebnisse schaffen, gibt es bislang noch wenige. Wir haben uns eines angesehen: den ‘Kinderacker’ im Raum Göttingen

Projekt Kinderacker: Öko-Landbau zum Anfassen

Die neue Ess-Kultur muss in der Schule anfangen eine oft gehörte Forderung. Doch konkrete Projekte, die bleibende Lernerlebnisse schaffen, gibt es bislang noch wenige. Wir haben uns eines angesehen: den Kinderacker im Raum Göttingen.

Eberhard Prunzel-Ulrich, Landwirt

Achtung, die Ziege frisst an deinen Haaren. Kurzes Kreischen, dann sind die 15 Schülerinnen und Schüler wieder in ihrem Element. Den Zicklein und Lämmern kommt die muntere Stimmung im Stall gerade recht. Sie springen den Kindern auf den Rücken, saugen an den Armen, knabbern an Locken und Pferdeschwänzen.

Frau Engel, die Lehrerin, schaut sich das Treiben gelassen an. Projekttage sind angesagt an der Göttinger Lutherschule. Da darf der Unterricht etwas lebhafter ausfallen. Außerdem wird der Lehrerin heute ein guter Teil ihrer Arbeit abgenommen. Denn die 13 Mädchen und die beiden Jungs aus den Klassen fünf und sechs haben sich für einen Kurs des Projektes Kinderacker entschieden. Von der Milch zum Käse heißt das Motto der zwei Vormittage: praktisches Erleben statt grauer Theorie.

Wollt ihr mal riechen?, fragt Naturpädagogin Karin Schulze, die Projektleiterin von Kinderacker. Ein langgezogenes iiiih, die Mädchen rümpfen die Nase über das Lab, das die Milch in der nächsten Stunde zum Gerinnen bringt. Mit einer kleinen Spritze träufelt Karin Schulze einige Tropfen in die beiden Milchtöpfe. Die Kinder dürfen mitzählen: elf, zwölf, dreizehn, das ist genug. Was ist eigentlich Lab?, will die muntere Schar wissen. Die Pädagogin liefert anschauliche Erklärungen: Im Kälbermagen muss die Milch auch dick werden, sonst bekämen die Tiere Durchfall. Echt cool, wie die Natur das eingerichtet hat, finden die 11- bis 13-Jährigen.

Ein Schlüsselerlebnis. Schon seit 1995 besteht das Projekt Kinderacker. Träger ist der gemeinnützige Göttinger Verein Impuls (Forum für Gesundheit und Prävention e.V.). Die Initiatoren hatten offensichtlich die richtige Idee zur richtigen Zeit: Kindern auf spielerische Weise zu zeigen, wo unsere Lebensmittel eigentlich herkommen. Karin Schulze erzählt gern folgende Episode, wenn Sie nach Ihren Schlüsselerlebnissen und Motiven für das Projekt gefragt wird: Während eines landwirtschaftlichen Praktikums der Naturpädagogin fragte ein Junge aus einer Kindergartengruppe, die gerade am Feld vorbei lief: Warum holt ihr denn die Kartoffeln aus der Erde? Wir holen sie immer aus dem Supermarkt.

Kinderacker fungiert als Bindeglied zwischen derzeit vier Bio-Landwirten und den Kindergärten und Schulen aus dem Raum Göttingen. Das Projekt übernimmt die komplette Organisation, weder Schulen noch Höfe müssen sich darum kümmern. Offenbar eine Marktlücke: Jedes Jahr werden 2.000 Kinder für die ein- oder mehrtägigen Veranstaltungen angemeldet. Die Veranstaltungen umfassen das ganze Spektrum der regionalen Landwirtschaft: Getreideanbau, Dreschen, Mahlen und Brot backen, Streuobstwiesenprojekt mit Saft pressen, Obstbüsche pflanzen, Hecken pflegen, Schafe scheren, Gemüse und Kartoffeln anbauen und verarbeiten, Schweine und Gänse füttern und, und, und…

Käserei, die zweite: Die Milch ist inzwischen fest geworden. Jetzt dürfen die Kinder ran. Ich als erster, rufen sie im Chor, vor allem die beiden Jungs können es kaum erwarten. Aber als Linda als erste das Messer nimmt und die Masse in Scheiben schneidet, herrscht schlagartig Konzentration. Jeder darf zweimal schneiden, alle halten sich brav an die Abmachung, das Messer macht die Runde. Durch das Zerteilen kann nun die Molke austreten. Kleine Pause, dann eine ähnliche Prozedur mit einem Schneebesen. Gaaanz langsam und vorsichtig.

Wichtige Öffentlichkeitsarbeit. Zwischendurch schaut Eberhard Prunzel-Ulrich in den großen und hellen Stall, der kurzzeitig zum Klassenzimmer umfunktioniert wurde. Ebi, wie ihn hier alle nennen, bewirtschaftet zusammen mit seiner Frau Heide den Käsehof in Landolfshausen siebzehn Kilometer östlich von Göttingen. Der Biobauer kennt Karin Schulze schon seit langem, er hat den Kinderacker von Anfang an unterstützt. Denn Öffentlichkeitsarbeit ist für Eberhard Prunzel-Ulrich eine Herzensan-elegenheit: Der Ökologische Landbau kann nur etwas bewirken, wenn er auf die Menschen zugeht. Allerdings ist da das Zeitproblem: Die ein bis drei Gruppen pro Woche, die je nach Saison den Hof besuchen, könnte der Landwirt ohne das Projekt Kinderacker nie und nimmer verkraften. Denn die Landwirtschaft ist ohnehin ein 60-Stunden-Job.

Dürfen wir noch mal zu den Tieren? betteln die Schüler. Klar doch, die Käserei hat sowieso Pause. Zeit also, einen Blick in das Stallbuch zu werfen. Gestern, als die Kinder die Tiere auf der Weide gemolken haben, schärften sie sich die Ziffer auf der Ohrmarke ihrer Ziege ein. Die führt nun zu den Namen. Leises Gekicher: Doro, Cervisia oder Clia heißen die Ziegen, sogar Diva oder Pandorra. Wie alt ist Pandorra, will eine Schülerin wissen. Auch das steht im Stallbuch. Neun Jahre und hat in dieser Zeit 18 Zicklein zur Welt gebracht.

Trotz aller Faszination für die Tiere: Nur Streichelzoo wäre Karin Schulze zu wenig. Das Erlebnis der Kinderacker-Projekte soll ein ganzheitliches sein. Die Kinder lernen, wie tatsächlich auf einem ökologischen Bauernhof gearbeitet wird, welche Prinzipien dahinter stehen. Und auch, welche Zwänge es gibt. Als die Pädagogin erzählt, dass das Heu, nach dem es so frisch riecht, bis spät in die Nacht eingeholt werden musste, machen die Schülerinnen große Augen. Die Kinder spüren, dass das hier authentisch ist und nicht zu pädagogischen Zwecken inszeniert, kommentiert Eberhard Prunzel-Ulrich. Deswegen bleibt es auch ganz anders in Erinnerung. Es ist keine Seltenheit, dass Schüler der neunten oder zwölften Klasse, wenn es um die Berufsorientierung geht, ihre Entscheidung für ein Praktikum auf dem Bauerhof so begründen: Ich war schon mal bei einem Projekt vom Kinderacker, das hat mir damals so gut gefallen.

Käserei, die Endphase: Die Molke hat sich mittlerweile ganz von den festen Klumpen getrennt. Jetzt kommt der Schöpflöffel zum Einsatz. Mit viel Geduld und Vorsicht trennen die Kinder die Flüssigkeit ab, dann bekommen alle Kinder ihren Becher, manche verfeinern den Caprino-Weichkäse mit den mitgebrachten Kräutern.

Wer will mit dem Fotografen und dem Reporter noch mal auf die Weide fahren, um ein Bild von Melken zu machen? Ich, ich, ich – sofort ist Leben in der Bude. Aber weil es spät geworden ist, dürfen nur zwei mit. „Ebi“ organisiert einen Losentscheid, anders ist die Lage kaum zu entschärfen. Katja und Wiebke sind die Glücklichen. Was ihnen heute am besten gefallen hat, frage ich, als wir im Auto sitzen. Die beiden müssen nicht lange überlegen: „die Tiere“.

Draußen auf der Weide, dem „schönsten Arbeitsplatz von ganz Göttingen“ (Eberhard Prunzel-Ulrich): großes Gemeckere. Die Ziegen merken sofort, dass da was nicht stimmt. „Ebi“ muss „Palomina“ bei den Hörnern packen, nur „Duma“ und „Momo“ kommen halbwegs freiwillig mit auf den Melkstand. Erst wehren sie sich noch, doch dann dürfen Wiebke und Katja zeigen, was sie gelernt haben. Eigentlich sind die Euter leer. Doch für Demonstrationszwecke lassen sich ein paar Milliliter der warmen, angenehm süß schmeckenden Milch herauspressen.

Ob Wiebke und Katja mal wieder zum Kinderacker kommen? Na klar, es gibt noch eine Menge zu erleben. Die beiden sind sich einig: „Wir würden am liebsten wieder was mit Tieren machen.“ Auch wenn sie an den Haaren knabbern.

Peter Gutting


Frage eines kleinen Jungen: Warum holt ihr die Kartoffeln aus der Erde? Wir holen sie aus dem Supermarkt.


Schulbauernhöfe – verschiedene Modelle

Ein Schulbauernhof arbeitet in der Regel etwas anders als der Kinderacker: Er ist kein landwirtschaftlicher Vollerwerbsbetrieb, sondern lebt von den Aufenthalten der Kindergruppen. Dort geht es um längere Aufenthalte, bei denen die Kinder auf dem Hof übernachten und mehrere Tage bleiben. Aber jeder Schulbauernhof hat sein individuelles Angebot, bei manchen sind auch Kurzaufenthalte möglich. Wer sich über Schulbauernhöfe sowie über Kurzzeitangebote näher informieren möchte, kann sich an die Bundesarbeitsgemeinschaft Lern- und Schulbauernhöfe (c/o Evangelische Landjugendakademie) wenden, Telefon 02681/ 951617. Ähnliche Projekte wie Kinderacker sind das Ökomarkt-Projekt in Hamburg Telefon 040/ 43270600: und das Projekt, Telefon 04262/ 8260 in Visselhövede.


Sponsoren gesucht

In den vergangenen Jahren konnte die Arbeit von Kinderacker vor allem durch ABM-Maßnahmen gesichert werden. Die letzte dieser Maßnahmen ist jedoch im vergangenen Jahr ausgelaufen. Karin Schulze ist derzeit ehrenamtlich tätig und hält Ausschau nach neuen Projektmitteln. Denn die Teilnehmerbeiträge von 3,70 Euro für einen halben Tag können die Personalkosten nicht decken. Um die Finanzierung auf eine breitere Basis zu stellen und dafür auch Privatpersonen zu gewinnen, wird ein Freundeskreis Kinderacker aufgebaut. Spendenkonto: 50581347 bei der Sparkasse Göttingen, BLZ 26050001. Kontakt: Telefon 05508/ 1478.

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