Kolumne

Weizen gegen Putin

Kolumnist Fred Grimm nimmt sich die Agrarpolitik der EU vor. Warum er sie perfide findet? Lest selbst.

Fred Grimm

Ich weiß nicht, ob Sie sich schon mal mit der EU-Agrarpolitik beschäftigt haben. Falls nicht, haben Sie mein vollstes Verständnis. Je mehr Sie wüssten, umso verärgerter wären Sie, vielleicht auch nur desillusioniert. Sie können sich das Ganze aber auch als Netflix-Serie vorstellen, dann erleben Sie viel Drama, schmutziges Geld, Naturschönheit (schwindend), Naturkatastrophen (immer mehr) und einen Hauch Komödie, den es braucht, um das alles aushalten zu können.

Verkürzt gesagt funktioniert die europäische Agrarpolitik bislang so: Ein Großteil des EU-Haushalts geht regelmäßig an die Landwirtschaft. Wer die größten Flächen besitzt, bekommt die höchsten Subventionen, egal, ob er Tiere quält, Böden mit Pestiziden und chemischen Düngern versaut oder das Grundwasser gefährdet. Direkt und indirekt profitieren insbesondere Massentierhalter, Futtermittelhersteller, Bodenspekulanten und Giftmischer, denen es gelang, ihre artenausrottenden Produkte als sogenannte Pflanzen„schutz“mittel zu adeln. Neben Insekten, Regenwürmern und jeder Menge Flora verschwinden dank dieses ungerechten Systems auch immer mehr kleinbäuerliche Betriebe, die sich gegenüber dem bürokratisch-industriellen Komplex nicht behaupten können.

Vor zwei Jahren legte die EU-Kommission einen Plan für eine schüchterne Wende vor. Denn immer wieder hatte die Wissenschaft darauf hingewiesen, dass die EU-Agrarpolitik von Klimaneutralität, Arten- und Umweltschutz oder gar sozialer Gerechtigkeit weit entfernt ist; ungefähr so weit wie Wladimir Putin heute vom Friedensnobelpreis. Mit ihrer „Farm-to-Fork“-Strategie – mehr Bio, weniger Dünger und Pestizide, mehr Freiflächen für die Natur – stellte sich die Kommission in den Dienst des „Green Deal“, der Europa bis 2050 klimaneutral machen soll.

„Die Propaganda der Agrar-Lobby ist an Perfidie kaum zu überbieten.“

Man hörte dann nicht mehr viel davon. Die Lobbyisten arbeiteten jedoch hinter den Kulissen daran, die Umsetzung der Pläne zu torpedieren. Dann kam der Tag, an dem die ersten Bomben auf Kiew flogen. Plötzlich entdeckte die europäische Agrarindustrie ihr Herz für die Hungernden der Welt und suchte das Scheinwerferlicht. Jede Tonne Weizen sei eine Waffe gegen Putin, fabulierte einer ihrer Lautsprecher, jeder Bauer im Prinzip ein Soldat. Von nun an sollte daher jede Freifläche wieder beackert, vergiftet und überdüngt werden dürfen, sonst müssten Kinder verhungern. Diese Propaganda ist an Perfidie kaum zu überbieten.

Derzeit landen zwei Drittel der europäischen Getreideerzeugnisse und Ölsaatenproduktion in den Futtertrögen der Tierfabriken statt auf dem Teller. Ein weiterer Teil verbrennt als „Biosprit“ im Tank. Wer wirklich glaubt, dass eine Mehrproduktion innerhalb dieses Systems den Hungernden zugute kommen würde, hat die Abgründe der EU-Agrarpolitik nicht verstanden. Es geht um Profite auf Kosten von Umwelt und Mensch. Und um nichts anderes.

Fred Grimm

Fred Grimm, ein freundlicher Kolumnist mit Glatze

Der Hamburger Fred Grimm schreibt seit 2009 auf der letzten Seite von Schrot&Korn seine Kolumne über die Wege und Umwege hin zu einer besseren Welt. Er freut sich über die rege Resonanz der Leserinnen und Leser und darüber, dass er als Stadtmensch auf ein Auto verzichten kann.

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Kommentare

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Christiane Klepsch

Populistischer Schwachsinn, dieser Kommentar. Die Wortwahl " Tiere quält, mit Pestiziden den Boden versaut, usw. ist populistisch. Er bietet keine Lösungsvorschläge. Bio
produziert die Hälfte an Getreide. Ich weiß nicht ob sie zu anderen Themen diese Art des Kommentars gutheißen würden.

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