Vor 18 Jahren erfüllten sich Sarina Kraft und ihr Mann einen Traum: Sie kauften ein Haus inmitten der Natur, nahe der Chiemgauer Alpen. Neben viel Ruhe und Platz für sich und ihre Tiere gibt es hier sogar eine eigene Trinkwasserquelle, die den Haushalt versorgt. Doch die Krafts haben Angst, dass hiermit bald Schluss sein könnte. „Seit wir hier leben, hat sich unsere Umgebung verändert“, erzählt Sarina Kraft. „Früher waren die Straßen am Morgen fast das ganze Jahr über taunass. Inzwischen sind die Straßen meist trocken, und der Bach an unserem Grundstück schrumpft immer häufiger zu einem traurigen Rinnsal.“ Und das ist nicht alles: In den letzten Sommern mussten die Kühe auf den Almen weiter oben am Berg erstmals mit Wasserkanistern versorgt werden. Und nur sechs Kilometer entfernt wütete im Mai dieses Jahres einer der schlimmsten Waldbrände Bayerns. „Wir machen uns große Sorgen, dass unsere Quelle versiegen oder ein Waldbrand unser Zuhause zerstören könnte,“ sagt Sarina Kraft.
„Jeder zweite deutsche Landkreis leidet unter Grundwasserstress.“
Nicht nur die Krafts sind alarmiert. Die Vereinten Nationen sprechen in ihrem jüngsten Wasserbericht erstmals nicht mehr von einer Wasserkrise, sondern von einem „Wasserbankrott“. Demnach verbrauchen und verschmutzen wir Menschen mehr Wasser, als der natürliche Wasserkreislauf regenerieren kann. Das ist dramatisch – und dennoch berühren uns Hiobsbotschaften über unser lebenspendendes Elixier oft erst dann, wenn der Rasen vertrocknet, keine Autos mehr gewaschen werden dürfen oder Wälder brennen. In einer Umfrage gaben nur zwei Prozent der Befragten Dürren, Hochwasser oder Wasserverschmutzung als dringlichste Probleme an. Themen wie Wirtschaftskrise, Klimawandel oder Krieg bereiten deutlich mehr Menschen schlaflose Nächte. Sarina Kraft gehört damit zu einer Minderheit. Doch wie lange noch?
Warum Grundwasser in Deutschland unter Stress steht
Eigentlich ist der Wasserkreislauf unseres blauen Planeten eine runde Sache. Jährlich zirkulieren rund 120 000 Kubikkilometer Süßwasser durch Verdunstung und Niederschläge zwischen Meer und Land. Besonders wichtig ist dabei das Wasser, das nicht sofort wieder oberirdisch abfließt, sondern langsam versickert. Es wird im Boden natürlich gefiltert und anschließend als hochwertiges Grundwasser gespeichert. Von hier aus speist es Bäche und Flüsse – und versorgt rund 70 Prozent der Deutschen mit Trinkwasser. Doch genau wie Flüsse und Seen, denen man Stress schnell ansieht, steht auch dieser verborgene Schatz unter Druck. Laut einer Studie des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) leidet inzwischen jeder zweite deutsche Landkreis unter Grundwasserstress. Die Studie unterscheidet dabei zwei Arten von Stress: Struktureller Stress entsteht, wenn die Entnahmen mehr als 20 Prozent der Grundwasserneubildung übersteigen. Akuter Stress liegt dann vor, wenn Grundwasserstände innerhalb weniger Jahre stark zurückgehen – etwa durch starke Verdunstung oder mangelnden Niederschlag. „Indizien für Grundwasserstress finden wir in vielen Teilen Deutschlands, doch die Ursachen sind komplex“, sagt Dr. Robert Lütkemeier, Leiter des Forschungsfelds Wasser und Landnutzung am ISOE. „So bringt der Klimawandel durch veränderte Niederschlagsmuster eine neue Dynamik in die regionale Grundwasserneubildung. Unsere derzeitigen Werkzeuge zur Regulierung der Wasserentnahmen für Haushalte, Landwirtschaft, Industrie und Gewerbe sind aber auf eine solche Dynamik nicht ausgelegt.“
„Deutschland zählt zu den Regionen mit dem weltweit höchsten Wasserverlust.“
Warum Deutschland trotz Regen Wasser verliert
Insgesamt hat Deutschland laut Wasseratlas der Heinrich-Böll-Stiftung seit der Jahrtausendwende eine Wassermenge verloren, die größer ist als der Bodensee. Und zählt damit zu den Regionen mit dem weltweit höchsten Wasserverlust. Eigentlich paradox, denn die jährliche Niederschlagsmenge ist seit Ende des 19. Jahrhunderts im Schnitt um acht Prozent gestiegen. Allerdings fließt immer mehr Regenwasser bei zunehmender Flächenversiegelung oberflächlich ab, statt zu versickern. Durch die Klimakrise verdunstet mehr Feuchtigkeit – und Niederschläge verteilen sich ungleichmäßiger über Raum und Zeit.
Sarina Kraft vermutet, dass der Wasserstress im Chiemgau noch andere Ursachen hat. Sie und ihr Mann leben im direkten Einzugsgebiet eines Mineralwasserunternehmens und glauben, dass das Unternehmen hier mehr Grundwasser entnimmt, als neu gebildet werden kann. Deshalb engagieren sie sich in der Bürgerinitiative „Unser Bergener Wasser“. Solche Initiativen gibt es inzwischen in mehreren Regionen. Etwa in Treuchtlingen in Mittelfranken, wo sich Menschen gegen die Aktivitäten einer Aldi-Nord-Tochtergesellschaft auflehnen. Oder in Lüneburg, wo die Initiative „Unser Wasser“ bereits erfolgreich den Bau eines dritten Brunnens durch den Coca-Cola-Konzern verhindert hat.
Wer verbraucht in Deutschland das meiste Wasser?
Dabei sind Mineralwasserunternehmen längst nicht die größten Wasserverbraucher. Eine Recherche von Correctiv hat ergeben, dass Kohletagebau, Chemie- und Lebensmittelindustrie zusammen mehr Wasser verbrauchen als alle Bürgerinnen und Bürger insgesamt. Allein RWE nutzt jährlich rund 500 Millionen Kubikmeter Wasser für den Braunkohle-Tagebau – genug, um zehn Millionen Menschen zu versorgen.
Die Landwirtschaft verbraucht in Deutschland noch vergleichsweise wenig Wasser. Während in Spanien ganze 82 Prozent des Wassers in die Landwirtschaft fließen, sind es hier laut Umweltbundesamt nur 2,5 Prozent. Correctiv hält diese Zahl jedoch für unrealistisch, da sie auf Selbstauskünften landwirtschaftlicher Unternehmen basiert und nur größere Wassermengen überhaupt gemeldet werden müssen.
Noch ist Wasserknappheit für viele in Deutschland ein abstraktes Szenario. Auch wenn für Menschen wie Sarina Kraft die Folgen längst sichtbar und spürbar sind. Die gute Nachricht: Statt sich nur über Konzerne und Industrie zu ärgern, können wir alle mit kleinen Maßnahmen Wasser sparen. Etwa durch kürzeres Duschen statt Baden, wassersparende Duschköpfe, voll beladene Wasch- und Spülmaschinen oder das Sammeln von Regenwasser für den Garten. Auch wer Lebensmittel möglichst regional, saisonal und aus ökologischem Anbau kauft und weitestgehend auf tierische Produkte verzichtet, leistet einen Beitrag, um den eigenen virtuellen Wasserfußabdruck zu verringern.
Individuelles Sparen ist und bleibt jedoch nur ein Teil der Lösung des Wasserproblems. Was die Politik bisher dagegen tut – und warum das nicht reicht – lest ihr im Interview mit Prof. Dr. Petra Dobner.
Interview: „Wasser ist ein Politikum“
Welche politischen Maßnahmen gibt es in Deutschland gegen Wasserknappheit?
Neben Akutmaßnahmen wie Bewässerungsverboten bildet das Wasserhaushaltsgesetz den verbindlichen Rahmen für Nutzung und Schutz unserer Gewässer. 2023 wurde zudem eine nationale Strategie für einen nachhaltigeren Umgang mit unserem Wasser verabschiedet.
Wie bewerten Sie die nationale Wasserstrategie?
Angesichts der Tatsache, dass wir in Deutschland erst seit den Dürresommern 2018 und 2019 ein Bewusstsein für Wasserknappheit entwickelt haben, ist die Strategie ein wichtiger Schritt. Sie zeigt Möglichkeiten, Wasser besser zu speichern, zu sparen und umzuleiten. Allerdings bleibt die Strategie damit auf einer wissenschaftlich-technologischen Ebene stehen – und das reicht nicht.
Was fehlt Ihrer Meinung nach in der Strategie?
Wasser ist ein Politikum – und Wasserfragen sind Machtfragen. Und diese lassen sich nicht allein mit Technik beantworten. Zielkonflikte zwischen Schifffahrt, Land- und Forstwirtschaft, Industrie und lokaler Bevölkerung nehmen bereits zu, doch die Strategie zeigt nicht, wie wir sie lösen oder verhindern. Wasser muss politischer gedacht und alle Betroffenen frühzeitig mit ins Boot geholt werden.
Sind Maßnahmen wie lokale Bewässerungsverbote dann etwa nur Symbolpolitik?
Nein. Solche Sparmaßnahmen sind sinnvoll und werden mit dem Klimawandel immer wichtiger. Behörden und Wasserverbände beschränken den Verbrauch von Wasser nicht grundlos, sondern versuchen gerade in Dürreperioden Engpässe auszugleichen. Das sind aber immer nur Notmaßnahmen und kein Ersatz für langfristige Strategien, unseren Umgang mit Wasser nachhaltiger zu gestalten.
Wird Wasser in Deutschland knapp?
Regional ja. Vor allem in trockenen Regionen sinken die Grundwasserstände seit Jahren. Durch den Klimawandel, längere Trockenperioden und eine hohe Wasserentnahme steigt der Druck auf die Trinkwasserreserven.
Warum sinkt der Grundwasserspiegel?
Weniger versickerndes Regenwasser, höhere Verdunstung und längere Trockenphasen sorgen dafür, dass sich Grundwasser langsamer erneuert. Gleichzeitig wird vielerorts mehr Wasser entnommen.
Wer braucht in Deutschland am meisten Wasser?
Zu den größten Wasserverbrauchern gehören Industrie, Energieerzeugung und Bergbau. Haushalte benötigen deutlich weniger Wasser als diese Wirtschaftsbereiche.
Was kann ich gegen Wasserknappheit tun?
Ihr könnt Wasser sparen, Regenwasser im Garten nutzen, wassersparende Geräte verwenden und pflanzliche Lebensmittel bevorzugen, deren Herstellung weniger Wasser benötigt. Auch ein regionaler und saisonaler Einkauf kann den Wasserfußabdruck senken.
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