Interview

Was stärkt Zusammenhalt, Jessy Wellmer?

Wir fragten die Moderatorin der „Tagesthemen“ Jessy Wellmer, warum der Klimaschutz es in der gesellschaftlichen Debatte so schwer hat, und wie wir Frust, Wut und Verzweiflung in persönlichen Gesprächen begegnen können.

Vor mehr als 30 Jahren ist die Mauer in Berlin gefallen, doch eben erlebt Deutschland beim Zusammenwachsen einen Rückschritt. Jessy Wellmer, in Mecklenburg geboren, fragt: Was ist los in Ost und West und können wir das Klima kitten?

Frau Wellmer, warum polarisiert der Klimaschutz in der gesellschaftlichen Debatte so stark?
Als die Schulklasse unseres Sohnes nach London fliegen wollte, sagte die Hälfte der Eltern: Habt ihr mal an den CO2-Ausstoß gedacht? Hier wird nicht geflogen. Diese Debatte hat die Elternschaft gespalten. Sie berührt das Leben jedes einzelnen und gleichzeitig geht es um die Zukunft der Menschheit. Und da sagen die einen: Wie könnt ihr? Und die anderen: Lass mich in Ruhe!  

Was sagen Sie als Nachrichtenfrau der „Tagesthemen“ zum Klimaschutz?
In diesem Sommer mit seinen extremen Hitzewellen auf der ganzen Welt spüren wir die Auswirkungen der Klimaerwärmung ja sehr deutlich. Und das spielt natürlich auch in unserer Berichterstattung eine wichtige Rolle. Aber wir versuchen, nicht immer nur Beiträge über Notstand und Katastrophen zu machen, sondern das Thema an andere Fragen anzukoppeln. Welche Folgen hat die Klimaveränderung für die Wirtschaft? Was können wir tun? Wo gibt es Chancen?

Wie lange können wir uns Verdrängen erlauben?
Ich glaube, es hat jetzt eine Phase gegeben, in der viele angesichts all der anderen Krisen von Erderwärmung und Klimaschutz nichts mehr hören wollten. Aber das Thema arbeitet sich wieder nach oben. Wir wissen heute: Das Klima hat sich bereits verändert, die Erde wird sich weiter erwärmen, wir können diese Entwicklung nicht rückgängig machen. Wir können aber erreichen, dass bestimmte Punkte nicht überschritten werden. Und deswegen ist es wichtig, dass wir nicht stehenbleiben. 

„Wir sind es der nachfolgenden Generation schuldig, dass wir mit positivem Schwung rangehen.“

Jessy Wellmer, Journalistin

Verschleppen wir etwas?
Wie lange reden wir über Treibhauseffekt und Erderwärmung? Seit 50 Jahren? Die erste UN-Klimakonferenz war vor über 30 Jahren. Ich muss immer an die bitterböse US-amerikanische Science-Fiction-Satire „Don‘t Look Up“ denken. Leonardo DiCaprio und Jennifer Lawrence spielen darin Astronomie-Professoren, der einen Kometen entdecken, der auf die Erde zurast. Sie scheitern daran, Politik und Öffentlichkeit von der drohenden Apokalypse zu überzeugen. Alle sehen den Kometen, aber die Leute wollen einfach nicht wahrhaben, was offensichtlich ist. Sie blenden es aus. Ich denke manchmal: So geht es uns auch. Aber ich wünsche mir, dass Vernunft und Einsicht gewinnen und nicht Populismus und Verdrängung. 

Komet mit feurigen Schweif fliegt auf die Erde zu; 3D Rendering; Elemente des Fotos wurden von der NASA zur Verfügung gestellt

Alles kein Problem? – Im Film „Don`t Look Up“ rast ein Komet auf die Erde zu. 

Glauben Sie, dass es wieder gut wird?
Ich glaube schon, dass die Menschen die Möglichkeit haben, die Zukunft positiv zu beeinflussen. Und in vielen Bereichen sind wir ja weiter, als es uns manchmal erscheint. Zum Beispiel ist der Umbau der Energieerzeugung hin zu den Erneuerbaren ja weltweit längst auf dem Weg. Und ich denke, es ist wichtig, dass wir für die nächste Generation Zuversicht ausstrahlen. Meine Tochter ist umgeben von Erwachsenen, die immer nur klagen: „Ach, jetzt auch das noch! Die Bahn! Diese Hitze! Die Kriege! Die Regierung! Nichts klappt! Niemand kriegt was auf die Reihe!“ – Was soll ein 14-jähriges Mädchen von dieser Welt halten?

Was sollten wir jungen Menschen mitgeben? 
Wir sind es der nachfolgenden Generation schuldig, dass wir mit positivem Schwung rangehen. Dann sind Dinge möglich. Wenn wir denken: „Es wird alles nichts, es kann ja nichts werden“, dann sind wir wirklich fast am Ende. Es ist wichtig, dass wir uns ein Stück Zuversicht und Hoffnung erhalten. Ein Teil des Problems ist, dass wir nur das Schlechte in Menschen sehen. Wir können auch so viel Gutes entdecken. Ich rufe oft Freunde, Bekannte, meine Familie und mich selbst zur Ordnung, weil es so leicht ist, ins Untergangsgerede einzustimmen. Doch das führt uns keinen Millimeter weiter.  

Was sagen Sie Menschen, die wütend und frustriert sind? 
Wenn ich rausfahre und journalistische Fragen zur aktuellen Situation stelle, zeigt sich bei vielen, im Osten wie im Westen, Frust, Unzufriedenheit, Wut und Verzweiflung. Am Ende eines Gesprächs landen wir immer bei der persönlichen Geschichte. Im Osten kommt meist eine Erzählung, die mit dem Mauerfall beginnt. Das sind oft Geschichten des Umbruchs und der Verunsicherung. Ich lerne jedes Mal dazu. Die Leute wollen reden. Es ist wichtig, dass wir einander auch wieder zuhören. Persönliche Gespräche bringen uns andere Lebenswege und kulturelle Entwicklungen näher. 

Bitte erzählen Sie mir von einer Begegnung im Osten.
Im Rahmen einer Dokumentation war ich in einer Fabrik. Da saß eine Frau an einer Maschine. Sie verbreitete mehr oder weniger verschwörerische Theorien darüber, wie das mit Russland ist und von wem wir heimlich gesteuert werden und so. Ich habe sie gefragt: Woher haben Sie das? Sie sagte: Das liest man überall, wenn man die richtigen Sachen liest. Ich habe sie dann gefragt, wie ist denn ihr Leben bisher so gewesen? Sie hat erzählt: Ich war in der DDR Näherin, dann kam die Wende, mein Abschluss wurde nicht anerkannt. Ich hatte ein Kind zu Hause, nichts lief, keiner wusste, wohin die Reise geht, was als Nächstes kommt. – So ging es vielen. Und jetzt wundern sich die Westdeutschen, was da im Osten los ist. Diese Entfremdung zwischen Menschen, die eigentlich die gleiche Sprache sprechen, zu großen Teilen eine Kultur teilen – da stehe ich manchmal fassungslos davor und frage: Wie konnte es so weit kommen? Und wie schade!

Buchtipp

Das Cover von Jessy Wellmers Buch: Die neue Entfremdung

Jessy Wellmer wurde 1979 in Mecklenburg geboren und studierte Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation in Berlin. Seit 2023 moderiert sie die „Tagesthemen“. In ihrem Buch „Die neue Entfremdung“ beleuchtet sie das Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschland.

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