Umwelt

Warum Bio gerade teurer wird

Bio-Lebensmittel boomen. Doch viele Produkte kosten heute deutlich mehr als noch vor ein paar Jahren. Wie Klimakrise, Kriege, Fachkräftemangel und EU-Regeln die Bio-Preise nach oben treiben und was das für Verbraucher:innen und Höfe bedeutet.

Bio boomt: In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln in Deutschland auf 17 Milliarden Euro mehr als verdoppelt. Ein Trend, der sich fortsetzt – trotz Krisenjahren mit Pandemie und Inflation. Mehr Menschen wollen Bio, denn Gesundheit, Klima, Nachhaltigkeit und Tierwohl spielen beim Einkaufen weiterhin eine wichtige Rolle. Gleichzeitig sorgen Wetterextreme, der Krieg in der Ukraine, wirtschaftliche Unsicherheiten und politische Rahmenbedingungen dafür, dass das Bio-Angebot unter Druck gerät und die Preise steigen. Immer wieder gibt es in den Regalen der Bio-Läden Lücken. Händler klagen aktuell unter anderem über Engpässe etwa bei Kakaoprodukten, Schokoladen, Gewürzen, Tees oder Hülsenfrüchten. „Der Wettbewerb um knappe Waren hat sich in den vergangenen Jahren verschärft“, sagt Simon Jacobsen, Marketing- und Kommunikationsleiter beim Bio-Großhändler Grell Naturkost, der Läden in Norddeutschland mit Bio-Lebensmitteln versorgt. Dies habe auch damit zu tun, dass konventionelle Händler mehr Bio-Lebensmittel verkaufen wollen. Leere Regalreihen wie in der Coronapandemie drohen in den Bio-Läden auf absehbare Zeit zwar nicht, aber die Umstände machen die Versorgung mit Bio zu einer größeren Herausforderung.

Kakao ist drei Mal so teuer wie vor zwei Jahren

Zwei Hände halten eine Portion dunkle Kakaobohnen über einer größeren Menge ausgebreiteter Bohnen.

Ein wesentlicher Faktor hierfür ist der Klimawandel: Extremwetterereignisse wie Starkregen oder anhaltende Dürreperioden vernichten weltweit Ernten. Beispiel Bio-Kakao: Das Angebot ist durch klimatisch bedingte Ernteausfälle stark dezimiert. Schokoladenhersteller Vivani klagte bereits Anfang 2024 über eine „Verfügbarkeitskrise”. Und die Lage hat sich bislang nicht gebessert. „Die Ernteprognosen sind nach wie vor düster und Kakao wird immer mehr ein rares Gut“, sagte Vivani-Pressesprecher Alexander Kuhlmann im Mai dieses Jahres. Der Kakaopreis habe sich bei rund 8000 Dollar pro Tonne eingependelt – dreimal so viel wie noch vor zwei Jahren. „Da unser Sortiment aus vielen hochprozentigen Schokoladen besteht, kommen wir um erneute Preiserhöhungen nicht herum“, so Kuhlmann.

So wirkt sich der Klimawandel auf die hiesige Landwirtschaft aus

Aber auch hierzulande verringern immer häufiger auftretende Wetterkapriolen Ernteerträge und sorgen dafür, dass Händler nicht immer alle Kundenwünsche erfüllen können. Im vergangenen Jahr sind Rhabarberfelder durch Starkregen regelrecht abgesoffen. Saftanbieter Voelkel verzeichnete 70 Prozent Ausfall. Die Folge: Voelkel erhöhte die Saftpreise und führt zudem eine neue Flaschengröße ein. Rezepturen durch Wasser und Zucker zu verändern, käme für Voelkel nicht in Frage, erklärt Jurek Voelkel, Geschäftsführer Marketing und Vertrieb. „Genauso wenig wie die Landwirt:innen im Preis zu drücken, was deren ohnehin schon schwierige Lage weiter verschlechtern würde. Wir sagen offen, wie es ist: Preiserhöhungen sind angesichts der multiplen Krisen nicht mehr zu vermeiden.“ 

So können Landwirt:innen der Klimakrise trotzen

Agraroforst, zwei Personen, eine Frau und ein Mann pflanzen Bäume auf einem Feld.

Agroforst: Wie Bäume helfen, das Klima zu schützen

Agroforstsysteme bieten eine nachhaltige Lösung, um den Herausforderungen des Klimawandels in der Landwirtschaft zu begegnen. Durch die Kombination von Bäumen, Sträuchern und Ackerfrüchten fördern diese Systeme nicht nur die Biodiversität, sondern verbessern auch die Bodengesundheit und sichern langfristige Ernten.

Milde Winter zwingen Bio-Unternehmen zu unbequemen Maßnahmen

Die neue 0,5-Liter-Glasmehrwegflasche soll schrittweise die großen, 1- und 0,7-Liter-Flaschen ersetzen. Der Anteil an Direktsaft in diesen Flaschen werde dabei sogar erhöht, verspricht das Unternehmen aus dem Wendland. Einen anderen Weg musste im vergangenen Jahr das Berliner Unternehmen Ostmost einschlagen und hat komplett auf Rhabarber in seinen Getränken verzichtet. Mildere Winter sorgen zudem dafür, dass manche Schädlingsarten nicht mehr absterben, die sich über Kirschen, Trauben und Beeren hermachen. Sie daran zu hindern: „Ein Riesenaufwand, der diese Kulturen viel teurer macht und leider oft dazu führt, dass Betriebe den Anbau ganz einstellen“, sagt Gerald Wehde, ehemaliger Sprecher von Bioland.

Warum die Umstellung auf Bio dauerhaft unattraktiv werden könnte

Kein Wunder, dass immer weniger Landwirt:innen auf Bio umstellen wollen. Zwar hat sich die ökologische Landwirtschaftsfläche in den letzten zehn Jahren von 6,5 auf 11,4 Prozent fast verdoppelt. Allerdings kommen dabei kaum neue Höfe dazu. Die bestehenden werden einfach größer. Unterm Strich zählten die Bio-Anbauverbände, nach deren Regeln 66 Prozent der Öko-Fläche bewirtschaftet werden, im vergangenen Jahr 389 Betriebe weniger. Das entspricht einem Rückgang um zwei Prozent. 

Auch Bio leidet unter Krieg, Fachkräftemangel und Nachwuchsproblemen

Der Klimawandel ist nur einer der Gründe für die stagnierende Umstellungsmotivation: Ukraine-Krieg und die daraus folgenden Preisanstiege für Lebensmittel sowie der Fachkräftemangel in der Landwirtschaft verschärfen die Situation zusätzlich. Hinzu kommt ein Nachwuchsproblem: „Berufsschulen vermitteln teils wenig Wissen zur Bio-Verarbeitung“, sagt Friedhelm von Mering vom Bundesverband ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Der fehlende Nachwuchs lässt die Zahl der mittelständischen oder handwerklichen Lebensmittelverarbeiter ebenfalls schrumpfen, und bürokratische Hürden sorgen zusätzlich für Bedenken. 

Die Öko-Verordnung der EU ist für kleine Betriebe oft ein Hemmnis

Die komplexe EU-Bio-Verordnung mit ihren aufwendigen Dokumentationspflichten verstehen viele Betriebe nicht gerade als Einladung, auf Bio umzustellen. Auch die Weidepflicht, die seit diesem Jahr für alle gilt, stellt ein Hemmnis dar, ebenso dass Bio-Betriebe außerhalb der EU nun nach der EU-Ökoverordnung wirtschaften müssen. Für viele kleinbäuerliche Betriebe sei das nicht machbar, erklärt das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL). 

Es braucht politischen Willen, damit Bio attraktiv bleibt

Es gibt aber Möglichkeiten, um Druck rauszunehmen. Der BÖLW und andere Verbände fordern, dass die EU-Ökoverordnung klarer, transparenter und flexibler wird. Und tatsächlich kamen dazu bereits gute Signale aus Brüssel: Die EU erklärte im Mai, das „green by definition“-Prinzip wieder einzuführen zu wollen. Bio-Höfe würden dadurch automatisch Basisauflagen für eine Agrarförderung erfüllen, ohne Nachweispflicht. Ende Juli stellte EU-Agrarkommissar Christophe Hansen in Aussicht, noch in diesem Jahr den Mitgliedsstaaten die Art der Umsetzung von Weidepflicht und anderen problematischen Vorgaben in der Tierhaltung selbst zu überlassen. 

Gemeinsames Engagement von Bio- und Fairtrade-Organisationen

Um die Folgen der Ausweitung der EU-Ökoverordnung auf Bio-Betriebe im Nicht-EU-Ausland abschließend zu bewerten, ist es noch zu früh. Bereits jetzt sind aber die Kosten für einige Bio-Landwirt:innen gerade in Afrika so drastisch gestiegen, dass sie nicht mehr für den europäischen Bio-Markt produzieren. Auch in Lateinamerika produzieren Bio-Bäuerinnen und -Bauern häufiger nur noch für den US-Markt. Um diesen Betrieben den Export in die EU zu vereinfachen, engagieren sich viele Bio-Verbände gemeinsam mit Organisationen wie Fairtrade dafür, die EU-Regelung zu vereinfachen. Das FiBL empfiehlt zudem finanzielle Unterstützung sowie Trainings- und Schulungsprogramme.

Mehr zum Thema Wahre Preise. Was unsere Lebensmittel wirklich kosten.

Häufige Fragen zu Preisen für Bio-Lebensmittel

Warum sind Bio-Lebensmittel teurer als konventionelle?

Bio-Landwirtschaft arbeitet mit weniger Pestiziden und Kunstdünger, hält Tiere artgerechter und muss strengere Kontrollen finanzieren. Das ist arbeits- und kostenintensiv. Viele Umweltkosten, die Bio vermeidet, tauchen im Preis konventioneller Lebensmittel gar nicht auf.

Sind Bio-Lebensmittel in der Inflation stärker im Preis gestiegen?

Nein, im Schnitt sind die Preise für Bio-Lebensmittel in den Krisenjahren weniger stark gestiegen als die für konventionelle Produkte. Der absolute Preis bleibt zwar höher, aber der Aufschlag auf konventionelle Ware ist bei vielen Warengruppen geschrumpft.

Was treibt die Bio-Preise 2024/2025 besonders stark nach oben?

Mehrere Faktoren kommen zusammen: Klimawandel und Extremwetter drücken Ernten, etwa bei Kakao, Obst und Gemüse. Dazu kommen höhere Energie- und Lohnkosten, Folgen des Ukraine-Kriegs, Fachkräftemangel in Landwirtschaft und Verarbeitung und neue EU-Vorgaben wie die strengere Bio-Verordnung und Weidepflicht.

Lohnt sich der höhere Preis für Bio-Lebensmittel überhaupt?

Bio-Lebensmittel sind teurer, bieten aber Mehrwerte: weniger Pestizidrückstände, besserer Boden- und Gewässerschutz, mehr Tierwohl und häufig stabilere Preise in Krisenzeiten. Studien zu den „wahren Kosten“ zeigen, dass konventionell produzierte Lebensmittel viele Umwelt- und Gesundheitsfolgen nicht im Regalpreis abbilden.

Wie kann ich beim Kauf von Bio-Lebensmitteln Geld sparen?

Sinnvoll ist: Saisonal und regional einkaufen, Grundnahrungsmittel in Bio wählen (Getreide, Hülsenfrüchte, Eier), Aktionsangebote nutzen und Fertigprodukte reduzieren. Viele Bio-Märkte bieten außerdem Kundenkarten, Abo-Kisten oder Rabatte für größere Packungen. So lässt sich trotz höherer Bio-Preise gezielt sparen. Weitere Tipps findet ihr in unserem Kurz-Podcast mit Ernährungswissenschaftlerin Annette Sabersky.

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