Umwelt

Waldwende: Weniger Forst, mehr Wald bitte!

Es ist nicht zu übersehen: Dem deutschen Wald geht es nicht gut. Doch: Wie können wir ihn retten? Wir erklären, was der Wald jetzt braucht und was jeder Einzelne tun kann.

Ina Hiester

Während einer ausgedehnten Alpenwanderung traf der Forstbeamte Gerald Klamer eine weitreichende Entscheidung. Tschüss Sicherheit, tschüss Pensionsanspruch, tschüss Wohnung – hallo Wald!

Als passionierter Wanderer spielte der Wald schon immer eine Schlüsselrolle in seinem Leben. „Während meiner Wanderung im Sommer 2020, dem dritten verheerenden Dürrejahr seit 2018, wurde mir klar, dass ich mir selbst und unseren Wäldern zuliebe etwas ändern muss“, erzählt er. Nach 25 Jahren im Beruf krempelte er sein Leben um und wanderte 6.000 Kilometer durch Deutschlands Wälder. Mit allen Sinnen wollte er erfahren, wie es dem Wald nach all den Strapazen geht und welche Ansätze es gibt, dem Wald zu helfen. Vor allem aber wollte er so viele Menschen wie möglich mit seiner Begeisterung anstecken. Mit seinem Blog, seinen Social-Media Posts und seinem Buch, in dem er von seiner Wanderung erzählt.

Acht Monate war er unterwegs und hat dabei viel Schlimmes, aber auch viel Schönes gesehen. Klamer erinnert sich: „Im Sauerland und im Harz lief ich durch regelrechte Katastrophengebiete: Die vom Borkenkäfer geschädigten Fichten wurden hier vollständig abgeräumt, das Resultat sind gigantische Kahlflächen. Auch der Anblick von Beständen mit toten Buchen hat mir unterwegs regelrecht die Tränen in die Augen getrieben. Sie waren ursprünglich die häufigste Baumart bei uns. Glücklicherweise sind solche Flächen bisher noch selten.“ Andernorts stieß er auf märchenhaft verwunschene, gesunde Wälder – sowohl in ausgezeichneten Nationalparks als auch jenseits davon. Warum ist das nicht überall so?

Wie es dem Wald in Deutschland geht

Rund ein Drittel der Fläche Deutschlands ist von Wald bedeckt. In den Dürrejahren 2018 bis 2020 sind hiervon fast 5 Prozent abgestorben. Auch in diesem Jahr hat es wieder zu wenig geregnet. Neben der Trockenheit haben Schädlingsbefall, Krankheiten und Sturmschäden bereits drei Viertel aller deutschen Bäume geschwächt. Vor allem künstlich angelegte Monokulturen, insbesondere Fichtenwälder, sind durch die Trockenheit zu einem Schlemmermenü für Borkenkäfer geworden. Denn wenn Fichten nicht genug Wasser bekommen, produzieren sie kein schützendes Harz, das dem Käfer den Appetit verdirbt.

Der Einsatz schwerer Maschinen für die Holzernte ist ebenfalls ein Problem: Sie verdichten den Boden, sodass er noch weniger Wasser speichern kann. Wird dann noch zu viel Holz geerntet, gerät das gesamte Waldklima aus dem Gleichgewicht, die übrigen Bäume sind der Hitze noch schutzloser ausgeliefert. Lasst den Wald in Ruhe, sagen immer mehr Experten wie der bekannte Förster Peter Wohlleben. Doch bislang gibt es in Deutschland nur klägliche 3 Prozent Naturwälder. Waldwanderer Klamer fordert, diese Fläche auf mindestens 10 Prozent auszuweiten: „Wir brauchen viel mehr Waldflächen, die nicht bewirtschaftet werden, in denen sich Wildnis einfach entwickeln darf.“

Stadtwald Lübeck: So geht naturnaher Mischwald

Ökologie und Ökonomie müssen sich nicht gegenseitig ausschließen. Knut Sturm vom Stadtwald Lübeck ist überzeugt: Nachhaltige Bewirtschaftung muss kein Verlustgeschäft sein. Seit Beginn der 90er Jahre arbeiten er und seine Kollegen auf inzwischen fast 5.000 Hektar Stadtwald konsequent naturnah. Sie belassen viel Totholz im Wald und setzen auf Mischlaubwälder. Sturms oberstes Gebot „Holzmenge steigern“ klingt kapitalistischer, als es ist – denn ihm geht es dabei in erster Linie um die Holzmenge im Wald, um seine Bäume. Dazu hat er Zahlen parat: „Anfang der 90er Jahre lag bei uns die durchschnittliche Holzmenge pro Hektar bei etwa 300 Kubikmetern. Inzwischen kommen wir im Wirtschaftswald auf fast 500 – der deutsche Durchschnitt liegt bei höchstens 330.“

Sein Rezept für einen höheren Holzvorrat: Geduld und ein solides wirtschaftliches Konzept. Sturm erklärt: „Wir lassen unsere Bäume im Schnitt um mindestens 30 Jahre älter werden als die meisten anderen Forstbetriebe. Das Holz ist dann deutlich dicker und hochwertiger. So schlagen wir insgesamt weniger Holzstämme ein, erzielen damit jedoch höhere Preise.“ Damit ließe sich etwa so viel verdienen wie mit einem normalen Wirtschaftswald. Gleichzeitig wird der Wald jedoch gestärkt und kann seine Gemeinwohlfunktionen besser erfüllen. Das Lübecker Modell wurde im engen Austausch mit Bürgern, Politik, Wissenschaft und Umweltverbänden entwickelt. Heute, 30 Jahre später, ist die positive Veränderung deutlich spürbar: „Man muss kein Experte sein, um wahrzunehmen, dass unser Wald dunkler, geschlossener, kühler, feuchter und offenbar gesünder ist als viele andere Wälder“, so Sturm.

Unsere Waldbilder massiv zu ändern, könnte gegen die Klimakrise helfen und wäre deutlich nachhaltiger als unsere jetzige Forstwirtschaft. Wir erklären:

Was ist Waldumbau?

Saar-Hochwald: Laubstreusaat nach dem Vorbild der Natur

Auch Privatleute schlagen nachhaltigere Wege der Waldnutzung ein. Im Saar-Hochwald haben sich 340 private Waldbesitzer zu einer Forstbetriebsgemeinschaft zusammengeschlossen, die auf 4000 Hektar naturverträglich wirtschaftet. Ihr verbindlicher Kodex verbietet Kahlschläge, Chemie, Dünger und Gentechnik. Stattdessen legt man Wert auf große Abstände zwischen forstwirtschaftlichen Wegen und möglichst natürliche Baumvermehrung. Denn die Natur weiß selbst am besten, welcher Baum wo die größten Überlebenschancen hat.

Vorstandsvorsitzender Klaus Borger und einige Mitglieder setzen daher nicht nur auf gezielte Pflanzung, sondern arbeiten unter anderem mit sogenannter Laubstreusaat. Dabei werden etwa Eicheln, Ahornsamen und Bucheckern großzügig ausgesät und mit Laub bedeckt. Wer am schnellsten keimt und wächst, hat die besten Überlebenschancen. Solche Bäume bilden ein Wurzelwerk aus, mit dem sie an tiefes Grundwasser gelangen und das sie für Stürme fest im Boden verankert. Sie werden sogar seltener vom Wild angeknabbert als Baumschulbäume, die jahrelang mit Wasser und Nährstoffen verwöhnt wurden. Selbst wenn Baumschulbäume vom Wild verschont bleiben, gehen sie oft ein, weil sie sich im Wald nicht schnell genug an die Bedingungen anpassen können. Besonders in stark geschädigten Wäldern macht es Sinn, mit Laubstreusaat die Natur zu imitieren und so neue, gesunde Mischwälder entstehen zu lassen. Ginge es nach Klaus Borger, hätten wir Waldhüter statt Förster, die den Wald ganz neu denken.

Waldschutz im Alltag: Was jeder tun kann

  • Beim Waldbaden gehen wir in engen Kontakt mit der Natur. Das ist indirekt Waldschutz, denn wir schützen, was wir lieben.
  • Müll sammeln. Besonders Plastik, das Tiere und Kleinstlebewesen vergiften kann. Doch Vorsicht! Totholz liegen lassen, es ist Lebensraum und Nährstofflieferant.
  • Sich engagieren bei Bürgerinitiativen für den Waldschutz.
  • Hochwertiges Holz nachfragen, dafür leben Bäume länger.
  • Billigholz sparen bei Papier und Möbeln. Auf Recycling und zertifizierte Produkte achten.
  • Missstände im Forst melden unter waldreport.de oder beim zuständigen Forstamt.
  • Internetsurfen mit der Suchmaschine Ecosia und dabei Bäume pflanzen.
  • Spenden, z.B. beim GreenForestFund oder Waldpate beim NABU werden.

Waldwende: Welche Bäume kommen mit Trockenheit zurecht?

Zu der Frage, auf welche Baumarten man bei der Aufforstung setzen sollte, gibt es viele verschiedene Meinungen. Mancherorts wurden gezielt Küstentannen oder Douglasien aus Amerika gepflanzt, weil diese angeblich mit der Trockenheit besser zurechtkommen als heimische Bäume wie Buche und Eiche. Im Saar-Hochwald und in Lübeck hält man davon wenig. Auch Wissenschaftler trauen unseren heimischen Baumarten eine viel höhere Anpassungsfähigkeit zu.

Welche Zertifizierungen sind sinnvoll?

Naturland-Waldexperte Martin Reinhold erklärt: „Unsere Richtlinien zur ökologischen Waldnutzung wurden 1995 von Naturland, dem BUND, Greenpeace und Robin Wood entwickelt. Heute werden in Deutschland etwa 60.000 Hektar so bewirtschaftet. Was neue Baumarten angeht, orientieren wir uns höchstens am europäischen Ausland. Unser Fokus liegt auf den Bäumen, die seit Jahrtausenden hier zuhause sind.“ Im Vergleich zum FSC-Siegel des Forest Stewardship Council, welches man häufig auf Holz- und Papier-Produkten findet, sind die Naturland-Kriterien deutlich strenger. Reinold wünscht sich, dass das Engagement durch Fördergelder honoriert wird. Er ist überzeugt: „Wald ist so viel mehr als nur ein Ernteort für Holz. Allein seine Funktion als Kohlenstoffsenke sollte sich für die Besitzer auch finanziell lohnen.“

Dass Zertifizierungen Wäldern helfen können, hofft auch Waldwanderer Gerald Klamer. Trotzdem gibt er zu bedenken: „Zertifizierungen basieren immer auf Freiwilligkeit – das reicht angesichts der dramatischen Probleme, mit denen unsere Wälder konfrontiert sind, nicht aus. Wir brauchen strengere gesetzliche Regelungen.“

„Es ist höchste Zeit, dass Förster sich als verantwortungsvolle Manager eines komplexen, schützenswerten Ökosystems verstehen.“

Knut Sturm, Stadtwald Lübeck

Ginge es nach Klaus Borger aus dem Saar-Hochwald, hätten wir Waldhüter statt Förster, die den Wald ganz neu denken. „Das muss schon in der Ausbildung anfangen“, findet auch Knut Sturm aus Lübeck. „Es ist höchste Zeit, dass Förster sich als verantwortungsvolle Manager eines komplexen, schützenswerten Ökosystems verstehen.“

Waldwanderer Gerald Klamer ist nun kaum mehr zu bremsen. In diesem Jahr war er mit seiner Waldmission bereits in den Karpaten und im Kaukasus unterwegs. Für ihn ist ganz klar: Man schützt nur, was man schätzt. Also rein in den Wald und hautnah erleben, was auf dem Spiel steht!

Mehr zum Wald

  • bergwaldprojekt.de Deutschlandweite freiwillige Waldpflegeaktionen unter fachkundiger Anleitung
  • wald-allianz.de Praxis, Forschung und Vernetzung rund um das Ökosystem Wald

Buchtipps:

  • Klamer, Gerald: Der Waldwanderer. Malik, 2022, 272 Seiten, 18 €
  • Reichholf, Josef H.: Wald Natur. Oekom, 2022, 320 Seiten, 24 €

Interview: „Der Wald erfüllt zahlreiche Funktionen“

Eva Blaise

Porträt von Eva Blaise vor dem Hintergrund einer alten Eiche

Die Gesellschaftswissenschaftlerin betreibt bei der Naturwald Akademie in Lübeck waldbezogene Konfliktforschung.

Wem gehört eigentlich der Wald?

Vier Prozent des deutschen Waldes gehören dem Bund, 29 Prozent den Ländern und 19 Prozent Kommunen und Städten. Die übrigen 48 Prozent sind Privatbesitz. Allerdings ist in Deutschland gesetzlich festgelegt, dass alle Bürgerinnen und Bürger sowohl öffentliche als auch private Wälder betreten dürfen.

Welche Funktionen erfüllt der Wald?

Neben der als Rohstoffquelle für Holz erfüllt er zahlreiche gesellschaftliche Funktionen. Als natürlicher Erholungsraum steht er im wohltuenden Kontrast zum hektischen Stadtleben. Deshalb fühlen sich viele dem Wald stark emotional verbunden. Außerdem reinigen Wälder unsere Luft, fördern die Wasserqualität, helfen als CO₂-Senken beim Klimaschutz und bieten Lebensraum für viele Tiere und Insekten.

Warum wird um Wald so besonders leidenschaftlich gestritten?

Wo viele Emotionen sind, wird viel gestritten. Dabei ist das Ökosystem Wald wahnsinnig komplex, die Planungszyklen sind sehr langfristig. Oft gibt es verschiedene Ansichten, was zum Beispiel vor dem Hintergrund des Klimawandels das beste Vorgehen ist. Gekoppelt mit einer mangelhaften Streit- oder Kommunikationskultur führt das leider häufig dazu, dass sich Forstleute und Waldschützende geradezu unversöhnlich gegenüberstehen.

Wie könnte erreicht werden, dass für den Schutz unserer Wälder alle gemeinsam an einem Strang ziehen?

Wir müssen Diskussionsräume schaffen, in denen sich die Interessengruppen auf Augenhöhe begegnen. Denn sie haben doch alle einen gemeinsamen Nenner: ihre Begeisterung für den Wald. Wegen der Gemeinwohlfunktionen wäre es bei waldbezogenen Entscheidungen sinnvoll, Bürgerräte einzusetzen.

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