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Umwelt

Vorsicht: Braune Bios

Menschen mit rechtsextremer Gesinnung kaufen Bauernhöfe, bauen Bio-Gemüse an und kämpfen gegen Massentierhaltung. Von Öko-Nazis und den Umgang mit ihnen. // Leo Frühschütz
30.09.2013
Menschen mit rechtsextremer Gesinnung kaufen Bauernhöfe, bauen Bio-Gemüse an und kämpfen gegen Massentierhaltung. Von Öko-Nazis und den Umgang mit ihnen. // Leo Frühschütz

Menschen mit rechtsextremer Gesinnung kaufen Bauernhöfe, bauen Bio-Gemüse an und kämpfen gegen Massentierhaltung. Von Öko-Nazis und den Umgang mit ihnen. // Leo Frühschütz

Das liest sich gut: Sämtliche gentechnisch veränderten Nahrungs- und Futtermittel verbieten, regionale Wirtschaftskreisläufe fördern, die natürlichen Lebensgrundlagen schützen. Wo das steht? Auf der Webseite der rechtsextremen Partei NPD, Thema Umwelt. Wahlkampfgeklingel, könnte man sagen. Doch viele Rechtsextreme engagieren sich in der Öko- und Bio-Bewegung – ohne ihre nationalistische Gesinnung zu zeigen.

Ein Beispiel: Ein kleiner Hofladen im niederbayerischen Reisbach. Die Regale voll mit bekannten Bio-Laden-Marken. Das Geschäft gehört zum Gartenbau-Betrieb Laimer, der auch einen Seminarraum anbietet. Themen der Veranstaltungen dort sind Permakultur oder alte Gemüsesorten. Den Laimers gehört auch der Mienbacher Waldgarten mit einer kleinen Gärtnerei, der nach den Prinzipien der Permakultur bewirtschaftet wird. Im April 2012 berichtete die Süddeutsche Zeitung, dass Hans-Günther Laimer laut Vereinsregister Traunstein im Vorstand des Vereins Midgard sei, der seit 2007 das Magazin Umwelt & Aktiv herausgibt. Der Verein wird vom Bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz beobachtet, „da sich insbesondere der Vorstand überwiegend aus Rechtsextremisten zusammensetzt, die zum Teil auch in der NPD aktiv waren oder noch sind“, so die Begründung.

Der vierteljährlichen Zeitschrift Umwelt & Aktiv merkt man das auf den ersten Blick nicht an. Die aktuellen Meldungen auf der Webseite geben Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft oder des Bundesamtes für Naturschutz wider. Auf dem Cover des Heftes 3/12 prangt die indische Umweltaktivistin Vandana Shiva. Auf den zweiten Blick fällt auf, dass die Zeitschrift ihre Webseite als „Weltnetzseite“ und Links als „Verweise“ bezeichnet. Das ist bei Rechtsextremen üblich, die so die deutsche Sprache „reinhalten“ wollen. Eine Kategorie der Zeitschrift heißt „Heimatschutz“. Sie handelt Themen wie deutsche Volkstänze und alte Märchen ab, aber auch die Saatgutgesetze der EU. Dort stößt man auf Sätze wie: „Nationale Politik ist Umweltpolitik. Ohne eine ökologisch verantwortliche Politik ist jedes Volk in seiner Substanz gefährdet!“ Oder: „Umweltschutz ist nicht grün“.

Letzteres ist nicht falsch. Die deutsche Umweltbewegung hat ihre Wurzeln in der Lebensreformbewegung am Anfang des 20. Jahrhunderts. Unter dem Motto „Zurück zur Natur“ tummelten sich dort Vertreter der unterschiedlichsten Strömungen: Von linken Anarchisten über unpolitische Vegetarier bis hin zu völkisch denkenden Antisemiten. Diese wollten die deutsche Heimat und die deutsche Identität schützen. Das Naturgesetz vom Fressen und Gefressen werden übertrugen sie auf das Zusammenleben der Völker. Von da war es nur noch ein Schritt zur Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis. Als sich in den 1980er-Jahren die Ökologiebewegung formierte, gab es anfangs einen starken konservativ-reaktionären Flügel. Seine bekanntesten Vertreter waren Herbert Gruhl, Autor des Öko-Bestsellers „Ein Planet wird geplündert“, und der Bio-Bauer Baldur Springmann. Beide waren bei der Gründung der Grünen dabei, verließen die Partei aber bald wieder.

Nachfolger der Artamanen

Die Heinrich-Böll-Stiftung hat in ihrer 2012 erschienen Studie „Braune Ökologen“ diese Wurzeln dargestellt – und zugleich über aktuelle Entwicklungen in Mecklenburg-Vorpommern berichtet. Dort haben in den letzten Jahren Rechtsextreme zahlreiche Bauernhöfe gekauft und restauriert. Sie sehen sich als Nachfolger der Artamanen, einer rechtsradikalen Siedlerbewegung der 1930er-Jahre. „Nicht nur im Herzen der Mecklenburgischen Schweiz, sondern auch in den Gegenden um Ludwigslust, Bad Doberan, Vorpommern oder Rügen haben sich ‚nationale Dorfgemeinschaften’ gebildet, die eigenes Land bewirtschaften und Bio-Produkte zum Verkauf anbieten“, berichtet der Norddeutsche Rundfunk. Ähnliche Projekte gebe es in der Lüneburger Heide oder Schleswig-Holstein. Einer dieser „rechten Siedler“ in Mecklenburg ist der Bio-Bauer Helmut Ernst. Er koordinierte zwei Jahre lang die Aktivitäten der gentechnikfreien Region Nebel/Krakow am See, bevor 2007 seine Mitgliedschaft in der NPD öffentlich wurde und er daraufhin zurücktreten musste.

Im vergangenen Jahr hat sich der Bio-Dachverband BÖLW in einer Resolution gegen Rechtsradikalismus ausgesprochen. „Der BÖLW und seine Mitgliedsverbände werden daher alles in ihrer Macht stehende unternehmen, um rechtsradikale Unternehmer aus ihren Reihen konsequent auszuschließen“, heißt es darin. Anbauverbände wie Bioland und Naturland haben in ihre Satzungen entsprechende Bestimmungen aufgenommen.

Für die Bio-Branche und ihre Kunden hat die Heinrich-Böll-Stiftung eine Empfehlung parat: „Zentral bleibt es, genau hinzuschauen und die öffentliche Auseinandersetzung zu suchen.“ Genau davor scheut der ostdeutsche Anbauverband Biopark zurück. Zwar hat auch er eine Satzungsänderung beschlossen, um Nazis ausschließen zu können. Doch sei diese „in die Zukunft gerichtet“, erklärte Geschäftsführerin Delia Micklich.

In Tradition der Artamanen, einer rechtsradikalen Siedlerbewegung der 1930er-Jahre, sehen sich Rechtsextreme, die in den vergangenen Jahren zahlreiche Bauernhöfe in Mecklenburg gekauft haben. Hier ein Bild der Artamschaft Großenhagen von 1926. (Bild: Archiv der Jugendbewegung Witzenhausen)

Klicken gegen Rechts

www.publikative.org, www.bnr.de und http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/.
Tipps für den Umgang mit Nazis bietet www.netz-gegen-nazis.de.
Die Studie der Böll-Stiftung findet man auf www.boell.de.

Richtigstellung:

In unserem Artikel „Vorsicht: Braune Bios“ aus der Ausgabe 10/2013 stehen die Sätze: „Themen der Veranstaltungen dort [Anm.: im Seminarraum des Gartenbau-Betriebs Laimer] sind Permakultur oder alte Gemüsesorten. Den Laimers gehört auch der Mienbacher Waldgarten mit einer kleinen Gärtnerei, der nach den Prinzipien der Permakultur bewirtschaftet wird.“ Richtig ist, dass Herr Hans-Günter Laimer eine landwirtschaftliche Nutzfläche von 8000 qm in Mienbach verpachtet hat. Die Pächterin, Frau Hannelore Zech, betreibt unter dem Eigennamen „Mienbacher Waldgarten" einen Gewerbebetrieb inklusive eigener kleiner Gärtnerei und Internetseite (http://waldgarten.wordpress.com) nach den Prinzipien der Permakultur. Dieser ist unabhängig vom Gartenbau-Betrieb Laimer. Für Ihre Veranstaltungen über Permakultur und alte Gemüsesorten wird von Frau Zech der von Herr Hans-Günther Laimer allgemein vorgehaltene und nutzbare Seminarraum jeweils angemietet.

Gegendarstellung

„In der Ausgabe der Zeitschrift Schrot&Korn 10/2013 wird auf Seite 75 unter der Überschrift ‚Vorsicht: Braune Bios’ behauptet, ich sei ‚NPD-Mitglied’. Dies ist unrichtig, richtig ist, dass ich nicht NPD-Mitglied bin.“
Koppelow, den 29.09.2013
Helmut Ernst

Anmerkungen und Kommentare zum Artikel

Liebe Leserinnen und Leser von Schrot&Korn,

unser Artikel „Vorsicht: Braune Bios“ aus der Oktober-Ausgabe hat sehr viele Reaktionen von Ihnen bekommen. Nein, nicht jeder, der eine konservative Grundeinstellung besitzt ist unserer Ansicht nach ein Nazi – wie uns wiederholt unterstellt wurde.

Gleichwohl haben wir eine deutliche Position, wenn es um die Frage geht, ob es egal ist, welche Geistesgesinnung der Bio-Bauer hat, der die Tomate anbaut: Nein, das ist uns nicht egal. Wir verbinden Bio nicht nur mit ökologischem Landbau, Ablehnung von Gentechnik und Umweltschutz. Für uns steht die Tradition der Bio-Bewegung auch für bestimmte Werte: für ein faires Miteinander in absolut sozialer und kultureller Offenheit. Außerdem macht diese Tradition nicht vor Grenzen halt und steht für Toleranz allem anderen gegenüber – ob schief, bunt oder fleckig. Diese Toleranz erfährt allerdings dann ihre Grenze, wenn Menschen dies anderen Menschen nicht zugestehen.

Wir sehen uns auch nicht bedingungslos vereint im Ziel: Anti-Gentechnik, Naturschutz, Schutz des Saatguts. Für uns ist Bio erst dann ein Ganzes, wenn es auch mit den oben genannten Werten gefüllt wird.

Und natürlich darf jeder, der möchte die Zeitschrift „Umwelt&Aktiv“ lesen. Fair finden wir allerdings, wenn diejenigen zumindest auch wissen, dass das Magazin sich selbst zwar als „parteipolitisch unabhängig“ bezeichnet, vom Bayerischen Verfassungsschutz aber schon als „NPD-Tarnzeitschrift“ bezeichnet wurde.

Wir kaufen unsere Tomaten lieber bei dem Bauern, der unsere Einstellung und unser Verständnis der Bio-Bewegung teilt.

Ihre Schrot&Korn-Redaktion

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