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Umwelt

Vegane Landwirtschaft: Ohne Mist?

Bio-vegane Landwirtschaft kommt ohne Nutztiere wie KĂŒhe und Schweine aus. Doch wie wachsen Pflanzen ohne GĂŒlle und Kuhdung? Und hat diese Art zu wirtschaften Zukunft?

04.11.2021 vonSarah Brockhaus

Bio-vegane Landwirtschaft kommt ohne Nutztiere wie KĂŒhe und Schweine aus. Doch wie wachsen Pflanzen ohne GĂŒlle und Kuhdung? Und hat diese Art zu wirtschaften Zukunft?

Wie vegan sind eigentlich Kohlrabi, Apfel und Haferdrink? Die Antwort scheint klar. Doch auch Obst- und GemĂŒseanbau ist meist mit Tiernutzung verbunden.

Ist GemĂŒse, das mit Mist gedĂŒngt wurde, vegan?

Über 1,6 Millionen Menschen ernĂ€hren sich in Deutschland vegan. Sie verzichten also nicht nur auf Fleisch und Fisch, sondern auch auf Milch, KĂ€se, Eier und Honig. FĂŒr die meisten ist Tierschutz die wichtigste Motivation. Doch was bedeutet Tierschutz in letzter Konsequenz? Beutet man KĂŒhe nicht schon aus, wenn man sie als Nutztiere hĂ€lt und mit ihrem Mist Getreide und GemĂŒse dĂŒngt? Was fĂŒr manche nach ErbsenzĂ€hlerei klingt, ist fĂŒr andere einfach „konsequent zu Ende gedacht“. Und seit einigen Jahren gibt es auch eine Lösung dafĂŒr: die bio-vegane Landwirtschaft, also eine Landwirtschaft, die ohne Nutztiere auskommt.

Darauf verzichtet die bio-vegane Landwirtschaft

So wie der Bio-Hof Hausmann im sĂ€chsischen Rochlitz, zwischen Leipzig und Chemnitz. 2012 hat Daniel Hausmann den ehemals konventionellen Betrieb von seinem Vater ĂŒbernommen. Hausmann stellte den Hof auf Bio um und schloss sich dem Öko-Anbauverband GĂ€a an. Doch damit nicht genug. Als Veganer kam fĂŒr ihn auch die Nutztierhaltung nicht mehr in Frage. Inzwischen baut er auf seinen 60 Hektar Getreide, Kartoffeln und GemĂŒse an – ohne kĂŒnstliche und ohne tierische DĂŒngemittel. Die Skepsis in seinem Umfeld war anfangs groß. Doch mittlerweile konnte er viele Erfahrungen sammeln und wirtschaftet erfolgreich.

„Grob gesagt sind die Gemeinsamkeiten zwischen ökologischem und bio-veganem Anbau grĂ¶ĂŸer als die Unterschiede“, erklĂ€rt Daniel Hausmann. Der Hauptunterschied liege in der DĂŒngung. Die wichtigste Frage dabei sei immer dieselbe: Wie werden die Pflanzen mit NĂ€hrstoffen versorgt, insbesondere mit Stickstoff, Phosphor und Kalium?

Ist Landwirtschaft ohne Tiere möglich?

Im konventionellen Anbau dĂŒrfen Bauern synthetisch hergestellte, stickstoffhaltige DĂŒngemittel einsetzen. Im ökologischen Anbau sind diese verboten. Bio-Landwirte setzen auf Kompost und GrĂŒndĂŒngung mit Leguminosen wie Kleegras. Sie binden mithilfe von Bakterien Stickstoff aus der Luft im Boden. Betriebe mit Tierhaltung – konventionell und bio – nutzen zudem GĂŒlle, Mist und HornspĂ€ne als DĂŒnger. Mist und GĂŒlle sind sozusagen eine Art aufbereitete GrĂŒndĂŒngung: Rinder, die etwa mit Kleegras oder anderen Leguminosen gefĂŒttert werden, verdauen diese so, dass die NĂ€hrstoffe fĂŒr die Pflanzen anschließend besser verfĂŒgbar sind.

Bei der bio-veganen Landwirtschaft gibt es keine KĂŒhe. GĂŒlle und Mist mĂŒssen also ersetzt werden: Das funktioniert, indem auch hier die GrĂŒndĂŒngung genutzt wird, jedoch ohne den Umweg ĂŒber die Tiere. Leguminosen wie Kleegras werden geschnitten und direkt auf Äckern aufgebracht oder kompostiert und dann in den Boden eingearbeitet.

Dem Kompostieren geben die bio-veganen Bauern dabei besonders viel Zeit. So entsteht vollreifer Kompost, der hochwertige NÀhrstoffe enthÀlt, die die Pflanzen gut aufnehmen können.

Eine dritte Möglichkeit ist das VergĂ€ren der Leguminosen in Biogasanlagen – sie ĂŒbernehmen sozusagen die Verdauungsarbeit der KĂŒhe. Das vergorene, stickstoffhaltige Restprodukt kann als nĂ€hrstoffreicher DĂŒnger genutzt werden. Aus dem Methan, das dabei entsteht, lassen sich Strom und WĂ€rme erzeugen. Anders als das Methan, das KĂŒhe in die Luft rĂŒlpsen und pupsen.

Im Hinblick auf die Klimakrise sollten allerdings die Kompostierung oder das VergĂ€ren in Biogasanlagen bevorzugt werden, meint Professor Knut Schmidtke, Leiter des Forschungsinstituts fĂŒr biologischen Landbau in der Schweiz. Denn wenn das Kleegras nach dem Schneiden offen liegen bleibt, entstehen klimaschĂ€dliche Lachgasemissionen.

Mithilfe von Leguminosen wird vor allem der Stickstoffbedarf von Getreide, GemĂŒse und Obst gestillt. Doch Pflanzen benötigen auch Phosphor und Kalium. An diese kommen bio-vegan arbeitende Landwirtinnen und Landwirte, indem sie ErnteabfĂ€lle, zum Beispiel aus dem GemĂŒseanbau, mitkompostieren oder Gesteinsmehle ausbringen.

Label: bio-vegane Landwirtschaft

Lebensmittel aus bio-veganer Landwirtschaft erkennt man zum Beispiel an dem Label „Biozyklisch-veganer Anbau“ vom Förderkreis Biozyklisch-Veganer Anbau. Die Haltung von Nutztieren sowie tierische DĂŒngemittel sind dabei verboten. Biozyklisch bedeutet so viel wie „Lebenskreislauf“. Alle NĂ€hrstoffe sollen möglichst im eigenen Betrieb gewonnen und auch wieder rĂŒckgefĂŒhrt werden.

Warum sind Fruchtfolgen fĂŒr die bio-vegane Landwirtschaft so wichtig?

Auch der bio-vegane Anbau setzt wie die herkömmliche Bio-Landwirtschaft auf Fruchtfolgen. In der nutztierfreien Landwirtschaft sind sie sogar noch wichtiger: UngefĂ€hr alle fĂŒnf Jahre bauen die Landwirte Kleegras oder andere Leguminosen auf ihren Feldern an, durch die Stickstoff im Boden angereichert wird. Dazwischen folgen vier bis fĂŒnf Jahre verschiedene Getreide- oder GemĂŒsesorten. Die NĂ€hrstoffe aus dem Boden werden dadurch optimal genutzt, denn Getreide benötigt weniger und andere NĂ€hrstoffe als GemĂŒse.

Label: Vegane Lebensmittel

Vegan-Label wie das der EuropĂ€ischen Vegetarier-Union berĂŒcksichtigen den Anbau nicht. Es wird also nicht geprĂŒft, ob die Produkte mit tierischem DĂŒnger gedĂŒngt oder biologisch angebaut wurden. Die so gekennzeichneten Lebensmittel enthalten jedoch keine tierischen Bestandteile und wurden auch nicht mit Hilfe von Enzymen oder Aromen tierischen Ursprungs hergestellt.

Was bringen Mischkulturen fĂŒr die Böden?

Wer nach den Standards des biozyklisch-veganen Anbaus wirtschaften möchte, ist außerdem verpflichtet, Mischkulturen anzubauen. Damit sollen SchĂ€dlinge abgehalten und dem Boden nicht einseitig NĂ€hrstoffe entzogen werden. Im Ackerbau seien Erbse und Hafer, Ackerbohne und Hafer sowie Wicke und Roggen gute Kombinationen, erklĂ€rt Daniel Hausmann. Monokulturen, also beispielsweise ein GewĂ€chshaus nur mit Tomaten, sind nicht erlaubt.

Grob gesagt sind die Gemeinsamkeiten zwischen ökologischem und bio-veganem Anbau grĂ¶ĂŸer als die Unterschiede.

Daniel Hausmann, bio-veganer Landwirt

„Rund 20 Prozent der FlĂ€chen sollten immer mit Kleegras bewachsen sein“, erklĂ€rt Hausmann. Die Erfahrung habe gezeigt, dass nur so genĂŒgend Stickstoff zur VerfĂŒgung steht. Die bio-vegane Landwirtschaft ist fĂŒr ihn noch immer ein Lernfeld: „Jeder Tag ist anders und jeden Tag lernt man noch etwas dazu.“ Vieles bringt Daniel Hausmann sich selbst bei – durch das Anlesen von Wissen und vor allem durch Ausprobieren. Mittlerweile gibt es sogar Seminare ĂŒber bio-veganen Anbau in StudiengĂ€ngen zu ökologischer Landwirtschaft.

Daniel Hausmann baut GemĂŒse bio-vegan an.

Diese Vorteile hat der bio-vegane Landbau

Mit seinem Hof hat Daniel Hausmann auch schon andere inspiriert. Judith Ruland und Frederik Henn zum Beispiel. Auf der Suche nach Obst und GemĂŒse, das nicht mit GĂŒlle, Mist oder HornspĂ€nen gedĂŒngt wurde, stießen die beiden Veganer auf den Betrieb von Hausmann und waren begeistert. Sie beschlossen, einen eigenen bio-veganen Anbau auf die Beine zu stellen. Auch, weil sie darin eine einfache Maßnahme fĂŒr mehr Klimaschutz sahen. Denn tierische Produkte hĂ€tten nicht nur einen CO2-Fußabdruck, der den von pflanzlichen um ein Vielfaches ĂŒbersteigt. Der bio-vegane Anbau setze auch stark auf Bodenaufbau durch Humus und könne so viel Kohlenstoff speichern, erklĂ€ren die beiden.

PlantAge: bio-vegan in Frankfurt an der Oder

Seit 2019 gibt es nun PlantAge in Frankfurt an der Oder: eine solidarische Landwirtschaft, die genossenschaftlich organisiert ist und auf derzeit 20 Hektar GemĂŒse fĂŒr 750 Haushalte anbaut. Viele Abnehmer und Abnehmerinnen leben vegan und kommen aus Berlin. Wie bei Daniel Hausmann verkauft sich das GemĂŒse nicht nur ĂŒber die Marke „bio-vegan“. FĂŒr viele Kunden ist der regionale Anbau ein weiteres entscheidendes Kriterium.

Bei PlantAge arbeiten derzeit 30 Leute, darunter GĂ€rtner, Personal fĂŒr den Vertrieb und Praktikanten. In regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden organisiert der Betrieb Mitmachtage, zu dem auch die Mitglieder der Genossenschaft eingeladen sind. FĂŒr die 25-jĂ€hrige Judith Ruland ist es eine besondere Freude, wenn auch Bauern vorbeikommen, die anfĂ€nglich skeptisch waren, und sehen, dass der bio-vegane Anbau funktioniert. Vegan sei aber nach wie vor fĂŒr viele ein Reizthema und die Kommunikation bedĂŒrfe viel FingerspitzengefĂŒhl, so Ruland. Viele fĂŒhlten sich allein durch das Stichwort „vegan“ in ihrer eigenen ErnĂ€hrungsweise kritisiert.

In der bio-veganen Landwirtschaft wird nur pflanzlicher DĂŒnger eingesetzt.

Kritik an der bio-veganen Landwirtschaft

Doch die Zusammenarbeit klappt auch an Stellen, wo man es nicht gleich vermutet: So bildet PlantAge zwei Azubis im Rahmen der freien Ausbildung des Demeter-Verbands aus, in dessen Philosophie und Wirtschaftsweise Nutztierhaltung ein fester Bestandteil ist. An der Nutztierhaltung hĂ€lt Demeter fest: „Ich bin der Überzeugung, dass Demeter das umfassendste VerstĂ€ndnis einer Landwirtschaft der Zukunft hat“, erlĂ€utert Dr. Alexander Gerber, Bundesvorstand von Demeter. Die bio-dynamische Landwirtschaft betrachte Systeme als Ganzes – und Tiere mit ihren ganz besonderen QualitĂ€ten gehören hier dazu, so Gerber.

Weltweit seien die fruchtbarsten Böden nachweislich entstanden, weil sie WiederkĂ€uern wie Rinder als WeideflĂ€chen dienten. An bestimmten Standorten könne ein bio-veganer Anbau funktionieren, rĂ€umt Gerber ein. Er bezweifelt aber, ob so langfristig produktive Systeme geschaffen werden können. FĂŒr den Demeter-Vorstand ist entscheidend, entsprechend hohe Standards fĂŒr die Nutztierhaltung zu setzen, statt sie aus dem System auszuschließen.

Was ist besser: Bio-dynamisch oder bio-vegan?

Langzeitstudien und einen direkten wissenschaftlichen Vergleich zwischen bio-dynamischer Landwirtschaft und bio-veganem Anbau hinsichtlich ProduktivitĂ€t, BiodiversitĂ€t und Bodenfruchtbarkeit gibt es derzeit noch nicht. Die bio-vegane Landwirtschaft steckt bisher in den Kinderschuhen: Die Seite Vegpool listet derzeit acht Höfe in Deutschland, die bio-vegan wirtschaften. Dazu kommen einige solidarische Landwirtschaften. Der Verkauf funktioniert ĂŒberwiegend ĂŒber regionale HoflĂ€den, GemĂŒse-Abokisten oder Online-Shops. Aber die Nachfrage steigt, sagt Daniel Hausmann. Das merken auch die Leute von PlantAge. Sie planen deshalb, ihren Betrieb im kommenden Jahr auf 30 Hektar zu erweitern.

Interview: „Der bio-vegane Landbau ist ein sehr wertvoller Impuls“

Knut Schmidtke war lange Zeit Professor fĂŒr ökologischen Landbau an der Hochschule in Dresden. Seit April 2020 leitet er das Forschungsinstitut fĂŒr biologischen Landbau in der Schweiz, die grĂ¶ĂŸte Einrichtung dieser Art weltweit.

Welche Zukunft hat der bio-vegane Landbau?
Wir brauchen im Bio-Landbau immer wieder neue Impulse, das ist kein statisches System. Den bio-veganen Landbau sehe ich als einen sehr wertvollen Impuls. Wir haben aber in vielen LĂ€ndern sehr viel GrĂŒnland. Dieses lĂ€sst sich nicht fĂŒr Ackerbau nutzen, weil es zu feucht, zu steil oder zu flachgrĂŒndig ist. Mit Blick auf die Klimakrise wĂ€re eine Umwandlung auch nicht ratsam. Denn dadurch wĂŒrden wir innerhalb von ein, zwei Jahren große Mengen an gebundenen Kohlenstoff freisetzen.

Von wie viel FlÀche sprechen wir?
In Deutschland sind etwa 20 bis 30 Prozent, global etwa zwei Drittel der landwirtschaftlichen FlĂ€chen GrĂŒnland. Diese werden meist fĂŒr Rinder, Schafe und Ziegen genutzt. Deshalb sind sie aus der Lebensmittel-produktion nicht wegzudenken.

LĂ€sst sich GrĂŒnland auch anders nutzen?
Historisch betrachtet haben wir keine „vegane“ Nutzung dafĂŒr entwickelt. Die Frage ist also, finden wir eine Möglichkeit das GrĂŒnland so zu nutzen, dass wir auch vegan lebenden Menschen etwas anbieten können. In Frage kĂ€men vielleicht KrĂ€uter oder mehrjĂ€hrige Pflanzen, von denen wir dann BlĂ€tter oder Beeren ernten können.

Wie sieht Ihrer Meinung nach die ideale Zukunft der Landwirtschaft aus?
Idealerweise können wir den Bio-Landbau so fortentwickeln, dass er auch der steigenden Anzahl vegan lebender Menschen mehr Ernteprodukte zur VerfĂŒgung stellen kann. Einen vollstĂ€ndigen Verzicht auf Nutztiere halte ich aber fĂŒr unrealistisch, da Nutztiere auch einen wichtigen Beitrag zur Pflege des GrĂŒnlands leisten. Ohne die Nutzung von GrĂŒnland wĂŒrde zudem der Druck auf Äcker noch grĂ¶ĂŸere ErtrĂ€ge abwerfen zu mĂŒssen massiv erhöht. Mehr Pflanzenschutzmittel und DĂŒnger kĂ€men zum Einsatz. Darunter wiederum wĂŒrde die BiodiversitĂ€t massiv leiden.

Mehr ĂŒber bio-vegane Landwirtschaft

  • Unter dem Stichwort „biozyklisch-vegan“ informiert das Portal oekolandbau.de ĂŒber Richtlinien, Siegel und Anforderungen.
  • Hier wird unter anderem erklĂ€rt, wie bio-zyklischer Humusboden entsteht.
  • Vegpool: Hier gibt es eine Liste mit Adressen bio-vegan arbeitender Höfe.
  • Informationen zur bio-veganen SoLaWi PlantAge
  • Der Bio-Hof Hausmann stellt sich vor.
  • Buchtipp: Susanne Heine: Peaceful gardening. Bio-vegan gĂ€rtnern. Das Praxisbuch. BLV-Verlag, 2015, 144 Seiten, 14,99 Euro

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