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Umwelt

Unbeliebtes Mehrweg

MEHRWEG immer mehr Menschen greifen zu Einweg, obwohl es unökologisch und teurer ist. Den Trend spürt auch der Bio-Handel. 
30.09.2015
MEHRWEG immer mehr Menschen greifen zu Einweg, obwohl es unökologisch und teurer ist. Den Trend spürt auch der Bio-Handel. 

MEHRWEG Immer mehr Menschen greifen zu Einweg, obwohl es unökologisch und teurer ist. Den Trend spürt auch der Bio-Handel. // Michael Billig

Die Deutschen trinken jährlich rund 32 Milliarden Liter Mineralwasser, Bier, Säfte und Limonaden. Immer öfter greifen Sie zu Einwegverpackungen wie Dosen, Getränkekartons und dünnwandigen Plastikflaschen, die nach Gebrauch im Müll, bestenfalls im Recycling landen. Mehrweg-Flaschen werden so zu Ladenhütern oder verschwinden aus den Regalen des Lebensmittelhandels. Eine bedenkliche Entwicklung, die trotz oder gerade wegen der 2003 eingeführten Pfandpflicht für Einweg unvermindert anhält.

Der Anteil wiederbefüllbarer Flaschen sinkt seitdem rapide. Er ist von knapp 65 Prozent auf rund 45 Prozent gesunken. Mit Coca-Cola will nun ein großer Getränkehersteller sein Angebot aus Kostengründen noch stärker auf Wegwerfflaschen umstellen. Hoffnung, dass die umweltfreundliche Mehrweg-Flasche nicht ausstirbt, machen eigentlich nur noch zwei Dinge: Bier und Bio.

25 Cent schrecken nicht ab

Das Pfandsystem war einst der Stolz der deutschen Getränkeindustrie. Eine wirtschaftlich clevere Lösung und gut für die Umwelt. Mineralbrunnen führten als erste in den 1950er-Jahren eine „Leihflasche“ ein. Doch ihre Beliebtheit hat stark abgenommen. Von rund zehn Milliarden Litern Mineralwasser, die die Deutschen im Jahr verbrauchen, wird nur noch ein Drittel in Mehrweg verkauft. Der größte Teil rollt in PET-Einwegflaschen über das Kassenband. Von den 25 Cent Pfand, die bei Einweg zu zahlen sind, lassen sich die Kunden nicht abschrecken. Nur bei Bier greifen sie zur Pfandflasche aus Glas – oder gleich zum praktischen Kasten. Bei Bier liegt die Mehrweg-Quote konstant über 80 Prozent.

Anders verhält es sich mit Milch, Säften und Spirituosen. Da ist Mehrweg eine Rarität. Stattdessen dominiert hier Einweg – auch ohne Pfand. Diese Getränke genießen einen Sonderstatus, weil von ihnen vergleichsweise geringe Mengen auf dem Markt sind. Deshalb müssen die Hersteller keinen Pfand erheben. Wenige machen es trotzdem. Dazu zählen vor allem Bio-Hersteller wie Söbbeke oder Voelkel. Solche Firmen halten an hochwertigen Mehrweg-Flaschen aus Glas fest und wollen diese auch wieder zurückbekommen. Neubefüllen ist günstiger als Neuproduzieren.

Flaschen mit mehr als einem Leben sind nicht nur ökonomisch sinnvoll, sondern vor allem für die Umwelt ein Gewinn. Eine Glasflasche kann bis zu 50 Mal wiederbefüllt werden, Mehrweg aus PET bis zu 15 Mal. Wer da zugreift, schont die Ressourcen unseres Planeten. Einweg aber bedeutet Ressourcenverschwendung. Die Recyclingquote bei PET-Flaschen beträgt im Schnitt nur 30 Prozent. Bei Glas ist die Quote mit rund 65 Prozent zwar besser. Dennoch weist Einwegglas von allen Getränkeverpackungen die schlechteste Umweltbilanz aus, was an der energieintensiven Herstellung liegt. Glas hat zudem ein Gewichtsproblem. Es wiegt mehr als jedes andere Verpackungsmaterial. Das macht sich nicht nur im Einkaufsbeutel, sondern auch auf einem Lastwagen bemerkbar. Je schwerer die Fracht, desto höher der Spritverbrauch und desto mehr Emissionen.

Ein wichtiger Faktor bei der Berechnung einer solchen Bilanz ist die Entfernung zwischen Abfüller und Händler. Und die ist bei Mehrweg in der Regel kürzer – schon deshalb, damit immer genügend Ware vorrätig ist. So legt Mineralwasser in Mehrwegflaschen in einem Umlauf rund 260 Kilometer zurück. Einwegflaschen sind doppelt so lange unterwegs.

Fester Platz im Bio-Laden

Ob Glas oder Plastik – die ökologischen Vorteile sprechen für Mehrweg. Trotzdem geht die Nachfrage in Richtung Einweg. Auch Safthersteller Voelkel kann sich dem Trend zu handlicheren und leichteren Verpackungen nicht entziehen. Ob Säfte in Getränkekartons oder in kleinen 0,25-Liter-Einwegflaschen aus Glas – Produkte dieser Art machen nach Firmenangaben rund ein Drittel des Repertoires aus. Bei Voelkel überwiegt aber immer noch der Mehrweg-Anteil. Mit rund 68 Prozent ist die Quote überdurchschnittlich hoch.

Wie es in der Bio-Branche insgesamt aussieht, ist schwer zu sagen. Zahlen, die einen Überblick geben, existieren nicht, wie es von verschiedenen Seiten heißt. Die Erhebung der Daten sei zu aufwendig. Doch ist es offensichtlich, dass wiederbefüllbare Flaschen in den Bio-Läden noch immer einen festen Platz haben. „Es genügt ein Blick in die Regale, um zu sehen, dass der Anteil von Mehrweg dort höher ist als in einem konventionellen Supermarkt“, sagt Eva Leonhardt von der „Initiative Mehrweg“. Im Bio-Laden gibt es sogar noch Wein in wiederverwendbaren Flaschen. Aber auch nicht mehr in jedem.

Glas hat ein Problem

Einwegglas hat eine schlechte Umweltbilanz. Der Grund: die energieintensive Herstellung. Im Schmelzofen müssen 1500 Grad herrschen, damit aus Soda, Kalk, Sand und alten Scherben neues Glas entstehen kann.


Infos, Plakate und Flyer zur Kampagne "Mehrweg ist Klimaschutz" gibt es auf der Seite der Deutschen Umwelthilfe unter: www.duh.de (Stichwort: Mehrweg)

Pfand: System mit Fallstricken

Die Mehrweg-Krise hat viele Gründe. Sie reichen von den Discountern, die wiederbefüllbare Flaschen ganz aus ihren Regalen verbannt haben, bis zu den Verbrauchern, die keine schweren Flaschen aus Glas hin und her transportieren wollen. Auch der Gesetzgeber trägt mindestens eine Mitschuld.

Die Einführung der Pfandpflicht auf Einweg im Jahr 2003 sollte eigentlich Mehrweg retten. Doch leider ist das Gegenteil eingetroffen: Das Pfandsystem ist seitdem unübersichtlich geworden. Wie die Deutsche Umwelthilfe (DUH) beispielsweise kritisiert, fehlt es an einer verbindlichen Kennzeichnungspflicht, die die Verbraucher unmissverständlich darüber aufklärt, was Einweg und was Mehrweg ist – und wie hoch das Pfand darauf ist. Weil etwa Coca-Cola bei der Kennzeichnung schludert, hat die DUH den Konzern wegen Verbrauchertäuschung verklagt.

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