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Umwelt

Wir alle atmen Glyphosat

Wir essen Pestizide nicht nur, wir atmen sie auch ein. Eine aktuelle bundesweite Studie hat zahlreiche Wirkstoffe in der Luft nachgewiesen. Und das nicht nur auf dem Land.

29.09.2020 vonLeo Frühschütz

Wir essen Pestizide nicht nur, wir atmen sie auch ein. Eine aktuelle bundesweite Studie hat zahlreiche Wirkstoffe in der Luft nachgewiesen. Und das nicht nur auf dem Land.

Ackergifte fliegen in ganz Deutschland durch die Luft. Das ist das Ergebnis einer Studie, die das Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft und das Umweltinstitut München heute in Berlin vorgestellt haben. Dazu Boris Frank , der Vorsitzende vom Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft: „Mit dieser Studie wurde erstmals deutschlandweit die Luft auf Pestizidrückstände untersucht und die Ergebnisse sind besorgniserregend, denn viele Pestizide und ihre Abbauprodukte verbreiten sich im erschreckenden Ausmaß über die Luft.“

Die wichtigsten Ergebnisse der Pestizid-Studie

Gemessen wurde an 116 Standorten. In den Proben fand das Labor insgesamt 138 verschiedene Wirkstoffe, in einem Sammler waren es sogar 33 auf einem Schlag. Besonders hoch war die Belastung in Gebieten mit vielen Getreideäckern und in Regionen, in denen die Landwirte viel Obst und Gemüse anbauen. Doch auch in Gebieten abseits von Äckern und sogar im Nationalpark Bayerischer Wald und im Harz auf dem Gipfel des Brocken ließen sich die Spritzgifte nachweisen, ebenso in Regionen, die großflächig biologisch bewirtschaftet werden. „Umwelt- und gesundheitsschädliche Pestizide verbreiten sich in ganz Deutschland in der Luft“, fasste der Agrarexperte Karl Bär vom Umweltinstitut München das Ergebnis zusammen. Dabei legen manche Pestizide zig Kilometer zurück und gelangen so an Orte, wo sie niemand vermutet hätte: in Schutzgebiete, auf Bio-Äcker oder ins Gewerbegebiet.

In allen Passivsammlern und Filtermatten fand das Labor Glyphosat. Damit konnte die Studie nachweisen, dass sich der wahrscheinlich krebserregende Wirkstoff auch über die Luft verbreitet. Bisher hatten Pestizid-Hersteller und Zulassungsbehörden das ausgeschlossen. Schließlich sei Glyphosat schwer flüchtig, argumentierten sie. Doch wahrscheinlich heftet sich der Wirkstoff an kleine Bodenpartikel, die der Wind verweht.

Häufig fanden sich in den Proben auch drei Wirkstoffe, von denen bereits bekannt ist, dass sie sich leicht und kilometerweit vom Acker machen. Trotzdem dürfen Pendimethalin, Prosulfocarb und Metolachlor immer noch eingesetzt werden. Auch das als krebserregend verdächtigte Pilzmittel Chlorthalonil tauchte in fast allen Proben auf. Zwar hat die EU diesen Wirkstoff Ende letzten Jahres die Zulassung entzogen. Doch er wird sich vermutlich noch über Jahre in der Luft nachweisen lassen. So wie andere längst verbotene Pestizide, darunter DDT, Lindan und Chlorflurenol. Sie alle fanden sich in zahlreichen Filtern und erinnern daran, dass sich diese Gifte nicht in Luft auflösen. Sie haben sich über Jahrzehnte in der Umwelt verbreitet, stecken im Boden, im Wasser und in der Luft und bauen sich nur sehr langsam ab.

So wurde gemessen, auch bei uns im bio verlag

Auch wir haben uns an der Studie beteiligt, denn wir wollten wissen, wie stark unsere Atemluft mit Pestiziden belastet ist. Der Passivsammler, der auf unserem Grundstück stand, sah aus wie eine Salatschüssel aus Blech mit einem Tortenständer darunter. Er war einer von 49, die bundesweit aufgestellt wurden. Alle zwei Monate streifte unser Kollege Frederik Nurnus Einweghandschuhe über, nahm die sorgfältig gereinigte Pinzette und wechselte damit die Filter aus. Das gebrauchte Exemplar schickte er, verpackt in eine Box mit Kühlakkus aus dem Gefrierfach, an das Institut TIEM – Integrierte Umweltüberwachung. Dort trafen im Laufe des Jahres 2019 auch die Proben der anderen Passivsammler sowie die Filtermatten aus Be- und Entlüftungsanlagen, Proben von Bienenbrot aus Bienenstöcken sowie Baumrindenproben ein. Obwohl unser Grundstück am Stadtrand von Aschaffenburg liegt, fand das Labor neun verschiedene Pestizide in unserem Sammler, darunter Glyphosat, Chlorthalonil und Pendimethalin.

Pestizide in der Luft – eine Gefahr für die Gesundheit?

Doch was bedeutet es für unsere Gesundheit, wenn sich in der Luft, die wir atmen, Spuren von Pestiziden befinden? Eine klare Antwort darauf gibt es nicht, denn es gibt keine Studien dazu, weil die Politik und Zulassungsbehörden für Pestizide dieses Risiko bisher weitgehend ausblendeten. Es gibt weder Zahlen über die Menge an Wirkstoffen in einem Kubikmeter Luft, noch wissen Wissenschaftler wie unser Körper mit eingeatmeten Pestiziden umgeht. Gelangen sie direkt ins Blut? Werden sie ins Fett eingelagert oder über den Urin ausgeschieden? Und wie wirkt es sich aus, dass wir viele Pestizide gleichzeitig aufnehmen? Untersucht wurde höchstens das kurzzeitige Einatmen, wenn Landwirte Pestizide spritzen. Wegen des gesundheitlichen Risikos sollen sie dabei Schutzanzug und Maske tragen.

Pestizide schädigen Bio-Bauern

Während bei den gesundheitlichen Auswirkungen viele Fragen offen sind, ist klar, was die Pestizide in der Luft für Bio-Bauern bedeuten: Im schlimmsten Fall zerstören sie deren Existenz. Denn die Pestizide aus der Luft lagern sich mit der Zeit ab, besonders gerne an Pflanzen mit großen Blättern wie Grünkohl und Stangensellerie, aber auch in fetthaltigen Samen, etwa von Fenchel oder Sonnenblume. Findet ein Labor in einem Kilogramm Bio-Erzeugnis mehr als 0,01 Milligramm eines Pestizids, kann der Landwirt es nicht mehr als bio verkaufen. Theoretisch könnte er es für weitaus weniger Geld konventionell vermarkten, doch viele Bio-Landwirte kennen keine konventionellen Abnehmer, die ihnen die leicht verderbliche Ware auf die Schnelle abkaufen. Und so landet das mit Pestizidspuren aus der Luft belastete Bio-Gemüse meist in der Biogasanlage. Gleichzeitig hat der Bio-Landwirt auch noch Ärger mit seiner Kontrollstelle. Denn er muss beweisen, dass er das im Bio-Landbau verbotene Pestizide nicht heimlich selbst gespritzt hat.

Eigentlich sollte, wer einen Schaden anrichtet, ihn auch wieder gut machen. Doch wenn Pestizide über Kilometer hinweg in der Luft unterwegs sind, lässt sich nicht mehr feststellen, von welchem Acker aus sie sich auf den Weg gemacht haben. Der Bio-Bauer bleibt auf seinem Schaden sitzen. Und selbst dort, wo das Pestizid vom Nachbarfeld herüberwehte, zahlt die Versicherung des konventionellen Landwirts nur das Nötigste. „Die finanzielle Kompensation spiegelt den tatsächlichen Aufwand und Schaden kaum wider“, beklagte sich eine Bio-Hofgemeinschaft im Wendland, die 2018 Opfer einer Abdrift wurde, in der taz.

Dabei handelt es sich nicht um Einzelfälle: Der Bio-Anbauverband Bioland hatte für die Jahre 2012 bis 2016 insgesamt 260 Beispiele zusammengetragen, bei denen synthetische Pestizide in Bio-Kulturen und Wildpflanzen nachgewiesen wurden, die Bio-Bauern nicht verwenden dürfen. Mitte März 2018 übergab Bioland die Fallsammlung an die zuständigen Behörden. Doch passiert ist bisher wenig.

Diesen Sommer veröffentlichte das für Pestizidzulassungen zuständige Bundesamt zwar eine Studie, die untersuchte wie ein Monitoring von Pestiziden in der Luft umgesetzt werden könnte. Ein solches Monitoring wird aber wohl noch auf sich warten lassen, denn die Wissenschaftler schlugen erst einmal weitere Vorstudien vor, um die notwendige Zahl an Monitoring-Standorten zu ermitteln.

Bündnis fordert: Glyphosat sofort vom Markt nehmen

Ob die nun vorliegende Studie daran etwas ändert, wird sich zeigen. Fakt ist jetzt jedoch, dass Pestizide in der Luft sind. Fakt ist auch, dass sie Bio-Landwirte schädigen und eine Gefahr für die Gesundheit nicht ausgeschlossen werden kann. Das Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft fordert die Politik deshalb auf, jetzt zu handeln. „Die Bundesregierung muss Produkte mit den Wirkstoffen Glyphosat, Pendimethalin, Prosulfocarb, Metolachlor und Terbuthylazin sofort vom Markt nehmen“, stellt Boris Frank, der Vorstandsvorsitzende des Bündnisses, die wichtigste Forderung vor. „Denn diese fünf Wirkstoffe konnten am häufigsten und weit entfernt von den Ursprungs-Äckern nachgewiesen werden.“ Zudem solle die EU-Kommission bis 2035 schrittweise alle synthetischen Pestizide verbieten und dabei mit den gefährlichsten beginnen. Solange Pestizide noch in großem Ausmaß angewendet werden, müssten Bio-Landwirte bei Kontaminationen ihrer Ernte über einen Fonds entschädigt werden, fordert Boris Frank weiter und schlägt konkret vor: „Dieser muss durch zehn Prozent der jährlichen deutschen Umsatzerlöse der Pestizid-Hersteller gespeist werden.“ Nach dem Verursacherprinzip wäre das nur gerecht.

Die Bundesregierung muss Produkte mit den Wirkstoffen Glyphosat, Pendimethalin, Prosulfocarb, Metolachlor und Terbuthylazin sofort vom Markt nehmen.

Boris Frank, der Vorstandsvorsitzende des Bündnisses für eine enkeltaugliche Landwirtschaft

Mitmachen: Aktionen gegen Pestizide

Bundesumweltministerin Svenja Schulze nahm die Studie entgegen. Sie lobte, dass die Studie eine wichtige Wissenslücke schließe und nannte die Ergebnisse „besorgniserregend“. Auf konkrete Maßnahmen wollte sie sich in ihrem Statement auf der Pressekonferenz nicht festlegen. Stattdessen verwies sie auf das Ziel der EU, den Pestizidverbrauch bis 2030 zu halbieren. Wer nicht auf die Politik warten will, kann sich auch selbst auf den Weg machen: Etwa Initiativen sie die EU-weite Bürgerinitiative „Bienen und Bauern retten“ unterstützen und den politischen Druck weiter steigen lassen; oder sich dafür einsetzen, dass der eigene Wohnort Mitglied im Netzwerk der pestizidfreien Kommunen wird. Über 500 Gemeinden in Deutschland haben sich schon verpflichtet, in ihrem Bereich auf Glyphosat und andere Pestizide zu verzichten. Kirchen, Kommunen und andere Grundbesitzer könnten ihre landwirtschaftlichen Flächen nur noch an Bio-Betriebe verpachten und sie so frei von Pestiziden halten. Auch der Kauf von Bio-Lebensmitteln wirkt: Jedes Kilogramm Bio-Brot entspricht zwei Quadratmeter Acker, auf denen das ganze Jahr keine Pestizide gespritzt werden.

Bio-Firmen wollen es wissen

Dem Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft gehören zahlreiche Bio-Unternehmen, die Bürgerinitiative Landwende und die Schweisfurth-Stiftung an. Auch der bio verlag, Herausgeber der Schrot&Korn, ist dort Fördermitglied.

Zur Website

Mitmachen

www.ackergifte-nein-danke.de
Studienergebnisse und Aktionen vom Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft

www.whispert.de/pestizide
Wie viele Pestizide werden in Deutschland eingesetzt? Wie kommen Pestizide in den Honig? Experten beantworten Fragen zu Pestiziden und der Studie „Pestizid-Belastung der Luft“

www.savebeesandfarmers.eu
Hier kann die Europäische Bürgerinitiative „Bienen und Bauern retten“ gezeichnet werden

www.ackergifte-nein-danke.de/fragen
Fragen an die Politik: Hier kannst du Abgeordneten in deiner Region Fragen per E-Mail schicken.

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