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spezial: Küche im Wandel

Die Feuerstelle. Der wärmste Platz in der Höhle. Hier sitzen alle zusammen, essen, trinken und wärmen sich
29.06.2006

Schwung für die Küche

Die Feuerstelle. Der wärmste Platz in der Höhle. Hier sitzen alle zusammen, essen, trinken und wärmen sich. Heute ist die Küche ein funktionaler Arbeitsplatz, jedoch mit Tendenz zur Wohlfühloase. Ein Spezial über Kochen anno 1900, Cocooning, Herde, Töpfe und „wahre Küchenschätze“. // Leo Frühschütz

In Deutschland kocht es. Tim Mälzer, Ralf Zacherl und ein Dutzend weiterer TV-Köche braten und brutzeln auf allen Kanälen um die Wette. Millionen Menschen schauen ihnen dabei jeden Tag in die Töpfe und Pfannen. Anschließend kaufen sie in den Buchhandlungen die Regale mit den Kochbüchern leer. Ein Fünftel aller verkauften Sachbücher und Ratgeber beschäftigt sich mit Essen und Trinken. Jedes Jahr kommen in Deutschland knapp 1.000 neue Titel auf den Markt.

Das wachsende Interesse am Kochen hat Folgen: „Die Küche als Raum wird immer wichtiger“, freut sich Hans-Joachim Adler, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Moderne Küche (AMK). Dieser Zusammenschluss von Einbauküchen- und Geräteherstellern erfragt seit Jahren die Wünsche der potenziellen Kunden. „Die Küche ist nicht mehr der reine Technikraum. Die Funktionen Wohnen und Essen spielen eine immer größere Rolle“, beschreibt Hans-Joachim Adler den Trend. 70 Prozent der von der AMK Befragten wünschen sich eine offene Küche, einen Ort, der für Wohlbefinden, Gemütlichkeit und Geborgenheit steht.

Das passt zu einem anderen Trend, den die Zukunftsforscher Cocooning nennen. Den Rückzug in die Vertrautheit der eigenen vier Wände. Zeit haben für Familie und Freunde. In mehr als der Hälfte aller Haushalte wird mindestens einmal im Monat für Gäste aufgekocht, hat das Institut für sozialökologische Forschung (ISOE) ermittelt. Bei den unter 25-Jährigen laden sich sogar acht Prozent einmal oder mehrmals in der Woche Freunde zum Essen ein.

Während die Lust am Kochen zunimmt, geht es mit den Kochkünsten bergab. Nur 60 Prozent der 25-Jährigen sagten dem ISOE, dass sie gut kochen könnten. Wobei aus der Umfrage nicht hervorgeht, was genau gute Kochkenntnisse sind.

Hightech statt Drehschalter

Technisches Verständnis hingegen ist in der Küche heutzutage ein Muss, denn es hilft ungemein, mit der Bedienungsanleitung für den neuen Küchenherd klarzu-kommen. Mit dem Einzug der Mikroelektronik haben sich die alten Elektroherde mit ihren simplen Drehschaltern zu Hightech-Geräten gewandelt. Mit diversen Programmen fürs Dämpfen, Kochen, Braten und mit Thermosensoren, die das Überkochen verhindern. Nur umrühren muss man noch. Mutters alte Kaffee- maschine hat vollautomatischen Latte- Macchiato-Spendern Platz gemacht. Für jede Tasse mahlen sie frisches Pulver.

Anno 1900 – Ein Blick zurück

Sarah Wiener hat das auch gemacht. Allerdings mit der Hand. Die Spitzenköchin verdingte sich in der ARD-Dokumentar-Serie „Abenteuer 1900“ als Küchenmamsell. „Gekocht wurde auf Holz, das Wasser holten wir vom Brunnen. Alle Küchengeräte waren wunderschöne museale Dinger, jedes wog mehrere Kilogramm“, beschreibt sie ihren Arbeitsplatz. „Wenn im Rezept stand, Butter mit Eigelb schaumig schlagen, bin ich eine halbe Stunde dagesessen und habe geschlagen. Das war Knochenarbeit. Ich bin in den ersten zehn Tagen um 20 Jahre gealtert.“ Die harte Arbeit habe ihr mehr Respekt vor den Lebensmitteln gelehrt, sagt die Fernseh-Köchin in der Rückschau. „Man schätzt jedes Essen um das Zigfache mehr als heute.“

Sarah Wiener hatte als Mamsell mehrere Dienstmädchen, die ihr die grobe Arbeit abnahmen. Alleine wäre das Kochen anno 1900 noch mühsamer gewesen. Elektrischer Strom, fließendes Wasser und entsprechende Küchengeräte erleichterten erst im Laufe der letzten 100 Jahre die Küchenarbeit. 1927 entstand für Sozialsiedlungen in Frankfurt die erste Einbauküche. In den 50er-Jahren begannen die vorgefertigten Standardküchen mit Elektroherd und Kühlschrank ihren Siegeszug. In den 70er- und 80er-Jahren folgten Geschirrspüler, Mikrowelle und Gefrierschrank. Damit begann auch der Siegeszug der Tiefkühlkost, deren Absatz sich in den letzten 30 Jahren verdreifachte. Heute bekommt die Hälfte aller Kinder mindestens einmal die Woche Pizza aufgetischt, bei gut einem Drittel gibt es ebenso oft Fischstäbchen.

Ein Blick in die Zukunft

Die Mikrowelle dagegen hat das Essverhalten nicht so beeinflusst, wie manche Trendforscher es vor 20 Jahren prophezeiten. Sie reduzierten die Küche der Zukunft auf eine Gefriertruhe und eine Mikrowelle zum Auftauen der Gerichte. „Das hat sich nicht bewahrheitet“, sagt Hans-Joachim Adler von der AMK. Die Architekten würden immer größere Küchen planen und selbst bei Kleinküchen nimmt die Ausstattung zu. Ein Beispiel dafür sind die Rundküchen des Frankfurter Küchenbauers Jean Abt. Sie sehen aus wie Litfaßsäulen, brauchen genauso wenig Platz und bieten den Komfort einer Einbauküche. Auf Vernetzung setzen zahlreiche Gerätehersteller und bieten Kühlschränke an, die online einkaufen, wenn die Milch alle ist, oder Herde, die schon mal mit dem Kochen beginnen, wenn man sie, im Stau stehend, anruft. Noch sind das Liebhaberstücke. Doch für die Generation iPod könnten solche Geräte einmal zum Alltag gehören.

Das steht in der Küche

Das Statistische Bundesamt hat in die Küchen geschaut und Geräte gezählt. 2005 hatten von 100 Haushalten 99 einen Kühlschrank, 72 eine Gefriertruhe, 67 eine Mikrowelle und 59 eine Geschirrspülmaschine. Die Hälfte aller deutschen Küchen ist nicht älter als zehn Jahre, nur knapp ein Viertel hat mehr als 20 Jahre auf dem Buckel. Ein Großteil davon gehört Hausbesitzern um die 50.

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