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Pestizidskandal: Gefahr nicht erkannt?

Immer wieder winken EU-Behörden gefährliche Pestizid-Wirkstoffe durch. Mit Folgen.

19.10.2020 vonLeo Frühschütz

Immer wieder winken EU-Behörden gefährliche Pestizid-Wirkstoffe durch. Mit Folgen.

Pestizide töten: Insekten, Pflanzen, Schimmelpilze. Um Nebenwirkungen für Mensch und Umwelt auszuschließen, müssen sie ein Zulassungsverfahren durchlaufen. Doch das steht in der Kritik. Denn immer wieder gibt es den Vorwurf, dass die EU-Behörden die Daten nicht ausreichend prüfen. Ein Beispiel: Chlorpyrifos.

Skandal um das Pestizid Chlorpyrifos

Eigentlich war das Ergebnis offensichtlich: Die jungen Ratten, deren Mütter während der Schwangerschaft geringe Mengen des Pestizids Chlorpyrifos zu essen bekamen, hatten kleinere Gehirne. Doch das Labor, das die Studie 1998 durchführte, schrieb nichts davon in seinen Ergebnisbericht. Auftraggeber war der Chlorpyrifos-Hersteller Dow Chemical. Als das Insektizid seine EU-Zulassung bekommen sollte, reichte Dow Chemical die Studie bei der Behörde ein, die für die EU den Antrag bearbeitete. Diese akzeptierte den Ergebnisbericht, ohne die Daten der Studie zu prüfen und Chlorpyrifos bekam 2005 seine EU-Zulassung. Auch 2016, als die Zulassung verlängert werden sollte, hatte die Behörde an der Studie nichts auszusetzen.

Doch 2018 schaute sich Axel Mie vom Stockholmer Karolinska Institut die Daten der Tierversuche von 1998 an und stieß auf die verkleinerten Gehirne. Mie und seine Kollegen veröffentlichten ihre Ergebnisse und zwangen so die EU-Lebensmittelbehörde EFSA zu einer Neubewertung von Chlorpyrifos. Ende 2019 verweigerte die EU eine erneute Zulassung und nahm damit das Insektizid vom Markt. Begründung: Chlorpyrifos steht im Verdacht, die Gehirnentwicklung bei Ungeborenen zu schädigen.

Zulassungsverfahren von Pestiziden besser überprüfen

Dass Behörden die Studien von Herstellern ungeprüft übernehmen, ist kein Einzelfall. Auch bei Glyphosat waren es unabhängige Forscher, die feststellten, dass der Hersteller Monsanto Daten aus Tierversuchen falsch ausgewertet hatte. Das Pestizid Aktionsnetzwerk PAN analysierte die Zulassungsdaten von zehn weiteren Wirkstoffen und kam zu dem Schluss, dass in vier Fällen „die von den EU-Behörden vorgeschlagene Klassifizierung der Krebsgefahr zu schwach ausfiel.“ Bereits im Herbst 2018 forderte das Europäische Parlament, das EU-Zulassungsverfahren für Pestizide umfassend zu reformieren. Die Abgeordneten verlangten „eine sorgfältige Evaluierung der Rohdaten“; herstellerunabhängige Studien sollten stärker berücksichtigt werden, ebenso die Umweltauswirkungen der Pestizide. Im Mai kündigte die EU-Kommission dann an, das Zulassungsverfahren effizienter zu machen. Unter anderem sollen Umweltauswirkungen besser erfasst und überwacht werden. Ab März kommenden Jahres müssen die EU-Behörden bei Anträgen die bisher oft unter Verschluss gehaltenen Herstellerstudien veröffentlichen. Unabhängige Wissenschaftler können diese dann einfacher überprüfen. Doch eigentlich wäre das die Aufgabe der Behörden. Aber dazu schwieg die Kommission.

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Die Europäische Bürgerinitiative "Bienen und Bauern retten" fordert u.a. den Ausstieg aus synthetischen Pestiziden.

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