Umwelt

Antibiotikaresistente Keime auf Äckern und in Gewässern

Wie gelangen sie aus der Massentierhaltung und aus Kläranlagen dorthin? Und wie gefährlich ist das für uns und die Umwelt?

Ein Mann mit Brille vor grauem Hintergrund
Leo Frühschütz

Wenn Menschen oder Tiere antibiotikaresistente Erreger in sich tragen, bleiben diese nicht im Körper. Sie werden ausgehustet oder über Urin und Kot ausgeschieden. Das hat Folgen...

2018 ließ der Norddeutsche Rundfunk das Wasser von zehn Bächen und Flüssen sowie zwei Badeseen auf sogenannte multiresistente Erreger (MRE) untersuchen. In allen Proben wurde das Labor fündig. Anschließende Tests von Behörden bestätigten, dass zahlreiche Gewässer mit multiresistenten Erregern belastet sind. „Keine Gefahr für Badegäste“, sagten damals unisono die Behörden, schränkten aber ein, dass großflächige offene Wunden beim Baden riskant sein könnten. Denn gegen resistente Erreger helfen gängige Antibiotika kaum noch, die Folgen sind Entzündungen, die nur schwer abheilen.

Wie resistente Keime in die Umwelt kommen

In Gewässer und Umwelt können MRE auf zwei Wegen gelangen. Zum einen über Tiere aus der industriellen Massentierhaltung. Denn diese erhalten besonders häufig Antibiotika, was die Bildung resistenter Erreger fördert. Über Gülle und Kot der Tiere, die als Dünger auf den Feldern ausgebracht werden, kommen die MRE in die Umwelt. Dort werden sie bei Regen weggewaschen oder bei Trockenheit mit dem Staub verweht und finden so ihren Weg in anliegende Gewässer. Zudem bläst die Entlüftung der Ställe an Staub gebundene MRE nach draußen, wo sich die Partikel dann in der Umgebung der Ställe ablagern. Bis zu einem Kilometer Entfernung waren sie in Untersuchungen nachweisbar.

Zum anderen gelangen multiresistente Erreger über die Abwässer von Kläranlagen in die Umwelt. Denn diese behandeln das Abwasser von Krankenhäusern, das viele multiresistente Erreger enthält. Ebenso wie Abwasser von Schlachthöfen. Die Kläranlagen filtern nur einen Teil der Erreger aus dem Wasser. Der Rest gelangt über den Ablauf in Flüsse. Die herausgefilterten Erreger finden sich im Klärschlamm wieder und auch auf Feldern, wenn der Klärschlamm als Dünger eingesetzt wird. Das geschieht laut Statistischem Bundesamt noch mit gut einem Siebtel des in Deutschland anfallenden Klärschlamms.

Kann Trinkwasser resistente Keime enthalten?

Durch den Boden können die Keime aus Gülle oder Klärschlamm auch ins Grundwasser sickern und theoretisch sogar ins Trinkwasser gelangen. Dass resistente Darmbakterien von dort im Wasserglas landen, ist jedoch unwahrscheinlich, denn Trinkwasser wird regelmäßig auf Fäkalkeime wie Escherichia Coli analysiert und das Labor schlägt bei Funden sofort Alarm.

Was bedeutet horizontaler Gentransfer?

Doch es gibt ein anderes Problem: Bakterien können ihre Resistenzgene untereinander auch über Artengrenzen hinweg austauschen. Horizontaler Gentransfer nennen das die Fachleute. Das kann man sich so vorstellen: Resistente Darmbakterien in der Gülle geben ihre Gene an harmlose Bodenbakterien weiter. Diese wiederum können sie an Krankheitserreger weiterreichen, wenn sie welche treffen.

Wie gefährlich ist Klärschlamm?

Im Schlamm von Kläranlagen tummeln sich tonnenweise Bakterien, die dort Nährstoffe abbauen und das Wasser reinigen. Klärschlamm ist sozusagen eine gigantische Tauschbörse für Resistenzgene. So kommt es, dass auch harmlose Bakterien, die sich im Wasser tummeln, plötzlich gegen Antibiotika resistent sind. Mit den gängigen Tests wird nach ihnen nicht gesucht. Leben solche Bakterien in Wasserleitungen, dann finden sie sich samt ihrer Resistenzgene auch im Trinkwasser – und kommen darüber in Kontakt mit unseren Darmbakterien. Mit diesen können sie dann wiederum ihre Resistenzgene austauschen...

Die Resistenzen aus Stall und Abwasser breiten sich so praktisch ungebremst in der Umwelt aus und stehen dabei auch gefährlichen Bakterien zur Verfügung. „Es muss daher unser Ziel sein, das Resistenzreservoir der Umwelt möglichst klein zu halten“, schreibt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit im Hinblick auf diesen Gen-Austausch. Und das heißt: weniger Antibiotika einsetzen.

Tierhaltung: Risiko Landwirt und Tierarzt

  • Landwirte und Tierärzte haben ein erhöhtes Risiko, dass sie bei der Arbeit im Stall antibiotikaresistente Erreger aufnehmen und bei Kontakten weitergeben, insbesondere an Familienmitglieder.
  • Relevant ist das bei resistenten Staphylokokken (MRSA), weil die sich gerne in der Nasen- und Rachenschleimhaut ansiedeln. Von dort können sie schneller und leichter übertragen werden als Darmkeime.
  • Bei MRSA lässt sich eindeutig feststellen, ob der resistente Erreger aus dem Stall stammt. Das Robert-Koch-Institut schreibt, dass in Deutschland rund zwei Prozent aller MRSA-Infektionen auf resistente Staphylokokken aus Ställen zurückgehen. In Gegenden mit einer hohen Dichte von Tiermastanlagen steige dieser Anteil auf bis zu zehn Prozent an. Die restlichen Infektionen gehen auf Erreger in Krankenhäusern zurück oder werden jenseits der Landwirtschaft von Mensch zu Mensch übertragen.

Warum Antibiotika ein Problem ist

Das macht auch aus einem weiteren Grund Sinn. Diese Wirkstoffe werden im Körper von Mensch und Tier nicht komplett verbraucht, sondern zum Teil unverändert wieder ausgeschieden. Auch diese Antibiotika-Reste finden sich auf Äckern oder in Kläranlagen. Da die Dosis für dort lebende Bakterien meist nicht tödlich ist, dienen ihnen die Reste als Trainingsmaterial, um Resistenzen zu entwickeln. Niederländische Forscher haben ermittelt, dass die Menge der Resistenzgene in den untersuchten Feldern seit den 70er-Jahren teilweise auf das 15-Fache angewachsen ist.

Antibiotika für Tiere

Schwein schaut in die Kamera


700 Tonnen Antibiotika wurden 2020 in Deutschland an Tierärzte verkauft, meldete das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Das allermeiste davon kommt in der Massentierhaltung zum Einsatz.

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MRE und Antibiotikareste lassen sich am wirkungsvollsten dadurch verringern, dass Antibiotika nur noch verschrieben werden, wenn dies medizinisch tatsächlich erforderlich ist – in der Arztpraxis und im Stall.

Was kostet es, resistente Keime aus der Umwelt zu entfernen?

Denn Erreger und Rückstände danach wieder aus der Umwelt zu entfernen, ist teuer. Kläranlagen bräuchten dafür eine weitere Reinigungsstufe. Alle größeren Kläranlagen in Deutschland damit auszustatten, würde über 30 Jahre insgesamt 36 Milliarden Euro kosten, hat der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft errechnet. Der Verband schlägt vor, das Verursacherprinzip anzuwenden und die Hersteller der Arzneimittel für diese Kosten zur Kasse zu bitten.

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