Umwelt

Pestizidfreie Kommunen: Wie Städte Grünflächen ohne Gift pflegen

Immer mehr Kommunen verzichten auf Pestizide auf öffentlichen Flächen. Was pestizidfrei konkret bedeutet, wie die Pflege funktioniert und welche Vorteile das bringt.

Neben dem Neuen Rathaus in Wendelstein liegt eine leicht abfallende Wiese, umgeben von Hecken. Im Winter ist sie von Laub bedeckt – unscheinbar auf den ersten Blick. Doch ein Infoschild macht klar, was hier anders ist: „Blumenwiesen für sandig-trockene Böden“, darüber das Logo des „Blühpakt Bayern“. Die Blumenwiesen wie auch alle weiteren kommunalen Grünflächen werden ohne Pestizide bewirtschaftet und ausschließlich organisch gedüngt. Damit zählt die mittelfränkische Gemeinde zu den sogenannten pestizidfreien Kommunen. Pestizidfrei heißt, dass eine Gemeinde auf den öffentlichen Grünflächen ganz oder zumindest teilweise auf den Einsatz von Spritzmitteln verzichtet, die gegen Unkraut, Pilzbefall und Schädlinge wirken. 

Laut einer vom Umweltverband BUND veröffentlichten Karte gibt es immerhin fast 600 pestizidfreie Gemeinden deutschlandweit, manche von ihnen arbeiten seit über zwanzig Jahren pestizidfrei. Dabei gibt es verschiedene Abstufungen: Alle Gemeinden auf der Liste verzichten auf den Einsatz von Glyphosat, einige gehen noch weiter und verzichten vollständig auf den Einsatz von Pestiziden oder setzen sie nur punktuell zur Bekämpfung invasiver Arten wie des japanischen Staudenknöterichs oder des Riesen-Bärenklaus ein. Würde man diese nicht ausrotten, würden sie andere Pflanzen verdrängen und so der Artenvielfalt schaden.

Was bedeutet „pestizidfreie Kommune“ konkret?

Die Gemeinde Wendelstein setzt auf den kommunalen Wiesen und Grünanlagen keinerlei Pestizide mehr ein. Das erfordert viel Know-how und Kontrollen durch den Bauhof der Gemeinde. Bereits mehr als 12 300 Quadratmeter Blumenwiesen haben die Mitarbeiter:innen bereits angelegt. Dort, wo die Flächen „ordentlich“ aussehen müssen, können Kommunen mit mechanischen oder thermischen Verfahren arbeiten, also unerwünschte Wildkräuter mit Mähgeräten oder Freischneidern reduzieren oder mittels Hitze, Infrarotstrahlung oder Dampf. Das betrifft vor allem Gehwege, Straßenränder oder Plätze, die aus Sicherheitsgründen sauber gehalten werden müssen oder auch Spielplätze und Schulhöfe, bei denen die Anforderungen an Sauberkeit und Sicherheit höher sind. In jedem Fall müssen pestizidfreie Flächen sehr viel individueller gepflegt werden als solche, bei denen Pestizide eingesetzt werden.

In Frankreich ist das Thema pestizidfreie Kommunen deutlich präsenter

Wer in Frankreich unterwegs ist, passiert schon am Ortseingang des Öfteren das Schild „Terre saine. Commune sans pesticides“, also: „Gesundes Land – Pestizidfreie Gemeinde.“ Frankreichs Kommunen sind seit 2017 dank eines Gesetzes, mit dem eine Null-Pestizid-Strategie beschlossen wurde, allesamt weitestgehend pestizidfrei. Die Strategie schränkt die Verwendung von Pestiziden auf öffentlichen Flächen und teils sogar im privaten Gebrauch stark ein. Es gibt nur wenige Ausnahmen wie für Sportflächen, Straßenränder oder Bahngleise und zur Bekämpfung invasiver Arten wie den Riesen-Bärenklau, das drüsige Springkraut oder den japanischen Knöterich. 

Die Umsetzung des Gesetzes variiert regional allerdings stark. Während manche Gemeinden sogar weitergehende lokale Pestizidverbote erlassen haben und sich Initiativen gegen den Einsatz von Pestiziden engagieren, ist die Akzeptanz in stark landwirtschaftlich geprägten Regionen weniger vorhanden.

In pestizidfreien Kommunen ist gute Kommunikation notwendig

Das Akzeptanzproblem ist auch in Deutschland bekannt. Der Beschluss, dass Wiesen und Parks nun anders gepflegt werden und vielleicht auch mal das ein oder andere „Unkraut“ wächst, macht eine gute Kommunikation notwendig: So stellt die Gemeinde Wendelstein Infotafeln auf den Flächen auf, die in die Aktion „mähfreier Mai“ einbezogen und entsprechend nicht gemäht werden. Auch beim Thema Saatgut bewege sich der Bauhof oft in einem Spagat, erklärt Bauhofleiter Werner Winter: Der zuständige Fachberater empfiehlt oft ganz andere Arten als die, die die Bürgerinnen und Bürger gerne auf den Wiesen sehen würden. Die empfohlenen Arten, die Artenvielfalt fördern und als insektenfreundlich gelten, entsprechen nicht immer ästhetischen Ansprüchen. Eine artenreiche Wiese ist nun mal kein englischer Rasen. 

Doch die Mühen zahlen sich aus: Flächen ohne Pestizide haben eine höhere Artenvielfalt und ein aktiveres Bodenleben. So können Pflanzen gerade in den Städten ihren Aufgaben als natürliche Schadstofffilter und CO2-Speicher besser nachkommen, das städtische Mikroklima wird verbessert und Bodenerosion verhindert. Auf der Blumenwiese neben dem Neuen Rathaus in Wendelstein zählte der Bauhof 2025 insgesamt 34 verschiedene Pflanzenarten, darunter die Heide-Nelke, die Karthäuser-Nelke und die Wiesen-Glockenblume. Alle drei stehen auf der Vorwarnliste der Roten Liste Bayern. Für Werner Winter steht fest: „Die positive Entwicklung der Artenvielfalt ist für jeden zu erleben, der sich bei einem sonnigen Tag an eine Blumenwiese stellt und sich auf das Summen und Brummen in der Wiese konzentriert.“

Bei der Vermeidung von Pestiziden ist die Landwirtschaft der größte Hebel

Die Gemeinde Wendelstein verzichtet aus eigener Überzeugung auf Pestizide. Die EU- und bundespolitischen Ziele sind weitaus weniger ambitioniert: Zwar sieht die Farm-to-Fork-Strategie der EU, Teil des europäischen Green Deals von 2020, eine Pestizidreduktion um 50 Prozent bis 2030 vor, konzentriert sich hierbei aber auf die Landwirtschaft und nicht auf die Kommunen. Auch in der Nationalen Biodiversitätsstrategie ist die Rede von 50 Prozent Pestizid-Reduktion bis 2030, ebenfalls mit Fokus auf die Landwirtschaft. Immerhin ist diese mit 95 Prozent größter Abnehmer von Pestiziden. 

Interview: „Was wann wo gespritzt wird, weiß niemand“

Porträt von Anja Voß vom Bündnis für eine Enkeltaugliche Landwirtschaft

Anja Voß ist Geschäftsführerin des Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft (BEL).

Was ist das Hauptproblem mit den Pestiziden?
Wir haben ein strukturelles Problem in Deutschland, Europa, eigentlich weltweit. Konventionelle Lebensmittel sind fast alle mit Pestiziden belastet, teilweise mit verschiedenen Pestiziden gleichzeitig. Die Belastung überschreitet zwar selten die gesetzten Höchstwerte, aber die Pestizidcocktails sind in der Mischung überhaupt nicht erforscht. Es gibt allein in Deutschland aktuell 270 zugelassene Pestizidwirkstoffe.
Kann ich mich denn als Verbraucher:in über die eingesetzten Pestizide informieren?
Nein. Das Einzige, was wir verlässlich wissen, ist der Absatz. Also was wird in welchen Mengen verkauft. Aber was wann wo gespritzt wird, weiß niemand. Die Landwirte müssen zwar die Spritzdaten erfassen. Aber die Behörden werten die Daten nicht aus, sie veröffentlichen sie nicht und nach drei Jahren dürfen diese Daten gelöscht werden.
Was fordert das BEL von der Politik?
Deutschland muss seiner völkerrechtlichen Verpflichtung nachkommen, seinen Pestizideinsatz bis 2030 um 50 Prozent zu reduzieren. Das ist im internationalen Biodiversitätsabkommen verankert, aber es gibt keinen Plan, wie das geschehen soll. Dazu gehört als erster Schritt, dass die Spritzdaten öffentlich gemacht werden. Darum fordern wir unter anderem ein bundesweit verpflichtendes, einsehbares Pestizidregister. 
Mit welchen Mitteln arbeiten Sie?
Wir klagen zum Beispiel gerade vor dem europäischen Gerichtshof gegen die EU-Kommission. Die Kommission hat die Zulassung von zwei hochgefährlichen Ackergiften ohne aktuelle Risikoprüfung verlängert. Das sind Grundsatzklagen, mit denen wir das Zulassungssystem für Pestizide grundsätzlich reformieren wollen.

Dass Kommunen trotzdem nicht untätig bleiben wollen, zeigen zahlreiche Initiativen wie das Bündnis „Kommunen für biologische Vielfalt“, dem sich bereits 436 Kommunen angeschlossen haben. Dieser Verein berät über Fördergelder und wie kommunale Flächen naturnah bewirtschaftet werden können. Mit dem ‚Blühpakt Bayern‘ unterstützt das bayerische Umweltministerium Kommunen, Unternehmen und Kirchen dabei, ihre Grünflächen artenreich und insektenfreundlich zu gestalten. 

Wer pestizidfreie Kommunen einmal live erleben möchte, findet mittlerweile eine Vielzahl an Reisezielen: Brüssel, Lyon, Luxemburg, Karlsruhe, Saarbrücken – oder eben Wendelstein. 

Das könnt ihr tun

•    Lebt ihr schon in einer pestizidfreien Kommune? Sprecht Gemeinde- oder Stadtrat an oder reicht einen Antrag ein! Auf der Seite des BUND finden Sie dazu einen Ratgeber mitsamt Beschlussvorlage für den Gemeinderat: www.bund.net Das Netzwerk Kommunen für biologische Vielfalt bietet inspirierende Beispiele, Beratung und Kontakte zur Vernetzung: www.kommbio.de

•    Lasst wilde Flächen im eigenen Garten wachsen oder legt selbst Blühwiesen an. Die Mischungen dafür bieten Bio-Saatgut-Unternehmen.


•    In vielen Gemeinden kann man Blühpate oder Baumpatin werden, für Blühwiesen spenden oder sich um Stadtbäume kümmern.

•    Zum Weiterlesen:

www.bluehende-landschaft.de
www.bluehpakt.bayern.de
www.pan-europe.info/campaigns/pesticide-free-towns


Zum Unterschreiben: 
Petition gegen Ackergifte vom Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft. www.enkeltauglich.bio

Häufige Fragen zum Pestizideinsatz in Städten und Gemeinden

Was ist eine pestizidfreie Kommune?

Eine pestizidfreie Kommune verzichtet ganz oder teilweise auf chemisch-synthetische Pestizide auf öffentlichen Flächen wie Parks, Wiesen, Spielplätzen oder Straßenrändern.

Gibt es schon viele pestizidfreie Kommunen?

Ja. In Deutschland haben sich bereits mehrere hundert Städte und Gemeinden verpflichtet, ihre Flächen ohne chemisch-synthetische Pestizide oder zumindest ohne Glyphosat zu bewirtschaften.

Warum entscheiden sich Gemeinden für pestizidfreie Grünflächen?

Der Verzicht schützt Insekten, Pflanzen und Bodenorganismen. Zudem verbessert er die Artenvielfalt, das Stadtklima und reduziert Risiken für Mensch und Umwelt.

Sind pestizidfreie Grünflächen ungepflegt?

Nein. Flächen werden individuell gepflegt, etwa durch Mähen oder thermische Verfahren. Auf Spielplätzen und Wegen gelten weiterhin hohe Sicherheitsstandards.

Werden invasive Pflanzen auch ohne Pestizide bekämpft?

Ja. Invasive Arten wie der Riesen-Bärenklau können gezielt und meist mechanisch oder punktuell behandelt werden, um heimische Pflanzen zu schützen.

Wie könnt ihr eine pestizidfreie Kommune unterstützen?

Ihr könnt euch lokal engagieren, etwa in Initiativen oder Bürgergruppen. Auch pestizidfreies Gärtnern im eigenen Garten und der Kauf von Bio-Produkten können dazu beitragen, den Einsatz von Pestiziden zu verringern.

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