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Umwelt

Ökologische Tierhaltung

Ökolandbau macht Tiere glücklich
31.10.2004

Tatort Stall

Ökolandbau macht Tiere glücklich

Bilder von leidenden Käfighühnern und Tiertransporten haben vielen Verbrauchern den Appetit verdorben. Dass man auch respektvoll mit den so genannten Nutztieren umgehen kann, zeigen Bio-Bauern jeden Tag. //Leo Frühschütz

Dreckschwein? Aber klar! Genüsslich wälzt es sich im Schlamm, so wie es seine Vorfahren schon immer getan haben. Schweine können nicht schwitzen, sie brauchen daher das Schlammbad im Sommer, um sich zu kühlen. Außerdem schützen sie sich so vor Parasiten: Juckt die Zecke, Matsch drauf. Antrocknen lassen, abkratzen, fertig.

Deshalb gehört zur Hygiene auch ein Kratzbaum, an dem sich das Schwein die getrocknete Schlammkruste abreiben kann. Schweine sind reinliche Tiere! Das Suhlen im Schlamm zählt ebenso zu den natürlichen Verhaltensweisen eines Schweins wie das Wühlen in Erde mit dem Rüssel oder Nester bauen aus Stroh für die Ferkel. Ausleben können Hausschweine dieses natürlichen Verlangen auf Bio-Höfen. Anderswo eher selten.

Arme Schweine

Konventionelle Schnitzelproduktion sieht ganz anders aus: Ställe ohne Fenster; die Tiere stehen einzeln und eng gedrängt in Gitterverschlägen oder zu mehreren in Boxen zusammengepfercht. Ein ausgewachsenes Tier hat etwa einen Quadratmeter Platz. Der Boden hat Spalten, damit Urin und Kot der Tiere hindurchfallen. Das erspart dem Bauer das Ausmisten. Doch die Tiere leben die ganze Zeit auf kaltem, glitschigen Beton. Die Folgen: Klauenverletzungen wegen des ungewohnten Bodens sowie Gelenk- und Muskelkrankheiten, weil die Tiere sich kaum bewegen können und dabei viel zu schnell Gewicht zulegen. Schleimhäute und Augen werden von den Ammoniak-Ausdünstungen der Gülle gereizt. Die Langeweile ruft bei den von Natur aus neugierigen Tieren Verhaltensstörungen hervor wie das Beißen in die Gitterstangen oder das so genannte Trauern. Dabei sitzt das Tier auf seinen Hinterläufen und lässt den Kopf hängen. Oder die armen Schweine werden aggressiv, beißen sich gegenseitig die Schwänze ab und verletzen sich. Deshalb werden den Ferkeln oft vorab die Schwänze abgeschnitten und die Eckzähne abgezwickt – ohne Betäubung.

Für den ständigen Nachschub an Ferkeln sorgen eigene Zuchtbetriebe, in denen die Sauen als hormonell stimulierte und künstlich besamte Gebärmaschinen gehalten werden. Bis auf wenige Wochen im Jahr leben die Tiere einzeln in Kastenständen, die so eng sind, dass sie sich nicht einmal umdrehen können. Nach dem so genannten Abferkeln werden die Sauen in Gittern fixiert, damit sie nicht aus Versehen ein Ferkel erdrücken. Eine direkte Folge ist der MMA-Komplex (Mastitis: Entzündung des Gesäuges; Metritis: Entzündung der Gebärmutter; Agalaktie: Keine oder unzureichende Milchproduktion). 80 Prozent der Tiere leiden darunter. Nach vier Wochen kommen die Ferkel in übereinander gestapelte Drahtkäfige mit Lochböden, in denen sich vier bis fünf Ferkel einen Quadratmeter Platz teilen. Erst wenn sie etwa 25 Kilogramm Gewicht erreicht haben, werden sie an den eigentlichen Schweinemäster geliefert.

Billig oder „Öko“

Beim konventionellen Mästen von Hühnern, Puten, Kälbern und Rindern sind die Probleme ähnlich: Viel zu wenig Platz im Stall, kein Tageslicht, kein Auslauf und keine Möglichkeit, sich artgerecht zu verhalten. Was zählt ist nur das möglichst billige Endprodukt. 1,99 Euro das Tiefkühlhähnchen, 2,99 das Kilogramm Schweineschnitzel, 7 Cent das Ei oder 49 Cent der Liter Milch.

Die Alternative zu den Missständen bietet die Öko-Tierhaltung. Seit 1999 gelten EU-weit einheitliche Regeln. Deren wichtigsten Grundsätze sind: genug Platz, Einstreu aus Stroh, Tageslicht, Auslauf, artgerechtes Futter. Der Unterschied zur Käfighaltung könnte kaum größer sein.

  • Beispiel Bio-Legehennen: Käfige sind verboten. Die Hühner können sich frei im ganzen Stall und draußen im Auslauf bewegen, im Stroh scharren und nachts auf Stangen sitzend schlafen – entsprechend Hühnervögeln in der Natur, die sich auf Bäumen zur Ruhe begeben. Außerdem darf das Bio-Huhn sein Ei in ein Nest legen, und nicht etwa aufs Fließband.
  • Beispiel Bio-Rinder: Sie erhalten, wie alle Bio-Tiere, artgerechtes Futter aus ökologischem Anbau. Artgerecht heißt im Falle der Rinder, es muss zu mindestens 60 Prozent aus Gras oder Heu bestehen. Der Anteil an energiereichem Kraftfutter, also an Getreide und eiweißreichen Futtermitteln, ist begrenzt, weil sie natürlicherweise selten auf dem Speiseplan der Wiederkäuer stehen. Artgerecht gefütterte Milchkühe geben deshalb weniger Milch. 5.000 Liter im Jahr statt 7.000 oder 8.000 wie eine mit viel Kraftfutter gedopte Kuh. Für die Bio-Kuh gilt eben: Klasse statt Masse.
  • Beispiel Tiertransporte: Die EU-Ökoverordnung verbietet es, Beruhigungsmittel zu verordnen und wie sonst üblich mit Stromstößen anzutreiben. Der Stress bei den Tieren, so lautet die Vorschrift, ist auf ein Minimum zu begrenzen. In der Praxis bedeutet das möglichst kurze Transportwege oder eine Beruhigungspause zwischen Entladen und Schlachten.

Ausnahmen und Fristen

Nicht alle Regelungen der ökologischen Tierhaltung lassen sich sofort und hundertprozentig umsetzen. Deshalb gibt es in der EU-Ökoverordnung immer noch Ausnahmen und Fristen. Zum Beispiel

haben Bauern bis 2010 Zeit, ihre Ställe so zu bauen, dass sie alle Anforderungen der Richtlinien im Detail erfüllen. Ein solcher Umbau kostet oft mehr als hunderttausend Euro und ist nicht einfach umzusetzen, wenn ein Hof wenig Platz hat.

Auch eiweißhaltige Futtermittel sind ein Problem. Manche, wie Kartoffel- oder Maiseiweiß, gibt es nicht in ökologischer Qualität. Weil sie jedoch für eine optimale Ernährung zum Beispiel von Hühnern benötigt werden, dürfen sie in konventioneller Qualität zugekauft werden. Die Obergrenze sind zehn Prozent bei Pflanzenfressern und zwanzig Prozent bei Schweinen und Hühnern. Derzeit laufen viele Versuche, solche Futtermittel durch Bohnen, Lupinen und andere heimische Pflanzen aus Bio-Anbau zu ersetzen.

Standard-Bio-Futter für Jungtiere ist übrigens Muttermilch. Kälber müssen drei Monate lang gesäugt werden, Ferkel 40 Tage lang. Konventionelle Tiere hingegen werden nach wenigen Wochen entwöhnt. Kälber bekommen dann statt der Muttermilch billigen Milchersatz. Die Kuhmilch geht stattdessen an die Molkerei.

Vorbild Verbände

Die großen ökologischen Anbauverbände wie Naturland, Bioland, Demeter, Gäa und Biopark gehen in ihren Regelungen zum Teil deutlich über die EU-Ökoverordnung hinaus. Sie räumen Hühnern und Schweinen noch mehr Platz ein und lassen weniger Ausnahmen für den Zukauf konventioneller Futtermittel zu. Einige Verbände haben für Rinder inzwischen die hundertprozentige ökologische Fütterung vorgeschrieben.

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