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Umwelt

Naturkosmetik ohne Tierversuche

Tierversuche für Kosmetik sind längst verboten, dennoch sterben noch Tausende von Tieren in Kosmetiktests. Naturkosmetik kommt ohne Tierversuche aus. Man kann auch anders testen
31.01.2007
Tierversuche für Kosmetik sind längst verboten, dennoch sterben noch Tausende von Tieren in Kosmetiktests. Naturkosmetik kommt ohne Tierversuche aus. Man kann auch anders testen

Damit die Qual ein Ende hat

Tierversuche für Kosmetik sind längst verboten, dennoch sterben noch Tausende von Tieren in Kosmetiktests. Naturkosmetik kommt ohne Tierversuche aus. Man kann auch anders testen. // Leo Frühschütz

„Kosmetische Mittel, einschließlich deren Bestandteile oder Kombinationen von Bestandteilen, dürfen nicht in den Verkehr gebracht werden, wenn sie (…) im Tierversuch überprüft worden sind.“ So steht es in der deutschen Kosmetik-Verordnung und in ähnlicher Form in der Richtlinie der EU. Klingt schön, ist aber nur die halbe Wahrheit. Da sind Ausnahmen, Übergangsfristen und Gesetzeslücken. Die haben zur Folge, dass nach Schätzungen der Tierschutzverbände in der EU jährlich rund 30.000 Tiere für Kosmetiktests leiden und sterben: Kaninchen, denen man beim Draize-Test Flüssigkeiten in die Augen träufelt, um die Schleimhautreizung zu überprüfen. Oder Ratten, die beim Toxizitätstest LD50 so lange Wirkstoffe fressen müssen, bis sie daran sterben.

Tierversuche noch bis 2013

Die EU verbietet seit 2004 den Verkauf von Kosmetika, die als Ganzes an Tieren getestet wurden. Für einzelne Wirkstoffe und für Kosmetikimporte von außerhalb der EU sind Tierversuche noch bis März 2009 zulässig, manche sogar bis 2013. Erst wenn es Alternativen gibt, soll das Verbot komplett gelten. Doch bisher hat die EU nur wenige der in den letzten Jahren entwickelten Alternativmethoden anerkannt. Tierschützer fürchten deshalb, dass die EU die Fristen weiter verlängert.

Neben diesen Ausnahmen hat das Tierversuchsverbot eine weitere Lücke: Chemikalien wie Tenside oder Konservierungsstoffe, die auch in anderen Produkten eingesetzt werden, durchlaufen die üblichen Sicherheitstests inklusive Tierversuche.

Ethik bei der Körperpflege

Die Hersteller von Naturkosmetika haben Tierversuche für ihre Produkte von Anfang an abgelehnt. Calendula-Creme in Kaninchenaugen zu schmieren, das widersprach allen ethischen Maßstäben, unter denen sie angetreten waren. Fast alle Naturkosmetikfirmen sind Mitglied im Branchenverband BDIH. Dessen Kriterien für das Logo „Kontrollierte Naturkosmetik“ schreiben vor: „Weder bei der Herstellung noch bei der Entwicklung oder Prüfung der Endprodukte werden Tierversuche weder durchgeführt noch in Auftrag gegeben. Rohstoffe, die vor dem 1. Januar 1998 noch nicht im Markt vorhanden waren, dürfen nur dann verwendet werden, wenn sie nicht im Tierversuch getestet worden sind.“

Sicherheit für Mensch und Tier

Dieser Stichtag stellt sicher, dass neu entwickelte Substanzen nur dann in den Tiegel kommen, wenn dafür keine Tiere leiden mussten. Denn die Sicherheit lässt sich im Reagenzglas und bei Anwendungsversuchen am Menschen testen. Bei älteren Wirkstoffen lässt sich dagegen nicht ausschließen, dass sie von den jeweiligen Herstellern einst an Tieren getestet wurden. Bereits seit Anfang der 80er-Jahre gibt es das Häschen mit der schützenden Hand darüber als Logo. Es wird vom Internationalen Herstellerverband gegen Tierversuche in der Kosmetik (IHTK) vergeben und vom Deutschen Tierschutzbund überprüft. Hier ist der Stichtag für tierversuchsfreie Rohstoffe der 1. Januar 1979. Alle danach mithilfe von Tierversuchen neu zugelassenen Wirkstoffe bleiben außen vor. Der Tierschutzbund verbietet auch Zutaten von toten Tieren. Der BDIH beschränkt das auf Wirbeltiere. Er lässt Substanzen aus toten Insekten zu. Etwa den roten Farbstoff Carmin aus Cochenille-Läusen oder Seide, für deren Gewinnung Schmetterlingsraupen sterben. Auf manchen Naturkosmetika findet sich das Siegel der Kontrollorganisation Ecocert. Es verbietet – wie das Gesetz – Tierversuche am Endprodukt. Der Reformhausverband Neuform schließt für Kosmetika mit seinem Logo Zutaten von toten Tieren aus und verbietet, Tierversuche durchzuführen oder in Auftrag zu geben. Allerdings kennt er keine Stichtagsregelung und kein Tierversuchsverbot für einzelne Rohstoffe. Für alle Logos gilt, dass sie nicht garantieren können, ob irgendein Dritter – ohne Zutun der Hersteller – mit einem Inhaltsstoff Tierversuche macht. So haben Mediziner in den letzten Jahren Hunderte von Mäusen und Ratten getötet, um herauszufinden, ob und wie Aloe vera-Gel bei Brandwunden oder Diabetes hilft.

Ein Massaker droht:

REACH, das neue Regelwerk für Chemikalien in der EU, sieht vor, alle in Mengen gehandelten Stoffe auf Giftigkeit und Gefährlichkeit zu untersuchen. Dafür werden 30 bis 45 Millionen Tiere umgebracht, fürchten Tierschutzorganisationen. EU-Beamte glauben, dass die Ergebnisse von Tierversuchen auf den Menschen übertragen werden können. Tierschützer halten das für Humbug. Sie fordern ein REACH ohne Tierversuche.

Mehr Infos: www.vierpfoten.de. Auf Kampagnen und Versuchstiere klicken.

Die Tierversuchsrepublik

Der aktuelle Tierschutzbericht zeigt: In Deutschland sterben jährlich mehr als zwei Millionen Tiere in Versuchslaboren, davon 800.000 in der Grundlagenforschung und 800.000 in den Laboren der Pharmaindustrie. 1 Million Mäuse, 500.000 Ratten, 100.000 Kaninchen, 5.000 Hunde und fast 2.000 Affen sind die Hauptleidtragenden.

Martina Gebhardt Naturkosmetik

Lavera

Erfahrung von Jahrhunderten

Alle testen mit

Einzelne Wirkstoffe aus Pflanzen zu isolieren oder pflanzliche Rohstoffe chemisch aufwendig zu Tensiden zu verarbeiten, das passt nicht in Martina Gebhardts Philosophie. „Je mehr ein Rohstoff maschinell bearbeitet wird, desto mehr verliert er seinen natürlichen Rhythmus. Leben ist Rhythmus.“ Deshalb verarbeitet die Geschäftsführerin der nach ihr benannten Naturkosmetik-Firma Öle, Pflanzenauszüge und andere Rohstoffe möglichst naturbelassen. „Ich glaube, dass dann die Wirksamkeit einer Heilpflanze oder eines Pflanzenöls im ganzheitlichen Sinne stärker und harmonischer ist.“

Für Martina Gebhardt war es deshalb nicht schwer, die Kriterien des Herstellerverbandes gegen Tierversuche in der Kosmetik (IHTK) zu erfüllen und auf Zutaten zu verzichten, die in den 80er- und 90er-Jahren neu entwickelt wurden. „Die Natur bringt eine derartige Vielfalt an Heilpflanzen und pflegenden Substanzen hervor, dass es keinen Sinn hat, das Rad neu zu erfinden. Ich ziehe es vor, mich mit Heilkundigen und Schamanen aus aller Welt auszutauschen und ihr reichhaltiges Wissen in meiner Kosmetik mit einzubringen.“

Ein Beispiel dafür ist Kukuinussöl, das Martina Gebhardt für ihre Sonnenkosmetik verwendet. Der Kukui-Baum ist in Hawaii zu Hause. Das Öl der Nüsse wird dort traditionell als Sonnenschutz und zur Babypflege verwendet. „Da stehen Jahrhunderte von Erfahrungen dahinter“, sagt Martina Gebhardt. „Gewonnen ganz ohne Tierversuche.“

Für Lavera-Kosmetika gibt es einen besonderen Härtetest: Die Haut des Chefs. Thomas Haase leidet an Neurodermitis, welche ihn dazu bewog, selbst Kosmetika zu entwickeln und an sich zu testen. Das blieb so, als er die Laverana GmbH mit den Marken Lavera und Laveré gründete. Doch er ist längst nicht das einzige „Versuchskaninchen“.

Am Beispiel der neuen Tensidmischung in den Shampoos erklärt Pressesprecherin Sabine Kästner das Prozedere: „Die Mitarbeiter im Entwicklungslabor duschen damit und lassen sich das Shampoo absichtlich in die Augen laufen.“ Sind auch die Produktmanager zufrieden, kommt der firmeninterne Test. 150 Angestellte zählt die Laverana GmbH, drei Viertel von ihnen Frauen. Viele leiden an Hautkrankheiten oder an Allergien. „Jeweils 50 Mitarbeiter testen oft mehrere Monate lang, ob ein Produkt praxistauglich und verträglich ist.“ Danach folgen Tests mit externen Probanden. Zum Schluss überprüft ein Labor an ausgewählten Personen die Hautverträglichkeit des Produkts. Setzt Lavera neue pflanzliche Rohstoffe anderer Hersteller ein, müssen diese schriftlich bestätigen, dass sie keine Tierversuche durchgeführt oder in Auftrag gegeben haben – denn alle Rohstoffe, die nach dem 1. Januar 1998 auf den Markt kommen, dürfen nicht mehr an Tieren getestet werden. Das alles gilt auch für die wenigen Produkte, die kein BDIH-Logo tragen, versichert Sabine Kästner. „Hier machen wir keinen Unterschied, sonst würden wir unsere eigenen Grundsätze ja in Frage stellen.“

Martina Gebhardt integriert das Wissen von Heilkundigen und Schamanen aus aller Welt in ihr Kosmetikkonzept.

Die beiden Lavera-Geschäftsführer Klara Ahlers und Thomas Haase testen ihre Produkte am eigenen Leib.

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