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Mit  66 Jahren ...

GESELLSCHAFT Mit diesem Lied besang Udo Jürgens einst die neuen Lebenschancen nach dem Renteneintritt. Die heutige Entwicklung gibt ihm recht: „...da fängt das Leben an.“
01.06.2015

GESELLSCHAFT Mit diesem Lied besang Udo Jürgens einst die neuen Lebenschancen nach dem Renteneintritt. Die heutige Entwicklung gibt ihm recht: „...da fängt das Leben an.“ // Sabine Kumm

Wo sind sie denn? Bei dem Versuch, sich dem Phänomen der heutigen „Alten“ zu nähern, stößt man zunächst auf ein merkwürdiges Vakuum. Obwohl alle über sie sprechen, scheint es sie eigentlich gar nicht mehr zu geben, fast so, als hätten sie sich einfach selbst abgeschafft, frei nach dem Motto: „Stell dir vor, alle werden alt, und keiner geht hin!“. Und nicht nur das: Auf dem Weg zur Therme, zum Yoga- oder Computerkurs haben sie die Klischees vom vergreisten, hilflosen, geistig unbeweglichen Senioren gleich mit entsorgt. Mach kaputt, was dich kaputt macht! Der Schaukelstuhl liegt auf dem Sperrmüll, den Stricknadeln ist das Klappern vergangen und das Kissen auf der Fensterbrüstung hat gewaltig Federn gelassen. „Ich bin dann mal weg“, verkündet der Anrufbeantworter …

Natürlich sind die Alten nicht wirklich verschwunden – die Wahrheit ist: Sie haben ganz einfach ein neues Etikett bekommen. „Best Ager“, „Silver oder Golden Ager“ sind sie in den Medien geworden, und die Anglizismen scheinen sie gleich noch eine Ecke jünger zu machen.

Alt ist unter 80 keiner mehr. 60 ist das neue 50 – manchmal, je nach Intensität der persönlichen Anti-Aging-Maßnahmen, sogar das neue 40. Wie ist es dazu gekommen? Ist die neue Vitalität auf den Einfluss der Alt-68er zurückzuführen, die jetzt allmählich in die Seniorenphase eintreten? Wohl eher nicht.

Begonnen hat die Änderung des Altersbildes schon Ende der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Mit der Einführung des damals propagierten Vorruhestands ging über dem Lebensabend die Sonne auf: Es gab nicht länger die von Einschränkungen und Abbau gezeichneten, zurückgezogenen Alten – auf einmal war klar: man kann auch im Alter noch etwas für seine geistige und körperliche Fitness tun, Hobbys pflegen, in Ehrenämtern arbeiten, lebenslange Wunschprojekte angehen oder sich politisch engagieren.

„Heute schalten sich grundsätzlich ältere Menschen mehr in das gesellschaftliche Geschehen ein“, sagt der Berliner Protestforscher Prof. Dr. Dieter Rucht vom Berliner Institut für Protest- und Bewegungsforschung. „Menschen sind heute länger fit, gesünder, vitaler und gehen vielleicht auch eher in den Ruhestand. Sie haben Zeit, und sie fühlen sich von gesellschaftlichen Veränderungen stärker betroffen als früher.“

Senioren als Hausbesetzer

So kann aus dem Ruheständler jederzeit auch ein aktiver Widerständler werden, der gegen Stuttgart 21 und Atomkraft protestiert, gegen Gentechnik marschiert und für eine nachhaltige Agrarwende demonstriert. 2012 gingen die Bilder der Seniorenfreizeitstätte Stille Straße 10 in Pankow durch die Presse, die wegen drohender Schließung von einer Gruppe rebellischer Rentner über Monate hinweg als Hausbesetzer verteidigt wurde.

Revolution ist machbar, Herr Nachbar – auch mit Rollator. Denn unter dem Pflaster, da liegt immer noch der Strand, mit frischem Wind und selbstbestimmten Gezeiten. Ganz gleich, welchen Alters – hier kann jeder eine gehörige Welle machen.

Kein Platz in der Schublade

Wo das Alter zu einer Frage der individuellen Befindlichkeit wird, sprengt es jede Schublade. Wenn Mick Jaggers Konterfei auf der Titelseite eines englischen Seniorenmagazins erscheint, während der deutsche Volksmusikstar Heino die „schwarzbraune Haselnuss“ gegen die schwarze Nietenjacke tauscht, um alte Nena- und Ärzte-Songs zu covern, scheint die Welt Kopf zu stehen.

„Junge, wie du wieder aussiehst!“

Das Alter hat sich mit zunehmender Lebenserwartung nicht nur in eine 3. und eine 4. Lebensphase ausdifferenziert, es ist auch vielfältig geworden wie nie zuvor. „Grau ist bunt“, nannte schon Bremens Ex-Bürgermeister und Altersspezialist Henning Scherf sein 2006 erschienenes Buch über das, was im Alter möglich ist. Und das ist noch immer eine ganze Menge.

Bis 2050 werden die Über-65-Jährigen ein Drittel der deutschen Gesamtbevölkerung stellen. Nach Beendigung der offiziellen Arbeitsphase bleiben ihnen heute im Durchschnitt noch 15-20 „beste Jahre“ zur freien Verfügung. Bei guter Gesundheit, versteht sich. Alles ist drin: die neue Selbstständigkeit, das Abrocken auf der Ü-60-Party, endlich Klavierspielen lernen, eine Weltreise machen, eine Schönheits-OP oder die Aussöhnung mit dem veränderten Körper im Yoga-Kurs.

Die Wohlsituierten, deren Rente noch dicke reicht, werden inzwischen von einer ganzen Industrie umworben. Für die neu entdeckte Käufergruppe im Anti-Aging-Schlaraffenland gibt es so ziemlich alles: von Kosmetik, Kochkursen, Wanderreisen und Theater-Events bis zu Handys und atmungsaktiver Sportbekleidung.

Klar, dass das auch seltsame Blüten treibt. Da bügelt schon mal im Werbefernsehen die computerbesessene Omi ihren Enkel mit einem „langweilig!“ ab, verkündet in bester, offiziell gekürter Jugendsprache: „Läuft bei mir“ und findet schnelles Internet „supergeil“.

Die andere Seite der Medaille ist deutlich glanzloser. Das sind die weniger Betuchten, die Langzeitarbeitslosen und die Teilzeitopfer, zu denen vor allem ältere Frauen gehören. Sie tauchen nicht auf in der Heile-Welt-Werbung der Generation 55 plus, sondern verstecken sich in den Berichten über Rentenlücke und Altersarmut. Ihr Wunsch ans Restleben: mit dem Geld auskommen, in der vertrauten Umgebung bleiben und nicht einsam sein.

Näher zusammenrücken

Überhaupt: Das Glück im Alter steht und fällt mit Gesellschaft, Lebenssinn und Wohnform. Und hier gehen die Möglichkeiten schon längst über den Standard „Allein“, „Ins Heim“ oder „Zu den Kindern“ hinaus.

Mindestens 3000 alternative Wohnprojekte soll es laut Henning Scherf mittlerweile in Deutschland geben. Die meisten Älteren wollen im vertrauten Umfeld bleiben – altersgerecht umgebaut und ergänzt durch Hilfs- und Gemeinschaftsangebote könnten sie so möglichst lange selbstbestimmt leben. „Wir müssen beieinander bleiben, wir müssen zusammenrücken, wenn wir nicht einsam und isoliert persönlichen Ängsten und gesellschaftlichen Krisen ausgeliefert sein wollen“, schrieb Henning Scherf in seinem 2009 erschienenen Buch „Gemeinsam statt einsam“. Je früher man mit der Suche beginnt, desto besser stehen die Chancen, etwas Passendes zu finden.

Wohnen im Projekt

Margit ist gerade 68 geworden und wohnt seit einem halben Jahr in einem Mehrgenerationenprojekt. Den Umzug in die ebenerdige neue Heimat hat sie sorgfältig geplant. „Ich möchte mit Leuten zusammenleben, die noch nicht zum alten Eisen gehören wollen“, erzählt sie. „Der Austausch mit anderen in einer ähnlichen Lebensphase hilft, die eigenen Gefühle einzuordnen.“

Mit Gleichgesinnten zusammenziehen möchte auch der 66-jährige Werner Konkol, der schon seit über zwei Jahren am Konzept seiner Wohnbaugruppe Rhein-Neckar 55Plus arbeitet. Seine Vision: energieneutrale, mit modernster Technik ausgestattete Wohnmodule variabler Größe, im Rund um eine Gemeinschaftszone mit Teich angeordnet. Er will raus aus seiner Doppelhaushälfte, hinein ins ökologisch ausgerichtete, ganzheitliche Leben. Das Konzept steht, erste Interessenten haben sich schon gemeldet (news@wk2000.de). „Wenn man daran glaubt, kann man alles machen!“, sagt er.

Möglichkeiten entwickeln

Seniorenheim, Großfamilie, betreutes Wohnen oder Alten-WG-Konzepte gibt es genug. Viele, die im Geist der 68er erwachsen geworden sind und heute an der Schwelle zum Alter stehen, haben sie in den verschiedensten Arten von Wohn- und Lebensgemeinschaften bereits erprobt. Nun gilt es, die alten Erfahrungen mit der neuen Lebensphase abzugleichen. Ganz so rebellisch wie einst wird es wohl nicht mehr werden. „Unbequem, aufmüpfig, theoriebeladen, konfliktbesessen, rebellisch: So haben sie die Republik geprägt, und so werden sie auch dem Alter ihren Stempel aufdrücken“, prophezeite Rainer Böhme, Co-Autor des Buches „Die Altersrevolution“, noch 2008 in einem vielzitierten Interview über die alternden 68er.

Heute ist das Buch vergriffen, Auch wenn sich die Kerzen auf den Geburtstagstorten der ehemaligen Weltverbesserer drängeln – der altersrevolutionäre Flächenbrand lässt auf sich warten. Dafür erblüht eine Vielzahl von Initiativen in ungeahnter Artenvielfalt. Denn die alten Methoden funktionieren noch: hinterfragen, querdenken, sich zusammenschließen, aktiv werden.

Es tut sich was jenseits der 50. Und diesmal sind wir alle gefragt, mitzugestalten. Fantasie an die Macht!

Deutschland wird immer älter: Demografischer Wandel in Zahlen

‣ Seit 150 Jahren steigt die Lebenserwartung in Deutschland pro Jahr etwa um 3 Monate an.

‣ Im Jahr 2010 waren 18 Prozent der Bevölkerung jünger als 20 Jahre und 21 Prozent 65 Jahre und älter, der überwiegende Teil (61 Prozent) befand sich im erwerbsfähigen Alter. Bereits in den nächsten beiden Jahrzehnten werden sich die Gewichte zugunsten Älterer verschieben. Jeder Dritte wird 65 Jahre oder älter sein.

‣ Die Lebenserwartung Neugeborener liegt heute bei 77,5 Jahren (Jungen) und bei 82,6 Jahren (Mädchen). Man erwartet, dass sich diese Steigerung auch in den nächsten Jahren fortsetzen wird – im Jahr 2030 Geborene werden vermutlich im Durchschnitt 81,0 bzw. 85,7 Jahre alt.

‣ Heute leben in Deutschland etwa 50 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter, 2030 werden es voraussichtlich etwa 42 Millionen sein.

Interview: „Wir brauchen ein neues Drehbuch“

Karin Haist: Sie leitet bei der Körber-Stiftung den Bereich

Die Älteren leben heute länger und bleiben gesünder. Was heißt das?

Da ja im gleichen Maße die Geburten abnehmen, wird unsere Gesellschaft immer älter. Das hat Auswirkungen auf unsere Städte, die neue Wohnformen, Versorgungsleis-tungen oder öffentliche Infrastruktur anbieten müssen. Der demografische Wandel verändert aber zum Beispiel auch unsere Wirtschaft und das Arbeitsleben: Die Älteren bringen eine erhebliche Kaufkraft ein, Branchen wie die Gesundheitswirtschaft oder Dienstleistungen für Freizeit und Kultur haben gute Perspektiven.

Können wir heute überhaupt noch pauschal über „die Alten“ sprechen?

Nein, wenn wir die Definition der WHO ernst nehmen, wonach wir ab 60 alt sind, wird schnell klar: Da leben ja mit den 60-Jährigen, den 80-Jährigen und den 100-Jährigen bis zu drei Altersgenerationen nebeneinander.

Sie haben einmal gesagt, dass wir ein „neues Drehbuch“ für das Alter brauchen ...

Damit meine ich zum einen, dass wir das eigene Alter aus guten Gründen als aktive Lebensphase planen können, in der wir immer wieder Neues wagen können. Aber ich meine damit auch, dass uns die längere Lebenszeit eine entzerrte Biografie und Karriereplanung ermöglicht: Wenn ich weiß, die guten Jahre kommen noch, muss ich mit 30 oder 40 Jahren doch noch nicht alles erreicht haben!

Was bedeutet Alter für Sie persönlich?

Die Zeit des langen Lebens ist eine individuelle Verheißung, sich immer wieder neu erfinden zu können. Und es kommt noch besser: Wir sind lernfähig bis ins Alter; sogar die Glücksforschung sagt, dass wir nach einem U-Turn Ende 40 wieder glücklicher werden – und dass die Lebenszufriedenheit im Alter höher ist als in der frühen Erwachsenenzeit.

Gemeinschaft

„Wenn man die richtige Unterstützung und die richtige Struktur um sich herum hat und in einem Netzwerk leben darf, dann ist das eine große Lebenserfahrung.“

Henning Scherf

Mehr zum Thema

ww.bagso.de
Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen mit Infos über alternative Wohnformen im Alter

ww.alter-neu-erfinden.de
Projekte der Körber-Stiftung rund um das Thema Potenziale des Alters

ww.bpb.de
Bundeszentrale für politische Bildung mit Hintergründen zum Thema Älterwerden

http://reset.org/knowledge/ganz-schoen-anders-oekodoerfer-und-kommunen
Infos über verschiedene Öko-Dörfer mit internationalen Links

Scherf, Henning:
Westendorp, Rudi:
Schumacher, Hajo:

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