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Umwelt

Mehrwegflasche, wo bist du?

Auch im Bio-Laden haben Plastikflaschen, Tetrapaks und seit Kurzem sogar Aludosen Platz gefunden. Dafür gibt es gute Gründe. Für Mehrweg auch. // Leo Frühschütz
30.11.2012

Auch im Bio-Laden haben Plastikflaschen, Tetrapaks und seit Kurzem sogar Aludosen Platz gefunden. Dafür gibt es gute Gründe. Für Mehrweg auch. // Leo Frühschütz

Früher war alles einfacher. Da galt die Mehrwegglasflasche als die optimale Getränkeverpackung. Nicht nur weil Glas keine Stoffe an das darin verpackte Getränk abgibt. Die Flasche war der Gegenpol zur aufkommenden Ex-und-Hopp-Mentalität. Ein Symbol für nachhaltigen Einkauf und deshalb gerade in den Naturkostgeschäften ein Muss. Heute stehen in den Bio-Läden immer noch viele Mehrwegglasflaschen – neben PET-Flaschen, Getränkekartons und Einwegglas. Wie nachhaltig ist das?

Um diese Frage beantworten zu können, haben Wissenschaftler die Öko- Bilanz entwickelt. Sie soll möglichst alle Umweltauswirkungen über die gesamte Lebenszeit eines Produkts erfassen und damit eine ganzheitliche Bewertung ermöglichen. Der Energieverbrauch beim Herstellen und Transportieren geht ebenso in die Bilanz ein, wie das Abwasser der Flaschenreinigung oder die Recyclingquote.

Glas, PET oder Tetrapak?

Die ersten dieser Bilanzen wurden im Auftrag des Umweltbundesamtes 1995 und 2000 erstellt und veröffentlicht.

Bei Bier und Milch lagen damals die Glasmehrwegflaschen vorne. Für Mineralwasser und kohlensäurehaltige Erfrischungsgetränke erwiesen sich Mehrwegflaschen aus dem Kunststoff PET als die ökologisch sinnvollste Verpackung, gefolgt gleichauf von Mehrwegglasflaschen und Getränkekartons. Einwegflaschen aus Glas oder PET sowie Dosen aus Weißblech oder Aluminium schnitten bei allen Getränken deutlich schlechter ab. Die Getränkekartons, nach einem der Hersteller auch oft als Tetrapaks bezeichnet, gelten seither als „ökologisch vorteilhafte Einweg-Getränkeverpackun-gen“ und wurden in der Verpackungsverordnung den Mehrwegsystemen gleichgestellt.

In den nachfolgenden Untersuchungen schnitten Einweg-PET-Flaschen immer besser ab. Benedikt Kauertz, Öko-Bilanz-Experte beim Heidelberger IFEU-Institut, erklärt das so: „Der Rohstoff PET wird heute umweltverträglicher hergestellt als vor 15 Jahren. Die Anlagen, die die Flaschen produzieren und befüllen sind größer und arbeiten effizienter. Auch hat sich das Gewicht der Flaschen verringert.“ Dieser ökologische Fortschritt war die Folge eines rasanten Siegeszugs. Als „leichtwiegig“ und „unkaputtbar“ bewarb Coca-Cola seine ersten PET-Flaschen und traf damit bei den Verbrauchern ins Schwarze.

Heute liegt der Marktanteil der PET-Einweg- und Mehrwegflaschen bei Mineralwasser und Erfrischungsgetränken bei über 80 Prozent. In diesem Sektor, so stellte das IFEU 2010 fest, hat die 0,7-Liter Glasmehrwegflasche gegenüber der 1,5-Liter PET-Einwegflasche „keine eindeutigen Vorteile“ mehr.

Benedikt Kauertz warnt davor, solche Ergebnisse pauschal auf andere als die untersuchten Szenarien zu übertragen. Wie eine Verpackung abschneidet, hängt auch von den jeweiligen Vorgaben in der Bilanz ab. Mehrweg punktet bei kurzen Transportwegen und häufiger Wiederbefüllung. Je länger die Wege, desto mehr spricht für Einweg, insbesondere wenn schwere Glasmehrwegflaschen zurücktransportiert werden müssen. „Es gibt aber keine Faustregel, ab welcher Zahl eine Einwegflasche ökologisch vorteilhafter wäre,“ sagt Kauertz. Das müsse man in jedem Einzelfall berechnen. So spielt es eine Rolle, ob ein Abfüller die gängigen Mehrwegsysteme für Bier, Saft und Mineralwasser verwendet. Deren Flaschen gehören zu einem Pool und sind überall im Land vorrätig. Das verkürzt Transportwege. Individuelle Mehrwegflaschen hingegen, wie sie die Mineralwasseranbieter Hornberger, Biokristall und St. Leonhards verwenden, können nur wiederbefüllt werden, wenn sie zu ihrem Abfüller zurückkommen, notfalls quer durch die Republik. „Da schaut die Bilanz anders aus“, sagt Benedikt Kauertz. Schlechter? „Auf jeden Fall anders.“ So könnte eine besonders leichte Flasche zusätzliche Transportkilometer ausgleichen.

Kunststoff, Bauxit, Quarz?

Ein weiterer Aspekt sind die Rohstoffe für die Verpackung. Der Kunststoff PET wird aus Erdöl hergestellt, das langsam knapp wird. Bauxit als Rohstoff für die Aluminiumproduktion reicht noch 150 Jahre. Quarzsand für die Glasschmelzen gibt es dagegen langfristig genug. Die Papierfasern für Getränkekartons werden aus Holz frisch hergestellt. Seit diesem Jahr stammt das Holz bei allen großen Produzenten aus nachhaltiger Waldwirtschaft mit dem FSC-Siegel.

Zur Nachhaltigkeit gehören auch die wirtschaftlichen Folgen einer Verpackung. Mehrwegsysteme schaffen mehr Arbeitsplätze und fördern regionale Strukturen. Einwegverpackungen kommen großen Abfüllern und Handelskonzernen entgegen. „Das Arbeitsplatzverhältnis von Mehrweg und Einweg beträgt 5:1“, schreibt die stark mehrweg-engagierte Deutsche Umwelthilfe und warnt: „Eine Umstellung der Betriebe nur auf Einweg würde den Wegfall eines Großteils der 168 000 Arbeitsplätze in der Getränkeindustrie bedeuten.“

Die Verpackung soll nicht in erster Linie die Umwelt schützen, sondern die eingepackte Flüssigkeit. Dose und Karton bieten einen etwas besseren UV-Schutz als Glasflaschen, doch reicht deren Filterwirkung vollkommen aus. Glas hat den großen Vorteil, dass es chemisch inert ist, also keine Stoffe an das Füllgut abgibt. Bei Dosen, PET-Flaschen und Getränkekartons können Inhaltsstoffe aus der Verpackung ins Lebensmittel übergehen. Gesundheitlich bedenklich sind diese Mengen selten. Saure Getränke können zwar Aluminium aus der Dose lösen, allerdings deutlich weniger als andere Lebensmittel natürlicherweise enthalten.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat in Mineralwasser in PET-Flaschen über ein Dutzend Chemikalien in Spuren nachgewiesen – weit jenseits vorhandener Grenzwerte. Gesucht hatte das Institut eigentlich nach Substanzen mit hormoneller Wirkung. Mehrere Studien hatten zuvor gezeigt, dass Wasser in PET-Flaschen solche Stoffe enthalten kann. Allerdings in Mengen, die unter denen mancher pflanzlicher Nahrungsmittel liegen. Manche PET-Flaschen enthalten nanokleine Teilchen, damit die Flasche besser vor Sauerstoff und UV-Strahlung schützt. „Wie mobil Nanostrukturen sind und ob und mit welchen Auswirkungen sie in die Lebensmittel übergehen, ist ungeklärt“, argumentiert der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft und rät davon ab, solche Flaschen einzusetzen. Bei Getränkekartons besteht das Risiko, dass Bestandteile der Druckfarben vom Karton in den Saft wandern. 2006 schaffte dies eine Chemikalie namens ITX.

Bio-Läden setzen auf Mehrweg

Verglichen mit konventionellen Supermärkten sind Bio-Läden noch Mehrweg-Hochburgen. Die Bio-Brauereien Neumarkter, Pinkus oder Riedenburger setzen komplett auf Mehrwegflaschen. Dosen gibt es keine. Die Saftabfüller setzen ganz – wie Beutelsbacher und Perger – oder überwiegend – wie Rabenhorst (Bioborn) und Voelkel – auf Mehrweg. Weil das nur noch wenige Mostereien machen, liegt die Mehrwegquote bei Säften insgesamt – also bio und konventionell – laut der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung unter 13 Prozent. Im Bio-Laden dürften es über 80 Prozent sein.

Von den Erfrischungsgetränken im Bio-Laden werden drei Viertel in Mehrwegglas und 20 Prozent in PET-Flaschen verkauft. Das hat das Handelspanel

Biovista ermittelt. Bundesweit hingegen werden rund 60 Prozent aller Erfrischungsgetränke in PET-Einwegflaschen abgefüllt. Bei Mineralwasser beträgt das Verhältnis Glasmehrweg zu PET-Einweg im Bio-Laden laut Biovista 84 zu 16. Im gesamten Mineralwassermarkt machen die Mehrwegflaschen aus Glas und PET noch ein Drittel aus. Der Rest ist vor allem PET-Einweg. Milch in Mehrwegflaschen gibt es fast nur noch im Bio-Laden. Dort liegt ihr Anteil laut Biovista bei 22 Prozent. Tendenz sinkend. Denn auch hier greifen immer mehr Kunden zu leichten Verpackungen.

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