Mein letztes Auto war in der Schlusskurve seiner Existenz eher eine Art Naturkunstwerk als ein Fahrzeug. Nicht näher zu bestimmender Bewuchs hatte das Dach in eine verhärtete Grünschicht verwandelt. Und zum Moos auf den Bremsscheiben fragte mich der Kfz-Mechaniker aus meiner Lieblingswerkstatt: „Sagen Sie mal, wie oft fahren Sie eigentlich?“ Die nächste TÜV-Prüfung machte offensichtlich keinen Sinn mehr.
Meine Autobiografie beläuft sich auf exakt zwei Fahrzeuge, die in hohem Alter das Zeitliche segneten. Beide als günstige Gebrauchtwagen übernommen – um den TÜV noch zu Ende zu fahren – mühten sich nach Kräften, mich da hin zu bringen, wo kein Zug hielt. Fuhr man schneller als 50 Stundenkilometer, kam man sich vor wie in einem Formel-1-Rennwagen. Wie sich Tempo 130 anhörte, sollte ich nie erfahren. Bereits bei 110 erinnerte der Lärm an den Start einer Mondrakete. Und obwohl ich kein Autofan bin, fühlte ich im Moment der Verschrottung jeweils eine Verbundenheit mit dem Blech, das ein kleiner Teil meines Lebens gewesen war.
Vor ein paar Wochen habe ich den Ausdruck „Exnovation“ gelernt, das Gegenteil von Innovation. Es geht um das Überwinden veralteter Technologien, verwoben mit dem neudeutschen Transformationsbegriff. Im Ruhrgebiet lebten Verwandte von mir, die regelmäßig den rauchenden Schloten der Kohlekraftwerke nachtrauerten. Es war einfach die Kulisse ihrer Kindheit. Da wurde mal Zukunft gemacht, da hatte harte Arbeit ihren Wert. Und wer einmal erlebt hat, wie stolze Bergmänner ihre ehemalige Zeche in einer würdigen Zeremonie symbolisch zu Grabe trugen, kann diese enge persönliche Verbindung nachvollziehen. Es war wie auf einer Trauerfeier für einen nahen Menschen, bei der allen klar war, der kommt nicht wieder.
„Ich glaube, dass wir uns noch nicht die Zeit für echten Abschied genommen haben.“
Ich glaube, dass die großen Gefühle für überkommene Technologien viel damit zu tun haben, dass wir uns bislang noch nicht die Zeit für einen echten Abschied genommen haben. Haben wir den Verbrennermotor, ein Relikt aus dem vorvergangenen Jahrhundert, je in Festakten gewürdigt und das Kapitel damit ordentlich beendet? Mit Sinn für die Sentimentalität der vielen, die mit diesen Motoren groß geworden sind und für die das Geräusch der Soundtrack ihrer Freiheit war? Und sollten wir uns nicht auch mal überlegen, wie wir dem Ölzeitalter feierlich auf Nimmerwiedersehen sagen, ohne die Faszination für diesen ungeheuer vielfältigen Rohstoff zu negieren?
Vielleicht braucht es eine Art Trennungsratgeber für die Liebe zum Fossilen. Es ist wie bei vielen Partnerschaften, die sich einfach irgendwann auflösen, weil Sentimentalität kein Paar durchs ganze Leben trägt. Sich gut verabschieden zu können und gemeinsam zu spüren: Es ist vorbei. Das gibt auch Kraft für das Neue, das dann kommt. Wir können ja Freunde bleiben.
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