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Kolumne

Kaffeebecher zum Wegrennen

Unser Kolumnist Fred Grimm erinnert sich an seinen ersten und letzten "Coffee-to-go".

22.07.2019 vonFred Grimm

Meinen ersten – und wohl auch letzten – „Coffee-to-go“ habe ich vor vielen Jahren frühmorgens an einem Bahnhof getrunken. Ehrlich gesagt hatte ich „Togo“ verstanden, als mich die Kaffeezubereiterin freundlich fragte, ob ich mein Heißgetränk „to go“ zu mir nehmen wolle. Kaffee aus Togo? Klar, warum nicht? Bis mir die Dame einen Wegwerfbecher samt Plastikdeckel in die Hand drückte. „To go“ also. Ich blieb trotzdem noch ein bisschen. Nach dem ersten Schluck wusste ich, dass man „to go“ vielleicht besser mit „zum Wegrennen“ übersetzen sollte. Jedenfalls schmeckte der „Kaffee“ so wie das Wischwasser aussah, das die Reinigungskraft gerade über den Boden in dem Stehcafé schüttete. Aber egal. Ich hielt den Kaffeebecher samt Schnulliaufsatz weiter in der Hand und fragte mich, ob es wirklich mal viele Menschen geben würde, die ihren Kaffee lieber im Vorbeihasten trinken würden statt im Sitzen.

Der Einwegbecher steht exemplarisch für den Müllwahnsinn

Fred Grimm

Viele Milliarden Wegwerfbecher später muss ich mir meinen Irrtum eingestehen. Ja, wollen sie. Für mich ist Kaffee zwar eher mit Pause und Genuss verbunden. Wer keine Zeit hat, seinen sorgfältig zubereiteten Cappuccino auch in Ruhe zu trinken, sollte es vielleicht lieber ganz lassen, denke ich manchmal. Aber 320 000 Einwegbecher, die stündlich in deutschen Mülleimern landen, sprechen für eine weit verbreitete Sehnsucht, seinen Kaffee lieber im Gedränge zu nuckeln statt ihn versonnen zu genießen. Für Umweltbewusste ist der urbane Mensch mit dem Wegwerf-Kaffeebecher in der Hand ein wandelndes Symbol ökologischer Ignoranz. Der Einwegbecher „steht exemplarisch für den Müllwahnsinn in Deutschland“, wütete unlängst Anton Hofreiter, der Fraktionschef der Grünen, und forderte die Einführung eines Pfandsystems. Andere mahnen die „Coffee-to-go“-Trinker, sich endlich Kaffeebecher zum Mitnehmen zuzulegen. Einige Coffeeshops locken bereits mit Rabatten für jene, die ihre Becher selber mitbringen.

Tatsächlich steht der Kampf gegen einen jährlichen Müllberg aus 3,4 Milliarden Bechern für ein grundsätzliches Problem. Allerdings frage ich mich eher, warum wir Einwegbecher aus einem komplexen, nicht recyclingfähigen Papp-Plastikgemisch überhaupt erst verteilen lassen. Denn natürlich sind Wegwerfbecher in einem brutal-gedankenlosen Sinne „praktisch“. Wir machen es den Menschen leicht und schwer zugleich, wenn wir ihnen verantwortungslose Angebote machen und sie hinterher dafür kritisieren, dass sie diese wahrnehmen. Kurz gesagt: So lange es keine komplett wiederverwertbaren Becher gibt, aus denen wir unseren Kaffee trinken können, sollten wir sie ganz verbannen. Dann muss sich eine Industrie, die auf Ideen wie die Nespressokapsel gekommen ist, eben mal etwas wirklich Gutes einfallen lassen. Wer Müll in die Welt bringt, sollte sich gefälligst auch drum kümmern müssen, dass wir ihn sauber wieder loswerden.

Fred Grimm

Der Hamburger Fred Grimm schreibt seit 2009 auf der letzten Seite von Schrot&Korn seine Kolumne über gute grüne Vorsätze – und das, was dazwischenkommt. Als Kolumnist sucht er nach dem Schönen im Schlimmen und den besten Wegen hin zu einer besseren Welt. Er freut sich über die rege Resonanz der Leser und darüber, dass er als Stadtmensch auf ein Auto verzichten kann.

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