Kolumne

Kolumne: Immer die Radfahrer

Fred Grimm sinniert über die festgefahrene Radrevolution und das verzweifelte Festhalten einer lauten Minderheit an unökonomischen Mobilitätstechnologien.

Unter den unvergesslichen Momenten in meinem Leben nimmt dieser einen besonderen Platz ein: Bei meiner ersten Radfahrt durchs Brandenburger Tor fühlte ich tatsächlich einen Schauder, der mich heute noch erfasst, wenn ich nur daran denke. Ich hatte das Wahrzeichen zuvor oft auch von der östlichen Seite aus gesehen, als die Grenze noch unüberwindbar schien. Die traurigen Blicke meiner DDR-Freundinnen und -Freunde in Richtung Westen schmerzten. Aber ich war sicher, dass wir uns einmal auf der anderen Seite treffen würden. 

Das hat geklappt. Doch so leicht und frei wie bei meiner Premierenfahrt durchs Brandenburger Tor fühle ich mich heute nicht mehr. Wie in vielen deutschen Städten scheint auch in Berlin die Radrevolution, Verzeihung: festgefahren. Wer dort in diesem April, wenn sich das Wetter fahrradfein macht, den Bikesharing-Service Nextbike nutzen will, wird lange nach Rädern suchen. Der Mini-Senatszuschuss in Höhe von 1,5 Millionen Euro wurde gestrichen. Jetzt muss Nextbike seine Leihstationen abbauen, weil die „kommerzielle Nutzung“ des Bürgersteigs nicht mehr erlaubt ist. Nun parken dort nicht selten wieder Autos. Das ist zwar ebenfalls verboten, letztlich aber kein wirkliches Problem für die Besitzer. Der Senat verfügt regelmäßig Amnestien für Park- und Temposünder.

„Der urbane Raum ist viel zu schade, um ihn 23 Stunden am Tag  von einem Auto blockieren zu lassen.“

Fred Grimm, Kolumnist

Dass inzwischen Berliner Radwege nicht nur nicht aus-, sondern wie in der Kantstraße sogar zurückgebaut werden, passt ins Bild. Ein paar Monate lang konnte man mal ungestört durch die Friedrichstraße radeln. Weil die Geschäfte an der autofreien Zone leiden würden, brach die CDU-SPD-Koalition den zarten Versuch ab und widmete die Straße wieder zur Autopiste um. Seither sind die Umsätze in der früheren Prachtstraße erst recht in den Keller gerauscht. Dafür steigt der Leerstand. Gekostet hat die Rolle rückwärts mehr als die gestrichenen Zuschüsse für den Bikesharing-Service, der in jeder europäischen Großstadt mittlerweile zum Standard gehört.

Es hat nichts mit Fakten oder einer zukunftsgerichteten Mobilitätspolitik zu tun, wenn in den Städten immer noch jeder Parkplatz verteidigt wird wie eine Stellung im Schützengraben. Es ist schlichte Mathematik: Der urbane Raum ist begrenzt und viel zu schade, um ihn 23 Stunden am Tag von einem Auto blockieren zu lassen. Vom verzweifelten Festhalten am Verbrennermotor, der unökonomischsten Mobilitätstechnologie, ganz zu schweigen. 

Dieser Frühling wäre ein guter Zeitpunkt, um an die Mobilitätswende zu erinnern. Eine Dreiviertel Milliarde soll etwa ein neues, drei Kilometer kurzes Autobahnteilstück mitten in Berlin kosten. Mindestens. Dafür ließe sich die Wende pro Rad ganz wunderbar finanzieren. Oder sollte der Autofanatismus einer lautstarken Minderheit wirklich unüberwindlicher sein als damals die Mauer am Brandenburger Tor?

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