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Kolumne

Der letzte schöne Sommer

Eigentlich liebt unser Kolumnist Fred Grimm den Sommer, jetzt wird er ihm aber zu heiß beziehungsweise zu trocken.

25.06.2019 vonFred Grimm

Haben Sie eigentlich auch eine Lieblingsjahreszeit? Es soll ja Menschen geben, die mitten im Sommer schon wieder vom Skifahren träumen. Dann gibt es die ewigen Herbstregenmelancholiker, die Frühlingsblumenschwärmer … Ich bin da eher schlicht gestrickt. Obwohl ich jeder Jahreszeit etwas abgewinnen kann, fange ich eigentlich erst bei 25 Grad Wärme richtig an zu leben. Auch wenn man es meiner winterblassen Stubenhockerhaut nicht ansieht, treibt es mich selbst bei Hitzewellen aus dem Haus und ich werde zum Nachtarbeiter, weil ich keinen Sommersonnenstrahl verpassen will.

Sommer ist, wenn die Menschen in den Cafés im Schatten sitzen wollen; wenn man nicht darüber nachdenken muss, was und wie viel man anzieht (auch wenn manche das vielleicht tun sollten); wenn sich das Leben so viel leichter anfühlt und die Städte abends summen wie ein glücklicher Bienenstock. Meine ganz persönliche Sommerliebe hängt womöglich auch damit zusammen, dass ich in meiner Hamburger Kindheit ständig die fiesen 17-Grad-Dauerregen-Pseudosommer erdulden musste. Auch wurden mir mal geradezu magische Talente als „Regenmacher“ nachgesagt, da sich einige Zeit lang jeder Ort der Welt nach meiner Ankunft binnen Kurzem in eine nasse Kühlkammer verwandelte. Sätze wie „So schlechtes Wetter haben wir hier normalerweise nie“ oder „Ich glaube, da hinten wird es wieder hell“ gehören zu meinen hartnäckigsten Ferienerinnerungen.

Doch inzwischen ist es vorbei mit meiner unschuldigen Sehnsucht nach langen, heißen und, vor allem: trockenen Sommern. In ganz Deutschland fiel vergangenes Jahr nur noch 60 Prozent der sonst üblichen Regenmenge. Auf der BioFach-Messe hörte ich im Februar einen verzweifelten Bauern aus Brandenburg, dem allmählich die ganze Existenz unter den Füßen wegtrocknet. Seit dreißig Jahren sinkt der Grundwasserspiegel dort stetig. Ändert sich das nicht, wird es in seiner Region in wenigen Jahren keine Landwirtschaft mehr geben, fürchtet der Mann. In diesem Jahr mussten im April schon wieder 1,4 Millionen Kubikmeter Wasser aus der Talsperre Spremberg in die ausgetrockneten brandenburgischen Flüsse geleitet werden, damit die überhaupt noch in Bewegung blieben.

Da ist etwas aus der Balance geraten, wenn in den Wintern die Grundwasservorräte kaum noch aufgefüllt werden und
die Zeit ab April vom Wechsel aus gnadenloser Dürre und Sturzregen, den kein Boden halten kann, bestimmt wird. Nein, das ist nicht mehr der ganz normale Wechsel aus mal feuchten und mal eher trockenen Sommern, der bei den Landwirten zum Betriebsrisiko gehört. Da geht etwas zu Ende, womöglich für immer. Der nie enden wollende trockene Sommer ist längst Ausdruck unseres kindischen Unvermögens geworden, die Katastrophe wahrzunehmen, die sich vor unseren Augen vollzieht.

Fred Grimm

Der Hamburger Fred Grimm schreibt seit 2009 auf der letzten Seite von Schrot&Korn seine Kolumne über gute grüne Vorsätze – und das, was dazwischenkommt. Als Kolumnist sucht er nach dem Schönen im Schlimmen und den besten Wegen hin zu einer besseren Welt. Er freut sich über die rege Resonanz der Leser und darüber, dass er als Stadtmensch auf ein Auto verzichten kann.

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