Umwelt

Klimaschutz durch Aufforstung – In Mosambik wächst Hoffnung

Die Klimakrise verursacht verheerende Schäden. Doch es gibt Mut-Mach-Geschichten wie diese aus Mosambik.

Theresa Leisgang und Raphael Thelen

Die Sturmwarnungen im Radio kannte Antonia Teixeira Chikono gut, sie gehörten zum Leben an der mosambikanischen Küste dazu. Aber in jener Nacht vom 14. auf den 15. März 2019 ist alles anders. „Wir hatten keine Ahnung, wie schlimm es wirklich werden würde. Wir konnten uns einfach nicht vorstellen, dass die Vorhersagen über Idai stimmen.“ Wirbelsturm Idai bricht Rekorde: Mit Windgeschwindigkeiten von 165 Stundenkilometern trifft er im Südosten Afrikas auf Land. Über Tausend Menschen verlieren ihr Leben, Hunderttausende ihre Lebensgrundlage. Die Überschwemmungen zerstören die Felder kurz vor der Ernte.

Wir treffen Chikono ein Jahr nach dem Sturm in ihrem Dorf Nhangau fünf Kilometer vom Indischen Ozean entfernt. Wir sind gekommen, um zu verstehen, wie Menschen mit der Klimakrise umgehen, wo sie längst Realität ist. Die siebenfache Mutter hatte Glück, niemand aus der Familie ist in den Fluten umgekommen. Aber auch ein Jahr später ist die Katastrophe allgegenwärtig. Überall in der Region liegt noch Schutt, viele Kinder sitzen in Schulen ohne Dach, ein Krankenhaus ist noch nicht wieder aufgebaut.

Die Klimakrise trifft vor allem Frauen

Noch nie war die Wissenschaft so klar in den Prognosen über dramatische Auswirkungen der Klimakrise wie im letzten Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC. Erstmals gibt es einen eigenen Abschnitt zu Extremwettern, wie sie diesen Sommer von Sizilien bis Sibirien, von Westdeutschland bis in die wichtigste Weizenregion Chinas, Henan, Schlagzeilen machten. Das Aufziehen eines Sturms kann die Forschung nicht direkt auf die globale Erwärmung zurückführen, aber der Trend ist klar: Je mehr CO2 in der Atmosphäre landet, desto häufiger und heftiger werden Stürme, Starkregen und Hitzewellen.

Global gesehen leiden am meisten diejenigen unter der Klimakrise, die am wenigsten zu ihrer Eskalation beigetragen haben: Menschen wie Antonia Teixeira Chikono.

Nach dem Sturm organisierte Chikono mit ihrem feministischen Netzwerk GMPIS beeindruckend schnell Hilfe für Witwen, alleinerziehende Mütter, Menschen mit Behinderungen. Ihnen habe der Sturm am meisten Probleme bereitet, sagt Chikono. „Frauen konnten sich nicht so schnell in Sicherheit bringen wie Männer, mussten sich um die Kinder kümmern.“ Der Umwelt-Geograf Eric Neumayer sowie der Sozialwissenschaftler Thomas Plümpfer haben Unwetter und ihre Folgen in 141 Ländern über einen Zeitraum von 21 Jahren untersucht. Sie kommen zu dem Schluss: Überall auf der Welt haben Frauen eigentlich eine höhere Lebenserwartung, doch diese Lücke verkleinere sich signifikant nach Unwettern: „Katastrophen und ihre Folgeerscheinungen töten mehr Frauen als Männer“, schreiben die beiden.

Mangroven schützen vor Überschwemmungen

Chikono weiß um die Prognosen der Wissenschaft. Doch Aufgeben ist für sie überhaupt keine Option. Sie hat sich Mitstreiterinnen gesucht: Mangroven, die beim nächsten Sturm die Wellen ausbremsen sollen. Mit Kleinbäuerinnen und Fischern aus den benachbarten Dörfern haben sie und ihr Mann das „Comité dos Mangais“ gegründet. Mindestens einmal in der Woche sammeln sie mit dem Komitee ehrenamtlich Samen und ziehen Setzlinge, damit neue Mangrovenwälder wachsen können.

Aus Armut werden Bäume gefällt

Keine technische Erfindung schützt Küstenregionen so kostengünstig, effektiv und nachhaltig vor Erosion wie die Wurzeln der Mangroven. Würde man diese Ökosystemdienstleistung in Geld umrechnen, schätzen Studien den Wert von Mangroven auf bis zu 1,5 Milliarden Euro – jährlich. Peter Sheng, emeritierter Professor an der Universität Florida, setzt sich seit über zehn Jahren mit dem Wert von Mangroven auseinander.

Mangroven bekämpfen Ursache und Auswirkung der Klimakrise. Trotzdem werden sie weltweit abgeholzt. Noch im Jahr 2000 war Mosambik das afrikanische Land mit dem zweitgrößten Mangrovenvorkommen, seither sind rund 60 000 Hektar verschwunden. Die größte Zerstörung geht auf Infrastrukturprojekte für die Ausbeutung riesiger Gasvorkommen zurück, die vor der Küste im Norden Mosambiks gefunden wurden. Auch wo für die internationale Bauindustrie Sand abgebaggert wird, ist für Mangroven kein Platz mehr. In Chikonos Provinz Sofala ist das größte Problem allerdings die Armut.

Ein Zyklon zerstört die Zukunft

Wir treffen Silva Ferrão, ein Mitglied des Mangroven-Komitees, im März 2020 am Strand vor Nhangau. Er führt uns durch die Mangroven bis zu einer Lichtung. Hunderte Baumstümpfe stehen da, kurz über dem Boden abgeschlagen. Er bleibt ein paar Momente still stehen. „Der Zyklon hat im Dorf viele Häuser zerstört“, sagt Ferrão. „Eigentlich ist es verboten, die Mangroven zu fällen, aber nach dem Sturm gab es für viele Fischer keine andere Möglichkeit, ihr Zuhause wieder aufzubauen.“ Er könne sie verstehen, sagt Ferrão, auch er lebt vom Fischfang: Der Sturm habe die Fischpopulationen vertrieben, monatelang gab es kein Einkommen und von der Regierung war keine Nothilfe zu erwarten. Aber Ferrão weiß, wie wichtig die Mangroven für die ganze Gemeinde sind. Deshalb hilft er den Chikonos dabei, für das Thema zu sensibilisieren, beim Einholen der Netze, in Schulklassen, am Tresen des Dorfkiosks.

Mit den Mangroven unser Dorf zu schützen, ist zurzeit meine einzige Hoffnung.

Antonia Chikono

Gemeinsam haben sie sich etwas ausgedacht, um mehr Fischerfamilien zu motivieren, bei der Aufforstung mit anzupacken. Bienen sollen im Mangrovenwald bei der Bestäubung helfen und Honig produzieren. Wenn sie erst einmal 100 Bienenvölker in die Mangroven gebracht haben, wollen sie den rötlichen Honig in der nahe gelegenen Küstenstadt Beira verkaufen. Alle vier Monate 1.200 Liter, ein gutes Extra-Einkommen für die Familien des Komitees.

Bisher sind es hauptsächlich Frauen, die regelmäßig bei den Treffen auftauchen. „Aber es kommen auch immer mehr Fischer dazu“, sagt Chikono bei unserem letzten Telefonat im August 2021 und wirkt erfüllt. „Es ist zurzeit meine einzige Hoffnung: Dass wir und die Mangroven gemeinsam unser Dorf schützen können.“ 1.500 Samen haben sie an diesem Morgen in den Sand gesteckt, 1.500 Hoffnungen auf ein kleines grünes Herz, das bis zum nächsten großen Zyklon als ausgewachsener Baum Wind und Wellen standhält.

Alleine, das ist für Antonia Chikono klar, kommt man nicht gut durch die Krise. Während des Telefonats spricht sie sogar uns Mut zu – sie hatte im lokalen Fernsehen Bilder von der Flutkatastrophe im Rheinland gesehen.

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