Umwelt

Klimaneutralität: Prima fürs Klima?

Immer mehr Produkte und Unternehmen geben an, klimaneutral, CO2-neutral oder gar klimapositiv zu sein. Was steckt dahinter?

Ina Hiester

Neulich beim Einkaufen: In meinem Wagen signalisieren zahlreiche Label und Logos, dass ich alles richtig gemacht habe. Mit Tierwohl, ohne Mikroplastik, dafür fair, natürlich bio – und immer häufiger auch noch: klimaneutral, CO2-neutral oder sogar klimapositiv. Klingt gut, wirft dann aber doch Fragen auf. Was heißt das alles eigentlich?

Klimaneutralität, Treibhausgasneutralität, CO2-Neutralität und Emissionsfreiheit: Was Klima-Claims bedeuten

Laut Duden gilt ein Produkt als klimaneutral, wenn es die Menge klimaschädlicher Gase in der Atmosphäre insgesamt nicht erhöht. Alternativ wird auch der Begriff treibhausgasneutral verwendet.

CO2-neutral bezieht sich meist nur auf Kohlenstoffemissionen. Andere Treibhausgase wie Lachgas oder Methan, die vor allem in der Landwirtschaft anfallen, werden hier entweder gar nicht berücksichtigt oder in sogenannte CO2-Äquivalente umgerechnet.

Emissionsfrei können zum Beispiel Verkehrsmittel sein, die dank Batteriebetrieb kein CO2 emittieren. Der Begriff sagt allerdings nichts darüber aus, wie klimafreundlich die Herstellung der Fahrzeuge war oder wie der Strom für die Batterien erzeugt wurde.

Netto-null wird meist auf Unternehmens- oder Staaten-Ebene verwendet. Dabei sollen Treibhausgasemissionen auf ein Minimum reduziert und lediglich Restemissionen durch Klimaschutzmaßnahmen ausgeglichen werden.

Bei einem klimapositiven Produkt oder Prozess werden insgesamt mehr Emissionen durch Klimaschutzmaßnahmen kompensiert als verursacht.

Welches Label ist vertrauenswürdig?

Die aktuelle Klimakennzeichnung erinnert an die 80er- und 90er-Jahre, als es in Deutschland zwar immer mehr Bio-Produkte, jedoch keine einheitliche Kennzeichnung gab. 2001 wurde das sechseckige deutsche Bio-Siegel eingeführt, seit 2012 müssen Bio-Produkte das EU-Bio-Siegel tragen. Die Bio-Branche zeigt damit seit Jahrzehnten: Klare Regeln und Kennzeichnungen können Konsumenten helfen, informierte Kaufentscheidungen zu treffen. Ist das nicht auch in puncto Klimafreundlichkeit möglich?

Beim Blick in den Einkaufswagen begegnet mir das blaue Logo von ClimatePartner besonders häufig. Das Münchner Unternehmen unterstützt Firmen beim Klimaschutz, indem es ihre CO2-Emissionen berechnet und kompensiert. Moment mal – nur kompensiert? „Auf Grundlage unserer Berechnungen empfehlen wir den Unternehmen, Strategien zur Reduktion ihrer Emissionen zu erarbeiten oder bestehende zu verstärken – manche können aber nicht sofort wirksam werden und auf Null lassen sich Emissionen leider nicht reduzieren. Das Ziel sollte letztlich immer sein, nur unvermeidbare Emissionen zu kompensieren“, erklärt mir Pressesprecher Dieter Niewierra. Und damit sind wir gleich beim Kern der Problematik angelangt.

Denn während manche Unternehmen sich wirklich bemühen, ihre Geschäftsprozesse klimafreundlicher zu gestalten, greifen andere einfach etwas tiefer in den Geldbeutel, um ihre Klimasünden anderswo auszugleichen. Als Konsumentin kann ich auf den ersten Blick nicht erkennen, wer welche Strategie verfolgt. Klar ist: Jedes Produkt wird unter Einsatz von Ressourcen produziert, transportiert und hat folglich Auswirkungen auf unser Klima.

Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als bei jedem Label tiefer abzutauchen.

Wie erkenne ich Klimaneutralität?

ClimatePartner gibt mir immerhin eine erste Hilfestellung: „Unser Label gibt stets an, ob es sich auf ein ganzes Unternehmen, ein einzelnes Produkt oder etwa nur auf eine Verpackung bezieht. Nach Eingabe der Identifikationsnummer auf unserer Homepage oder dem Scan des QR-Codes können Verbraucher dann weitere Informationen abrufen – zum Beispiel, wie viel CO2 bereits durch welche Projekte kompensiert wurde“, so Dieter Niewierra.

Ich folge der ID meines Lavera-Shampoos und finde heraus, dass nicht nur die einzelnen Produkte, sondern auch Verpackungen, Inhaltsstoffe und das Unternehmen selbst klimaneutral gestellt sind. Auf der Lavera-Webseite finde ich noch mehr Informationen: 2018 hat das Unternehmen erstmals die Klimabilanz seiner gesamten Wertschöpfungskette ermittelt, wobei die erhobenen Daten vom TÜV Rheinland überprüft wurden. Auf dieser Grundlage wird kontinuierlich daran gearbeitet, die CO2-Emissionen zu verringern – etwa durch den Einsatz von Wärmerückgewinnungspumpen, Gebäudedämmung und Prozessoptimierung. Lediglich bislang unvermeidbare Restemissionen werden durch Klimaschutzprojekte in Kenia, Malawi und Peru ausgeglichen.

„Wenn ein Produkt nicht von Natur aus klimaneutral ist, sondern erst durch Zertifikatekauf bilanziell klimaneutral gestellt wird, muss darüber aufgeklärt werden.“

Tudor Vlah, Wettbewerbszentrale Deutschland

Um Konsumentinnen wie mir rasche, informierte Kaufentscheidungen zu ermöglichen, gibt es Menschen wie Dr. Tudor Vlah. Er und seine Kollegen von der Wettbewerbszentrale, Deutschlands größter Selbstkontrollinstitution für fairen Wettbewerb, haben bereits mehrfach rechtliche Schritte eingeleitet, um der Verbrauchertäuschung in Sachen Klimaneutralität Einhalt zu gebieten. Denn klimaneutral ist keinesfalls eine Produkteigenschaft – etwa wie ungesüßt oder glutenfrei. „Wenn ein Produkt nicht von Natur aus klimaneutral ist, sondern erst durch Zertifikatekauf bilanziell klimaneutral gestellt wird, muss darüber aufgeklärt werden“, fordert Vlah. Verschiedene Gerichte haben bereits bestätigt, dass Verbraucher mit Klimaclaims in die Irre geführt werden – etwa bei klimaneutralem Heizöl, Müllbeuteln und einer Marmelade. Für Vlah und seine Kollegen setzt die Verwendung des Begriffs jedenfalls voraus, dass gleichzeitig darüber aufgeklärt wird, auf welche Art und Weise Klimaneutralität erreicht wird.

Klimaneutral reisen und transportieren?

Auf dem Weg zurück vom Einkaufen warte ich auf den Bus. An der Haltestelle bleibt mein Blick sehnsuchtsvoll an dem Werbeplakat eines Reisebüros hängen. Weiße Sandstrände, dahinter tropisch anmutendes Grün: das Paradies nur wenige Flugstunden entfernt. Während der Heimfahrt durchstöbere ich das Internet nach klimaneutralen Airlines und finde: jede Menge Kompensationsmaßnahmen in allen Preisklassen, aber auch einen schwachen Hoffnungsschimmer am Horizont. So verspricht mir Compensaid, den Klimaschutz-Obolus eines Lufthansa-Fluges nicht nur in Klimaschutzprojekte, sondern auch in synthetisches Kerosin zu stecken, mit dem die CO2-Emissionen im Flugverkehr um bis zu 80 Prozent reduziert werden können.

Zuhause erwische ich gerade noch den Postboten, der mir ein Paket und allerlei Rechnungen mitgebracht hat. Nicht gerade klimafreundlich, all der Papier- und Verpackungskram, denke ich noch. Wenigstens beim Transport scheint man Emissionen einzusparen, zumindest ziert ein grünes Blatt die Seite des Lieferwagens: „Go Green“ nennt sich der CO2-neutrale DHL-Versand. Immerhin steckt, wie mir die Unternehmenswebseite verrät, eine größere Mission dahinter: bis 2050 will das Unternehmen gänzlich emissionsfrei sein – mitunter durch mehr Elektromobilität und Schienentransporte. Große Worte, nichts dahinter? Der Anfang des Jahres erschienene Corporate Climate Responsibility Monitor bewertet dieses Ziel sowie die Kommunikation der ergriffenen Maßnahmen jedenfalls nur als mangelhaft. Auch seien ganze 35 Prozent der Emissionen, die in der Wertschöpfungskette anfallen, beim Reporting überhaupt nicht berücksichtigt worden.

Leitfaden für klimafreundlichen Konsum

Die Post landet für den Moment ungeöffnet auf meinem Schreibtisch, wo die Arbeit ruft. Mein nächster Schrot&Korn-Artikel ist in den letzten Zügen. Hier weiß ich immerhin aus erster Hand, dass nicht nur der Druck und das Papier für das Magazin durch Klimaschutzprojekte ausgeglichen werden, sondern dass im bio verlag dank Photovoltaik, Wärmepumpen, Recycling und Co. verantwortungsvoll mit unseren Ressourcen umgegangen wird. Diese Bemühungen bestätigt auch das „Stop Climate Change“-Label, das vom Bundesverband „Die Verbraucherinitiative“ als besonders empfehlenswert bewertet wird. Guten Gewissens haue ich in die Tasten und erstelle mithilfe von Ecosia – der Suchmaschine, die Bäume pflanzt – folgenden Leitfaden zum klimafreundlichen Konsum:

Da es keine von Natur aus klimaneutralen, sondern höchstens klima-neutralisierte Produkte gibt, gilt trotz blätterverzierten Label-Versprechen weiterhin die Devise: weniger ist mehr. Wie das geht, wissen wir längst: reparieren statt wegwerfen, ausleihen statt anschaffen, weniger Fleisch und mehr regionale, saisonale und biologische Lebensmittel essen – und weniger wegwerfen.

Wenn wir bis hierher alles richtig gemacht haben und nun wirklich nur das kaufen, was wir unbedingt brauchen, heißt es bei Klima-Labeln: genau hinschauen. Ist nur das Produkt oder nur die Verpackung klimaneutral, das dahinterstehende Unternehmen jedoch nicht? Wird transparent kommuniziert, ob und wie viele Emissionen reduziert wurden? Gibt es externe Klima- und Umwelt-Zertifizierungen auf Grundlage anerkannter Normen und Standards? Oder wird nur kompensiert? Und wenn kompensiert wird: Machen die Kompensationsprojekte Sinn?

Mein Laptop-Akku ist gleich leer, mein Kopf dafür umso voller und ich beschließe, dem Thema Sinnhaftigkeit und Glaubwürdigkeit von Kompensationsprojekten einen eigenen Artikel zu widmen. Und nachts träume ich von einem gesetzlichen Klimalabel, das mir meinen Alltag ein kleines bisschen leichter machen könnte.

Mehr zum Thema Klimaneutralität:

Interview: „Wir brauchen ein europaweites Klimalabel“

Thomas Fischer

Thomas Fischer vom Verbraucherschutzverband Deutsche Umwelthilfe

Der gelernte Umweltwissenschaftler leitet bei der Deutschen Umwelthilfe den Bereich Kreislaufwirtschaft.

Immer mehr Produkte sind inzwischen klimaneutral. Gibt es da ein Problem?

Es ist erfreulich, dass sich immer mehr Firmen mit den Klimaauswirkungen ihrer Produkte und Unternehmensaktivitäten auseinandersetzen. Allerdings beschränken sich viele bislang darauf, Emissionen lediglich über Klimaschutzprojekte auszugleichen, statt sie auf ein Minimum zu reduzieren. Sofern das nicht entsprechend kommuniziert wird, ist das nicht nur Verbrauchertäuschung, sondern hemmt auch dringend notwendige Innovationen für mehr echten Klimaschutz.

Brauchen wir ein staatliches Klimalabel?

Unbedingt – und zwar am besten europaweit. Aktuell haben wir hier einen rechtlichen Graubereich, den nicht wenige Unternehmen für Greenwashing ausnutzen, während andere sich wirklich bemühen, ihre Prozesse und Lieferketten klimafreundlicher zu gestalten. Es kann nicht sein, dass Verbraucherschutzverbände Fall für Fall vor Gericht bringen müssen, während sich am rechtlichen Rahmen nichts ändert.

Bio-Produkten wird wegen niedrigerer Erträge oft eine schlechtere Klimabilanz nachgesagt. Müssen wir uns künftig zwischen Klima und Bio entscheiden?

Der Klimawandel ist ohne Zweifel eines der drängendsten Umweltprobleme unserer Zeit. Es ist jedoch zu kurz gedacht, die Umweltauswirkungen eines Produktes nur auf seine Klimabilanz zu beschränken. Bio-Produkte leisten, zum Beispiel durch den Verzicht auf Pestizide und künstliche Düngemittel, einen wesentlichen Beitrag zu einer intakten Umwelt. Idealerweise sollte es gelingen, den gesamten ökologischen Fußabdruck von Unternehmen, Dienstleistungen, Prozessen und Produkten transparent zu kommunizieren. Und dann werden die meisten Firmen aus der Bio-Branche überdurchschnittlich gut abschneiden.

Die Deutsche Umwelthilfe hat übrigens jüngst Rechtsverfahren gegen acht Unternehmen eingeleitet, darunter etwa „dm“ und „Rossmann“ und sogar Firmen, die die Nachhaltigkeit im Namen tragen wie „Green Airlines“ und „The Mother Nature“. Sie alle würden mit dem Werbeversprechen der Klimaneutralität Verbraucher täuschen. Mehr dazu.

Veröffentlicht am

Kommentare

Registrieren oder einloggen, um zu kommentieren.

Das könnte interessant sein

Unsere Empfehlung

Ähnliche Beiträge