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Interview: „Wir schaffen uns ab“

INTERVIEW Der Astro-Physiker und Wissenschaftsjournalist Harald Lesch gibt der Menschheit nicht mehr lang, weil sie die Erde malträtiert. Aber er hat Ideen, wie sie ihr Dasein verlängern kann. Lesch sagt auch, warum jeder von uns gefordert ist.
05.11.2016

INTERVIEW Der Astro-Physiker und Wissenschaftsjournalist Harald Lesch gibt der Menschheit nicht mehr lang, weil sie die Erde malträtiert. Aber er hat Ideen, wie sie ihr Dasein verlängern kann. Lesch sagt auch, warum jeder von uns gefordert ist.

Passender geht’s nicht: Ich treffe den Astro-Physiker Harald Lesch im „Haus der Astronomie“, über den Dächern von Heidelberg. In einer exklusiven Privatvorlesung erfahren die Leser von Schrot&Korn, wie es um unsere Erde und uns Menschen steht.

Auf der Rückseite Ihres neuen Buches steht folgender Witz: Treffen sich zwei Planeten. Der eine: „Du siehst aber schlecht aus.“ Der andere: „Ich habe Menschen!“ Der eine: „Oh, das geht vorbei.“ – Herr Lesch, wann geht die „Krankheit Mensch“ vorbei?

Dieser Witz ist natürlich sehr zynisch. Aber letztlich sind wir für die Erde so etwas wie ein sozialer Meteoriteneinschlag. Wir behandeln den Planeten wie eine große Abfallhalde. Wider besseres Wissen zerstören wir unsere eigene Lebensgrundlage.

Nennen Sie bitte ein Beispiel: Wo beuten wir Menschen die Erde aus?

Erst heute war wieder eine Meldung in der Zeitung, dass diese vielen Aqua-Kulturen, also diese Fischzucht an den Küsten dieser Welt, sehr große Umweltschäden verursachen, zum Beispiel durch Algenwachstum. Auf der anderen Seite leiden diese Aqua-Kulturen aber natürlich auch darunter, dass das Meerwasser überhaupt nicht mehr sauber ist. Weil wir ständig irgendwelche Abfälle reinschütten, werden wir irgendwann den ganzen Müll, den wir irgendwo zu Lande, zu Wasser und in der Luft her-ausgelassen haben, wieder zu uns nehmen. Egal, ob Veganer, Vegetarier oder Fleischesser: Irgendwann kommen diese ganzen Gifte, die wir da rausjagen, wieder in uns rein.

Ganz konkret: Was muss passieren, damit die „Krankheit Mensch“ etwas Positives für die Erde wird?

Als allererstes müssen wir aufhören, fossile Brennstoffe zu verbrennen: Öl, Gas, Kohle. Viele Länder werfen uns Industrieländern jetzt vor: „Ihr habt ein paar hundert Jahre lang in großen Mengen Öl, Gas und Kohle verbrannt und in Saus und Braus gelebt; das wollen wir jetzt auch! Das ist unser Recht!“ Mag sein! Aber wir alle müssen damit aufhören – und zwar überall auf der Welt und jetzt sofort. Ganz egal, ob man Chinese ist, Brasilianer oder Amerikaner oder wer auch immer. Anders wird es nicht gehen. Denn wenn das Klima erst einmal richtig in Fahrt ist, wird es sehr, sehr lange dauern, bis es sich wieder beruhigt hat.

Also hin zu erneuerbaren Energien? Ja, und zwar so schnell wie möglich. Aber die Regierung bremst doch gerade die Energiewende?

Wir müssen aus unseren Irrtümern lernen. Und einer der größten Irrtümer ist es zu glauben, wir sollten aufhören mit dem Ausbau der erneuerbaren Energie. Das ist ein riesiger Fehler: Deutschland muss der Welt zeigen, dass eine Industrienation in relativ kurzer Zeit diesen Sprung schafft. Denn wenn wir es nicht schaffen, wer dann? Wir sind eine der reichsten Nationen des Globus, und wir sollten die Energiewende sofort, schnell und intensiv anpacken.

Und warum machen wir das nicht?

Mir scheint das größte Problem zu sein, dass viele offenbar meinen, dass vor ihnen niemand gewesen ist und nachher auch niemand kommen wird. Wir haben eine unglaubliche Reduktion der eigenen Persönlichkeit auf die unmittelbare Gegenwart. Alle, die sich am globalen Kapitalismus beteiligen, haben intuitiv die Meinung: „Jetzt noch mal schnell den großen Reibach machen, bevor es zu Ende ist!“ Das ist das schlechteste Verhalten, das man überhaupt haben kann.

Es gibt aber Menschen, die leugnen den Klimawandel!

Das ist halt das Problem: Es gibt die, die eine Meinung haben, und die anderen, die haben Ahnung. Das ist nun mal ein großer Unterschied. Der Klimawandel ist nicht zu leugnen. Im Winter 2015/ 2016 war die Luft über dem arktischen Ozean in weiten Teilen mehr als sechs Grad Celsius wärmer als im langjährigen Durchschnitt.

Was bedeutet das?

Das heißt, dass wir eigentlich schon lange nicht mehr vom politisch-angestrebten Zwei-Grad-Ziel reden sollten. Das Problem ist viel weitreichender. Ich mache das mal bildlich klar: Sie, ich, Ihre Leserin sind knapp zwei Meter groß. Der Berg vor uns ist 2000 Meter hoch. Wir haben es hier also mit einer Kraft zu tun, die das menschliche Vorstellungsvermögen übersteigt.

Wenn jemand schon mal einen Sturm erlebt hat mit Windstärke 12, der weiß, wovon ich rede. Wir setzen hier Kräfte frei, die gehen weit über die des berühmten Zauberlehrlinggedichts von Goethe hinaus. Das sind Monster, die kommen aus Urzeiten. Und wir setzen sie frei, auch weil wir fossile Brennstoffe verbrennen, die vor Hunderten von Millionen Jahren entstanden sind.

Das heißt: nicht mehr fliegen, nicht mehr Auto fahren, anders heizen?

Es heißt auf jeden Fall: Einschränkung der Mobilität. Man muss sich wirklich überlegen, ob man fliegt. Die Touristikbranche müsste sich völlig verändern. Alles das würde – ganz offen gesagt – zu mieser Stimmung führen. Aber diejenigen, die in den vergangenen hundert Jahren ganz massiv zur Katastrophe beigetragen haben, weil sie ohne Ende fossile Brennstoffe verheizt haben, also die Industrieländer, müssen den Anfang machen. Wenn die außerdem ihre Bevölkerung dazu bringen, nur zweimal die Woche Fleisch zu futtern, wäre das gut. Und wir es dann noch schaffen, nicht in irgendwelchen Blechkisten rumzufahren, die drei Tonnen schwer sind …

Sie vermiesen den Deutschen das Auto?

Es geht ja gar nicht darum, dass die Leute nicht mehr Auto fahren sollen. Aber wir haben in den vergangenen vierzig Jahren viele Chancen vertan bei der Entwicklung von Automobilen. Das Geschäftsmodell beruht hierzulande hauptsächlich auf der Produktion von Premium-Limousinen. Darauf sind alle stolz, das gesamte offizielle Establishment. Das ist nicht der richtige Weg!

Sie haben das Wissen. Leben Sie jetzt anders, bewusster als früher?

Natürlich versuche ich, so wenig CO2 wie möglich zu emittieren. Das gelingt mal besser, mal schlechter. Da gilt es natürlich auch, immer wieder Kompromisse zu machen. Und ich kaufe Bio-Lebensmittel. Am Ende wird uns nichts anderes übrig bleiben, als endlich zum ökologischen Landbau zu kommen. Etwas anderes wird nicht funktionieren. Der ist auch gut fürs Klima.

Harald Lesch empfing Schrot& Korn-Redakteur Manfred Loosen im Haus der Astronomie hoch über den Dächern von Heidelberg.

Zur Person: Harald Lesch ...

(© Komplett-Media GmbH)

... ist 56 Jahre alt, verheiratet und hat einen Sohn. Er lehrt in München an der Ludwig-Maximilians-Universität Physik und an der Hochschule für Philosophie Naturphilosophie. Im ZDF moderiert er die Sendung „ Leschs Kosmos , in der er versucht, wissenschaftliche Themen für jedermann verständlich zu erklären. Sein neuestes Buch „ Die Menschheit schafft sich ab Die Erde im Griff des Anthropozän ist mehr als 500 Seiten dick und beim Verlag Komplett-Media erschienen. Auf www.youtube.com veröffentlicht Lesch mit dem Astronom Josef M. Gaßner jeden Freitag einen neuen Beitrag unter „ UrknallWeltallLeben .

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