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Umwelt

Interview Ulrich Wickert

7. 7. 2005, 11
31.08.2005

Zwischen Krise und Krimi

7. 7. 2005, 11.45 Uhr, Hamburg, Redaktion Tagesthemen. Noch weiß keiner, was die Explosionen in der Londoner Untergrundbahn zu bedeuten haben. Während das Krisenmanagement anläuft, versuchen wir mit Ulrich Wickert über seine Bücher, BSE und Gentechnik zu sprechen. // Text: Martin Fütterer, Fotos: Lutz Hiller

? Herr Wickert, anscheinend ist in London gerade etwas Ernstes passiert - müssten Sie nicht sozusagen an der Front stehen?

! Das hier ist die Front! Aber im Moment ist hier ein anderer Kollege dran und eine Kollegin steht in London schon bereit, mit dem Mikro in der Hand.

? Wer entscheidet, wann auf Live-Sendung umgeschaltet wird?

! Die Redaktion - es kann sein, dass ich gleich dazu gerufen werde. Fangen wir einfach an, sehen wir mal, wie weit wir kommen.

? Während der BSE-Krise waren sich die Medien erstaunlich einig, dass Bio-Anbau die Alternative zu den Agrarfabriken sei - auch Sie habe ich mit diesem Tenor in Erinnerung. Was haben Sie selbst für Konsequenzen daraus gezogen?

! Wir haben viel darüber berichtet. Meines Erachtens gab es in Deutschland zuviel Aufregung um das Thema. Wir waren ja kaum betroffen, haben aber so getan, als ob die Welt untergeht. Ich habe jedenfalls nicht aufgehört, Fleisch zu essen. Ich habe meinen Metzger und weiß wo die Tiere herkommen.

? Immerhin hat diese Krise und die entstandene Öffentlichkeit zu einem Ministerwechsel und einem Politikwechsel geführt. „Bio“ bekam Rückenwind. Ist es legitim, eine Nachricht für einen guten Zweck aufzubauschen?

! Ich bin dagegen, dass eine Nachricht aufgebauscht wird, egal aus welchem Grund!

? Im Folgejahr hatten wir den Nitrofenskandal, diesmal gegen „Bio“. Wieder ein starkes Medienecho, obwohl der Anlass eher gering war. Sind Katastrophen einfach Medienfutter?

! Wir berichten nicht nur über Katastrophen.
(Blickt zum Nachrichtenticker)
Ach je, ach je!
Den Menschen muss einfach klar sein, was sie durch ihr Einkaufsverhalten bewirken. Ich kaufe ganz bewusst jetzt noch regionale Elstar-Äpfel aus Deutschland, auch wenn das alte Ernte ist. Wer Braeburn-Äpfel aus Neuseeland kauft, verursacht dadurch viele LkW-Kilometer. Er muss sich klar darüber sein, dass da ein Zusammenhang zu verstopften Autobahnen und zur Feinstaubdebatte besteht.

? Das erfahre ich aber nicht aus den Medien. Muss immer erst eine Katastrophe passieren?

! Es muss kein Notstand eintreten, sondern die Erkenntnis, dass ich durch mein Verhalten etwas ändern kann.

? Was für eine Erkenntnis haben Sie denn bezüglich Agro-Gentechnik?

! Ich habe keine Angst vor der Gentechnik. Aber wir müssen genau beobachten und kontrollieren. Ich meine, dass weniger die Gen-Veränderung an sich zum Problem führen kann, sondern die wirtschaftliche Nutzung. Schon jetzt werden Dritte-Welt-Länder abhängig gemacht. Gen-Veränderungen hat es immer gegeben, die Natur arbeitet mit Ausschuss und die Verbesserungen überleben.

? Darf man bei Menschen Ausschuss in Kauf nehmen?

! Nein, natürlich nicht.
Entschuldigen Sie, ich muss jetzt mal in die Nachricht hineinschauen.
(Schaltet den Ton eines der vier Fernsehmonitore vor ihm hoch. „…. Augenzeugen sprechen von einem Chaos, erste Opfer werden gefunden. Anscheinend hat es mehrere Explosionen in der Londoner U-Bahn gegeben. Stromausfall … Rettungskräfte … Augenzeugen berichten, dass bei einer weiteren Explosion das Dach eines Busses abgerissen wurde ….“ Ulrich Wickert atmet tief durch. „… Die letzte Meldung deutet auf einen Terroranschlag hin …“)
So, machen wir weiter (seufzt). Pardon.

? Was müsste passieren, damit die Gentechnik zu einem brisanten Thema wird?

! Die Frage ist doch, wie es in den Köpfen zugeht. Der Gesellschaftliche Druck ist wichtig. Wir haben verhältnismäßig weitgehende Gesetze im Vergleich zu anderen Ländern, aber auch unterschiedliche Meinungen zu dem Thema. Dafür sind die Medien ein Spiegel.

? In den Medien findet Gentechnik praktisch nicht statt. Muss erst etwas geschehen, mit Gewalt und Gegengewalt?

! Ich bin gegen Gewalt in der politischen Auseinandersetzung. Abgesehen davon haben wir in Deutschland größere Probleme, die es nicht in die Medien schaffen. Man muss doch keine Katastrophe schaffen, damit man es in die Medien schafft.

? Eine Gruppe von Menschen hat für den 31.7. einen Akt zivilen Ungehorsams angekündigt und will Gentechnik-Pflanzen aus den Äckern reißen …

! Das halte ich für falsch. Das ist Sachbeschädigung, ich bin gegen solche Aktionen!

? Werden Sie darüber berichten?

! Es kommt immer darauf an, was an diesem Tag noch passieren wird. Heute haben wir die Anschläge in London, da wird kein Mensch über Genpflanzen berichten.

? In Ihrem Buch „Der Ehrliche ist der Dumme“ haben Sie sich gegen Schreckensbilder in den Medien ausgesprochen. Mit Ihren Schreckensbildern aus Bosnien haben Sie aber mit erreicht, dass sich die Weltgemeinschaft dort endlich eingemischt hat.

! Da erlebten wir echten Schrecken in Bosnien und davon gab es Bilder. Das ist nicht das, was ich mit dem Missbrauch von Bildern meine.

? Sie schreiben auch Kriminalromane. Gewalt als Unterhaltung - auch bei Ihnen?

! Wichtiger als die Toten ist in meinen Krimis der Hintergrund. Die Basis ist immer eine wahre Geschichte, die ich dann verfremde. Bei meinem ersten Krimi habe ich einen französischen Untersuchungsrichter zum Helden gemacht, der politische Korruption aufdeckt. Auch in meinem neuen Krimi „Die Wüstenkönigin“ ist ein Skandal um Öl und Waffen das eigentliche Thema.
(Blickt zum Nachrichten-Ticker)

? Wie war es für Sie, den 11. September 2001 live zu moderieren?

! Es war eine der schrecklichsten Situationen in meinem Leben. Da passierte etwas, was man bis dato nur aus Hollywood-Filmen kannte. Als die Menschen aus den Fenstern sprangen dachte ich immer: Hoffentlich hält jetzt keine Kamera darauf und zeigt, wie die unten ankommen.
(Blickt zu den Monitoren, auf denen ARD-Reporter in Wartestellung sind)
Entschuldigen Sie, ich muss jetzt gehen. Das Problem kann sein, dass ich nicht mehr wiederkomme.
(Ein Mann kommt herein: „Herr Wickert!“)
Sorry, aber es ist fürchterlich!

! … Herr Wickert, wir danken Ihnen für das Gespräch …

Ulrich Wickert - Mister Tagesthemen

Er ist ein nationales Symbol, Gourmet und Buchautor. Ulrich Wickert, 1942 in Japan geboren, ist seit 1969 Fernsehjournalist und seit 1991 Anchorman der Tagesthemen, Flaggschiff der ARD-Nachrichtensendungen. Sein Buch über den Verlust der Werte „Der Ehrliche ist der Dumme“ wurde ein Bestseller. Seine Liebe gehört französischem Wein und edlem Käse. Die Auszeichnung auf die er am stolzesten ist, ist der Orden des „Chevalier du Mérite Agricole“. Sie wird vom französischen Landwirtschaftministerium vergeben.

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