Jeden Tag eine gute Entscheidung. Für eine bessere Welt. Für uns alle.
Umwelt

Interview mit Wam Kat

Wam Kat ist politischer Aktivist. Er bekocht seit 30 Jahren Zigtausende Menschen auf Demonstrationen. Im Herbst begleitete er die bundesweite Aktion 'Teller statt Tonne'.

01.11.2011 vonGabriele Augenstein

Wam Kat ist politischer Aktivist. Er bekocht seit 30 Jahren Zigtausende Menschen auf Demonstrationen. Im Herbst begleitete er die bundesweite Aktion 'Teller statt Tonne'.

Ist Wam Dein richtiger Vorname oder ein Künstlername?

Meine Eltern haben mir ihn vor 53 Jahren gegeben, weil ich ein unruhiges Baby war. Aber im Pass stehen die Namen meiner Großeltern, denn damals waren unbekannte Namen verboten. In der Sprache der Wampanoag-Indianer bedeutet Wam Licht. Das habe ich aber erst mit 27 Jahren erfahren, als ich einen richtigen Indianer getroffen habe, den Medizinmann der Wampanoag. Aber darüber wolltest du sicher nicht mit mir reden?

Wam, lass uns über Bio sprechen. Was ist Dein Bezug zu Bio, was denkst Du über Bio-Nahrungsmittel und Landwirtschaft?

Als ich Kind war, haben wir zum großen Teil selbst produziert. Mit 16 oder 17 bin ich in die erste niederländische Landkommune eingezogen. Wir haben biologisch-dynamische Landwirtschaft betrieben, hatten unser Gemüse aus dem eigenem Garten, haben nie gespritzt. Ich kann mit konventioneller Landwirtschaft nichts anfangen, kann nicht begreifen, dass man Ungleichgewicht in die Natur bringt.

Bio ist besser, weil es unsere Umwelt im Gleichgewicht belässt?

Heute ist Bio nicht mehr zwangsläufig ökologisch. Ich bin mit regionalem, saisonalem Gemüse aufgewachsen. Gehe ich heute in einen Bio-Markt, finde ich nur mit Glück Bio-Lebensmittel aus Deutschland. Die Hälfte der Produkte kommt aus Israel, Italien, Spanien und Ägypten. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen regionale Produkte kaufen. Eine Bio-Möhre aus China hat auf unsere Umwelt ebenso viele negative Auswirkungen wie eine konventionelle vom Nachbarn. Wir sollten zu einer überschaubaren bäuerlichen Landwirtschaft zurückgehen.

Wie stellst du dir eine überschaubare bäuerliche Landwirtschaft vor?

Es ist mein Ideal, dass statt weniger großer Betriebe viele kleine Höfe existieren, in denen Menschen ehrliche und menschliche Arbeit und einen Platz zum Leben finden. Die heutigen Preise für Lebensmittel sind völlig bescheuert, weil Bauern davon nicht leben können. Wenn die Sprit- und Transportkosten weiter steigen, müssen die Lebensmittel so nah wie möglich produziert werden. Und warum wird es Arbeitslosen nicht ermöglicht, in der Landwirtschaft zu arbeiten? Möglich wäre es schon, es erfordert nur ein bisschen Umdenken. Essen ist ein Grundrecht des Menschen. Das kommerzielle, monopolisierte Umgehen mit Essen ist bescheuert. In unserer Welt haben vier große Betriebe ungefähr 70 Prozent unseres Essens monopolisiert. Und die entscheiden darüber, was, wann und wie wir essen und wie es schmeckt. Das kann nicht die Lösung auf längere Sicht sein!

Du warst während des Balkankrieges in Jugoslawien. Wie funktionierte die Lebensmittelversorgung in dieser Extremsituation?

Sarajewo zum Beispiel war umzingelt. Es gab Null Produktion in der Stadt. Man musste alles Essen für 700000 Menschen reinbringen. Die Städte der Vergangenheit waren imstande, sich selbst zu versorgen. Berlin hatte vor 100, 150 Jahren genügend städtische Bauernhöfe, sodass es sich im Notfall selbst versorgen konnte. Mittlerweile haben jedoch alle Städte ihre Höfe abgeschafft.

Du hast zusammen mit Hilfsorganisationen 20 Tonnen Saatgut ins umzingelte Sarajewo geschmuggelt.

Am Anfang über die Berge durch Umgehung der Checkpoints, später durch den Tunnel. Wir haben damit erreicht, dass innerhalb eines Jahres innerhalb von Sarajewo Gartenbau entstanden ist. Denn zum Glück fanden wir alte Bauern, die noch wussten, wie es geht. Sie wussten, wie man Tomaten anbaut, Mais, Bohnen etc. Dieses Wissen konnten wir im Krieg anzapfen und so 70 bis 80 Prozent der Vitamine frisch in der Stadt anbauen. Dort ist in mir das Bewusstsein gewachsen, wie wichtig es, in Friedenszeiten das Wissen zu erhalten. Wir konnten zurückgreifen auf die letzte Generation, die noch wusste, wie es geht.

Hast Du jetzt selbst einen Gemüsegarten?

Der Notfall ist noch nicht eingetreten, aber wir können uns selbst versorgen. In den letzten Wochen haben wir zu Hause viel vom Wald gelebt. Dieses Jahr gibt es Pfifferlinge und Steinpilze ohne Ende. Wenn wir einen Spaziergang machen, haben wir unser Abendessen zusammen.

Wie bist Du zum Kochen gekommen?

Als ich 17 war, ist mein Vater gestorben, und ich habe darüber nachgedacht, was ich werden will. Ich habe Filme gesehen von Leuten die mit kleinen Schlauchbooten Walfische schützen. Die waren Helden! Ich fand es fantastisch, bin nach Amsterdam gegangen und habe gefragt, ob ich mitfahren kann. Das Schiff war die Rainbow Warrior. Rina kam aus der Kombüse und sagte: ‚Du darfst kochen helfen.’ So kam ich auf die Rainbow Warrior. Ich dachte, wenn ich nicht koche, kann ich das Schlauchboot für immer und ewig vergessen. In der Kombüse habe ich gelernt, dass das Kochen das Wichtigste auf dem Schiff war. Wenn wir kein gutes Essen machen, findet keine Aktion statt. Dann bin ich jedes Jahr ein paar Monate mit der Rainbow mitgefahren.

Du hast Psychologie und Soziologie studiert und mit Freunden ein vegetarisches Restaurant eröffnet. Kurz darauf wurdet Ihr vom niederländischen Telegraaf als „wahnsinnig“ und „gefährlich“ betitelt. Wie kam es dazu?

Meine Freunde und ich, wir wollten nach dem Studium unsere Kraft zur Welterhaltung einsetzen. Weltverbesserung war uns ein viel zu großes Wort. Also haben wir in Süd-Limburg ein vegetarisches Res-taurant eröffnet. Denn Essen ist politisch. Nach ein paar Monaten beschlossen wir, ein Atomkraftwerk zu besetzen und das öffentlich zu machen. Wir sagten: Wir bleiben so lange da sitzen, bis es geschlossen wird. Der Telegraaf schrieb in seiner nächsten Ausgabe, dass wir alle verrückt und gefährlich seien und das Atomkraftwerk in Dodewaard besetzen wollten. Das löste unser Problem mit der Werbung. Wir brauchten niemanden mehr zu motivieren, so viele Leute haben zugesagt mitzumachen. Die Vorbereitungen liefen ein halbes Jahr, und zwei Wochen, bevor es stattfand, wurde auf dem Abschlusstreffen alles basisdemokratisch beschlossen. Mittlerweile war das Atomkraftwerk von einer richtigen Burg umbaut mit Türmen und Stacheldraht und Hubschrauber-Landeplatz. Es sollten fünf- oder sechstausend Polizisten zum Absichern kommen. Bei uns hatten sich ungefähr fünfzehntausend Leute angemeldet. Eine halbe Stunde, bevor das Treffen zu Ende war, dachte ich: Wir vergessen etwas ganz Wichtiges. Wie ernähren wir uns wochenlang auf dem Land? Ich habe die Frage gestellt.

Und die Antwort auf Deine Frage: Wie bekommt man 15000 Besetzer eines Atomkraftwerks über Wochen satt?

Es gab eine kleine Gruppe, die konnte hundert Würstchen warm machen. Die Bewohner eines besetzten Hauses konnten für ein paar weitere Hundert Leute kochen. Doch vierzehntausend Leute hätten nichts zu essen gehabt. Da habe ich gesagt: Wir sorgen dafür, dass für alle anderen Leute biologisch-dynamisches Essen da ist. Wir kochen es und teilen es umsonst aus. Die haben mich angeguckt und gedacht: Der spinnt, aber wir wissen jetzt, wer Schuld hat, wenn es nicht funktioniert.

Ein ziemlich kühner Vorschlag … und hat es wirklich geklappt?

Ich habe zu Hause noch einmal zu hören gekriegt, dass ich spinne. Dann haben wir uns ernsthaft um den Tisch gesetzt und überlegt: Wie machen wir das? Wir haben alle Pfadfinder und andere Organisationen in den Niederlanden angerufen und gefragt: Ihr habt doch Sommercamps, ihr habt doch große Töpfe, wir machen ein internationales Kulturfestival für Jugendliche, können wir bei euch ein paar Töpfe ausleihen? So haben wir zweihundert Töpfe zusammengeschustert.

Und wie habt Ihr Lebensmittel für 14000 Leute beschafft?

Die Überzeugung der Bio-Bauern war schwer, denn die wollten ihre guten Bio-Möhren erst nicht an uns verrückte Besetzer abgeben. Doch wir dann: Aber warte mal, wir sind EINE Bewegung. Du bist aufs Land gegangen, weil du auch was gegen Atomkraft hattest. Jetzt bist du vielleicht mehr mit anderen Sachen beschäftigt, aber die Vernichtung der Erde geht weiter, und wenn wir da nicht einen Schritt machen, bleibt das Zeug. Schließlich haben die gesagt: Okay, Ihr könnt das Gemüse abholen. Dann kam die große Frage: Wie wollt Ihr das bezahlen? Und wir: Wir haben kein Geld, aber versprechen, bis in alle Ewigkeiten für euch zu arbeiten, bis wir das bezahlen können. Kurz und gut, wir haben es gemacht, wir haben vierzehntausend Leute versorgt, wir haben mit drei Leuten gekocht und ein paar Hundert Leute haben alles geschnippelt. Das Essen war schrecklich, aber es war warm, ist auf die Blockaden gegangen, und die Leute waren begeistert. Und wir waren eine Woche lang überzeugt: Das machen wir einmal und nie wieder.

Doch die Geschichte ging weiter …

Das Ganze ist jetzt 30 Jahre her. Schon zwei Wochen später riefen uns Leute aus Wackersdorf in Deutschland an. Die hatten gehört, es gäbe in den Niederlanden eine Gruppe, die für ein paar Tausend Leute kochen könnte. Ob wir mal vorbeikommen könnten. Und so hat es sich alles entwickelt. Dann kamen die Friedensmärsche zu Beginn der 80er-Jahre. Dann haben die von Oslo angerufen, sie wollten Friedensmärsche nach Paris organisieren. Und die Frauen wollten nach Brüssel, die Mutlanger nach Bonn laufen. Und immer brauchten die Leute, die für sie kochten. In der Zeit haben wir dann kochen gelernt.

Du bist eher politischer Aktivist als Koch. Für wen würdest Du niemals kochen?

Im Grunde genommen gibt es niemanden, für den ich nicht kochen würde. Ich finde es gemein, Essen als Druckmittel zu gebrauchen. Essen ist ein Grundrecht von jedem. Es würde schwer für mich sein, in Konzentrationslagern für die Leute zu kochen, die die Leitung haben, aber das sind Extremsituationen und ich nehme an, dass ich in diese Situation nie komme. Es gibt viele, die sagen, du bist bescheuert, dass du der Polizei etwa in Gorleben Kaffee anbietest. Ich habe da aber kein Problem und bin immer glücklich, wenn wir so weit kommen, dass sie es annehmen, das dürfen sie nämlich nicht.

Derzeit kochst Du bei den Filmstarts der Dokumentation „Taste the Waste“ in verschiedenen deutschen Städten. Im Film heißt es: Mit dem, was wir in Europa und Nordamerika an Essen wegwerfen, könnten alle Hungernden der Welt dreimal satt werden.

Ja, das ist doch bescheuert. Ich habe im Moment keine Erklärung dafür, warum das überhaupt möglich ist. Essen wegwerfen ist etwas Unmenschliches – oder vielleicht gerade etwas „Menschliches“, denn Tiere würden das nie machen. Wir werfen nicht nur das Essen weg, sondern auch die Ehre des Bauern, der es angebaut hat, und die Energie, die da hineingeflossen ist. Es ist unvorstellbar, etwas wegzuwerfen, wohl wissend, dass am anderen Ende des Planeten Menschen zu wenig haben.

Für die Kochevents zum Filmstart von „Taste the Waste“ sammeln die städtischen Tafeln qualitativ einwandfreie Lebensmittel, die im Wirtschaftskreislauf nicht mehr verwendet und ansonsten vernichtet würden, bei Bauern, Großmärkten und Supermärkten ein. Davon werden Tausende Menschen satt.

Wahrscheinlich noch mehr. Beim G8-Gipfel in Moskau haben wir mal achttausend Menschen bekocht, nur mit Gemüse, das normalerweise nicht in den Handel gekommen wäre: weil es zu groß oder zu klein oder zu krumm gewachsen waren oder sonstwie die Norm nicht eingehalten hat. Die Konsumenten wollen es nicht.

Und wenn die Konsumenten nicht mehr wollten, dass Lebensmittel weggeworfen werden: Wie könnten sie die Wirtschaftsstrukturen ändern?

In den 80er-Jahren hat es die grüne Bewegung in Deutschland vorgemacht. Fünf Prozent der Konsumenten haben gesagt: Wir wollen keinen Phosphor im Waschmittel. Innerhalb eines halben Jahres haben alle Produzenten auf den Phosphorzusatz verzichtet. Es waren damals nur fünf Prozent der Konsumenten, es war noch nicht mal ein Boykott. Sie haben es nur deutlich gesagt. Die kritische Masse, die man benötigt, ist viel kleiner, als man denkt. Der Film „Taste the Waste“ schlägt dermaßen eine Welle in Deutschland, dass man schon darüber nachdenkt, verschiedene Gesetze zu ändern. Und nächstes Jahr wird ein ganz wichtiges Jahr werden: 2013 wird die neue Agrarpolitik für Europa bestimmt und nächstes Jahr müssen wir europäische Konsumenten sagen, was wir wollen, wie unsere Agrarpolitik aussehen soll.

Was ist eigentlich das Faszinierende daran, wenn Menschen zusammen kommen, um zu essen?

Hier in Mainz saßen achthundert Leute um einen Tisch und redeten miteinander. Dieses Miteinander-Reden ist fantastisch. Früher setzte die gemeinsame Mahlzeit in einer Familie oder Gruppe einen Punkt am Tag, an dem alles Wichtige besprochen wurde. Wenn heute jeder seine eigene Tiefkühlpizza isst, wann er eben Zeit hat, leiden darunter die sozialen Kontakte.

Außerdem verlernen wir als Kollektiv das Kochen …

Ich plädiere heftig für Nahrung als Pflichtfach in Schulen. Von der 1. bis zur 13. Klasse. Wo kommt Nahrung her? Wie wird sie gemacht? Die Schule sollte dieses Grundwissen vermitteln, weil es in den Familien nicht mehr gemacht wird. Das würde die Gesellschaft wieder ein bisschen zurückbringen an ihre Wurzeln, damit die Wertschätzung nicht ganz verloren geht. Fastfood ist ein Merkmal unserer Gesellschaft. Unsere Gesellschaft ist schnell, kurzlebig und schätzt viele Dinge nicht mehr wert. Nicht nur das Essen, sondern die ganze Gesellschaft muss abgebremst werden. Wir bewegen uns in einer Riesengeschwindigkeit in Richtung eines sozialökonomischen Abgrunds. Mit Erdbeben und anderen Naturkatastrophen macht Mutter Erde uns deutlich, dass wir nicht machen können mit ihr, was wir wollen. Sie bestimmt, wo unsere Zukunft liegt und nicht anders herum.

Kommentare

Das könnte Sie auch interessieren

Ähnliche Beiträge