Jeden Tag eine gute Entscheidung. Für eine bessere Welt. Für uns alle.
Umwelt

Interview mit Vandana Shiva

Mit dem Charisma eines Mahatma Gandhi bereist die Physikerinund Öko-Pionierin die „eine Welt“. Ihre Mission: die Befreiung der Gesellschaft. // Interview Gabriele Augenstein, Ralf Bürglin
30.04.2005

Bio gegen Arbeitslosigkeit

Mit dem Charisma eines Mahatma Gandhi bereist die Physikerinund Öko-Pionierin die „eine Welt“. Ihre Mission: die Befreiung der Gesellschaft. // Interview Gabriele Augenstein, Ralf Bürglin

? Sie kämpfen gegen die Macht der Agrar-Konzerne. Was werfen Sie diesen vor?

! Sie drängen den Konsumenten ihre Ernährungssysteme auf. Ich nenne das Lebensmittel-Totalitarismus; ja, ich nenne das Lebensmittel-Faschismus. Das, was die Konsumenten eigentlich wollen, wird durch Gesetze blockiert - durch Hygienegesetze, Gesundheitsgesetze, Grundbesitz-Gesetze. Der Gesellschaft wird mit den Reglementierungen die Freiheit genommen.

? Wie ist diese Entwicklung zu stoppen?

! Ich sehe, wie sich neue Trends entwickeln. Tausende Bauern machen Schluss mit der Abhängigkeit von der Chemie. Millionen von Konsumenten sagen: Nein! Sie erkennen, dass ihnen die großen Firmen keine verlässlichen, nährstoffreichen, gesunden Nahrungsmittel mehr bieten können. Und das ist der Beginn eines Phänomens, das sich nicht stoppen lässt. Weil: Es ist ein Phänomen des Lebens. Es ist das Phänomen einer lebenden Ökonomie, die aus einer sterbenden, selbstzerstörenden Wirtschaft herausbricht.

? Was ist Ihre Prognose?

! Ich glaube, dieser Wettbewerb ist auf einem Niveau angelangt, wie er, in gewisser Weise, intensiver nicht sein kann. Wir bewegen uns nun hin zur Ernährungs-Demokratie, weg von der Ernährungs-Diktatur - und zwar durch zivilen Ungehorsam. Gandhi sagte, ungerechte Gesetze müssen nicht befolgt werden, weil wir angesichts von Immoralität und Ungerechtigkeit in der Pflicht sind, die Lage der Gesellschaft zu verbessern. Deshalb weigern wir uns zu kooperieren - friedfertig, mit Freude und mit Alternativen.

? Was glauben Sie, hier in Europa ausrichten zu können?

! Zwei Dinge treiben mich an. Erstens: geistig dienen zu wollen. Wir sind in einer Phase, in der wir begreifen müssen, dass wir alle Mitglieder der Eine-Welt-Gemeinschaft sind. Ich sehe es als meine Pflicht an, auch nach Europa zu kommen, um für diese eine Welt zu arbeiten, so wie ich auch in Indien arbeite.

? Und das zweite Motiv Ihres Besuches?

! Mich motiviert die Tatsache, dass Europa zurzeit konkret an Alternativen arbeitet. Genau das versuchen wir auch. Deswegen will ich bei Hans mitmachen (Anm. d. Red.: „Hans“ ist ein englischer Spitzname für einen Deutschen) und ihm sagen: „Habe keine Selbstzweifel. Du bist auf dem richtigen Weg. Den Weg, den du gehst, gehen auch wir im Süden: Wir arbeiten für die biologische Landwirtschaft, für Lebensmittel-Qualität und Artenvielfalt.“

? Wie kommen wir an Genfood vorbei?

! Ich habe in Orissa gearbeitet, wo mir die Opfer eines Wirbelsturms sagten: „Wir wollen dieses Zeug nicht essen.“ Es war eine Mais-Soja-Mischung - genetisch verändert. Die Leute waren am verhungern. Sie hatten trotzdem durchgehalten und gesagt: „Das essen wir nicht“. In Delhi hat es unsere Gentechnik-Lobby durch Manipulation geschafft, das traditionelle Senföl unserer Einheimischen als schlecht zu deklarieren, um anschließend den Markt mit genetisch verändertem Sojaöl fluten zu können. Die Frauen der Slums kamen zu mir und sagten: „Unsere Kinder können nicht schlafen; sie sind hungrig. Sie wollen ihr Senföl, sie wollen den gewohnten Geschmack.“ Und ich sage Ihnen: Es ist das Recht dieser Leute, auf Qualität und kulturelle Identität zu bestehen.

? Deutschland verarmt, viele der Betroffenen gehen davon aus, „Bio“ sei für sie nicht bezahlbar …

! Als Erstes: „Bio“ scheint teurer zu sein, weil die industriellen Chemie-Lebensmittel so stark subventioniert sind. Doch es handelt sich nicht um Billig-Essen, sondern um Mogel-Essen („not cheap food, but cheating food“). Der Preis ist gemogelt. Die Last der höheren Kosten fällt auf die Gesellschaft zurück - auf die Umwelt, auf unsere Gesundheit.

? Also nur kurzfristig kommen die Menschen billiger weg …

! Nicht einmal das! Wenn du chemisch produziertes Essen zu dir nimmst, bist du niemals satt. Und weil du nie satt bist, isst du immer mehr Billigessen. Am Ende des Tages hast du mehr für dein Billigessen ausgegeben, als du ausgeben würdest, hättest du drei hochwertige Mahlzeiten zu dir genommen. Es ist wie eine Sucht.

? Aber viele fühlen sich machtlos …

! Wir sind an einem Punkt angekommen, da wir diese Probleme nicht mehr nur als Konsumenten betrachten können. Der konsumierende Bürger muss sich als Ko-Produzent des produzierenden Bauern sehen. Ko-Produzent deshalb, weil er durch den Akt des Essens das Agrarsystem aktiv formt. Obwohl der Bürger das letzte Glied der Nahrungskette ist, kann er durch die Wahl seiner Lebensmittel das Agrarsystem bestimmen. Ob er ein Vollkornbrot isst oder ein Weißmehlbrot, bestimmt darüber, ob der Vollkornproduzent überlebt oder der Weißmehlproduzent.

? Glauben Sie, dass die Masse diese Zusammenhänge versteht?

! Das ist genau der Punkt, warum Institutionen - Magazine wie Schrot&Korn - nötig sind, um diese Informationen unters Volk zu bringen.

? Und das Arbeitslosenproblem?

! Wir müssen die Idee von der gesunden Landwirtschaft als Lösung für die Arbeitslosigkeit auffrischen. Das chemische Agrarsystem ist ein System der Arbeitsvernichtung. Dünger und Pestizide, die unseren Planeten zerstören, haben die Beschäftigten überflüssig gemacht. Wir müssen in die Nahrungskette zurückkehren und Qualitätslebensmittel herstellen. Und damit löst sich auch das Arbeitslosenproblem.

? Frau Shiva, wo bekommen Sie eigentlich Ihre Energie her?

! Als Erstes vom Nichtnachdenken. Natürlich denke ich viel; aber ich denke nicht: „Oh mein Gott, du arbeitest zu hart.“ Ich vergess’ mich einfach. Natürlich sagt dir dein Körper schon manchmal: „Halt ein, ich besteh’ drauf. Pause!“ Wo ich meine Energie herbekomme? Ich gebe euch die Antwort einer 60-jährigen Inderin, die beim Protest gegen eine Minenfirma geschlagen und verletzt wurde und doch das Minengelände nicht verließ. Ich fragte sie: „Du bist gerade geschlagen worden, woher nimmst du die Kraft, Stand zu halten?“ Sie sagte: „Siehst du das Gras, über das ich gerade gegangen bin? Ich habe es niedergetrampelt, aber es richtet sich sofort wieder auf.“ Diese Fähigkeit, sich wieder und immer wieder aufzurichten, rührt ganz einfach daher, dass man wirklich Teil des Lebens ist.

Mit Kuhdung neue Karriere gestartet

Vandana Shiva lebt ein vielschichtiges Leben. Sie studierte Quantenphysik, gab dann 1982 ihre Universitätskarriere auf, um sich in der Öko-Bewegung zu engagieren - zunächst ohne geregeltes Einkommen. Mit Kuhdung vom Hof ihrer Mutter startete Shiva eine Bio-Farm, die sie nach und nach zu einem biolandwirtschaftlichen Forschungsinstitut ausbaute. Mit den Ergebnissen ihrer Untersuchungen und ihrem Charisma konnte sie bislang über 200 000 Bauern davon überzeugen, auf Chemikalien zu verzichten. Shiva bezeichnet sich als Weltbürgerin und doch, so versichert sie, sind ihre Tage auf der Farm ihre glücklichsten.

mehr Infos

Bücher von Vandana Shiva

  • Biopiraterie - Kolonialismus des 21. Jahrhunderts.
    Unrast Verlag 2002, 3-89771-416-7
  • Der Kampf um das blaue Gold. Rotpunktverlag 2003, 3-85869-251-4
  • Ökofeminismus. Rotpunktverlag 1995, 3-85869-122-4

Kommentare

Das könnte Sie auch interessieren

Ähnliche Beiträge