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Interview mit Jean Ziegler

Jean Ziegler kämpft wortgewaltig für das Recht auf Nahrung. Der frühere UN-Sonderberichterstatter schildert seine Erlebnisse in den Hungergebieten dieser Welt – und sagt, was zu tun wäre.
01.02.2013

Jean Ziegler kämpft wortgewaltig für das Recht auf Nahrung. Der frühere UN-Sonderberichterstatter schildert seine Erlebnisse in den Hungergebieten dieser Welt – und sagt, was zu tun wäre. (Fotos: Frederik Grötschel)

Sie schreiben, dass alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren verhungert und nennen das Mord. Warum?

Das Problem ist nicht die Produktion der Nahrung. Es ist der Zugang zu dieser Nahrung. Es sind mehrere Mechanismen, die den Menschen diesen Zugang verwehren und sie in den Hungertod treiben. Die treibende Kraft dieser Mechanismen ist die Profitgier. Deshalb nenne ich das Mord.

Wer sind die Mörder?

Ich beschreibe in meinem Buch fünf Mechanismen. Der erste ist die Herrschaft der Konzerne. 85 Prozent aller auf der Welt gehandelten Grundnahrungsmittel werden von zehn multinationalen Gesellschaften kontrolliert. Sie entscheiden jeden Tag, wer hungert und wer isst. Der zweite Mechanismus ist die Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel. Die Raubritter des globalisierten Finanzkapitals sind seit der Finanzkrise auf Nahrungsmittel und Rohstoffe umgestiegen und realisieren astronomische Profite.

Und das lässt die Preise steigen?

Die Spekulation beschleunigt und verstärkt die Preisanstiege. In den Slums dieser Welt, wo die Mütter kaum Geld haben, um die tägliche Nahrung zu kaufen, bedeutet die spekulationsbedingte Explosion der Grundnahrungsmittelpreise den Tod.

Es fehlen noch drei mörderische Mechanismen.

Die Agrartreibstoffe, der Landraub und das Agrardumping der Industrieländer. Sie können auf jedem afrikanischen Markt italienisches Gemüse oder deutsches Geflügel zur Hälfte des Preises von afrikanischen Inlandsprodukten kaufen. Ein paar Kilometer weiter rackert sich der afrikanische Bauer unter der brennenden Sonne zwölf Stunden am Tag ab und hat nicht die geringste Chance, auf ein Existenzminimum zu kommen.

Warum sind die europäischen Lebensmittel so billig?

Weil sie subventioniert werden, sowohl der Anbau als auch der Export. Beim Geflügel ist es vor allem die industrielle Geflügelmast, die konkurrenzlos billig ist.

Sehen Sie eine Chance, dass sich diese gemeinsame Agrarpolitik der EU ändern lässt?

Die Agrarkonzerne leisten unglaubliche Lobbyarbeit. Die sind in Brüssel massivstens präsent, mit Millionen, die für die Einflussnahme eingesetzt werden. Ich bin ziemlich pessimistisch.

Folgt man Ihrer Argumentation, begeht eine Agrarministerin, die für den Fortbestand der EU-Agrarpolitik stimmt, …

… Beihilfe zum Mord. Richtig. Aber es geht nicht darum zu sagen, der Chef von Cargill oder die Ministerin sind böse Menschen, und wir bei der UNO oder bei Schrot&Korn sind die Guten. Es geht um die strukturelle Gewalt.

Aber es sind Menschen, die diese mörderischen Strukturen nutzen. Übermannt Sie da nicht manchmal der Zorn?

Einmal. Das war im Niger, vor sechs Jahren. Aufgrund von Dürre und Heuschrecken herrschte eine fürchterliche Hungersnot. Ich versuchte, den damaligen Präsidenten Tanja zu überzeugen, das Welternährungsprogramm der UNO um Hilfe zu bitten. Tanja sagte kalt lächelnd: „Herr Professor, es gibt doch keine Hungersnot bei uns.“ Dieser korrupte Kerl steckte mit den örtlichen Getreidespekulanten unter einer Decke, die ihre Vorräte immer noch horteten. Den hätte ich gerne erwürgt. Aber es hätte nichts genützt. Stattdessen habe ich aus lauter Verzweiflung den damaligen UNO-Generalsekretär Kofi Annan angerufen. Er ist vier Tage später ins Zentrum der Hungersnot im Niger gereist, mit CNN, BBC und den anderen Medien im Gefolge. Schließlich wurde Tanja durch die Weltöffentlichkeit gezwungen, das Gesuch zu stellen und die Hilfe konnte anlaufen. Aber da waren schon Tausende gestorben.

Jean Ziegler…
… lernte als Student bei Jean-Paul Sartre und chauffierte Che Guevara durch Genf. Er gehörte als Abgeordneter dem Schweizer Parlament an und kritisierte dort vehement das Schweizer Bankensystem. Von 2000 bis 2008 war der inzwischen emeritierte Soziologieprofessor der erste Sonderberichterstatter der UNO für das Recht auf Nahrung.

Seine Erlebnisse hat Jean Ziegler in dem kürzlich bei Bertelsmann erschienenen Buch „Wir lassen sie verhungern – Die Massenvernichtung in der dritten Welt“ beschrieben. „Jetzt kann ich endlich sagen, wer die Halunken sind“, wirbt er für das Buch. Seine klaren Aussagen haben Ziegler zahlreiche Prozesse, aber auch großes internationales Prestige beschert. „Meine Bücher sind meine Waffen“, sagt der kämpferische Soziologe.

Wie verarbeiten Sie die schrecklichen Bilder, die Sie auf Ihren Missionen gesehen haben?

Wenn man die Opfer sieht, die halbverhungerten Kinder mit den großen Augen, dann denkt man sofort an die eigenen Kinder und Enkel. Da muss man einen Schutzschild aufbauen, Distanz halten, so wie es auch die Ärzte machen. Trotzdem, die Bilder kommen wieder – in der Nacht.

Und mit ihnen die Wut?

Der Zorn und die Vernunft sind der Motor meiner Arbeit. Doch ich muss mir immer wieder sagen, es geht um Wirksamkeit. Die Hungernden kümmern sich nicht um die Psychologie des Kleinbürgers aus Genf. Wir sind privilegiert, Sie ja auch, Sie reden zu 800 000 Lesern. Diese Privilegien schaffen Verantwortung.

Wie können wir ihr gerecht werden?

Wir sind die stillen Komplizen dieses täglichen Massakers. Wir können es auch beenden. Morgen früh können wir den Bundestag zwingen, die Börsenspekulation mit Nahrungsmittel zu verbieten. Wir könnten die Agrarministerin zwingen, in Brüssel für einen Stopp des Agrardumpings zu stimmen. Das Grundgesetz gibt uns alle Waffen in die Hand.

Das Grundgesetz lässt uns alle vier Jahre wählen.

Deshalb müsste der Hunger in der Welt ein Hauptthema sein im nächsten Bundestagswahlkampf. Che Guevara hat gesagt: „Auch die stärksten Mauern fallen durch Risse“. Überall kämpfen Bauern, die ihr Land zurückhaben wollen. Und hier bei uns: Attac, die Bio-Bauernbewegung, Greenpeace, in den Kirchen regt sich etwas. Der Aufstand des Gewissens steht bevor, davon bin ich überzeugt.

Und landet dann bei den Wahlen bei fünf bis zehn Prozent.

Wie ist die Französische Revolution entstanden, man weiß es nicht. Plötzlich erwachen die Menschen. Bei jedem meiner Vorträge hebt jemand die Hand und sagt: „Sie haben ja recht, aber ich kann doch nichts tun gegen Monsanto und Cargill.“

Was antworten Sie?

Es gibt drei Ebenen, auf denen der freie Bürger Verantwortung trägt. Die erste ist die humanitäre Soforthilfe wie sie die Deutsche Welthungerhilfe, Brot für die Welt und andere leisten. Auf der zweiten Ebene kann ich mich als Verbraucher vegetarisch ernähren und meinen Teil der 500 Millionen Tonnen Getreide freigeben, die jährlich in die Tiermast gehen. Die dritte Ebene sind die Waffen, die der Bürger hat, um Strukturreformen durchzusetzen. Der französische Schriftsteller George Bernanos hat gesagt: „Gott hat keine anderen Hände als die unseren.“ In der Demokratie gibt es keine Ohnmacht – und keine Entschuldigung, nichts zu tun.

Sprachen bei ihrem Treffen auch über Agrosprit, den Präsidenten von Nestlé und gewaltsamen Widerstand: Jean Ziegler (l.) und unser Autor Leo Frühschütz. Nachzulesen:
schrotundkorn.de/interview

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