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Umwelt

Interview mit Eugen Drewermann

Sind Christen umweltfreundlich? Die Theologen jedenfalls machen keine guten Vorgaben - meint Eugen Drewermann.

30.06.2005 vonManfred Loosen

? Welche Bedeutung hat für Sie: Macht euch die Erde untertan?

! Manche Theologen werden betonen, dass „Macht euch die Erde untertan“ nicht bedeutet, man bekomme nun ein Recht auf schrankenlose Ausbeutung der Natur. Dennoch geht es um einen Herrschaftswillen, den der Mensch als Ebenbild Gottes über die Schöpfung legen soll. Diese Interpretation ist bis heute vielleicht das einzige Gebot Gottes, das wir wirklich gehalten haben. Der Machtwille des Menschen über die Kreatur ist maßlos, das Recht desgleichen, das wir uns zueignen, mit den Tieren alles zu machen, was uns vermeintlich nützt. Eine Ethik, die den Begriff der Verantwortung nur in Richtung auf den Menschen definiert, ist skrupellos.

Die Natur hat mehr als 60 Millionen Jahre gebraucht, um den Amazonas-Urwald aufzubauen. Wer irgend an Gott glaubt, kann nicht denken, dass der Schöpfer seine Freude daran hat, dass wir genau 60 Jahre benötigen, um dieses Kunstwerk, ein gigantisches Biotop, mit Kettensägen und Brandrodung ein für alle Mal zu zerstören. Was wir machen, ist eine Querschnittlähmung durch den Motor der gesamten Evolution.

? Welche Rolle hat denn der Mensch in der Natur?

! Diese Rolle hat uns kein Theologe, sondern ein Biologe verdeutlicht: Charles Darwin im Jahre 1856 in dem Buch über die Entstehung der Arten. Wir sind Teil der Natur, nicht Herrscher darüber. In Indien hätte diese Erkenntnis keinen religiösen Schock ausgelöst. Im Christentum hingegen war die Herkunft des Menschen aus dem Gang des Lebens so viel wie der Einbruch des Atheismus. Eine Auflösung der Würde, die der Mensch sich vollkommen narzisstisch bis dahin zugesprochen hatte. Die Folge ist: Wir haben Charles Darwins Erkenntnis nicht genützt, um weiser zu werden oder um unsere Ethik zu korrigieren, sondern wir haben alles benützt, was wir naturwissenschaftlich über die Natur gelernt haben, zum Herrschaftswissen für eine verbesserte Ausbeutung.

? Seit wann sind Sie Vegetarier?

! Das ist nicht auf einen Schlag geworden, aber ich hatte zunehmend Skrupel, schon in den 50ern. Ich war damals 13, 15, 18 Jahre. Wen immer ich fragte von den Theologen, das heißt den Vikar und den Pastor, alle belehrten mich, es sei halt Gottes Wille: Ein Lebewesen lebt vom anderen, so ist das eingerichtet, und uns Menschen hat er das zur Verfügung gestellt. Diesen Irrsinn hat man 1992 noch in den Weltkatechismus für eine Milliarde Katholiken gedruckt: So soll man glauben! Es gibt da keine Skrupel, es ist der Wille Gottes und man muss ihm für die großzügige Gnade danken, dass man gerade eines der Tiere hat töten dürfen, weil sie doch so schmackhaft sind! Mitleid ist da offensichtlich fehl am Platze.

? Unter welchen Voraussetzungen können wir denn Tiere nutzen?

! Ich glaube, es ist vertretbar, von Tieren das zu nehmen, was sie geben, auch wenn das allzumeist im Zusammenhang ihrer eigenen Reproduktionsfähigkeit oder Brutpflege steht. Also Eier, Milch und die Produkte, die man daraus gewinnt. Das trägt nicht zur Qual der Tiere bei, jedenfalls muss es das nicht. Die erste Bedingung allerdings, die ich daran knüpfe, ist eine artgerechte Tierhaltung. Mich ärgert es nicht nur, ich finde es skandalös, dass wir ein Tierschutzgesetz haben, das im Umgang mit Wirbeltieren wenigstens, artgerechte Tierhaltung befiehlt, und wir dann folgenlos mit anschauen zu sollen, wie man Tiere, Hühner beispielsweise, zu Hunderttausenden in Käfigen hält. Nur damit sie als Schlachtvieh und als Eier legende Maschinen in Frage kommen. Es ist unerhört!

? Kaufen Sie selbst ein? Worauf achten Sie?

! Ich kauf’ mitunter selber ein, und dann ist natürlich klar: Wenn ich Eier einkaufe, dass ich die aus Freilandbeständen kaufe - wenn das nicht wieder nur eine irreführende Etikettierung ist. Ich komme von Paderborn aus seltener dazu, auf dem Lande direkt beim Bauern einzukaufen, um zu sehen, was er mit den Tieren macht. Manchmal muss man ja dem Hersteller auch glauben. Auf so etwas kann jeder achten.

Sollten sich die Vermutungen mancher Mediziner bestätigen, dass zu viel Fleischnahrung Darmkrebs verursacht, wäre unsere Argumentationslage augenblicklich durchschlagend. Ich möchte aber nicht, dass Menschen aus Angst um ihre Gesundheit etwas Richtiges tun, sondern wirklich aus Motiven, die ethisch begründet sind: Mitleid mit den Tieren.

? Welche Einstellung haben Sie zur grünen Gentechnik? Kann sie irgendwann den Hunger von der Welt verbannen, wie Befürworter sagen?

! Gegenüber Gen-Mais, Genfood und was Sie wollen ist mir jeder Einwand recht! Und gleichzeitig weiß ich, dass jeder Einwand folgenlos bleibt, weil im Hintergrund ganz sicher nicht der Kampf gegen den Hunger in der Dritten Welt steht, sondern die Profit- und Verteilungsinteressen der Produzenten. Man ist jetzt gerade dabei, zu befolgen, was Henry Kissinger vor Jahren sagte: „Wer die Nahrungsmittelproduktion kontrolliert, kontrolliert die Menschheit! Wirksamer als mit Waffen!“ Deshalb muss man Reis verändern, denn dann hat man ganz Südostasien im Griff. Absolut im Griff! Hirse nur ein wenig verändern, dass sie irgendwie günstiger ist als die einheimische Hirse, und schon hat man ganz Nordafrika im Griff! Das steckt dahinter: Machtpolitik und Geldinteresse.

Eugen Drewermann: Theologe, Philosoph, Psychotherapeut

Er ist habilitierter katholischer Theologe, studierte auch Philosophie und Psychoanalyse, und arbeitete als Priester und Privatdozent. Auf Grund seiner Kirchenkritik durfte Drewermann von 1991 an nicht mehr lehren, 1992 untersagte ihm Papst Johannes Paul II auch das Predigen und die priesterliche Tätigkeit. Seither ist er als Seelsorger und freier Schriftsteller tätig, publizierte zahlreiche Bücher. Eugen Drewermann wurde 1940 in Bergkamen geboren und wohnt heute in der Innenstadt von Paderborn.

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