Interview

Was ist Biodiversität, Katrin Böhning-Gaese?

Wir stehen mit dem Artensterben an einem gefährlichen Wendepunkt der Erdgeschichte, sagt die Biodiversitätsforscherin Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese und erklärt, warum Insekten unsere Lebensversicherung sind.

Eine Million Arten sind weltweit vom Aussterben bedroht. Wir erleben gerade das sechste Massenaussterben der Erdgeschichte und sind selbst die treibenden Kraft dahinter. Die Tragweite des Artensterbens für uns Menschen ist immens, warnt die Wissenschaftlerin Dr. Böhning-Gaese: Wir vernichten unsere Lebensgrundlagen. Im Interview zeigt sie Wege auf, wie wir den Artenreichtum und seine Leistungen für unser Leben erhalten können.  

Dr. Katrin Böhning-Gaese, Professorin für Biodiversität, erforscht seit über 30 Jahren die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Natur und die Bedeutung der Biodiversität. Heute ist sie Wissenschaftliche Geschäftsführerin des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung und Professorin an der Universität Leipzig.

Frau Professor Böhning-Gaese, seit vielen Jahren studieren Sie die Vögel. Wie steht es um die Wildvögel in Deutschland?   
Die Artenvielfalt bei den Vögeln in der Agrarlandschaft ist erschreckend zurückgegangen. Man hört kaum noch Feldlerchen singen. Dieses Jahr habe ich so gut wie keine Mehlschwalben gesehen. Die Rebhühner sind ganz massiv zurückgegangen, und die Kiebitze in der Zwischenzeit fast ausgestorben. Aus der Krefelder Studie [Anm. d. Red.: Langzeitstudie, die das Insektensterben in Deutschland belegt] wissen wir, dass sich auch der Bestand an Insekten in wenigen Jahrzehnten um drei Viertel reduziert hat. Das bemerken wir an der Tankstelle. Wir müssen die Windschutzscheibe kaum sauber machen, weil es nur noch wenige fliegende Insekten gibt.

Was haben der Kiebitz und die sterbenden Arten mit uns Menschen zu tun?
Biodiversität ist die Vielfalt allen Lebens. Unsere ganze menschliche Existenz baut im Wesentlichen auf Biodiversität auf. Fast alles, was wir brauchen – von der Luft, die wir atmen, über unser Essen, sauberes Trinkwasser, Fasern, unser Bauholz, selbst moderne Medikamente – alles kommt aus der Natur. Die Ökosysteme müssen funktionieren, damit die Natur diese Leistungen zur Verfügung stellen kann. 

Das ist die Funktion der Ökosysteme – und warum sind dann verschiedene Arten so wichtig für uns?
Biodiversität ist quasi der Maschinenraum der Natur. Biodiverse Ökosysteme, biodiverse Böden, biodiverse Wälder sind stabiler. Sie liefern diese Leistungen kontinuierlich, auch wenn mal eine Dürre kommt. Man hat es bei den Fichtenmonokulturen im Harz gesehen: Monokulturen sind sehr viel anfälliger auf Trockenheit und Hitze. Wenn dann der Borkenkäfer noch kommt, kann der sich problemlos ausbreiten, wenn jeder Baum gleich ist ... Vielfältige Ökosysteme mit verschiedenen Pflanzen und Tieren sind deutlich widerstandsfähiger. Übrigens sind dort, wo Artenreichtum herrscht, auch Menschen gesünder. In Apotheken werden nachweislich weniger antidepressive oder angstlösende Medikamente verkauft. Die Natur hat einen positiven Effekt auf unsere psychische Gesundheit.

»Unsere ganze menschliche Existenz baut auf Biodiversität auf.«

Dr. Katrin Böhning-Gaese, Biodiversitätsforscherin

Was können wir für gesunde Ökosysteme tun?
Sehr wirksam ist es, Naturschutzgebiete einzurichten. Ich lebe seit knapp zwei Jahren in Leipzig. Das sogenannte Leipziger Neuseenland war infolge des Bergbaus eine vollkommen zerstörte Landschaft mit vergifteten Böden und giftiger Luft. Die Kinder waren krank, Menschen hatten Ausschläge. Etwas mehr als 30 Jahren später sind das großartige, renaturierte Seenlandschaften. Wir sehen Seeadler, Baumfalken und auf jedem zweiten Busch einen Neuntöter. Das ist eine mindestens ebenso starke Nachricht wie das Artensterben: dass Renaturierung in relativ kurzer Zeit wirklich funktioniert. Vor allem in Bewaldungsprojekten entstehen ökologisch unglaublich wertvolle Rückzugsorte für Tiere und Pflanzen. Der Grabschützer See etwa, ein ehemaliges Tagebau-Restloch, ist komplett dem Naturschutz vorbehalten. Konik-Wildpferde und Schottische Hochlandrinder leben dort in einer sich frei entwickelnden Natur- und Wildnislandschaft. Das ist fantastisch.

Renaturierung des Leipziger Neuseenlands

Zwochauer See vorn, Grabschützer See hinten links und Werbeliner See hinten rechts, Luftbildaufnahme

Das Leipziger Neuseenland ist ein umgestaltetes Braunkohlerevier. Durch Flutung entstand eine weitläufige Wasserlandschaft mit vielen Flächen, die dem Naturschutz vorbehalten sind. 

Welche Rolle spielt die Landwirtschaft?
Eine wesentliche. Wir brauchen nachhaltige Landwirtschaft. Der ökologische Anbau ist um etwa 30 Prozent biodiverser als der konventionelle, braucht aber mehr Fläche, da er weniger produktiv ist. Tatsächlich ist der konventionelle Anbau produktiver, was aber auf Kosten der langfristigen Stabilität der Ökosysteme gehen kann. 

Und was ist mit der Tierhaltung?
Für die Erzeugung von einem Kilogramm Rindfleisch braucht es 160-mal mehr Land als für ein Kilogramm Kartoffeln. Wenn wir uns pflanzenbasierter ernähren, können wir mit sehr viel weniger Fläche unseren Nahrungsbedarf decken. 

Wenn wir uns pflanzenbasierter ernähren, ist der Sonntagsbraten da noch drin?
Wir brauchen Tierhaltung ganz unbedingt. Denn die Landschaften, die wir in Deutschland am meisten verlieren, sind blühende Wiesen und Weiden. Sie werden umgebrochen, um etwa Mais für Biogasanlagen anzubauen. Damit Wiesen auch Wiesen bleiben können, brauchen wir eben Weidetiere, Rinder, Schafe oder Ziegen. Wenn der Sonntagsbraten also idealerweise von im Freiland gehaltenen Tieren aus unseren Mittelgebirgen stammt, etwa aus dem Odenwald oder dem Thüringer Wald, dann hilft das der Artenvielfalt. Weidehaltung, die sehr gut gemacht ist, kann trotz Methanausstoß der Wiederkäuer einen nur geringen Einfluss auf den Klimawandel haben. Denn durch die Weidehaltung wird zugleich die wertvolle Humusschicht aufgebaut, wodurch die Böden mehr Kohlenstoff speichern. Sogar die sogenannte Planetary Health Diet, ein Speiseplan, der sowohl die menschliche Gesundheit schützt als auch die ökologischen Belastungsgrenzen der Erde respektiert, empfiehlt circa 300 Gramm Fleisch pro Woche. Wir brauchen die Weidehaltung für den Erhalt blühender Wiesenlandschaften.

Was geschieht, wenn wir weiter Arten verlieren?
Unsere Ökosysteme werden instabiler. Viele tropische und südeuropäische Anbaugebiete spüren den Klimawandel bereits massiv. Kaffee- und Kakaopreise sind enorm gestiegen. Die Ernten von Orangen und Oliven in Südeuropa waren schlecht. Wir sind auch auf Ökosysteme im globalen Süden angewiesen. Die Gefahr, diese zu verlieren, wird in der internationalen Wirtschaft und in Sicherheitsdebatten deutlich gesehen. Der britische Geheimdienst etwa hat kürzlich in einem Bericht für Großbritannien festgehalten, dass der Niedergang der Natur die nationale Sicherheit und den Wohlstand des Landes gefährdet und geopolitische Verwerfungen nach sich ziehen könnte. Das gilt ganz genauso für Deutschland.

Bitte nennen Sie drei Dinge, die wir als Gesellschaft tun können, um den Artenreichtum und unsere Lebensgrundlagen zu erhalten. 
Weltweit 30 Prozent der Erde zu Schutzgebieten umwidmen. Zweitens nachhaltig und produktiv Landwirtschaft betreiben. Und drittens: nachhaltiger konsumieren und unseren Fleischkonsum und die Lebensmittelverschwendung reduzieren.

Zum Weiterlesen

Katrin Boehning-Gaese und Friederike Bauer - Vom Verschwinden der Arten - Buch-Cover

Katrin Böhning-Gaese und Friederike Bauer: 
Vom Verschwinden der Arten: Der Kampf um die Zukunft der Menschheit

Nominiert für das WISSENSBUCH DES JAHRES von Bild der Wissenschaft

Auszug aus dem Klappentext: 
... Die Autorinnen beschreiben, welche ungeheure Tragweite das Artensterben für uns Menschen hat, wenn es künftig nicht mehr genügend Pflanzen und Tiere gibt, die uns u.a. lebenswichtige Werk- und medizinische Wirkstoffe liefern und die auch zu unserem physischen und psychischen Wohlbefinden beitragen. Die Lage ist ernst, aber nicht aussichtslos – wir können das Artensterben noch aufhalten. Doch dafür müssen wir es als globale Herausforderung begreifen. Ernsthaft in der Sache, lösungsorientiert und zukunftsgewandt zeigt dieses Buch, wo die tieferen Ursachen der globalen Krise liegen, was Wirtschaft, Politik und auch jeder Einzelne tun kann, um diesen existenziell gefährlichen Trend umzukehren.

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