Unser Gespräch findet Anfang Januar per Videoanruf statt. In Deutschland liegt Schnee, in Aotearoa, wie Neuseeland auf Maori heißt, herrschen hochsommerliche Temperaturen. Dr. Gerhard Reese trägt T-Shirt, im Hintergrund ist der Gemeinschaftsgarten des Ökodorfs zu sehen, in dem er mit seiner Familie lebt. Seit 2025 hat der Umweltpsychologe die Professur für Klimawandel an der Universität in Wellington.
Professor Dr. Reese, wobei hilft uns die Natur?
Bei allem! In Kanada verschreiben Ärzte Natur auf Rezept. Patienten werden ermutigt, Zeit in der Natur zu verbringen und erhalten sogar kostenlosen Zugang zu Nationalparks und Meeresschutzgebieten.
Und was machen Sie als Umweltpsychologe und Professor für Klimawandel?
Mit meiner Forschung möchte ich dazu beitragen, wie effektiver Klimaschutz in einer gerechteren und friedlicheren Welt gelingen kann. Dazu gehört das Verständnis, wie ein nachhaltigeres Leben, in dem wir verantwortungsbewusst konsumieren und produzieren, gestaltet sein kann.
Dazu bräuchte es Veränderungen, die uns bislang schwerfallen – obwohl schon allerhöchste Eisenbahn ist.
Diese Lücke zwischen unseren Überzeugungen und unserem realen Verhalten interessiert mich. Was braucht es, damit wir mehr nach unseren Werten handeln und umweltbewusster leben?
„In Kanada verschreiben Ärzte Natur auf Rezept. “
Was haben Sie dazu herausgefunden?
Wichtig ist etwa, dass wir grundsätzlich das Gefühl haben, etwas bewirken zu können. Wer daran zweifelt, ob es fürs große Ganze überhaupt einen Unterschied macht, auf die Flugreise, Fleisch oder die Fahrt mit dem Auto zu verzichten, dem vergeht die Motivation. Ein grundsätzliches Gefühl von Selbstwirksamkeit ist essenziell. Außerdem Verantwortungsbewusstsein: Wenn ich Unordnung mache, räume ich hinterher eben wieder auf.
Aber seien wir doch mal ehrlich: Was kann der Einzelne bei einem globalen Problem wie der Klimakrise schon bewirken?
Ich finde, jeder noch so kleine Beitrag zählt, aber wir brauchen Menschen, die mitziehen und das Gefühl, dass wir nicht allein sind. Wir sind viele. Das sollten wir uns bewusst machen. Dann steigt die Motivation. Wenn wir uns zusammentun mit anderen, werden wir automatisch wirksamer.
Außerdem kann es immer zu gesellschaftlichen Entwicklungen kommen, wie etwa in Deutschland 2008, als das Rauchverbot in Kneipen eingeführt wurde. Das hat geklappt. Davon abgesehen müssen natürlich die Megaakteure in Politik und Wirtschaft Verantwortung übernehmen. Als Bürgerinnen und Bürger können wir immerhin Druck auf sie ausüben.
Zur Person
Prof. Dr. Gerhard Reese
Umweltpsychologe
Gerhard Reese ist Professor für Klimawandel an der Te Herenga Waka – Victoria University Wellington in Aotearoa/Neuseeland. 2025 hat er den Deutschen Psychologie Preis für seine Forschung zu umweltbezogenen Einstellungen und nachhaltiger Entwicklung erhalten.
Wobei den meisten von uns das schmelzende Eis doch im Alltag ziemlich egal ist.
Tatsächlich betrifft uns der Eisbär, der in der Klimakommunikation oft angeführt wurde, wenig. Er ist weit weg und lässt sich leicht verdrängen. Im täglichen Tun vergessen wir schnell, dass die Meeresspiegel steigen und die Arten sterben, solange es uns persönlich noch gut geht.
85 Prozent der Befragten sprechen sich in der Naturbewusstseinsstudie des Bundesumweltministeriums dafür aus, die Natur zu schützen. Warum tun wir es dann nicht?
Oft, weil es uns im Alltag mit all seinen Mühen schwerfällt, abstrakte Werte und Ziele in konkrete Handlungen zu überführen. Daher braucht es eben auch vereinfachende politische Rahmenbedingungen.
Sie haben das Rauchverbot in Kneipen angeführt. Wäre das eine Idee: Starke Verbote einführen?
Mit Verboten tun wir uns schwer in unserer freiheitlichen Gesellschaft. Zugleich sind aber Verbote grundlegende Vereinbarungen, die unser Zusammenleben regeln: Bei Rot darf man nicht über die Ampel gehen. Es ist verboten unter Alkoholeinfluss Auto zu fahren. Verbote können sehr sinnvoll sein. Das wird kaum jemand bestreiten. Und Verbote sind oft gerecht, da man sich nicht mit viel Geld rauskaufen kann.
„Ich finde, jeder noch so kleine Beitrag zählt, aber wir brauchen Menschen, die mitziehen.“
Es wäre bestimmt auch sehr sinnvoll, weniger zu fliegen und weniger Fleisch zu essen. Könnte man umweltschädliches Verhalten einfach teurer machen?
Über Preise lässt sich tatsächlich viel erreichen, aber damit wären vor allem Menschen mit geringen Einkommen bestraft. Mir sind positive Ansätze mit Belohnung lieber. Zum Beispiel könnten Firmen ihren Mitarbeitenden, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Rad statt mit Flugzeug oder Pkw Urlaub machen, zwei freie Tage extra zugestehen.
Tolle Idee! Das könnte etwas ändern. Die Uni in Wellington, bei der Sie arbeiten, heißt: Te Herenga Waka. Zu Deutsch: Anlegestelle des Bootes. Sind Sie auf dem Seeweg nach Neuseeland gekommen?
Nein, so viel Zeit hatte ich leider nicht (lacht). Bei der weiten Reise würden zwei zusätzliche Urlaubstage nicht reichen.
Was finden Sie bezüglich Klimaschutz gut an sich?
Dass ich nicht dogmatisch bin. Ich bin seit 25 Jahren Vegetarier und habe trotzdem Fleisch gegessen, als ich bei einer Hindu-Hochzeit eingeladen war mit 1.000 Gästen. Da hätte ich es respektlos gefunden, kein Hühnchen zu essen.
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