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Umwelt

Insektensterben: Sind Insekten nicht sexy genug?

Insekten sterben leise. Warum interessiert uns das so wenig? Sind sie nicht sexy genug? – FĂŒr unsere ErnĂ€hrung jedenfalls ist ihr „BlĂŒmchensex“ unverzichtbar.

27.06.2021 vonIna Hiester

Fluginsekten wie das TaubenschwĂ€nzchen sind wichtige BestĂ€uber. Außerdem dienen sie Vögeln als Nahrung.

Insekten sterben leise. Warum interessiert uns das so wenig? Sind sie nicht sexy genug? – FĂŒr unsere ErnĂ€hrung jedenfalls ist ihr „BlĂŒmchensex“ unverzichtbar.

Die Roten Listen bedrohter Tier- und Pflanzenarten werden immer lÀnger. Und eine Studie nach der anderen bestÀtigt, was sich schon seit Jahrzehnten abzeichnet: Es steht nicht gut um unsere Insekten. Laut einer viel beachteten Studie des Entomologischen Vereins Krefeld, dessen Mitglieder 27 Jahre lang das Vorkommen von Fluginsekten in Nordrhein-Westfalen erforschten, schwirrten im Jahr 2014 ganze 76 Prozent weniger Fluginsekten durch deutsche Schutzgebiete als noch 1989. Australische Wissenschaftler behaupten, dass es in 100 Jahren gar keine Insekten mehr geben wird.

– Man könnte ja denken: Und wenn schon? Bereits in der Bibel wurden Insekten als Plage beschrieben. Sie stechen und beißen, ĂŒbertragen Krankheiten und vernichten ganze Ernten. Auch beim Autowaschen hat bislang niemand die im Sommer einst so zahlreich an der Windschutzscheibe klebenden Tierchen vermisst. Insekten, wer braucht die schon? –

Sexy hin oder her, wir brauchen sie. Ihr leises Sterben ist eine ökologische Katastrophe und hat einen hohen Preis fĂŒr uns.

GrĂŒnde, warum Insekten sterben

Fast ĂŒberall hat die industrielle Landwirtschaft seit Ende des Zweiten Weltkrieges unsere einst so vielfĂ€ltige, kleinstrukturierte, durch Weiden, Hecken und Wiesen geprĂ€gte Kulturlandschaft verdrĂ€ngt. Sterile, großflĂ€chige AgrarwĂŒsten bieten Insekten weder Futter noch Lebensraum, und der Einsatz von Pestiziden tut sein Übriges, um das wenige Leben, das noch auf den Feldern herrscht, zu bedrohen. Auch ÜberdĂŒngung mindert die Vielfalt auf unseren Äckern, denn viele insektenfreundliche Wildblumen wachsen ausschließlich auf nĂ€hrstoffarmen Böden.

Libellen halten uns stechende Plagegeister wie MĂŒcken und Bremsen vom Leib.

Dennoch wĂ€re es falsch, die Landwirtschaft als alleinigen Verursacher des Insektensterbens zu verteufeln. Auch viele PrivatgĂ€rten gleichen heute kargen SteinwĂŒsten oder bringen mit leblos-akkuraten RasenflĂ€chen kein Bienchen mehr zum Summen. Besonders problematisch ist zudem unser Hunger nach Land: 52 Hektar – das entspricht einer FlĂ€che von 73 Fußballfeldern – werden in Deutschland tĂ€glich als Siedlungs- und VerkehrsflĂ€che neu ausgewiesen. GefrĂ€ĂŸig bedienen wir uns an ihren kostbaren LebensrĂ€umen; wĂŒrden statt Pflanzen und Tieren hier Menschen leben, wĂ€ren deren Proteste weit ĂŒber unsere Landesgrenzen hinaus zu hören.

Doch die Natur hat keine starke Lobby, und so wird es weder laut noch rebellisch, sondern gespenstig still. Und das nicht nur bei Tage: die meisten Insekten sind nachtaktiv und werden von Licht angezogen. UnzĂ€hlige verenden erschöpft an kĂŒnstlichen Lichtquellen, verlieren die Orientierung und werden in ihrem Jagd- und Fortpflanzungsvermögen gestört.

Welche Auswirkungen das Insektensterben hat

Schaffen wir es nicht, das Insektensterben zu stoppen, hat das dramatische Konsequenzen. Denn Insekten sind nicht nur Futter fĂŒr Vögel und viele andere Tiere, sie zersetzen totes Material, erhöhen die Bodenfruchtbarkeit und reinigen unsere GewĂ€sser. Laut Insektenatlas der Heinrich-Böll-Stiftung sind drei Viertel der weltweit wichtigsten Nutzpflanzen davon abhĂ€ngig, dass Insekten ihnen bei der BestĂ€ubung helfen.

Ohrenzwicker sind im Garten gern gesehen, denn ihre Lieblingsspeise sind BlattlÀuse.

Besonders bei Obst, GemĂŒse und NĂŒssen, unseren wichtigsten Vitamin- und NĂ€hrstofflieferanten, wird es durch den Mangel an Insekten immer hĂ€ufiger zu ErnteausfĂ€llen kommen. Denn weder Äpfel noch Zucchinis oder Mandeln blĂŒhen so herrlich, um uns FrĂŒhlingsgefĂŒhle zu bescheren. Sie blĂŒhen, um Insekten anzulocken, veranstalten fĂŒr die emsigen Sechsbeiner regelrechte Orgien, bei denen jeder mitmachen darf, wer auf ihren Pollen abfĂ€hrt.

Was passiert wenn Insekten keine BlĂŒten mehr bestĂ€uben?

Auch fĂŒr Schokoliebhaber ist das Insektensterben eine schlechte Nachricht: KakaobĂ€ume werden von nur wenige Millimeter großen GallmĂŒcken bestĂ€ubt, die in die schmalen BlĂŒtenköpfe krabbeln. Ohne GallmĂŒcken keine Schokolade, ohne Bienen keine Äpfel, ohne Schmetterlinge keine Beeren – diese stark vereinfachte AufzĂ€hlung, die der KomplexitĂ€t der verschiedenen BestĂ€ubungsarten nicht gerecht wird, lĂ€sst sich endlos fortfĂŒhren.

Insektensterben juckt uns nicht? Sollte es aber! Was wir von unserem Speiseplan streichen mĂŒssten, wenn es keine Insekten mehr gĂ€be, zeigte 2018 ein Supermarkt in Hannover. Zur Überraschung der Kundschaft wurden hier an einem Aktionstag alle Lebensmittel, die auf BestĂ€ubung durch Insekten angewiesen sind, aus den Regalen genommen. Übrig blieben vor allem Produkte aus Getreide, Zucker, Kartoffeln oder HĂŒlsenfrĂŒchten, die sich selbst oder durch Wind bestĂ€uben. 60 Prozent des Sortiments fehlten, etwa Obst und GemĂŒse, viele SĂŒĂŸwaren und Kaffee. Brauchen wir solche Aktionen, um zu verstehen, was auf dem Spiel steht?

Wie bestĂ€ubt man BlĂŒten ohne Insekten?

Vielleicht interessiert uns das Insektensterben auch deshalb so wenig, weil die Sechsbeiner kostenlos fĂŒr uns ackern. Weil wir ihre Leistung nicht entlohnen und keine Arbeitszeitstatistiken auswerten – außer vielleicht bei der Honigbiene, dem „kleinsten Nutztier der Welt“. Ironischerweise ist diese jedoch in puncto BestĂ€ubung lĂ€ngst nicht so effizient wie ihre wilde Artgenossin, die Wildbiene. WĂŒrde die InsektenbestĂ€ubung in Deutschland komplett ausfallen, beliefe sich der wirtschaftliche Schaden auf etwa 1,13 Milliarden Euro pro Jahr. Importe wĂŒrden teurer, Pflanzen mĂŒssten mit Drohnen oder per Hand bestĂ€ubt werden.

Auf vielen Obstplantagen in China, auf denen es infolge des massiven Einsatzes von Pestiziden fast keine Insekten mehr gibt, ist letzteres schon seit den 80er-Jahren RealitĂ€t. Dabei werden körbeweise mĂ€nnliche BlĂŒten von den BĂ€umen geerntet, ihre Pollen herausgeschĂŒttelt und anschließend mithilfe kleiner Federwedel auf die noch an den BĂ€umen hĂ€ngenden, weiblichen BlĂŒten aufgetupft. Irgendwie unsexy, findet ihr nicht? Selbst im Billiglohnland China erscheint das Vorgehen absurd – bei uns in Deutschland wĂ€re es zudem unbezahlbar. Doch es gibt Hoffnung. Dass uns Menschen per se die Bereitschaft fehlt, uns fĂŒr Insekten stark zu machen, widerlegte 2019 das Volksbegehren „Rettet die Bienen“.

Provinz Henan in China: Landarbeiterinnen bestĂ€uben AprikosenblĂŒten.

Was das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ so erfolgreich werden ließ

SchlĂŒsselfigur des Volksbegehrens „Rettet die Bienen“ in Bayern war die 40-jĂ€hrige Agnes Becker, die sich schon seit ihrem 16. Lebensjahr in der Ökologisch-Demokratischen Partei ÖDP fĂŒr den Schutz unserer Lebensgrundlagen engagiert. „Dass unsere Ökosysteme auf immer weniger kleinen FĂŒĂŸchen stehen, war fĂŒr uns nichts Neues. Doch als die Ergebnisse der Krefelder Studie das dramatische Ausmaß des Insektensterbens belegten, wurde uns klar: Wir haben keine Zeit, auf die große Politik zu warten“, erzĂ€hlt sie.

Was letztlich als erfolgreichstes Volksbegehren aller Zeiten in die Geschichte Bayerns einging, war zunĂ€chst jedoch vor allem eines: ein mĂŒhsamer, juristischer Prozess. Becker gesteht: „Einen neuen Gesetzentwurf zu schreiben und zu begrĂŒnden ist gar nicht so einfach. Und dann galt es, die Menschen von der Wichtigkeit unseres Anliegens zu ĂŒberzeugen.“ Das gelang ihr: Fast zwei Millionen bayerische BĂŒrgerinnen und BĂŒrger – knapp ein FĂŒnftel der wahlberechtigten Bevölkerung – marschierten im Februar 2019 innerhalb von zwei Wochen in ihre RathĂ€user und gaben ihre Stimme fĂŒr die Bienen ab. – Ein legendĂ€rer Erfolg, der die Politiker dazu bewegte, den Gesetzentwurf anzunehmen.

Die Larven der Florfliege fressen ebenfalls gern BlattlÀuse.

Fast grenzt es an ein Wunder, was Agnes Becker zusammen mit Tausenden Ehrenamtlichen geschafft hat. Sie sagt: „Die Biene als Maskottchen ist ein SympathietrĂ€ger: sie ist fleißig und produziert Honig. Wir Menschen empfinden nun mal vor allem das, was wir kennen und uns nĂŒtzt, als schĂŒtzenswert.“ Beim Unterschriftensammeln fiel auf: Es waren oft die persönlichen Erfahrungen der Menschen, die sie an die InformationsstĂ€nde und in die RathĂ€user trieb. FrĂŒher, da konnte man am Muttertag einen riesigen Strauß Wildblumen gleich hinter dem Haus pflĂŒcken, erinnerten sich die einen. Es gab bei uns noch Kiebitze und RebhĂŒhner, erzĂ€hlten die anderen. „Gerade fĂŒr Ă€ltere Menschen ist das Insektensterben keinesfalls nur ein unpersönliches UmweltphĂ€nomen, sondern ein echter Verlust, den sie als solchen empfinden“, weiß Agnes Becker.

So könnt auch ihr Insekten schĂŒtzen!

Gestaltet Eure GĂ€rten und Balkone insektenfreundlich! Jedes Fleckchen Erde ist potenzieller Lebensraum fĂŒr Insekten. Wer insektenfreundliche Blumen und Pflanzen sĂ€t, etwas Wildnis im Garten zulĂ€sst, den Rasen seltener mĂ€ht und nachts ĂŒberflĂŒssige Lichtquellen ausschaltet, leistet bereits einen wichtigen Beitrag. Insektenhotels bieten unseren sechsbeinigen Freunden ein Zuhause. Weitere Tipps gibt's beim Nabu.


Rettet Bienen und Bauern! Die europĂ€ische BĂŒrgerinitiative „Bienen und Bauern retten“ fordert die EU-Kommission auf, den Einsatz synthetischer Pestizide bis 2035 zu beenden und Landwirte bei der Umstellung zu unterstĂŒtzen. Unterzeichnet die Initiative online noch bis 30. September 2021.

Was braucht es, damit wir Insekten schĂŒtzen? Missernten und Schokoladenentzug? Zahlen und Fakten, die ihren wirtschaftlichen Nutzen belegen? Erinnerungen an frĂŒher, als die Wiesen noch bunt und BlĂŒmchensex noch an der Tagesordnung war? – Was immer uns anrĂŒhrt, bewegt oder ĂŒberzeugt: Wir sollten uns dafĂŒr stark machen.

Wer bist du denn?

https://insektentrainer.nabu.d...

Was fliegt denn da? - Der InsektenbestimmungsschlĂŒssel des NABU hilft bei der Orientierung.

https://www.boell.de/de/insekt...

Daten und Fakten rund um Insekten, Landwirtschaft, zögerliche Politik und dringend notwendige Insektenschutzmaßnahmen. Kostenlos als PDF verfĂŒgbar.

Interview: „ZurĂŒck in die Zukunft!“

Dr. Josef Settele ist Biologe, Wissenschaftler und Professor am Helmholtz-Zentrum fĂŒr Umweltforschung und berĂ€t als Mitglied des SachverstĂ€ndigenrates fĂŒr Umweltfragen die Bundesregierung.

Herr Settele, bekommt das Insektensterben genug mediale Aufmerksamkeit?

Das Insektensterben wird oft unter dem Begriff „BiodiversitĂ€tsverlust“ mit abgefrĂŒhstĂŒckt. Im Vergleich zum Klimawandel wird darĂŒber relativ wenig berichtet. Auch seitens der Bevölkerung besteht zwar zunehmendes, aber immer noch relativ wenig Interesse. Zerstört der BorkenkĂ€fer allerdings ganze WĂ€lder oder bedroht der BuchsbaumzĂŒnsler unsere Gartenhecken, berĂŒhrt uns das – viel eher noch als die Tatsache, dass Insekten bei der BestĂ€ubung der Pflanzen fehlen.

Und wie sieht es mit der politischen Aufmerksamkeit aus?

2017 wurde Insektenschutz erstmals im Bundestag thematisiert. Ihr Sterben bedroht unsere NĂ€hrstoffversorgung; wir brauchen angemessene Gesetze, um dem entgegenzuwirken. Der nun vom Kabinett auf den Weg gebrachte Gesetzentwurf soll die Verwendung bestimmter Biozide beschrĂ€nken und die Lichtverschmutzung reduzieren – doch da ist noch viel Luft nach oben. Pflanzenschutzmittel sind noch nicht mit erfasst. Der Entwurf ist ein Schrittchen in die richtige Richtung, greift aber in Sachen Landnutzung sowie FlĂ€chenverlust durch Bebauung viel zu kurz bzw. behandelt sie gar nicht.

Wie könnten wir in Deutschland Insekten besser schĂŒtzen?

Vor 80 Jahren war unsere Landschaft kleinteilig strukturiert. Es gab Hecken gegen die Erosion; Pestizide und DĂŒngemittel, wie wir sie heute kennen, dagegen kaum oder gar nicht. Aus Insektenschutzperspektive wurde damals vieles richtig gemacht! Wir sollten eine solche Landschaft und Landwirtschaft wieder ermöglichen, wobei ich damit uns alle meine. Denn die Landwirte produzieren, was die Politik fördert und was wir Verbraucher nachfragen. Wir mĂŒssen unseren Konsum Ă€ndern: weniger Fleisch, mehr Regionales, weniger Importe. Idealerweise sollten wir „zurĂŒck in die Zukunft“ – das wĂŒrde den Insekten helfen.

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