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Brustkrebs und Chemikalien mit östrogener Wirkung

Brustkrebs und Chemikalien mit östrogener Wirkung Der Monat Oktober wird in den USA schon seit längerer Zeit als Breast Cancer Awareness Month (Aktions-Monat gegen Brustkrebs) begangen, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die wachsende Zahl von Frauen zu richten, die an Brustkrebs leiden. Heute sind es dreimal soviele wie zu Beginn des Jahrhunderts. In den USA muß jede achte Frau, bei uns jede zehnte damit rechnen, im Laufe ihres Lebens diese Krankheit zu bekommen
30.09.1997
Brustkrebs und Chemikalien mit östrogener Wirkung Der Monat Oktober wird in den USA schon seit längerer Zeit als Breast Cancer Awareness Month (Aktions-Monat gegen Brustkrebs) begangen, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die wachsende Zahl von Frauen zu richten, die an Brustkrebs leiden. Heute sind es dreimal soviele wie zu Beginn des Jahrhunderts. In den USA muß jede achte Frau, bei uns jede zehnte damit rechnen, im Laufe ihres Lebens diese Krankheit zu bekommen

Der Monat Oktober wird in den USA schon seit längerer Zeit als "Breast Cancer Awareness Month" (Aktions-Monat gegen Brustkrebs) begangen, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die wachsende Zahl von Frauen zu richten, die an Brustkrebs leiden. Heute sind es dreimal soviele wie zu Beginn des Jahrhunderts. In den USA muß jede achte Frau, bei uns jede zehnte damit rechnen, im Laufe ihres Lebens diese Krankheit zu bekommen.

Die Aktivistinnen der US-amerikanischen Brustkrebsbewegung sprechen von einer Epidemie. In Deutschland überwiegt noch die Sichtweise, Krebs generell und speziell Brustkrebs sei ein rein individuelles und kein politisches Problem. Doch stellt sich die Frage, warum eine Krankheit, die soviele Frauen bedroht und betrifft, bisher so wenig Veranlassung gegeben hat, über die Ursachen nachzudenken. Ursachen, die angesichts der Zahl der Betroffenen nicht nur im persönlichen Lebensstil jeder einzelnen zu finden sein können, sondern die die Umweltbedingungen einbeziehen müssen, unter denen wir leben. Jüngste Forschungen haben darauf unmißverständliche Hinweise gegeben. Dabei hat sich ein Verdacht immer mehr erhärtet: Die östrogenähnliche Wirkung vieler chemischer Stoffe könnte eine bedeutende Rolle in der Entstehung von Brustkrebs spielen.

Am Anfang stand eine Zufallsentdeckung im Labor

Obwohl es in der Vergangenheit immer wieder Hinweise und Forschungsergebnisse gegeben hatte, die eine Hormonwirkung von Chemikalien nahelegten, bedurfte es einer Zufallsentdeckung, um die Wissenschaft aufzurütteln: Ana Soto und Carlos Sonnenschein von der Tufts University in Boston führten Laborversuche an Brustkrebszellen durch, als sie eine überraschende Beobachtung machten. Die Zellen teilten sich im Reagenzglas wie unter Östrogenwirkung, ohne daß dieses zugesetzt worden war. Des Rätsels Lösung lag in den neu angeschafften Plastikreagenzgläsern. Sie schieden eine Substanz aus, die wie dieses Hormon wirkte.

Entdeckungen anderer Art wurden schon vor Jahren an wildlebenden Tieren gemacht, deren Fortpflanzungsverhalten und Fruchtbarkeit im Umkreis industriell verseuchter Flüsse und Seen dramatisch nachließ. Weitere Erkenntisse haben wir durch Katastrophen wie die Chemieunfälle in Seveso oder bei Böhringer Hamburg gewonnen. Eine der größten Katastrophen der Medizingeschichte hat die Wissenschaft auf die Bedeutung hormoneller Einflüsse in der vorgeburtlichen Entwicklung gestoßen: der DES-Skandal. Frauen wurde in den fünfziger und sechziger Jahren dieses künstliche Hormon in der Schwangerschaft verabreicht mit dem Ziel, Fehlgeburten zu vermeiden. Bei den Nachkommen wurden zwanzig Jahre später schwere Beeinträchtigungen und Schädigungen der Geschlechtsorgane bis hin zu Krebs festgestellt. Bei den Müttern selbst bestand ein stark erhöhtes Brustkrebsrisiko.

Erst in letzter Zeit wurde zwischen all diesen vereinzelten Erscheinungen und Beobachtungen ein Zusammenhang hergestellt. Es ist vor allem das Verdienst der Zoologin Theo Colborn, die Ergebnisse aus den unterschiedlichen Fachgebieten zu einem neuen Erklärungsmodell zusammengetragen zu haben. Das Szenario, das sie in ihrem auch in Deutschland erschienenen Buch entwickelt (siehe Hinweiskasten), ist erschreckend.

Produkte der Chlorchemie stehen unter Verdacht

Im Mittelpunkt des Verdachts, eine hormonähnliche Wirkung im Organismus von Menschen und Tieren auszuüben, stehen die Produkte der Chlorchemie, die chlorierten Kohlenwasserstoffe. 1992 wurden in Deutschland rund drei Millionen Tonnen Chlor erzeugt und in der chemischen Industrie verwandt. Auf Chlorverbindungen basieren so unterschiedliche Produkte wie chlorierte Lösungsmittel, Pestizide (Schädlingsbekämpfungs- und Unkrautvernichtungsmittel), Fluorkohlenwasserstoffe (FCKW), polychlorierte Biphenyle (PCB), PVC und Chlorparaffine. Sie fanden oder finden sich noch in Reinigungs- und Desinfektionsmitteln, Farben, Holzschutz-, Konservierungs- und Waschmitteln und werden bei der chemischen Reinigung oder beim Bleichen von Papier benutzt. Auch das hochgiftige Dioxin, das bei Verbrennungsprozessen von Chlororganika - etwa in Müllverbrennungsanlagen - entsteht, ist eine chlororganische Verbindung.

Über die Nahrung, aber auch über die Atmung und die Haut gelangen diese Stoffe in die Körper von Tieren und Menschen und lagern sich dort in deren Fettgewebe ab, wo sie sich lebenslang anreichern können und auf diese Weise in der Nahrungskette bleiben. Dies erklärt, warum Stoffe wie PCB oder DDT, die in Deutschland schon vor längerer Zeit verboten wurden, weiterhin nachweisbar und wirksam sind.

Bisher konzentrierten sich die Wissenschaftler darauf, die Giftwirkung dieser Stoffe zu erforschen. Ihre Untersuchungen belegten, daß chloroganische Verbindungen Krebs, Mißbildungen bei Kindern, Immunschäden, Schäden des Nervensystems und Schädigungen verschiedener Organe hervorrufen können. Als entscheidend wurde dabei die Höhe der Dosis betrachtet und entsprechende Grenzwerte gesetzlich festgelegt, unterhalb derer die Substanzen als unbedenklich galten.

Grenzwerte werden ad absurdum geführt

Die Erkenntnis, daß Umweltchemikalien wie Hormone wirken können und somit schon in kleinsten Dosen auf das Hormonsystem bei Menschen und Tieren einwirken können, führt die Diskussion über "sichere" Grenzwerte ad absurdum. Man vermutet heute, daß es weniger auf die Menge ankommt als darauf, wann eine Person dem Gift ausgesetzt ist, sowie auf das Zusammenwirken verschiedener Substanzen. So wurde festgestellt, daß der Embryo in bestimmten Stadien seiner Entwicklung besonders empfindlich auf hormonell wirksame Substanzen reagiert. Ebenso wird vermutet, daß Frauen in bestimmten Lebensphasen wie Pubertät oder der Zeit vor den Wechseljahren besonders empfänglich für hormonelle Einflüsse sein könnten. Eine weitere alarmierende Erkenntnis ist, daß verschiedene Substanzen, die zusammenwirken, sich nicht nur in ihrer Wirkung verdoppeln oder verdreifachen, also additiv wirken, sondern eine um mehr als tausendfach erhöhte Wirkung, einen sogenannten synergetischen Effekt haben können.

Von den etwa 11.000 chlororganischen Verbindungen ist nur ein bestimmter Teil überhaupt nachweisbar. Bei ungefähr 50 dieser Stoffe wurde bisher eine hormonelle Wirksamkeit festgestellt. Insgesamt gelangen aber rund 100.000 chemische Verbindungen in die Umwelt. Eine Reihe dieser Chemikalien, die nicht chlororganischer Herkunft sind, wurden ebenfalls als hormonell wirksam identifiziert, wie Nonylphenol, unter anderem enthalten in Spermiziden und Plastik, Phtalate und Bisphenol A, die ebenfalls bei der Herstellung von Plastik verwendet werden. Die meisten dieser Stoffe scheinen eine östrogene Wirkung zu haben. In der Wissenschaft werden sie Xeno-Östrogene (Fremdöstrogene) genannt. Es gibt aber auch Substanzen, die anti-östrogen, andere wiederum, die androgen oder anti-androgen wirken können, was im übrigen möglicherweise nicht nur von der Art der Chemikalie, sondern auch von der Höhe der Dosis abhängig sein könnte.

Hinzu kommen synthetische Hormone, die keine ungewollte Wirkung entfalten, sondern gezielt eingesetzt werden zur Behandlung von Frauen oder in der Tiermast. Welche dieser unzähligen Verbindungen, Kombinationen und Wechselwirkungen sich gegenseitig verstärken und potenzieren oder sich eher abschwächen oder aufheben wird in der ganzen Dimension wohl kaum zu erfassen sein. Zu komplex sind die Zusammenhänge.

Wie Umweltchemikalien die Abläufe im Körper durcheinander bringen

Umweltchemikalien wirken ganz unterschiedlich auf das Hormonsystem ein. Sie können die körpereigenen Hormone nachahmen und deren Empfangsstellen (Rezeptoren) in den Körperzellen der verschiedenen Organe besetzen; dabei können sie hormonelle Wirkungen verstärken oder auch blockieren. Besonders der Östrogenrezeptor scheint empfänglich für Chemikalien mit anderer Struktur zu sein. Von anderen Stoffen wird angenommen, daß sie den Hormonabbau oder die Zahl der Rezeptoren bzw. deren Empfänglichkeit beeinträchtigen können. Da sich die Fremdöstrogene nicht wie die körpereigenen an Eiweißstoffe im Blut binden, gehen sie schneller Verbindungen ein und stehen zudem im Verdacht, die natürliche Ü

Ü Schranke der Placenta, die den Embryo vor Schädigungen schützen soll, überwinden zu können. Natürlich wirkt nie ein einzelner dieser Stoffe isoliert wie im Laborversuch, sondern immer gemeinsam mit anderen Chemikalien oder Schwermetallen, mit künstlichen Hormonen oder radioaktiven Strahlen sowie all den individuellen Gegebenheiten unseres Lebens wie Ernährung, Stress oder psychosozialen Belastungen. Dies erklärt, warum manche Menschen krank werden und andere nicht.

Umweltchemikalien und Brustkrebs

Die nachlassende männliche Fruchtbarkeit hat im Zusammenhang mit den hormonähnlichen Umweltchemikalien in letzter Zeit öffentliche Aufmerksamkeit erregt. Kaum erwähnt wurde, daß die gleichen Substanzen im Verdacht stehen, eine ganze Palette von anderen Erkrankungen oder Störungen auszulösen, an ihrer Spitze Brustkrebs. Daneben reicht das Spektrum der vermuteten Gesundheitsschäden von Frauenkrankheiten wie Eierstockkrebs, Endometriose und Zystenbildung an den Eierstöcken über Hoden- und Prostatakrebs bei Männern bzw. Hodenhochstand bei männlichen Säuglingen bis hin zu Verhaltens- und Intelligenzstörungen bei Kindern.

Aufgrund der steigenden Brustkrebsrate, für die es bisher keine wissenschaftliche Erklärung gibt, gilt ein Zusammenhang zwischen dieser Erkrankung und dem Wirken der hormonwirksamen Chemikalien als besonders naheliegend. Die schulmedizinische Forschung hat bisher drei Gruppen von Risikofaktoren ausfindig gemacht, die aber tatsächlich nur ein Viertel aller Brustkrebsfälle erklären: gehäuftes Auftreten von Brustkrebs in der Familiengeschichte, erhöhter Fettkonsum sowie die Frage, wie lange Frauen in ihrem Leben Östrogenen ausgesetzt sind.

Der erste Faktor hat dazu geführt, daß ein erheblicher Aufwand in die Suche nach sogenannten Brustkrebsgenen gesteckt wurde. UmweltaktivistInnen und kritische WissenschaftlerInnen kritisieren an diesem Konzept, daß es sich auf die individuelle Fährte konzentriert und dabei ignoriert, daß Familien nicht nur Gene, sondern auch eine bestimmte Umwelt miteinander teilen. Genschäden können außerdem ebenso durch Umweltschadstoffe bewirkt werden, und zwar sowohl im vorgeburtlichen Stadium als auch in allen späteren Lebensphasen.

Über die Rolle des Fettkonsums gibt es sehr gegensätzliche Aussagen. Diese Widersprüche ließen sich damit erklären, daß weniger die Höhe des Fettkonsums entscheidend ist bei der Entstehung von Brustkrebs als vielmehr die Tatsache, daß besonders in tierischen Fetten eine hohe Belastung mit chlororganischen Stoffen nachzuweisen ist.

Unumstritten ist, daß Östrogene durch ihren Einfluß auf das Brustzellenwachstum eine Rolle bei der Entwicklung von Brustkrebs spielen. Frühes Einsetzen der ersten Menstruation, späte Wechseljahre, Kinderlosgkeit oder späte Geburt des ersten Kindes galten bisher als Risiken. Das Wissen über die Hormonwirksamkeit von Chemikalien lenkt den Blick von den biologischen, nicht zu verändernden Faktoren auf die von Menschen verursachten. Die wenigen Untersuchungen, die bisher dazu durchgeführt worden sind, haben zwar keine Beweise, aber einleuchtende Hinweise für einen derartigen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang erbracht:

US-Studien konnten eine Verbindung zwischen hohen DDE- (Abbauprodukt von DDT) bzw. PCB-Spiegeln im Blut oder Fettgewebe und dem Auftreten von Brustkrebs herstellen. Andere Untersuchungen wiesen zum Beispiel ein sechsfach erhöhtes statistisches Risiko für Anwohnerinnen von industriell verseuchten Abfallhalden sowie hohe Brustkrebsraten unter professionellen Golferinnen nach. Golfrasen wird ständig mit Pestiziden behandelt.

Es ist wissenschaftlich erforscht, daß Östrogene im Körper auf zwei verschiedenen Wegen abgebaut werden, einem günstigen und einem ungünstigen. Letzterer wird als entscheidend bei der Entstehung von Brustkrebs angesehen. Die ForscherInnen Bradlow und Davis haben in Laborstudien herausgefunden, daß Xeno-Östrogene auf die schlechte Weise abgebaut werden, während pflanzliche Östrogene wie sie in Soja und vielen Obst- und Gemüsesorten vorhanden sind, den guten Abbauweg fördern, der vor Brustkrebs schützt. Fremdhormone stören aber nicht nur über den Abbauprozeß die komplizierte Chemie des Körpers. Weitere Möglichkeiten sind Besetzung der Östrogenrezeptoren, Schädigung der Zellstruktur oder des Immunsystems.

In Israel sank - entgegen dem weltweiten Trend - in den achtziger Jahren die bis dahin sehr hohe Brustkrebsrate. Die Forscher Westin und Richter brachten dies in Verbindung mit dem radikalen Verbot von bestimmten Pestiziden, die vorher in hohen Dosen in Milch und Milchprodukten vorhanden waren.

Schwierigkeiten beim Nachweis

Auch wenn es Studien gibt, die einen Zusammenhang zwischen bestimmten Pestiziden und Brustkrebs leugnen, so spricht dies nicht gegen einen derartigen Zusammenhang sondern nur für die ungeheure Schwierigkeit dies nachzuweisen. Wie nachweisen, ob PCB krebsfördernd ist, wenn es allein davon 230 verschiedene Sorten gibt, die alle unterschiedlich wirken? Wie herausfinden, ob eine chemische Einwirkung vor der Geburt oder in der Pubertät erfolgte, die möglicherweise die Brustgewebszellen so veränderte, daß sie später stärker auf Hormone ansprachen? Wie nachvollziehen, welches die verhängnisvolle Dosis war, die chemische Prozesse auslöste? Für viele Fragen wird es keine Antworten geben.

Die Biologin Sandra Steingraber, die selber als junge Frau an Krebs erkrankte, empfiehlt Betroffenen, eigene Nachforschungen in der Familie und der heimatlichen Umgebung anzustellen, um herauszufinden, welchen Belastungen mit industriellen Giftstoffen sie während ihrer Kindheit ausgesetzt waren.

Regina Stolzenberg


Literatur

  • Colborn, T., D. Dumanoski, J. Myers: Die bedrohte Zukunft. Gefährden wir unsere Fruchtbarkeit und Überlebensfähigkeit? München 1996
  • Davis, D., H. Bradlow: Verursachen Umweltoestrogene Brustkrebs? in: Spektrum der Wissenschaft, Dezember 1995
  • Franklin, Caryn; Goodman, Giorgina (Hrsg.), Brustkrebs. Aufklärung, Vorsorge, Erfahrungen, Heyne Verlag München, 1997
  • Susun S. Weed, Brust, Gesundheit, Brustkrebs, Orlanda, 1997
  • Dorisa Schadow, Heike Schallhammer, Krebs verstehen - neue Wege gehen,Orlanda, 1997

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