Umwelt

Bodenmikrobiom: Gesundheit beginnt im Boden

Ein gesunder Boden liefert weit mehr als gute Ernten. Sein Mikrobiom beeinflusst Pflanzen, Lebensmittel und schließlich auch unser Darmmikrobiom – mit Folgen für Immunsystem, Stoffwechsel und Wohlbefinden.

Darmgesundheit gilt als der neueste Schrei im großen Gesundheitsgeschäft. Apotheken und Drogerien sind voll von Kapseln, Pülverchen und Säften, die der Kundschaft die Stärkung ihrer Darmflora und damit ein langes, gesundes Leben versprechen. 

Was daran stimmt: Das Mikrobiom, also die Gesamtheit aller Mikroben wie Bakterien und Pilze im menschlichen Darm, beeinflusst in starkem Maße Stoffwechsel, Immun- und Hormonsystem und damit unser physisches wie psychisches Wohlbefinden. Was daran nicht stimmt: Es gibt kein „ideales Mikrobiom“, dessen Zusammensetzung wir anstreben könnten. Seine Vielfalt und Zusammensetzung sind bei jedem Menschen höchst individuell – ja sogar bei jedem Tier und jeder Pflanze!

Was ist das Bodenmikrobiom?

Zu glauben, dass ein Inhaltsstoff die körperliche Krankheit X oder eine Mikrobenart das psychische Problem Y beseitigen kann, ist ein Denkfehler der Schulmedizin. Diese isoliert gerne einzelne Elemente voneinander und verliert den Gesamtzusammenhang aus dem Auge. 
Wir Menschen leben mit unserem Mikrobiom aber nicht isoliert von der Natur. Unsere Lebensmittel entstammen größtenteils dem Boden, der über ein gigantisches Mikrobiom verfügt. Er beeinflusst damit Pflanzen und auch Tiere und Tierprodukte, die schließlich in unseren Mägen landen. Gesundheit beginnt im Boden. Krankheit auch, wenn dieser durch Schadstoffe und schlechte Bewirtschaftung geschwächt ist.

Wir Menschen leben mit unserem Mikrobiom nicht isoliert von der Natur

Ute Scheub

Wenn wir in einen Apfel beißen, nehmen wir mindestens hundert Millionen Mikroben sowie Ballaststoffe, sekundäre Pflanzenstoffe, Vitamine und Mineralien auf – in Bio-Äpfeln ist laut der Mikrobiomforscherin Gabriele Berg von der Technischen Universität Graz die bakterielle Zusammensetzung dabei vielfältiger als in konventionellen. Die natürliche Zusammensetzung des Apfels fördert die Gesundheit stärker als seine einzelnen Elemente, das Ganze bewirkt mehr als seine Einzelteile. 
Das ist auch der Grund, warum die Art, wie wir uns ernähren, mehr bewirken kann als etwa Dragees. Der Apfelbaum holt seine Kraft aus einer Erde, die im besten Fall voller Leben und Biodiversität steckt, und gibt sie an seine Früchte weiter. Wir essen also quasi die Landschaft mit.

Das Beziehungsnetz in der Nahrungskette

  • Je vielfältiger das Mikrobiom im Boden, desto besser gedeihen die Pflanzen darauf, desto resilienter sind sie gegen Krankheiten oder Wetterextreme. Pflanzen nähren so auch ihr eigenes Mikrobiom, das auch in ihren Samen konzentriert ist.

  • Pflanzen beeinflussen die Gesundheit und das Mikrobiom von Tieren. Wiederkäuer wie Kühe können aber Gras nur deshalb verdauen, weil in ihren Mägen Billiarden von Mikroben Zellulose aufschließen.  
  • Menschen essen Pflanzen, Pilze und Tiere mit ihrem jeweils ganz eigenen Mikrobiom. Mikroben knüpfen Beziehungen zwischen Boden, Pflanze, Tier und Mensch. Diese tiefen, lebendigen Verbindungen sind das Ergebnis von Milliarden Jahren der Kooperation. „Der Boden ist die Quelle allen Lebens“, sagt der indische Boden- und Friedensaktivist Satish Kumar.

Warum Artenvielfalt für unsere Gesundheit wichtig ist

Unsere Darmbakterien freuen sich über die Mikroben, die im Apfel mitgereist sind. Je frischer und naturbelassener die Frucht ist, desto mehr Lebendigkeit nehmen wir auf. Unsere Mitbewohner im Darm produzieren damit wertvolle kurzkettige Fettsäuren, die uns Energie liefern, Entzündungen herunterregeln und Darmwände stärken. 
Der Darm ist das größte Immunorgan des Körpers und beherbergt einen Großteil unserer Immunzellen. Und über die sogenannte Darm-Hirn-Achse ist er auch mit Geist und Emotionen verbunden. Er produziert Vorstufen von Neurotransmittern, die unsere Laune und Stimmung beeinflussen. Vielfalt auf dem Teller schafft Vielfalt im Bauch – und das bedeutet: mehr innere Balance, auch im Kopf.

Bio-Lebensmittel und mikrobielle Vielfalt

So wie der Boden beschaffen ist, so sind es am Ende also auch wir. Bio-Konsumierende sind hier im Vorteil: Öko-Lebensmittel enthalten meist mehr Ballaststoffe, Nährstoffe und Mineralien, so Gabriele Berg. Viele Studien legen nahe, dass Öko-Ernährung das Risiko für Krebs, Diabetes, Fettleibigkeit und andere Krankheiten signifikant verringert. Indigene, die sich ohne Supermarkt sehr vielfältig aus ihrer Umgebung ernähren, haben weit mehr Mikrobenarten im Darm als wir. Die Yanomami im Amazonasgebiet weisen zum Beispiel einen doppelt so hohen Artenreichtum auf wie Menschen in Industrieländern. 

Der Boden ist im Grunde das größte Verdauungsorgan der Welt. 

Ute Scheub

Wenn die Erde verarmt, wie in der chemiegedüngten Landwirtschaft, dann verarmt auch unsere Verdauung. Die vergleichsweise wenigen unterirdischen Bewohner endloser Monokulturen können auch unser menschliches Innenleben veröden lassen. Der äußere und innere Acker sind direkt miteinander verbunden.
Der Boden ist im Grunde das größte Verdauungsorgan der Welt. Er recycelt Nährstoffe, spaltet sie und setzt sie wieder zusammen, erweckt totes organisches Material zu neuem Leben. Er ist quasi der ausgelagerte Darm der Pflanzen. Pflanzenwurzeln und Darmzotten ähneln sich auch in ihrem Äußeren: Ihre Ausstülpungen erhöhen ihre Oberfläche und Verdauungsfähigkeit enorm.

Fünf Tipps für mikrobielles Gleichgewicht

Rund 30 verschiedene Pflanzenarten pro Woche zu sich nehmen. Möglichst bio, saisonal und regional. Je vielfältiger die Kost, desto vielfältiger und resilienter das Darm-Mikrobiom.
Sich möglichst pflanzenbasiert und ballaststoffreich ernähren: mit Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, Nüssen, Samen, Vollkorn- und fermentierten Produkten wie Sauerkraut, Kimchi oder Kefir. Sie alle liefern lebende Mikroben und beeinflussen das Gleichgewicht im Darm positiv. Der Ernährungsmediziner Andreas Michalsen hat folgende „persönliche Hitparade“ für Darmgesundheit: Wurzelgemüse; Fermentiertes; dunkle Beeren, frisch oder getrocknet; Haferflocken und Leinsamen; Hülsenfrüchte aller Art. 
Keine Angst vor gelegentlichem Ungleichgewicht im Darm: Man kann sein Mikrobiom recht schnell „umerziehen“. Bakterien sind höchst anpassungsfähig. Wenn man etwa von Weißbrot und Pommes auf Vollkorn-Produkte umsteigt, stellen sie sich erstaunlicherweise binnen 24 Stunden auf das neue Futter um. 
Kompost selbst herstellen. Jeder Haushalt produziert Überreste von Lebensmitteln, viele verfügen auch über Gartenabfälle. Es macht Spaß, daraus selbst Kompost herzustellen und dabei zu beobachten, wie Kompostwürmer und anderes Getier die organischen Abfälle in wunderbar duftende Erde verwandeln. In Wurmkisten ist das sogar auf kleinsten Balkonen möglich.
Bio-Landwirtschaft über Direktvermarkter stärken. In Hofläden oder über Gemüsekisten von Betrieben der Solidarischen Landwirtschaft kann man besondere Produkte erstehen. Man kennt die Bauern und Gärtnerinnen und vertraut ihnen. Und man sorgt dafür, dass sie fair verdienen – ohne Zwischenhändler und Abzug.

Die Folgen der Landwirtschaft für das Bodenmikrobiom

In gesundem Boden finden sich Zehntausende Mikrobenarten, wobei rund 500 Arten die Hauptmasse ausmachen. Je bunter und vielfältiger die Mischung, desto höher die Gesundheit und Flexibilität dieser Ökosysteme. Vor allem seltene Mikroben können einen reichen Genpool für Gesundheit darstellen. 

Aber durch Pestizide und Antibiotika, Mikroplastik und andere Schadstoffe wird das Gleichgewicht im Boden durcheinander gebracht. Gülle aus der Tiermast enthält oft Rückstände von Medikamenten – allen voran Antibiotika, die schon in sehr geringer Konzentration Bodenorganismen schaden können. Glyphosat, das am häufigsten eingesetzte Ackergift, wurde anfangs als antimikrobiell wirksame Substanz patentiert – de facto ein Antibiotikum. Diese Mittel können resistenten Schadbakterien in Böden und Tiermägen schnell einen Selektionsvorteil verschaffen.

„Landwirte können das Beziehungsnetz stärken, von dem alles abhängt.“

Stefan Schwarzer

Aber auch die Verarbeitung von Lebensmitteln spielt eine Rolle. Die Belege häufen sich, dass industriell hergestellte Nahrung unseren inneren Acker drastisch verarmen lässt. Sie lässt viele Bakterienarten verhungern und versorgt uns nicht mehr genügend mit lebenswichtigen Vitalstoffen – Aminosäuren, sekundären Pflanzenstoffen, Mineralien und Spurenelementen. Emulgatoren, die Fette wasserlöslich machen, können Darm-Schleimhäute angreifen, sodass Partikel ins Blut gelangen, die dort nichts zu suchen haben. Transfette, Emulgatoren, Farbstoffe, Konservierungsmittel, Zucker und künstliche Aromen schaden ebenfalls. So verlockend die Fertigpizza und alle hochverarbeiteten Gerichte sein mögen – sie tragen zu der weltweiten Epidemie von Fettleibigkeit, Diabetes, Krebs, Allergien und anderen Zivilisations- oder besser „Zuvielisations“-Krankheiten bei.

Wenn Landwirte oder Gärtnerinnen aber den Boden mit Kompost nähren, Humus aufbauen, auf Artenvielfalt und Tierwohl achten, dann stärken sie das Beziehungsnetz, von dem alles abhängt. Sie betreiben Mikrobiom-Pflege im Boden, in Pflanzen, Tieren und in uns Menschen selbst. 

BUCHTIPP

Buchcover Ute Scheub, Stefan Schwarzer: Gesundheit beginnt im Boden.

Ute Scheub, Stefan Schwarzer: Gesundheit beginnt im Boden. Warum die Gesundheit allen Lebens von winzigen Mikroben abhängt. Oekom Verlag München 2025, 26 €

Häufige Fragen zu Bodenmikrobiom und Gesundheit

Was ist das Bodenmikrobiom?

Das Bodenmikrobiom umfasst alle Mikroorganismen im Boden, darunter Bakterien, Pilze und andere Kleinstlebewesen. Sie bauen organisches Material ab, versorgen Pflanzen mit Nährstoffen und tragen dazu bei, Böden fruchtbar und widerstandsfähig zu halten.

Wie beeinflusst der Boden die menschliche Gesundheit?

Ein vielfältiges Bodenleben fördert gesunde Pflanzen und nährstoffreiche Lebensmittel. Über die Ernährung gelangen Ballaststoffe, Pflanzenstoffe und Mikroorganismen in den Darm und unterstützen dort ein vielfältiges Mikrobiom sowie das Immunsystem.

Warum gilt Bio-Ernährung als förderlich für das Mikrobiom?

Bio-Lebensmittel stammen häufig aus Böden mit höherer biologischer Vielfalt. Sie enthalten meist mehr sekundäre Pflanzenstoffe. Zusammen mit einer abwechslungsreichen Ernährung können sie ein vielfältiges Darmmikrobiom unterstützen. Pestizide können dagegen das Gleichgewicht der Mikroorganismen im Boden stören. Nimmt die biologische Vielfalt im Boden ab, beeinträchtigt das die Bodenfruchtbarkeit und die Qualität der angebauten Lebensmittel.

Wie kann ich mein Mikrobiom im Alltag unterstützen?

Hilfreich sind eine abwechslungsreiche, pflanzenbetonte Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, Vollkorn und fermentierten Lebensmitteln. Auch saisonale und regionale Bio-Lebensmittel sowie möglichst wenig hochverarbeitete Produkte fördern die Vielfalt des Darmmikrobioms.

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