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Umwelt

Bio-Rosenöl

Es ist das wohl kostbarste ätherische Öl der Welt. Für nur ein Kilo werden ganze Blütenmeere von Hand gepflückt. Rosenöl betört die Nase und entspannt Haut, Nerven und Seele
31.10.2006
Es ist das wohl kostbarste ätherische Öl der Welt. Für nur ein Kilo werden ganze Blütenmeere von Hand gepflückt. Rosenöl betört die Nase und entspannt Haut, Nerven und Seele

Dufter Luxus

Es ist das wohl kostbarste ätherische Öl der Welt. Für nur ein Kilo werden ganze Blütenmeere von Hand gepflückt. Rosenöl betört die Nase und entspannt Haut, Nerven und Seele. // Sylvia Meise

Süßer Duft lädt ein, die Nase in die Blüten zu tauchen und zu träumen. Doch dafür haben Pflückerinnen auf den Rosenfeldern keine Zeit. Zwischen fünf und neun Uhr morgens knipsen sie von Hand die Blüten ab. Eile ist geboten: Je höher die Sonne steigt, desto mehr verflüchtigen sich die wertvollen Ölbestandteile. Kaum gepflückt, werden die Säcke voller Blüten zur Destille transportiert. Arbeiter breiten die Blätter zum Trocknen aus. Später werden sie mit Wasser in großen Kesseln erhitzt. Der aufsteigende Dampf nimmt das Öl auf, zieht durch Fallkühlrohre und kondensiert. Am Boden eines Sammelbehälters setzt sich das konzentrierte grüne, beim zweiten Mal das gelbe Öl ab. Aus fünftausend Kilogramm Blüten erhält man etwa ein Kilo Duftöl.

Bei Destillen, die nach alter orientalischer Tradition arbeiten, wie heute noch im Iran, steht die Rosenwasserherstellung an erster Stelle – es wird nur einmal destilliert. Anders als bei anderen Blüten ist die Ausbeute sehr gering. Das Öl ist in diesem Prozess nur ein Nebenprodukt. Dieses erste „grüne Öl“ ist zudem nicht in Alkohol löslich, weswegen Parfümhersteller die heute allgemein übliche zweite Destillation erfanden. Die Ausbeute ist größer und die Mischung der Öle aus beiden Durchgängen lässt sich wegen seiner Löslichkeit in der Kosmetik besser verwenden. Rosenwasser fällt bei diesem Prozess nicht mehr an. Diese mehrfachen Arbeitsdurchgänge machen das Rosenöl zur teuersten ätherischen Essenz. Kein Wunder, dass es schon immer gern mit anderen Ölen verschnitten wurde. Heute sind synthetische Duftstoffe der günstigste Ersatz für echtes Rosenöl. Mit destilliertem Wasser verschüttelt, lässt sich das sogar als Rosenwasser verkaufen.

Blüte für Blüte

Edelrosen sind zwar die Hingucker in Sträußen und Gärten, doch nur ihre bodenständigere Schwester Wildrose hat so viel ätherisches Öl in den Blütenadern, dass sich der Anbau lohnt. Als „Duft-“ oder „Ölrose“ wird vor allem die Sorte Rosa Damascena angepflanzt. Auch Gallica, weiße Alba oder Zentifolien eignen sich, sind aber weniger ertragreich. Gepflückt wird von Hand, sowohl bei konventionell als auch bio. Der Unterschied im Anbau liegt allein in der nachhaltigen Pflege der Felder. Viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl ist notwendig, um die Böden durch Zugabe organischer Dünger und die Pflanzen durch ebenfalls organische Mittel oder das Heranziehen von schädlingsvertilgenden Vögeln und Insekten gesund zu halten.

Rosengärnter stellen um

Traditionell stammen Duftrosen aus dem alten Gebiet der Sumerer zwischen Kaukasus und persischem Golf – heute liegt das Zentrum der Duftölgewinnung in der Türkei. Dort startete der Naturkosmetik-Hersteller Tautropfen auch vor rund 20 Jahren das erste Bio-Rosenanbauprojekt mit einigen Kleinbauern. Lange Zeit galt dort Pestizid- und Mineraldüngereinsatz als Muss, um Obst- und Gemüseerträge zu steigern – nun kamen plötzlich diese Deutschen und wollten Rosen nach ökologischen Richtlinien angebaut haben. Faire Preise, keine gesundheitsschädlichen Mittel mehr und nachhaltiges Wirtschaften standen auf der einen Seite, ein Mehrfaches an Aufwand auf der anderen.

Nur wenige Bauern haben sich damals überzeugen lassen. Inzwischen sind mehr bereit umzustellen. Die Struktur der eher an Kleingärten erinnernden Felder im türkischen Taurusgebirge ist für nachhaltiges Wirtschaften ideal. Monokulturen gibt es nicht. Da Rosen nur vier Wochen im Jahr, von Ende Mai bis Ende Juni, geerntet werden, sind sie nur ein Nebenverdienst für die Bauern. Die „Rosengärten“ genannten Felder liegen zwischen Aprikosenbäumen, Olivenhainen und Gemüsegärten, die schädlingsvertilgende Vögel und Insekten anziehen. Die Naturkosmetikfirmen Primavera und Weleda beziehen ihr gesamtes Rosenöl aus dem Taurusgebiet in der Türkei. Tautropfen aus dem Iran und Dr. Hauschka aus Türkei, Bulgarien, Iran und Afghanistan. Die Schwäbisch Gmünder Firma Weleda verwendet außerdem zwei weitere gehaltvolle Rosenprodukte: Hagebuttenkernöl aus den Früchten chilenischer Wildrosen und – geografisch nahe liegender – eine Tinktur aus dem grünen Laub der Heckenrose Rubiginosa von einem Biolandhof im Taubertal.

Der Ursprung der Rose

Die ältesten Abbildungen der Heckenrose finden sich auf 4.000 Jahre alten sumerischen Tontafeln aus dem Gebiet des heutigen Iran, Syrien und Irak. Rosenduft gehört im vorderen Orient zum Alltag – vor allem in Form von Rosenwasser, das direkt auf die Haut getupft oder als erfrischendes Getränk genutzt wird. Den Anhängern des Propheten Mohammed ist die Rose heilig, denn nach religiöser Überlieferung soll sie aus seinen Schweißtropfen entsprossen sein.

Tautropfen

Rosen statt Opium

Dr. Hauschka

Comeback der Duftrosen

Der Naturkosmetikhersteller Tautropfen verwendet seit 1981 mit Vorliebe Rosen. „Bio-Rosenöl gab es damals überhaupt nicht“, erzählt Firmengründer Rainer Plum, der heute für Tautropfen als Berater tätig ist. Deswegen initiierte er im türkischen Taurusgebirge ein Öko-Projekt, das später von Primavera übernommen wurde, dann ein weiteres, das heute mit Dr. Hauschka kooperiert.

Nach einigem Konkurrenzgerangel hat sich Tautropfen vor acht Jahren aus der Türkei zurückgezogen und sich stattdessen dem Projekt „Rosen statt Opium“ im Iran angeschlossen. Das Gebiet liegt in 2.500 Metern Höhe nahe der historischen Stadt Bam. Vor 22 Jahren hat dort die iranische Familie Sanati aus Kerman begonnen, inmitten von Mohnfeldern Duftrosen anzupflanzen. „Die Bauern dachten, was wollen denn die durchgeknallten Städter hier?“, lacht Plum. Heute sind fast alle selbst Mitglieder der Kooperative. Der Umstieg lohnt sich, denn nach einer Durststrecke während der Umstellung auf ökologischen Rosenanbau bietet er schließlich die größere finanzielle und soziale Sicherheit. Ein ähnliches Modell betreibt die Welthungerhilfe in Afghanistan, um Bauern aus der Abhängigkeit illegaler Geschäfte zu befreien. Rainer Plum benennt außer der Bodenregenerierung durch natürliche Bewirtschaftung vor allem den Bewusstseinswandel der Bauern als positiven Nebeneffekt. „Sie bekommen es mit anderen Handelspartnern zu tun, denen es nicht nur ums Preisdrücken geht.“

Der Arzneimittelhersteller Wala mit seiner Naturkosmetikmarke Dr. Hauschka ist immer auf der Suche nach neuen Anbaugebieten, um den steigenden Bedarf an Bio-Rosenöl zu decken. „Rein ökologisch produziertes Öl gibt es noch immer kaum auf dem Markt“, erklärt der Koordinator der Auslandsprojekte, Reinhard Büchner. Genaue Zahlen nennt er nicht. In Bad Boll verarbeitet die Firma jedoch „um einiges mehr als 50 Kilo“ Rosenöl, das soweit möglich aus ökologischem Anbau in der Türkei, Bulgarien, Iran und Afghanistan stammt.

Aktuell berät Büchner zwei Rosen-pioniere in Georgien. Noch ist das Projekt in der Testphase, doch geplant ist, eine seit Jahrzehnten brachliegende Rosenölfabrik wieder aufzubauen. Ende des 19. Jahrhunderts hatte dort Zar Nicolai II. Duftöl herstellen lassen, um unabhängig von teuren Importen zu sein. Später, in der Sowjetunion, gab es jedoch kaum Bedarf für die luxuriöse Essenz – so zerfiel die Fabrik, die Rosen verwilderten oder wichen Getreide, das dringend gebraucht wurde. Heute ist jede Maßnahme, die Arbeit ins Land bringt, willkommen. Vor drei Jahren stieg Wala mit Know-how und Krediten ein. Veraltete Technik musste ausgewechselt, neue Pflanzen gesetzt, Wissen aufgefrischt werden. Für beide Seiten eine Investition in die Zukunft: „Wir planen dort in Ruhe für 2012“, lächelt Büchner. Es gehe darum, vorbereitet zu sein, wenn sich in den bisherigen Anbauländern künftig das politische oder meteorologische Klima ungünstig verändert.

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