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Umwelt

Abwasserentsorgung

Früher war ein Kanalanschluss Symbol für Fortschritt und Umweltschutz. Heute ist dieser vor allem teuer und manchmal schlicht unnötig. // Leo Frühschütz
30.04.2005
Früher war ein Kanalanschluss Symbol für Fortschritt und Umweltschutz. Heute ist dieser vor allem teuer und manchmal schlicht unnötig. // Leo Frühschütz

Dezentral statt teuer

Früher war ein Kanalanschluss Symbol für Fortschritt und Umweltschutz. Heute ist dieser vor allem teuer und manchmal schlicht unnötig. // Leo Frühschütz

Werner Schardt tippt sich an die Stirn. 8.500 Euro muss er bezahlen, weil die oberfränkische Stadt Weismain für ihn einen Kanal gebaut hat. Zusätzliche 5.000 Euro wird der Hausanschluss kosten. Doch der parteilose Stadt- und Kreisrat braucht keinen Kanal.

Er reinigt die Abwässer aus seinem Haus und den dazugehörenden Ferienwohnungen seit 25 Jahren selbst mit Hilfe einer so genannten Vier-Kammer-Grube, seit dreieinhalb Jahren kombiniert mit einer Pflanzenkläranlage zur biologischen Reinigung. „Was da hinten rauskommt, kann problemlos wiederverwendet werden“, erklärt Werner Schardt stolz. Doch nun soll er trotz seiner funktionierenden Abwasserentsorgung sein Haus an die städtische Kläranlage anschließen.

„Diese Anlage ist zu groß geplant worden und nicht ausgelastet“, sagt Schardt. Deshalb wolle die Kommune jeden Haushalt ans Kanalnetz anschließen. Das kommt teuer, denn die Hälfte der 5.000 Einwohner von Weismain lebt verteilt auf 26 Weiler. „Ein Ortsteil ist 13 Kilometer von der Kläranlage entfernt. Über Berg und Tal haben die den Kanal dorthin gebaut. Einen Großteil der Kosten müssen die Anwohner tragen.“ Seit Jahren kämpft Werner Schardt mit Ausdauer gegen diesen, in seinen Augen ökologisch und wirtschaftlich unsinnigen, Anschlusszwang. Er wurde deshalb 1996 sogar in den Stadtrat gewählt.

Durch sein Engagement lernte er, dass viele ländliche Gemeinden Bayerns ähnlich mit betroffenen Bürgern umspringen. „Es ist überall das Gleiche: dezentrale Lösungen werden schlecht geredet und absichtlich teuer gerechnet; Millionen an Euro in unsinnige Kanäle verbuddelt.“

Um Betroffene zusammenzuführen hat Umweltschützer Schardt zusammen mit anderen Engagierten den Verband dezentrale Abwasserbehandlung Bayern e. V.gegründet. Über 200 Mitglieder vereint der Verband seit letztem Sommer - Einzelpersonen, aber auch viele Initiativen.

Viel Geld vergraben

Denn Weismain ist überall. In vielen ländlichen Gebieten wehren sich Bürger gegen den Zwangsanschluss an die öffentliche Kanalisation. Dabei bezweifelt niemand, dass die Kläranlagen in zentralen Orten und Städten sinnvoll sind. 93 Prozent aller Haushalte in Deutschland sind an öffentliche Kläranlagen angeschlossen. „Für den Rest ist ein Anschluss in den seltensten Fällen sinnvoll“, sagt Detlef Glücklich, Professor für ökologisches Bauen an der Universität Weimar. Denn die kilometerlangen Kanäle machen rund 80 bis 90 Prozent der gesamten Kosten für die Abwasserentsorgung aus. Den Großteil der Baukosten und der späteren Instandhaltung müssen, je nach örtlicher Satzung, die Anwohner zahlen. „Viele Gemeinden sind jetzt schon kaum noch in der Lage, ihre Infrastruktur zu erhalten“, argumentiert Detlef Glücklich. Da mache es keinen Sinn, weiter in Kanäle zu investieren, wenn es günstigere Lösungen gibt.

Hauseigene Kläranlage

Die Alternative sind so genannte Kleinkläranlagen, die es für Einfamilienhäuser ebenso gibt wie für Dörfer mit mehreren 100 Einwohnern. Dabei laufen in drei oder vier hintereinander angeordneten Kammern aus vorgefertigten Beton- oder Kunststoffteilen die gleichen biologischen Prozesse ab wie in einer richtig großen Kläranlage. Die Anlagen werden ganz einfach neben dem Haus im Garten versenkt.

Die eingebaute Technik ist weitgehend störungsfrei, lässt sich auch von Laien bedienen, sollte aber regelmäßig kontrolliert werden. Was bei großen Anlagen der Klärwärter erledigt, muss man hier persönlich übernehmen. Der Vorteil: Dezentrale Lösungen fördern die Eigenverantwortung und machen sensibel im Umgang mit Wasser: Kaum anzunehmen, dass jemand, der sein Wasser selbst klärt, problematische Chemikalien in die Kloschüssel kippt.

Besonders naturnah reinigen Pflanzenkläranlagen das Abwasser. Im Prinzip handelt es sich dabei um künstlich angelegte Schilfsümpfe: Auf eine Abdeckfolie kommt ein wasserdurchlässiger Kies- und Sandboden, bepflanzt mit Schilf und andere Sumpfgewächsen. Das Abwasser fließt in den Sumpf, versickert, und wird von den Bodenorganismen und Wasserpflanzen gereinigt.

Solch eine Pflanzenkläranlage kommt etwas teurer im Bau als andere dezantrale Anlagen, hat jedoch den Vorteil geringerer Betriebskosten. Sie stellt außerdem ein kleines Biotop dar, dass mit Libellen und Lurchen, den Eigentümer und dessen Familie erfreut. Voraussetzung für die Schilfwiese ist lediglich ausreichend Platz im Garten.

Für Professor Glücklich haben dezentrale Lösungen den Vorteil, dass sie insgesamt Wasser sparen und in einen hauseigenen Wasserkreislauf angeschlossen werden können: Das gereinigte Abwasser lässt sich als Brauchwasser für Toilettenspülungen einsetzen oder fürs Gießen im Garten. Das ganze System ist so vielversprechend, dass Glücklich an seinem Lehrstuhl in Weimar Konzepte für ganze Neubausiedlungen entwickelt, die komplett auf den Kanalanschluss verzichten können.

Planer mögen es teuer

Bleibt die Frage, warum sich meist dennoch die Kanal-Befürworter durchsetzen. Ein Grund sind für Werner Schardt die Planungsbüros, von denen sich viele Kommunen in solchen Fragen beraten lassen. „Die verdienen, anteilig an den Baukosten, bis zu zehn Prozent. Für die Büros ist eine teure, zentrale Lösung lukrativer.“ Das gilt auch für Kläranlagen, die deshalb oft viel zu groß gebaut werden. Besonders betroffen sind ostdeutsche Bundesländer, in denen nach der Vereinigung viele marode Klärwerke saniert werden mussten. Die Politiker nicken die überdimensionierten Projekte einfach ab.

Das hat die Abwassergebühren in kürzester Zeit auf West-Niveau steigen lassen. Um Geld in die Kasse zu bekommen, versuchen die Kläranlagenbetreiber, möglichst viele Haushalte an die teure Anlage anzuschließen.

„Die derzeitige Abwasserpolitik der Landesregierung plündert die Menschen aus“, heißt es in einer Resolution von Bürgerinitiativen aus Mecklenburg-Vorpommern, die sich in der Bürgerallianz für faire Kommunalabgaben zusammengeschlossen haben.

Sie fordern bei Kanalisationsprojekten mehr Mitspracherecht für die Betroffenen und die gleichwertige Behandlung von Kanalisation und dezentraler Abwasserbehandlung. Unterstützung bekommen die Initiativen vom Landesrechnungshof. Der hat in einem Bericht an den Landtag festgestellt, dass zahlreiche Kläranlagen in Mecklenburg-Vorpommern nicht ausgelastet sind und empfiehlt in solchen Fällen anstatt Kanalnetze auszubauen doch zu prüfen, ob sich das Klärwerk verkleinern lässt.

Alle Dörfer an zentrale Klärwerke anzuschließen, sei bei der Siedlungsstruktur von Mecklenburg-Vorpommern unter wirtschaftlichen Aspekten nicht sinnvoll.

Werner Schardt fühlt sich durch solche Empfehlungen bestätigt. Doch für die Bürger von Weismain kommen sie zu spät. „Es ist so ziemlich alles angeschlossen und der Rest wird in den kommenden Monaten verlegt“, berichtet er. Gegen seinen Zwangsanschluss will sich Schardt wenn nötig auch vor Gericht wehren.

Er will den Richtern deutlich machen, dass er gar kein Abwasser hat, um es in den Kanal einzuleiten. Das gereinigte Abwasser aus der Pflanzenkläranlage verwendet er im Garten.

Adressen in Sachen Abwasser

Verband dezentrale Abwasserbehandlung Bayern e.V, Siedamsdorf 13, 96260 Weismain, Telefon 0 95 75/ 12 73,
www.schardt-weismain.de.

Interessengemeinschaft Dezentrale Abwasserbehandlung,
Wiershausen 1, 37589 Wiershausen, Telefon 0 55 53/ 9 12 66,
www.nutzwasser.de.

Bürgerallianz für faire Kommunalabgaben in Mecklenburg-Vorpommern e.V.,
Parchimer Straße 44, 19374 Domsühl, Telefon 03 87 28/ 2 28 63,
www.mv-ba.de

Kanalfreie Zone

Die 130 Einwohner von Avendshausen im Weserbergland kommen ohne Kanal aus. Sie konnten in den 90er Jahren den geplanten Anschluss an die Kläranlage der Stadt Einbeck verhindern. Stattdessen sorgen jetzt mehrere Pflanzenkläranlagen übers Dorf verteilt für eine naturnahe Reinigung der Abwässer. Das Konzept hatte Detlef Glücklich, Professor für ökologisches Bauen, entwickelt. Beim Installieren haben die Einwohner selbst Hand angelegt und kamen mit einem Drittel der Kosten aus, die der Kanalbau verursacht hätte. Einige der Dörfer rund um Einbeck sind dem Beispiel gefolgt. Das Projekt erlangte weltweite Aufmerksamkeit: Als „Kleiner Wasserkreislauf Einbeck“ war es Teil der Weltausstellung EXPO 2000.

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