Podcast S2:F7

Folge 7: Leben im Wohnprojekt

Konfliktreicher Alltag oder Wohntraum für alle?

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Sind Wohnprojekte unsere Zukunft? Immer mehr Menschen entscheiden sich dazu, Teil eines Wohnprojekts zu sein. So auch Louise, die in der aktuellen Folge des Schrot&Korn-Podcast „Weltretter Bio?“ zu Gast ist. Sie ist gemeinsam mit ihrer Familie in eine Wohnung des Projekts WohnArt 3 gezogen. 

Unsere Podcast-Hosts Johanna Juni und Oskar Smollny wollen von ihr wissen, welche Vorteile ein Wohnprojekt in punkto Nachhaltigkeit, geteilte Kosten und Care-Arbeit bietet, wie man Teil davon wird und ob eine Wohngemeinschaft nicht auch Konfliktpotenzial birgt. Wie Louise das Leben in einem Wohnprojekt empfindet, hört ihr in der aktuellen Folge unseres Podcasts „Weltretter Bio? Was Bio dir und der Umwelt wirklich bringt“. 

Transkript zur Folge:

Oskar (00:09)

„Weltretter Bio?“ – ein Podcast von Schrot und Korn.

 

Johanna (00:14)

Herzlich willkommen zum Podcast „Weltretter Bio? - Was Bio dir und dem Planeten wirklich bringt.“ Mein Name ist Johanna Juni und mir gegenüber sitzt wie immer der wunderbare Oskar Smollny.

 

Oskar (00:27)

Hallihallo, auch von mir ein herzliches Willkommen.

 

Johanna (00:30)

Heute haben wir euch das Thema gemeinschaftliches und nachhaltiges Wohnen mitgebracht. Und vielleicht hat der ein oder andere oder die ein oder andere von euch schon mal von einem Wohnprojekt gehört. Und wir meinen damit jetzt nicht den Klassiker, dass sich Freunde und Freundinnen zusammen auf dem Land ein Haus kaufen und da einziehen oder eben die klischeeumwobene Kommune, sondern wir meinen eine relativ moderne Form des Wohnens und zwar Wohnprojekte, in denen Menschen, die sich zuvor noch nicht gekannt haben, zusammenkommen, um darin Wohnraum zu teilen, Arbeit zu teilen und besonders nachhaltig zu leben.

 

Oskar (01:08)

Ich hatte das Glück während meiner Studienzeit, dass ich auch in so einem Wohnprojekt gewohnt habe. Ich glaube, das waren so um die 25 Wohnparteien und unsere WG war eben eine davon. Ich habe aber bei unserem Gespräch mit unserem heutigen Gast Louise Blume auch noch echt einiges dazulernen können. Und ich bin total happy, dass wir sie einladen konnten und sie uns von ihrem Leben in dem Wohnprojekt erzählt.

 

Johanna (01:33)

Louise Blume wohnt mit ihrer Familie in einem Wohnprojekt namens „WohnArt“ und da leben sage und schreibe 80 Personen, mit denen man sich dann allen irgendwie arrangieren muss auf eine gewisse Art und Weise oder auch nicht. Das wird sie uns jetzt gleich erzählen. Besonders spannend fand ich, wie es dazu gekommen ist, weil Louise und ihr Mann haben während der Corona-Pandemie gemerkt, wie wichtig und notwendig es ist oder sein kann, Unterstützung zu bekommen. Zum Beispiel von Großeltern oder von FreundInnen, die sich mit um die Care-Arbeit kümmern, wenn zum Beispiel Kitas zu haben, überlastet sind und so weiter. Und da haben sie angefangen, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und sich dann tatsächlich bei einem Wohnprojekt beworben und sind dann da auch genommen worden und eingezogen.

 

Oskar (02:18)

Außerdem stellen wir uns natürlich die Frage, inwiefern das nicht nur nachhaltig ist in zwischenmännlichen Beziehungen oder wenn man sich Arbeit teilt, sondern auch in ökologischer Hinsicht. Also ist es günstiger, ist es einfacher, Ökostrom zu beziehen, welche Möglichkeiten gibt es besonders nachhaltig einzukaufen, welche Möglichkeiten gibt es besonders nachhaltig zu heizen. Auch diese Frage werden wir heute hoffentlich beantworten.

 

Johanna (02:43)

Was ich besonders spannend fand, war, dass Louise aus dem Nähkästchen plaudert und erzählt, welche Vorteile es gibt beim Zusammenwohnen. Zum Beispiel, dass man sich Werkzeuge teilen kann, Gästezimmer teilen kann oder Arbeit teilen kann. Und sie erzählt aber auch, dass es durchaus mal Krach geben kann. Klar, wenn man 80 Leuten über gewisse Dinge entscheidet, soll da ein Sandkasten gebaut werden oder eine Sauna. Wer will dafür Geld auf den Tisch legen? Da kann das auch mal Knatsch geben. Oder wenn man vielleicht denkt, heute habe ich gar keine Lust durchs Treppenhaus oder durch den Garten zu laufen und ein Pläuschen zu halten. Wie kann ich mich am besten unsichtbar machen? Auch darüber sprechen wir und wir hoffen, dass ihr für euch am Ende der Folge so bisschen rausfinden könnt. Wäre das was für mich, könnte ich mir das vorstellen. Ja oder nein?

 

Oskar (03:30)

Viel Spaß beim Hören.

 

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Johanna (03:55)

Hallo liebe Louise, schön, dass du heute dabei bist. Erzähl doch mal kurz, von wo aus du dich zugeschaltet hast und stell dich einmal kurz vor.

 

Louise (04:02)

Ja, danke für die Einladung. Ich bin die Louise. Ich rufe gerade aus Slowenien an oder bin aus Slowenien eingewählt auf Elternzeitreise mit meinem Mann und meinem zwei Kindern. Und genau, wir wohnen in einem Wohnprojekt und ich glaube, deswegen sprechen wir uns heute.

 

Johanna (04:16)

Jetzt gerade wohnst du in einem Wohnmobil, oder?

 

Louise (04:19)

Gerade bin ich in einem Wohnmobil, aber wir wohnen in einem Zelt. Wir sind ganz klassisch mit einem Zelt und einem Tarp und einem Auto und einem geliehenen Auto unterwegs.

 

Johanna (04:26)

Ah, total schön, dass du heute da bist.

 

Louise (04:28)

Danke.

 

Oskar (04:28)

Welche Vorgaben und Regeln gibt es denn jetzt explizit bei euch zum Zusammenleben? Wie sieht das bei euch aus?

 

Louise (04:35)

Genau, es gibt ganz viele Sachen in der Richtung. Zum Beispiel haben wir Mitgliederversammlungen, die finden einmal im Monat statt. Das klingt irgendwie streng, ist aber eigentlich cool, denn da gestalten wir gemeinsam unser Wohnen und wir halten uns gegenseitig auf dem Laufenden. Und dann gibt es die Erwartung, dass praktisch alle Mitglieder oder BewohnerInnen engagiert sind. Da gibt es verschiedene Auslegungen, wie oft und wie viel man das machen muss, aber eigentlich auch egal, was da schriftlich steht und was gelebt wird. Eigentlich geht es darum, dass man sich aktiv irgendwo einbringt in der AG. Also AG bedeutet Arbeitsgemeinschaft. Das kann eine Werkstatt AG sein, das kann die AG Haustechnik sein, das kann eine AG GartenfreundInnen sein. Es kann aber auch zum Beispiel sein, dass man sagt, ich möchte nicht aktiv in einer AG sein, aber ich organisiere einmal Monat das Frühstück und besorge das Brot und schreibe eine Erinnerungs-E-Mail. Also das sind ganz verschiedene Sachen. Aktuell ist es so, dass sich nicht alle aktiv einbringen. Das ist aber auch okay. Und das wird immer mal so sein, dass man irgendwie mehr Kapazitäten hat, sich mehr einbringt und mal weniger.

Wichtig ist irgendwie, dass die Kanäle offenbleiben. Und vielleicht, um den Schreck zu nehmen, wir sagen, wir frühstücken eigentlich monatlich gemeinsam. Und das kann man sich konkret so vorstellen, dass da 10 bis 20 Leute zusammen frühstücken. Wir sind aber 80. Also man hat immer die Möglichkeit, nicht zu kommen und manchmal komme ich und manchmal komme ich nicht. da gibt es so keinen Druck, aber es ist praktisch immer eine bestehende Einladung. Und es sind auch immer andere Zielgruppen. Wir haben auch jemanden, einen Filmabend ab und an organisiert. Es gibt Gesprächskreise. Das lebt und hängt aber davon ab, dass es eine Person die Hand nimmt oder eine Gruppe von Personen organisiert. Wenn das niemand macht, passiert es nicht.

 

Johanna (06:09)

Du hast jetzt gerade schon angedeutet, ihr seid 80 Leute. Wie stellt man sich denn euer Haus so vor? Also jetzt mal ganz bildlich gesprochen. Ist es am Stadtrand, ist es mitten in der Stadt, habt ihr einen Garten, ist es ein großes Haus, wie viele Wohnungen gibt es da und habt ihr dann so einen großen Frühstücksraum, wo ihr euch treffen könnt für dieses gemeinsame Frühstück?

 

Louise (06:29)

Genau, also wir sind in Darmstadt am Stadtrand. Also wir sind bei Seen und Wäldern, aber man hat auch nur zwei Kilometer in die Innenstadt. Ich fühle mich trotzdem wie in der Stadt. Wir haben, ich glaube, 43 Wohnungen und die Range ist irgendwie von 48 Quadratmeter bis 127 Quadratmeter, ein bis fünf Zimmerwohnungen. Und wir sind im Prinzip wie in einem Quadrat, in der Mitte ist der Innenhof. Und es sind aber trotzdem drei verschiedene Adressen. So ganz knapp beschrieben. Wir haben verschiedene Gemeinschaftsräume, haben eine gemeinschaftliche Werkstatt, haben gemeinschaftlichen Raum, den nennen wir Unne. Da können wir mit allen die Mitgliederversammlung halten, aber da können wir auch gemeinschaftlich frühstücken. Wir haben so Art Jugendraum, das nennen wir Obbe. Das sind so paar geteilte Räume, die wir haben.

 

Johanna (07:12)

Hessisch wahrscheinlich für unten und oben, oder? 

 

Louisa  (07:15)

Richtig, ja!

 

Oskar (07:16)

Du hast jetzt schon gesagt, man muss nicht bei allen mitmachen und das waren jetzt eher so bisschen Freizeitgestaltung. Gibt es denn auch Sachen, wo du sagst, okay, das finde ich irgendwie total nervig, dass das vorgegeben ist. ihr wohnt jetzt in dem Wohnprojekt und du hast gesagt, alles kann, nichts muss im Grunde, aber gleichzeitig hängt auch alles davon ab, dass sich Leute engagieren. Findest du denn eine Sache, die dich irgendwie ein bisschen stört?

 

Louise (07:45)

Man kann NachbarInnen viel weniger gut aus dem Weg gehen, als wenn man woanders ist, wo man nicht so sozial integriert ist. Das finde ich aber persönlich auch einen großen Vorteil, aber es ist auch ein Nachteil, wenn ich jetzt selbst mal griesgrämig, schlecht gelaunt von der Arbeit komme, was bei mir, ich bin im Homeoffice im Wohnprojekt selbst, das ist ein bisschen schwieriger, dann einfach schlecht gelaunt zu sein für mich jedenfalls. Und es ist natürlich kein Eigenheim mehr. Also wenn wir das jetzt vergleichen mit ein paar Freunden, die selbst alles gestalten können. Wir sind ein Mietwohnprojekt, das heißt, wir haben immer den Vermieter, mit dem wir abstimmen müssen. Und wir haben natürlich Mitgliederversammlung. Wenn wir jetzt eine neue Idee haben, kann ich nicht einfach machen. Da muss ich erst abstimmen. Das ist natürlich etwas nerviger oder auch cooler, je nachdem, welche Perspektiven man nimmt. Welchen Tag man selbst so hat.

 

Johanna (08:30)

Ja, das heißt so diesen Klassiker, man steht hinter der Wohnungstür, schaut durchs Spionloch, wer da gerade durchs Treppenhaus läuft, das geht bei euch wahrscheinlich eher nicht so, wenn man immer irgendjemandem begegnet.

 

Louise (08:42)

Es gibt schon Wege, die nicht so häufig frequentiert belaufen werden. Das wissen wir schon. Man kann durch den Keller laufen, wenn man gerade nicht so viel Lust auf Berührungspunkte hat.

 

Oskar (08:52)

Wie gehen denn Menschen miteinander um, mit denen man eben nicht sympathisiert? wie passiert das? Bilden sich dann einfach Lager und da kann man nichts gegen machen?

 

Louise (09:01)

Also im Großen und Ganzen würde ich nicht sagen, sondern eher themengebunden. Wobei ich mich auch nicht mit allen Leuten verstehe und verstehen also mit 80 Leuten. Also die Lagerbildung gibt es bei Themen. Und das, wie gehe ich mit Menschen um, mit denen ich nicht sympathisiere. Ich persönlich folge dem Leitsatz: Ich Grüße immer weiter freundlich. Ich weiß nicht, ich finde es schwierig, da mitzumachen. Und ich muss aber trotzdem manchmal Dampf ablassen. Und das mache ich durch Gespräche mit Freunden, mit Nachbarn, mit meinem Mann. Genau, dann auch nach Verständnis suchen, auch in mir selbst, für andere. Weil ich bin extrem, mit meinem Verständnis, extrem privilegiert aufgewachsen. Ich hatte nie Hunger, ich konnte immer in den Urlaub, ich hatte also so. Und es gibt Leute, die hatten das nicht. Die hatten eine schwierige Kindheit und die hatten was weiß ich. Und ich will gar nicht sagen, dass es immer daran liegt. Aber ich probiere einfach zu gucken, was liegt denn dahinter? Warum ist denn jetzt jemand extrem sauer, wenn da Schuhe im Gang stehen? 

 

Johanna (09:55)

Und wie ist es? Wir haben, das fand ich ganz interessant, wir haben als wir die Folge vorbereitet haben, noch mit einer anderen Kollegin gesprochen und die meinte, sie kann sich das überhaupt nicht vorstellen, weil sie fände das ganz schlimm, wenn dann Leute sie ständig fragen, hast du nicht Lust auf einen Kaffee? Wollen wir nicht das machen? Wollen wir nicht jenes machen? Und sie aber vielleicht gerade keine Lust auf die Leute hat. Wie macht man das dann elegant? Weil genau wie du es sagst, bei 80 Leuten, es gibt immer Leute, die man besonders mag und vielleicht andere, mit denen man einfach nicht sympathisiert. Das ist ja vollkommen normal. Aber wie geht man dann oder wie gehst du dann damit um?

 

Louise (10:24)

Also das sind auf jeden Fall Sachen, die muss man lernen. Also erstens mal ist es nicht realistisch, dass jemand jeden Tag gefragt wird, ob man Kaffee trinkt, weil alle Leute haben ein Leben so. Und das ist auch, glaube ich, der Unterschied, warum wir in unserem Kopf dachten, wir wollten lieber ein Wohnprojekt, was schon länger besteht und realistischer ist als eins, was noch im Aufbau ist und vielleicht noch ein bisschen unrealistischer. Und ich sage nicht, dass das so ist. Ich sage, dass das nur in meinem Kopf so war. Ich musste mich extrem üben am Nein sagen, weil ich finde es ganz schwierig, auch jemandem zu sagen, pass auf, ich bin hier gerade mit zwei Kindern. Ich hab gerade keine Zeit für dich. 

Das sind aber Sachen, wo lern ich die sonst? Das Wohnprojekt bereitet mich extrem auf mein Leben vor. Das sind schöne Herausforderungen. Das sind auch Herausforderungen. Hab auch schon mal geheult. Aber sind auch coole Sachen, die man lernt. Was auch schon passiert ist in der Vergangenheit, dass sich Leute im Kleinen streiten. Es muss ja nicht immer ein Wohnprojekt-Streit sein. Da sind schon Streitfälle vor dem Schiedsgericht gelandet. Ich weiß von ein, zwei Sachen, wo es anwaltlich gelöst wurde. Das ist aber normal. Das wird kein Wohnprojekt geben, wo nicht Leute aneinandergeraten. Ich persönlich finde es bedrohlich, wenn ich das Wort Anwalt höre. Muss natürlich nicht so sein. Normalerweise klärt man das alles miteinander. Normale Menschen reden miteinander und klären Dinge. Das passiert meistens so.

Und wir haben aber ein Ombuds-Team. Ein Ombuds-Team, wo man hingehen kann, wo man sich hinwenden kann, wo man sagen kann, pass auf, ich habe einen Streit und ich würde gerne das neutrale Leute zuschauen oder mitsprechen oder sich mit uns zusammensetzen, um Streit zu lösen. Das gibt es bei uns auch.

 

Johanna (12:00)

Ja, ich würde jetzt gerne noch mal so ein bisschen auf den Unterschied zwischen, du hast es jetzt ja gerade auch schon so bisschen angesprochen, zwischen einem normalen Wohnhaus und so einem Wohnprojekt darauf eingehen. Also bei mir ist es zum Beispiel so, ich wohne in einem ganz normalen Mietshaus und es sind aber nebendran noch mal ein paar andere Mietshäuser und wir teilen uns wie so einen gemeinsamen Garten, kann man sagen, oder so eine Gartenanlage. Das heißt, man läuft sich da auch öfter über den Weg und kennt sich.

Was ist jetzt der Unterschied zu einem Wohnprojekt bei euch? Ist es da wirklich einfacher, sich zu unterstützen, als jetzt in so einer normalen Nachbarschaft? Also wenn ich mir jetzt zum Beispiel vorstelle, ich würde bei meinem Nachbarn klingen und sagen, hast du Bock irgendwie, könntest du mir helfen bei einem Einkauf oder ich helfe dir dafür bei was weiß ich was, würde sich das für mich erstmal seltsam anfühlen, das zu tun. Wie ist es denn bei euch?

 

Louise (12:55)

Ja, bei uns sind natürlich auch ganz viele Nachbarschaften zu Freundschaften geworden und manche natürlich auch nicht, ist ganz klar. Also da gibt es Grüppchen. Aber ich fange vielleicht mal mit einem Beispiel an, dem Garten, den du auch gerade benannt hast. Ich liebe es im Garten zu sein und ich finde schöne Gärten schön. Aber ich selber regelmäßig Gartenarbeit, überhaupt kein Bock. Aber dafür gibt es halt die Garten-AG bei uns. Die setzen sich ein, die machen liebevolle Pläne und wenn es dann heißt, wir machen jetzt irgendwie eine Gartenlaube, wer kann am Sonntag, 10 Uhr helfen? Und wer kann Kuchen backen? Dann gibt es immer genug Leute, die da zusammenkommen. Also man muss nicht alles selber machen, auf was man in der Nutzung Lust hat. Und ich zum Beispiel bringe mich ja gerade im Vorstand ein. Das geht mir irgendwie leicht von der Hand. Ich finde es nicht schlimm, abends noch mal mich am Laptop zu setzen. Aber das wäre zum Beispiel auch nicht jedermanns Sache. Da muss man Konflikt aushalten, vermitteln, Lösungen suchen. Auf sowas habe ich Lust dran. Und dieses klassische Ich brauche Mehl und gehe zu meinem Nachbarn. Das geht immer.

Oder in der Corona-Zeit war es auch so, dass man sagen konnte, ich habe Corona. Dann schreibst du eine E-Mail an die BewohnerInnen oder es gibt auch verschiedene Signal-Gruppen, man, also das ist eine Alternative zur WhatsApp, wo man einfach sagen kann, hey, ich bin gerade krank, kann nicht mal jemand für mich mit einkaufen gehen.

 

Oskar (14:07)

Um jetzt nochmal ganz konkret auf was einzugehen, du hast am Anfang erzählt, dass eigentlich die ursprüngliche Idee, warum ihr gesagt habt, wir wollen in so ein Projekt ziehen, während Corona entstanden ist, weil ihr gemerkt habt, im Grunde habt ihr euch die Care-Arbeit von euren Kindern geteilt mit deinen Eltern, mit den Eltern von deinem Mann und habt gesagt, okay, wir wollen dieses soziale, solidarische Gefüge eigentlich auch in unserem Wohnen haben, dauerhaft. Haben sich denn in der Hinsicht jetzt ganz konkret die Hoffnung auf diese geteilte Kehrarbeit erfüllen.

 

Louise (14:38)

Wir haben halt nicht nur dieses klassische Familienhelfen aneinander, weil Familien sind ja eh schon oft überlastet. Das heißt, wir haben tatsächlich zum Beispiel auch bei uns eine WG wohnen, die sind alle so Anfang 30. Meine Tochter hat jetzt schon zwei Wochen Ferien und wir haben noch gearbeitet. Dann ist einer von denen mit meiner Tochter klettern gegangen. Und das ist für beide, glaube ich, eine ziemlich coole Erfahrung. Eine andere Dame hat schon eine Enkelin, die ist aber 18 und sie selber ist über 80 und sie hat total viel Spaß, meine jüngere Tochter abzuholen.

 

Johanna (14:56)

Schön.

 

Louise (15:05)

Und dann gehen die einfach mal ein Eis essen. Also eine über 80-Jährige und eine 2-Jährige, wann haben die die Verbindung, wenn es nicht familiär ist? Und dann haben wir noch eine ganz tolle Person bei uns, die ist chronisch krank und Mitte 20 und bastelt extrem gerne. Und wir sind zum Beispiel mit dieser Konstellation auch einfach schon mal ein Wochenende weggefahren, weil es total viel Mehrwert bringt für alle.

 

Johanna (15:23)

Wie kommt sowas zustande?

 

Louise (15:24)

Es sind ganz viele Angebote, die man gibt. Es ist ja nicht so, dass jemand bei mir konstant an der Tür klingelt und sagt, kannst du mal für mich einkaufen gehen. Sondern es ist wirklich, dass man sagt, wenn du mal Hilfe brauchst. Es geht ganz viel über Angebote und persönliche Verbindungen. Wenn man die nicht hat und die nicht möchte, dann kommt sowas auch viel weniger zustande. Aber es gibt immer Leute, die gerade Hilfe brauchen. Es gibt immer Leute, die Hilfe gerne geben wollen.

 

Johanna (15:47)

Und die Verbindungen kommen zustande zum Beispiel durch sowas wie im Gartensitzen, Frühstück oder... Weil wenn man jetzt noch mal den Vergleich hat zu einer Mietwohnung und einer Nachbarschaft, da ist es ja eher schwierig, jetzt so eine enge Verbindung in kurzer Zeit aufzubauen. Ihr wohnt ja jetzt auch noch nicht so lange da. Ist es dann so, kann man sich das so vorstellen?

 

Louise (16:09)

Wir sind jetzt seit drei Jahren da und wir sind nach Darmstadt gezogen, weil wir halt Verbindungen 30 Kilometer nach Frankfurt haben, auch mal ein Frühstück gemeinsam, man ist in der Mitgliederversammlung, man hat Austausch und man sitzt im Hof und es ist wirklich witzig, es ist wie so ein Magnet. Man sitzt im Hof und keine zehn Minuten später sitzt da noch jemand und dann sitzt da noch jemand und dann geht jemand und dann kommt jemand anders. Also genauso findet das statt.

 

Johanna (16:29)

Ich würde jetzt noch mal auf die Hardfacts zu sprechen kommen. Du hast es schon angedeutet, bei euch zahlt man im Unterschied auch zu vielleicht manchen anderen Wohnprojekten Miete, also man kauft sich nicht ein. Ist diese denn geringer als so in Darmstadt ortsüblich? Also lohnt es sich auch finanziell in ein Wohnprojekt zu ziehen, wenn man eben sagt, ja, man hat jetzt eine Familie gegründet, aber man kann es sich nicht leisten, ein Eigenheim zu kaufen oder eine Wohnung zu kaufen oder eben in eine größere Wohnung vielleicht auch zu ziehen, die genug Platz hat für alle zur Miete. Wie ist das bei euch?

 

Louise (17:03)

Genau, ich würde für mich insgesamt sagen, dass es billiger ist als woanders. Und warum? Das sind mehrere Gründe. Einmal ist die Kaltmiete nicht billiger als woanders in Darmstadt. Aber die Warmmiete ist billiger. Und das hat, glaube ich, zwei Gründe. Einmal sind wir in einem Passivhaus. Das wurde damals von den GründerInnen mit den VermieterInnen zusammen so ausgedacht. Dadurch haben wir extrem niedrige Nebenkosten. Und wir kümmern uns auch um die Instandhaltung des Hauses. Also durch diese erwähnten AGs ist es schon so, dass unsere Nebenkosten niedriger sind. Weil was man sonst direkt outsourcen würde in einem Hausmeister, das können bei uns Leute immer zuerst selber probieren. Wenn es klappt, super. Wenn nicht, können wir immer noch zum Vermieter gehen. Also dementsprechend sind unsere Nebenkosten billiger. Und jetzt noch praktisch. Wir haben uns damals entschieden, wir wollen kein Eigenheim und wir wollen gerne eine Mietswohnung. Und was für eine Größe an Mietswohnungen können wir uns leisten und gibt es auf dem Markt?

Und wir sind aktuell in einer kleineren Wohnung gelandet, als wir wahrscheinlich woanders genommen hätten oder gesucht hätten, weil wir geteilte Räumlichkeiten haben. Wenn wir jetzt Freunde zu Besuch haben, die mit zwei Kindern und zwei Erwachsenen kommen, können wir einfach unser Gäste-Appartement dazu mieten. Für eine Nacht, für zwei Nächte, für eine Woche.

 

Johanna (18:16)

Also ganz kurz noch mal vielleicht erklärt, ihr habt so quasi ein Gäste-Appartement in dem Haus, was alle BewohnerInnen nutzen können, dürfen und man trägt sich dann sozusagen ein und sagt, was weiß ich, Mitte September kommt meine Cousine mit ihren Kids und würde da gerne übernachten.

 

Louise (18:33)

Genau. Und das muss immer eine BewohnerIn selbst buchen. Das ist nicht für externe Leute zugänglich. dann reserviere ich das einfach und dann zahle ich dafür auch einen Preis. Und wir haben ein Raumteam, das sich darum kümmert, dass praktisch sauber übergeben wird und sauber übernommen wird. Und falls mal irgendwie ein Handtuch fehlt, kann man sich an die wenden. Und da gibt es auch eine Kaution, die man zahlt. Richtig. Also dadurch sparen wir halt Raum. Ich brauche keinen Gästeraum oder ich habe keinen Schlafsofa mehr bei mir zu Hause, weil ich es einfach nicht mehr brauche. Wir haben auch voll wenig Werkzeug, weil wir einfach eine super gut ausgestattete Werkstatt haben. Nicht, dass ich da ständig bin, aber das ist schon praktisch. Und bei mir ganz akut, ich bin ja im Homeoffice und deswegen kann ich mir gerade einen Büroraum dazu mieten und ich werde vielleicht nicht immer im Homeoffice sein und vielleicht will ich irgendwann auch mal nicht mehr im Wohnprojekt meinen Arbeitsplatz haben.

Das werde ich aber auch irgendwann nicht mehr brauchen. Da ist man bisschen flexibel. Das heißt, es ist eine Art Bedarfsanpassung. Wir hatten auch gerade eine Rotation. Also jemand, der eigentlich zwei... Also die hatte zwei Kinder, die sind aus dem Haus, ist von einer Vierzimmerwohnung in eine Zweizimmerwohnung. Jemand aus der Zweizimmerwohnung ist in eine Dreizimmerwohnung und die von der Dreizimmerwohnung sind in die Vierzimmerwohnung. Und dann kam nur eine externe Partei rein und alle haben sich kurz in ihren Bedarf eingeruckelt. Findet nicht jährlich statt. Aber es findet statt.

 

Johanna (19:49)

Welche Eigenschaften sollte man denn vielleicht nicht haben, wenn man in ein Wohnprojekt zieht?

 

Louise (19:55)

Genau, also wenn ich meine Ruhe haben möchte, dann hat man eigentlich nicht so viel im Wohnprojekt zu suchen. Weil es wird immer Kinder, also von den 80 Leuten sind gerade plus minus 20 Leute Kinder. Das heißt, da ist einfach viel los und Kinder sind eigentlich auch offiziell kein Lärm. Das sind Kinder, die sind laut. Das heißt, wenn ich absolut meine Ruhe haben möchte und wenn ich gerne keine Menschen sehen möchte, dann sollte man das nicht machen.

Und wenn ich kein Interesse habe an demokratischen Vorgängen und verschiedenen Perspektiven, dann ist das vielleicht auch bisschen schwierig. Wenn ich einfach mein Ding machen will und ich will nicht diskutieren, dann ziehe ich nicht in ein Wohnprojekt. Weil, wie gesagt, 44 Wohnungen, das macht keinen Sinn. Was wieder der Vorteil ist, wenn man sich das wagt, dann hat man auch ganz viele Einblicke, die man sonst nicht hat. wir haben eine ganz breite Palette an Nationalitäten und an verschiedenen Kulturen.

Wir haben auch drei Rollstuhlgerechte Wohnungen und wir haben von den 44 Wohnungen sind auch 40 barrierefrei erschlossen. Das heißt, wir haben auch viel Rollatoren und Rollstühle und so weiter. Und das macht einfach extrem viel Spaß, miteinander so. Genau, also Ruhe und selber machen, dann vielleicht lieber sein lassen.

 

Oskar (21:09)

Du hast gerade schon den demokratischen Prozess angesprochen, auf den man sich auf jeden Fall einlassen muss, oder den basisdemokratischen Prozess, weil es ja wirklich irgendwie das alltägliche Leben beeinflusst. Was passiert denn, wenn zum Beispiel viele Leute für etwas stimmen, worauf man selber überhaupt keine Lust hat?

 

Louise (21:25)

Ja, dann muss man das aushalten. Also ganz, also ist einfach so. Und wenn man sich überlegt, also wir haben jetzt zum Beispiel neulich für eine neue Sandkastenabdeckung gestimmt. Und dann kann man sich überlegen, will man das Geld, was wir jahrelang angespart haben, da rein investieren? Es wird abgestimmt, die Mehrheit ist dafür, dann wird es gekauft. Und dann fragen wir den Vermieter, ob die noch was dazugeben. Das tun sie meistens. Und dann kann ich halt überlegen, ich will keine Sandkastenabdeckung. Was will ich denn?

Und dann kann ich mich dafür einsetzen. Also es gibt natürlich auch Klein-Kleinkonflikte, die meinen wir jetzt wahrscheinlich nicht, sondern echt einen großen Konflikt. Wir hatten zum Beispiel mal eine klimaaktivistische Gruppe bei uns. Die haben unsere Räume genutzt, auch teilweise mietvergünstigt war der Plan. Da waren nicht alle mit einverstanden. Wir sind kein politisches Projekt, also wir sind nicht nach politischen Richtungen zugeordnet. Aber da wurde auf jeden Fall sehr viel diskutiert, konstruktiv und nicht konstruktiv.

Und wir haben dafür dann am Schluss eine Sondermitgliederversammlung eingeräumt und durch eine soziokratische Runde uns ausgesprochen. Eine soziokratische Runde, falls das jemand nicht kennt, bedeutet, dass jeder die gleiche Sprechzeit hat, alle im Raum. Wenn da 40 Leute sitzen, darf jeder, keine Ahnung, eine Minute reden. Hat man es alles mal gehört. Das zeigt eigentlich am Schluss, alle wollten mal gehört werden, alle wollten mal was sagen und so weit auseinander waren wir am Schluss gar nicht, wie sich es per E-Mail manchmal hochschaukelt.

 

Johanna (22:43)

Aber war das schwierig in der Zeit? Du hast ja gesagt, erst mal schaukelt sich das dann hoch, bevor man sich dann zusammensetzt. Ist das dann so, dass man manchmal die Tür hinter sich zumacht, sich dann in der Küche an Tisch setzt und sich so denkt, oh man, so eine Scheiße, ich hab grad gar keinen Bock mehr, mich jetzt in den Garten oder den Hof zu setzen. Gibt's solche Tage auch?

 

Louise (23:01)

Auf jeden Fall.

 

Johanna (23:02)

Also gibt's wahrscheinlich bestimmt. Wie gehst du damit um?

 

Louise (23:06)

 

Genau, durch Gespräche. Das ist ja wieder so. Dann gibt es viele, die füreinander und gegeneinander und diddidim. Ich weiß ja, mit wem ich reden muss, um meinen Dampf ablassen zu können, um dann wieder auf konstruktive Lösungen schauen zu können. Und das macht ja auch Spaß. Am Schluss hat uns das extrem, extrem zusammengeschweißt. Ein paar von uns, ein paar auch nicht. Aber im Endeffekt hat das große und, also es hat der ganzen großen Gruppe, als nachhaltiges Mehrgenerationshaus auf jeden Fall zusammengeschweißt. Bei dem Vortrag, es gab am Schluss einen Vortrag waren noch mehr Leute als jemals bei einer Mitgliederversammlung. Ist einfach interessant. Heißt ja nicht, dass man immer einverstanden sein muss mit allen Sachen.

 

Johanna (23:40)

Für mich klingt das jetzt alles, also wir haben jetzt die Vorteile erfahren, die man so erlebt in so einem Wohnprojekt, aber auch was schwierig sein könnte. Für mich klingt das so ein bisschen nach, ja wie so einer riesengroßen Familie oder einer Wahlfamilie auf eine Art und Weise. Würdest du sagen, dass solche Wohnprojekte in Zukunft auch ein Stück weit die romantische Liebe ablösen oder ersetzen können, weil man eben jetzt in einem, in einer riesengroßen WG sozusagen lebt auf einer Art?

 

Louise (24:08)

Ich glaube nein, Also ich glaube, das ist zu groß. Ich weiß nicht, wie das mit kleineren Wohnprojekten. Es gibt auch kleine Wohnprojekte. Vielleicht trifft es dazu. Aber das ist zu groß. Ich wohne da jetzt seit drei Jahren. Ich habe gar nicht mitgestimmt bei allen Leuten, die da eingezogen sind. Nicht alle Leute, die da jetzt wohnen, haben bei mir mitgestimmt, ob wir da einziehen sollten. Das ist viel zu viel von externen Faktoren abhängig, wer denn da wohnt. Das kann nicht alles ich selbst entscheiden. Ich würde es auch gar nicht in Familien ... Also es ist kein Familiengewebe, überhaupt nicht. Das ist schon wirklich ein Nachbarschaftsgebilde, wo man selber Verbindungen aufbauen kann oder eben auch nicht. Genau, deswegen würde ich das verneinen. Was ich aber cool finde, ist, dass man extrem viele nahe Beispiele hat, die man sonst nicht hat. Weil Familie ist ja auch oft konfliktreich. Bei NachbarInnen kriegt man viel mit, was man sonst nicht mitkriegt. Zum Beispiel haben viele der älteren Generation, der männlichen älteren Generation im Haus, das noch nicht so mit der geteilten Care-Arbeit mitbekommen, also die es bei Paaren gibt.

Ich würde behaupten, dass bei uns im Wohnprojekt ziemlich viele Paare ziemlich gleichberechtigt ihren Alltag aufteilen mit Kindern. Und es ist schon so, dass mein Mann schon angesprochen wurde und gesagt wurde, wie toll er doch babysittet. Und mein Mann hat gesagt, ich babysitte nicht das sind meine Kinder. Und dass man es einfach gleichberechtigt gestaltet und das auch sichtbar ist. Sowohl für die anderen Generationen als auch füreinander das bestärkt.

 

Oskar (25:32)

Und für die Kinder tatsächlich auch. Das ist ja auch schön, glaube ich, wenn die Kinder eben in so einem sehr solidarischen, etwas bunteren Umfeld aufwachsen. Und eben nicht nur die eigene Familie als Beispiel haben letztendlich.

 

Louise (25:48)

Total. Meine Tochter ist in einer Kita und da hat neulich jemand irgendwie gesagt, ich war auf Dienstreise, mein Mann hat die beiden Töchter abgeholt und da war noch eine Erzieherin da und die meinte, ich habe keine Lust heute Abend zu kochen. Und meine Tochter guckt sie nur an und sagt so, wie du musst kochen, hast du keinen Mann, der kocht? Und wir sind alle vom Stuhl gefallen, weil mein Mann kocht tatsächlich überwiegend. Und ja, es sind witzige Rollenbilder, die man so nicht überall hat und sieht als Vorbild in der Tat.

 

Johanna (26:15)

Zum Abschluss würde ich noch mal auf den Nachhaltigkeitsaspekt eingehen. Wir haben jetzt schon super viel gehört, was in so einem Wohnprojekt sehr nachhaltig ist. Also natürlich angefangen bei gemeinsam geteilten Wohnräumen, was du erzählt hast, zum Beispiel der Gästewohnung, dem Büro oder auch der Werkstatt, was ja dann auch gleichzeitig gemeinsam genutzte Geräte sind. Also sowas wie jetzt der Klassiker. Nicht jeder braucht eine Bohrmaschine, sondern es reicht, wenn vielleicht für so ein Wohnprojekt irgendwie drei Bohrmaschinen da liegen. Auch hast du erwähnt, dass ihr ein Passivhaus habt. Gibt es denn noch etwas, wo du sagen würdest, das ist besonders nachhaltig in eurem Wohnprojekt?

 

Louise (26:52)

Ja, auf jeden Fall. Du hast die Sachen schon super gut zusammengefasst. Was wir als kleine Gruppe, als Familien auch machen. Wir haben geteilte Signalchats und da bestellen wir auf jeden Fall Großgebinde bei Bioläden. Wir haben auch Gruppen, die sich bei der Solawi beteiligt haben und man weiß ja, im Winter gibt es da zu viel Kohl. Das heißt, das wird dann auch einfacher verteilt, als man es vielleicht sonst so machen kann. Leute von uns sind aktiv bei Foodsharing oder waren es mal oder sind es wieder.

Es gibt auch diese faire Nüsse, die man aus Freiburg im Großgebinde bestellen kann, dass man am Schluss weniger Plastikmüll hat und so weiter. Es gibt auch jemanden, der sich schon sehr, sehr, sehr, sehr lange für faires Essen einsetzt. Und wir haben einen Weltladen in Darmstadt und der geht da einmal in der Woche einkaufen. Das heißt, man kann jedes Mal bis Samstag sagen, ich hätte gern das und das und dann kriegt man das an die Haustür geliefert gegen Bargeld. Also das sind so ein paar Sachen. Was ich auch extrem nachhaltig finde. Und das ist nicht nachhaltig im allgemeinen Sinne, aber irgendwie auch schon.

Ich finde das Wohnprojekt extrem toll gegen Einsamkeit. Und Einsamkeit ist ein großes Thema unserer Zeit und nicht so ein doll benanntes. Und da finde ich das auch total toll, was man da als Gemeinschaft leisten kann. Wir haben einen Waschkeller. Es gibt Leute, haben keine Waschmaschine und die teilen sich Waschmaschinen. Und man kann auch Wäsche aufhängen. Wir haben Carsharing und Bike Sharing. Bike Sharing ist eine neue Errungenschaft. Also wir haben ein Lastenrad. Das ist nicht so, dass man genervt sein muss, wenn man kein Lastenrad fährt, weil das ist eine eigene GBR.

Und Leute, die Lust haben, werden Mitglied. Wir sind zum Beispiel Mitglied und dann braucht man nur eine Haftpflichtversicherung und zahlt einen monatlichen Beitrag. Und wenn man es leiht zahlt man halt auch einen geringen Beitrag. Dadurch könnten wir zum Beispiel, wenn wir Freunde zu Besuch haben, einfach ein Lastenrad ausleihen und unterwegs sein. Das Gleiche gilt fürs Carsharing. Und was ich vielleicht noch erwähnen möchte, alle von uns haben Balkon, außer die Parterre Wohnung. Und wir haben neulich mal, also vor neulich, vor mehr als einem Jahr haben wir die Heiner Energie, das ist aus Darmstadt eine ehrenamtliche Gruppe, die Balkonsolaranlagen bewerben, ehrenamtlich komplett, die verdienen damit gar nichts, weil sie sagen, wir wollen die Energiewende von unten mitgestalten. Und wir haben die eben in unsere Mitgliederversammlung eingeladen und vorher hatten irgendwie zwei, drei Haushalte Interesse an der Balkonsolaranlage. Und jetzt haben wir mehr als 24 Stück hängen im Innenhof, weil wir das dann gemeinschaftlich bestellt haben. Wir haben einmal uns beim Frühstück hingesetzt und gesagt, so und so muss man klicken, Screenshot gemacht, eine Anleitung an alle verschickt, wie man das denn bestellt. Und dann wurde das, Mitten in den Sommerferien, letztes Jahr geliefert. War natürlich keiner da, aber zwei, drei Leute waren da und die haben es eingeladen und an alle verteilt. Also eine total coole Gemeinschaftssache. Und das macht es auch extrem nachhaltig.

 

Oskar (29:29)

Das klingt super. Wenn ich oder unsere HörerInnen jetzt sich denken, man das klingt total super und total spannend und die interessieren sich dafür, du hattest am Anfang schon gesagt, es gibt Seiten im Internet, auf denen man sich informieren kann, aber nach welchen Kriterien, wenn man jetzt sagt, okay ich wohne zufällig in der Region Darmstadt und sie wollen sich jetzt direkt genau bei euch bewerben, aber nach welchen Kriterien werden denn neue BewohnerInnen ausgesucht?

 

Louise (29:52)

Genau, also wir haben tatsächlich eine AG Willkommen heißt es. Man bewirbt sich also auf eine Wohnung und je nachdem wie viele andere Leute sich auch bewerben wird das erstmal gefiltert von dieser AG Willkommen und dann werden am Schluss irgendwie 10 Leute, 8 Leute kennengelernt von dieser AG Willkommen. Und die Top 3 wird in der Mitgliederversammlung vorgestellt, nachdem die Top 3 sich auch bei einem Frühstück mal vorgestellt haben und einen Brief an alle geschickt haben. Also so, man muss sich schon vorstellen.

Ich finde, es lebt am Interesse. Tatsächlich auch ob es altersstrukturtechnisch passt aktuell, ja oder nein, hat man Lust auf Nachhaltigkeit, ist man nett, würde man sich aktiv einbringen, das weiß man natürlich manchmal vorher auch nicht. Aber durch verschiedene Gespräche gibt es Sympathien oder nicht, würde das passen von den Ideen. Es wird nicht durch eine Person entschieden, sondern wirklich durch die Gemeinschaft.

 

Johanna (30:45)

Ja, ich kann mir das total gut vorstellen nach unserem Gespräch tatsächlich. Ich finde, das klingt sehr, gut. Und alles, was du erzählt hast, irgendwie weist auch so in die Zukunft, finde ich. ich kann mir gut vorstellen, dass das wirklich ein Modell ist, was in Zukunft vielen Menschen dabei helfen kann. Zum einen, was du erwähnt hast beim Thema Einsamkeit, aber auch um Geld zu sparen, um nachhaltig zu leben, um Wohnraum gemeinsam zu teilen. Also ich finde, das hat so viele Vorteile und ich würde mir wünschen, dass es mehr solcher Projekte in Zukunft gibt. Gibt es irgendwas, was du zum Abschluss noch loswerden möchtest?

 

Louise (31:22)

Nee, es war ein sehr schönes Gespräch und ich hoffe, dass das ganz viele Leute hören, weil ich auch finde, dass Wohnprojekte total unter, oder nicht bekannt genug sind. Und ich würde mir wünschen, dass es einfach bekannter wird, weil es eine tolle Lebensform ist. Ich weiß auch ganz oft, wenn ich das jemandem zum ersten Mal berichte und sie es noch nie gehört haben und dann sagen: wohnst du nicht in so einer Kommune? Ich weiß nicht genau, was die Definition ist von einer Kommune, aber ich denke, man ist einfach eine aktiv gelebte Nachbarschaft und man kann alles und man muss gar nichts. Das ist, glaube ich, schon wichtig. Laut Satzung vielleicht anders, aber in der gelebten Realität ist es genauso.

 

Oskar (31:56)

Sehr schön. Vielen, Dank, dass du dich aus dem Urlaub zu uns dazu geschaltet hast. Und ja, wir hoffen auch, dass viele Leute das hören.

 

Louise (32:07)

Danke, danke, sehr gerne.

 

Johanna (32:09)

Ja, vielen Dank nochmal an Louise Blume, dass sie sich da uns zugeschaltet hat aus dem Wohnmobil und wir wünschen jetzt natürlich erstmal Louise einen wundervollen Urlaub und eine schöne Reise. Und mir stellt sich die Frage, Oskar, könntest du dir das jetzt vorstellen, in so ein großes Wohnprojekt zu ziehen, entweder alleine oder mit Partnerin oder mit Familie, kannst du dir das vorstellen?

 

Oskar (32:31)

Also, ich habe ja, wie gesagt, schon mal in so einem Wohnprojekt gelebt. Und es war, da kann ich Louise bestätigen, teilweise eine Herausforderung. Für mich war das ein bisschen Wohnprojekt light, weil ich da eben keine wirkliche, ich sag mal, kein finanzielles Risiko mitgetragen hab. Ich habe da in einer WG gewohnt, ich habe da keine Anteile an dem Haus gehabt. Und danach war ich erst mal okay, das hat für mich erst mal gereicht. Aber ich muss sagen, nach alledem, was Louise erzählt hat, ist es wieder irgendwie, es klingt ganz reizvoll, gerade dieser Aspekt, dass man sich eben helfen kann, dass es ein sehr solidarisches Modell des Lebens ist. Das finde ich wirklich sehr, sehr positiv.

 

Johanna (33:15)

Ja, ich kann mir tatsächlich vorstellen, dass es auch in Zukunft immer mehr von solchen Projekten geben wird oder ich hoffe es zumindest, weil es ja immer mehr alternative Familienmodelle gibt und es immer häufiger so ist, dass Eltern sich trennen, alleinerziehend sind oder Singles sind oder was auch immer und diese Menschen sich natürlich eine andere Form oder eine neue Form von Gemeinschaften, auch Unterstützung wünschen und vielleicht ersetzt das ja auch so ein bisschen die klassische Familie, wie wir sie früher kannten. Die klassische Klein- oder Kernfamilie. Und man hat eben ein größeres Netz- und Supportsystem. Eigentlich back to the roots, oder? Wenn man mal ganz, ganz zurückdenkt. Da war es ja so, dass man dann, zwar mit der eigenen Familie, aber dass man mit vielen Menschen unter einem Dach gelebt hat und sich ausgetauscht hat.

 

Oskar (34:04)

Ja, vor allem, und für mich ist dieser nachhaltige Aspekt des, ich nenne es einfach mal Room-Sharings, also dass man nach Bedarf seinen Platz anpassen kann. Auch extrem logisch einfach. Ich denke so, wie viele Einfamilienhäuser gibt es, wo ab einem gewissen Zeitpunkt nur noch zwei Personen drin wohnen, wenn die Familie ausgezogen ist oder die Kinder ausgezogen sind und dass man sagt, ja, man passt seinen Wohnraum nach Bedarf an. Man hat ein Gästezimmer, was man sich mit mehreren teilt, weil man hat nicht immer Gäste. Das finde ich total logisch.

 

Johanna (34:42)

Überhaupt, ob man sich auch unabhängig von einem Gästezimmer Wohnraum leisten kann. Also Wohnen ist ja nicht umsonst die soziale Frage unserer Zeit. Und einfach zu sagen, okay, das ist eine Möglichkeit, dass auch Familien sich angemessenen Wohnraum eben leisten können. Das finde ich auch sehr, oder auch einen Garten zum Beispiel. Das ist ja heute auch nicht mehr selbstverständlich, dass man sich das dadurch leisten kann.

 

Oskar (35:05)

Genau. Wir werden euch auf jeden Fall in den Show Notes noch Ressourcen verlinken, auf denen ihr euch auch selbst informieren könnt, wenn wir jetzt euer Interesse oder wenn Louise euer Interesse geweckt hat. Und wir freuen uns natürlich auch, wenn ihr uns wie immer eine positive Rückmeldung auf unsere Folge gebt.

 

Johanna (35:25)

Ja, erzählt uns doch mal, habt ihr Lust bekommen, in so einem Wohnprojekt zu leben? Gerne bei Instagram zum Post der Folge könnt ihr kommentieren oder uns natürlich auch gerne eine Nachricht schreiben an podcast@bioverlag.de. Und ganz besonders freuen wir uns, wenn ihr den Podcast abonniert bei Spotify oder bei iTunes und uns eine Bewertung gebt, weil uns das einfach bei unserer Arbeit hilft. Das unterstützt uns, dass mehr Leute den Podcast sehen und hören und vielleicht dazu angeregt werden ein bisschen nachhaltiger zu leben.

 

Oskar (35:55)

Wir hören uns in zwei Wochen wieder. Mittwochs, wenn es wieder heißt, herzlich willkommen zu Weltretter Bio. Denn jeder zweite Mittwoch ist inzwischen Weltretter-Bio-Tag.

 

Johanna (36:05)

Bis dahin, tschüss!

Über Louise Blume

Louise lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in einer Wohnung von WohnArt 3. In dem Wohnprojekt in Darmstadt wohnt die Familie mit etwa 80 weiteren Personen zusammen. Louise sagt, es ist eine Form des Wohnens, in der man alles kann, aber nichts muss. 

Wohnkonzept: Bewohner:innen auf den Laubengängen eines dreistöckigen Wohngebäudes.

Das neue Wohnen

In den 80ern wurden Wohnprojekte als Hippie-Kommunen belächelt. Heute weisen sie uns die Zukunft. Eine Homestory. 

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