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Resistente Keime im Bio-Fleisch

In Stern-TV auf RTL ist über Untersuchungen von Bio-Fleisch auf resistente Erreger berichtet worden. Das Ergebnis: In 19 von 38 Stichproben wurden ESBL-positive Keime gefunden
01.03.2012

In Stern-TV auf RTL ist über Untersuchungen von Bio-Fleisch auf resistente Erreger berichtet worden. Das Ergebnis: In 19 von 38 Stichproben wurden ESBL-positive Keime gefunden. Zwei von zehn Proben Schweinefleisch und 17 von 28 Proben Hühnerfleisch waren belastet. „Darunter sind auch Stichproben, die mit den strengen Siegeln von Demeter, Bioland und Naturland versehen sind“, hieß es in der Sendung, in der dann auch Felix Prinz zu Löwenstein, der Vorstandsvorsitzende des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft, live zu den Ergebnissen Stellung genommen hat.Tonnenweise Antibiotika für TiereLöwenstein sieht die Schuld bei der Massentierhaltung: „Die entscheidende Frage ist nicht, wo diese Keime gefunden werden, sondern wo sie herkommen", sagt er. „Und sie kommen aus einer Tierhaltung, die Tiere so hält, dass man sie nur mit mehreren Antibiotika-Gaben am Leben hält." Bereits Anfang Februar hatte Stern-TV in konventionellem Fleisch in jeder dritten Probe Keime nachgewiesen.In der konventionellen Massentierhaltung werden systematisch große Mengen Antibiotika verabreicht. 900 Tonnen pro Jahr bekommen die Tiere in Deutschland - dreimal so viel wie Menschen. Gesetzlich ist es erlaubt, einen ganzen Bestand mit Antibiotika zu behandeln, wenn einzelne Tiere krank sind. Verboten ist nur die dauerhafte und vorbeugende Behandlung.Und auch Bio-Tiere dürfen – allerdings nur, wenn sie wirklich krank sind; also nicht prophylaktisch - mit Antibiotika behandelt werden. Und wenn sie nicht älter als ein Jahr werden, auch nur einmal im ihrem Leben. Ansonsten darf ihr Fleisch nicht mehr als Bio-Fleisch bezeichnet werden. Das heißt zwar weniger Antibiotika, aber bedeutet nicht automatisch auch Fleisch ohne ESBL-Keime, wie der Stern-TV-Test beweist.Löwenstein sagte, Schlachthöfe seien ursächlich für Keime auf Bio-Fleisch: „Das Problem ist mittlerweile überall vorhanden, dass an allen Schnittstellen, wo Kontaminationen vorkommen können, von den Zuchttieren bis hin zum Schlachthof, weitere Kontaminationen passieren. Das offensichtlichste sind Schlachthöfe, das ist sozusagen der Flaschenhals, durch den sehr viel geht. Viele Bio-Tiere werden in Schlachthöfen geschlachtet, in denen auch konventionelle Tiere geschlachtet werden", so Prinz zu Löwenstein.Dass auch Bio-Fleisch davon betroffen sei, zeige die Dramatik der Situation, sagte Löwenstein: „Wir haben auch in eigenen Betrieben untersucht und festgestellt, dass die Ergebnisse deutlich unter denen liegen, die in den konventionellen Beständen zu finden sind.“Die deutschen konventionellen Bauern, die Antibiotika einsetzten, seien keine Gruppe von Kriminellen. „Wenn heute ein Bauer sechs Euro für sein Schwein übrig behält als Gewinn, dann wird der alles ausschöpfen müssen, was er machen darf - und das führt genau dazu. Wir brauchen Rahmensetzungen, die dazu führen, dass wir nicht Tiere halten, als wären sie keine Mitgeschöpfe, sondern Fabrikstücke."Professor Andreas Voss aus Nimwegen, weltweit einer der bekanntesten Forscher nach den Ursachen der multiresistenten Keime, sagte in stern-TV: „ESPB-produzierende Keime können aus der Landwirtschaft kommen und dann hier insbesondere aus der Massentierhaltung, und vermutliche Ursache davon ist die Antibiotikagabe bei Schweinen und Hühnern."Experte überrascht vom Ergebnis„ESBL ist nicht nur gegen eine, sondern gegen mehrere der wichtigsten Gruppen von Antibiotika resistent, nämlich Penicillin und Cephalosporin", erklärte der Mikrobiologe Andreas Voss: „Damit ist unser Arsenal an Antibiotika, die wir standardmäßig in Krankenhäusern benutzen, eigentlich zunichte gemacht." Jährlich sterben etwa 200 Menschen an Infektionen durch ESBL-Keime.Fritz Titgemeyer von der Fachhochschule Münster, der das Bio-Fleisch für Stern-TV untersucht hat, war überrascht von dem Ergebnis: „Ich hätte erwartet, dass im Bio-Fleisch deutlich weniger ESBL zu finden sind. Die Haltungsvorgaben, Richtlinien und der dosierte Einsatz von Antibiotika sind in der ökologischen Landwirtschaft ja vorgeschrieben und werden auch umgesetzt."Den Vorstandsvorsitzenden des Bundes für Ökologische Lebensmittelwirtschaft, Felix Prinz zu Löwenstein, erstaunt die Entwicklung dagegen nicht, schließlich finde Bio-Produktion nicht in einem geschlossenen, hermetisch abgeriegelten System statt, so der Bio-Landwirt. Keime können durch Staub in der Luft übertragen werden. Und so gelangten die Keime von einem konventionellen Hof, der nur wenige hundert Meter entfernt liege, auch auf einen Bio-Betrieb.Was sind ESBL-Keime?ESBL steht für eine Gruppe von Enzymen, die so genannten Extended Spectrum Beta-Laktamasen. Wenn Darmkeime wie E. coli, Klebsiellen oder Salmonellen diese Enzyme produzieren, machen sie damit Breitband-Antibiotika wie Penicilline und Cephalosporine unwirksam. Diese resistenten Bakterienstämme finden sich in allen für die Lebensmittelerzeugung wichtigen Tierarten, am häufigsten in lebenden Hühnern. Auch Haustiere können Träger von ESBL-Keimen sein.Wie gefährlich sind sie?Eine Infektion von Menschen mit ESBL-bildenden Erregern über Lebensmittel ist nach Ansicht des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) möglich. „Die Bedeutung dieses Übertragungsweges ist derzeit aber noch nicht abzuschätzen“, schreibt das Institut. Die Mehrzahl der ESBL-Keime seien harmlose Darmbewohner. Sollten allerdings Krankheitserreger wie Salmonellen, Klebsiellen oder EHEC-Bakterien ESBL bilden, seien die dadurch ausgelösten Erkrankungen wesentlich schwieriger zu behandeln als üblich. Der Auslöser der EHEC-Erkrankungen im letzten Jahr war ein ESBL-Bildner.Die beste Vorsichtsmaßnahme ist es, die üblichen Hygieneregeln zum Schutz vor Lebensmittelinfektionen einzuhalten, also das Fleisch durcherhitzen, verwendete Messer und Schneidbretter gleich reinigen etc.Wie kommen sie ins Bio-Fleisch?Damit Bakterien ESBL produzieren können, müssen sie die dafür nötigen Resistenz-Gene in sich tragen. Der Ursprung dieser Gene ist nicht bekannt. Der Einsatz von Antibiotika in Tierställen fördert die Verbreitung der ESBL-Keime, weil sie durch ihre Resistenz im Vorteil gegenüber anderen Erregern sind.Auch in Bio-Ställen werden Antibiotika eingesetzt, allerdings weit weniger als in konventionellen Tierhaltungen. Deshalb sind Funde von ESBL-Keimen an sich keine Überraschung.Wie sind die Ergebnisse zu bewerten?Die von Stern- TV gefundenen Belastungen – 20 Prozent der Schweinefleisch-Proben und 60 Prozent beim Geflügel – sind überraschend hoch. Repräsentative Erhebungen aus 2009 hatten 2,2 bis 13,5 Prozent (konventionelle) Proben mit ESBL-Keimen ergeben. Das vom BfR unterstütze Forschungsprojekt RESET hatte allerdings im letzten Jahr mit empfindlicheren Messmethoden weitaus höhere Belastungen festgestellt. Die Forscher fanden ESBL-verdächtige E.coli-Bakterien in 41 bis 88 Prozent der untersuchten Schweinebestände und in allen Ställen mit Masthühnern. Einer der beteiligten Wissenschaftler sagte der Zeitschrift Focus im Januar 2012: „Nach bisherigen Erkenntnissen sind übrigens auch Bio-Betriebe und Bio-Produkte mit resistenten Keimen belastet, wenn auch in geringerem Maß.“BÖLW: Keimübertragung auf vielen Wegen möglichDer BÖLW weist in seiner Mitglieder-Info darauf hin, dass es verschiedene Eintragswege für die ESBL-Keime in die Bio-Fleischkette gebe und nicht ein Antibiotikaeinsatz in Bio-Ställen der Grund für die festgestellten Belastungen sein müsse. „Entlang der gesamten Produktionskette existieren vielfältige Eintragswege für Keime: durch Abdrift gelangen Keime von mit Gülle gedüngten Nachbarfeldern auf die Weiden oder durch die Lüftungsanlagen in den Stall. Auch die Schlachtung, bei der konventionelle und Öko-Tiere zum Teil durch dieselben Anlagen gehen, kommt für eine mögliche Keimübertragung in Frage.“Mehr zum Thema

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