Spiegel: Groß angelegter Eier-Betrug - auch Bio betroffen - Schrot und Korn

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Spiegel: Groß angelegter Eier-Betrug - auch Bio betroffen

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg ermittelt seit Herbst 2011 gegen Eiererzeuger, die in ihren Ställen systematisch zu viele Hennen halten. Darüber berichtet das Nachrichtenmagazin Spiegel erstmals in seiner aktuellen Ausgabe. Betroffen von den Ermittlungen sind rund 150 Erzeugerbetriebe in Niedersachsen. Weitere 50 Verfahren wurden an andere Bundesländer abgegeben, insbesondere nach Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern. Die Behörden hatten die Vorwürfe bisher geheim gehalten, um die Ermittlungen nicht zu gefährden. Nach Angaben des neuen niedersächsischen Landwirtschaftsministers Christian Meyer sind überwiegend konventionelle Betriebe mit Freilandhaltung betroffen, aber auch einige Bio-Höfe. Im Spiegel und den nachziehenden Medien wurden allerdings fast ausnahmslos Bio-Eier in den Vordergrund gerückt. Konkret berichtet der Spiegel nur über zwei agrarindustrielle Betriebe, die auch Bio produzieren.

Hausdurchsuchung bei Bio-Legehennenzüchter

Laut Spiegel begannen die Ermittlungen nach einer Gerichtsverhandlung zwischen einem frisch gebackenen Bio-Eiererzeuger und dessen Bio-Legehennenlieferant. Der Richter wunderte sich, warum der Bauer für seinen 12.000er-Stall 15.000 Hennen bestellt hatte. Das habe ihm der Hennenlieferant empfohlen. „Er sagte, das machen alle so“, zitiert das Magazin den Bauern. Der Lieferant war der zum Geflügelzuchtkonzern Lohmann gehörende Geflügelzuchtbetrieb Gudendorf-Ankum. Im September 2011 durchsuchten die Ermittler das Unternehmen und entdeckten in den beschlagnahmten Unterlagen „Hinweise auf ebenso raffinierten wie systematischen Betrug.“ Bei Gudendorf-Ankum werden Legehennen für alle Haltungsformen produziert, auch für Bio. Bei Naturland ist das Unternehmen als Lieferant für Junghennen gelistet.

Neue Vorwürfe gegen Tiemann

Der Spiegel verweist auf den bereits bekannten Fall, in dem Heinrich Tiemann Bilder aus seinem Stall mit einer Rotlauferkrankung der Tiere begründet hatte und schreibt von widersprüchlicher Buchführung. Laut Haltungsbuch sei ein Viertel der Tiere gestorben, „ehe der ausgelaugte Rest zum Schlachter gekarrt wurde.“ Dort sei die Zahl der geschlachteten Hennen höher gewesen als der offizielle Restbestand. Erklären lässt sich das durch eine Überbelegung, die im Haltungsbuch natürlich nicht auftaucht. Der Rest des Artikels beschäftigt sich mit den undurchsichtigen Strukturen rund um den Bio-Eier-Vermarkter Wiesengold und dessen Mutterkonzern Deutsche Frühstücksei. Als Fazit heißt es mit Bezug auf den Anbauverband Naturland, der Wiesengold zu seinen Partnern zählt: „Der Umfang der staatsanwaltlichen Ermittlungen zeigt, was von den Beteuerungen der ökologischen Anbauverbände zu halten ist, die ihren Kunden vollmundig versichern, die Produktion ihrer Mitglieder lückenlos zu kontrollieren.“

Bisher ist niemand angeklagt

Bisher hat die Staatsanwaltschaft Oldenburg noch in keinem Fall Anklage erhoben. Bis es soweit ist, will die Behörde auch keine Namen der verdächtigen Eierproduzenten nennen. Die Ermittlungen seien „sehr aufwendig, so etwas dauert seine Zeit“, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Landwirtschaftsminister Christian Meyer drohte, betroffenen Eierproduzenten die Zulassung zu entziehen „wenn sich der Betrug bestätigt und die Betriebe überführt sind.“ So lange will die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft nicht warten. Sie forderte Bioverbände wie Bioland oder Demeter auf, sich endlich klar mit einem echtem „Bauernhof-Bio“ bei den Verbrauchern zu profilieren. Verbände wie Naturland oder Biopark sollten sich rasch von agrarindustriellen Investoren in ihren Reihen trennen und Obergrenzen für Tierbestände und Herden beschließen. „Ökologischer Landbau und eine artgerechte Tierhaltung sind nur in flächengebunden, mittelständisch-bäuerlichen Strukturen mit überzeugten Bio-Bauern möglich.“ Stellungnahmen von Verbänden Demeter und Bioland haben Stellung bezogen und mitgeteilt, dass keines ihrer Mitglieder von Ermittlungen betroffen sei. Naturland recherchiert noch, ob gegen Mitgliedsbetriebe ermittelt wird. "Sollten sich die Betrugsvorwürfe auch gegen Naturland Betriebe bestätigen, werden die Unternehmen fristlos gekündigt", heißt es in einer Stellungnahme. Der Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) bietet einen Link zu Infos über Betriebe, die den Biofachhandel beliefern. Der Bio-Dachverband BÖLW stellt klar, dass es um Überbelegungen geht und keine Informationen vorliegen, dass konventionell produzierte Waren umdeklariert und als Bio-Eier verkauft worden seien.

Leo Frühschütz

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Rubrik: News

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Christian
Bio-Verordnung verschärfen! Da haben wir es: die heile Bio-Welt gerät aus den Fugen. Um die ungeliebten unübersichtlichen Strukturen zu glätten und auch im Bio-Landbau Tierschutz anzuwenden, meine ich kommen wir nicht um eine Verschärfung der Bio-Verordnung herum. Keine gemsichten (bio./konv.) Betriebe mehr Bestandsgrößen beschränken (absolut - nicht statistisch auf Fläche umgerechnet) Futtergrundlage auf eigenem Betrieb (mindestens aber aus der Region) artgerechte Tierhaltung ohne Schnäbelkürzen, Schwänze kupieren und Enthornung
Isolde Wilken
es ist noch keine Anklage erhoben worden, aber es wird getan, als wenn alles schon 100%ig nachgewiesen wurde. Bio ist ja nicht gleich Bio. Ich kaufe Eier und Brot, sowie Obst und Gemüse nur bei einem Bauern, dessen Gemüse Bioland- oder Demeteranbau ist. Aber irgendetwas musste ja noch vor der Bundestagswahl passieren, damit die anderen Parteien auch eine Chance haben gewählt zu werden.