Kurz notiert 10|2019 - Schrot und Korn

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Kurz notiert 10|2019

Weltweit gehen pro Minute 35 Fußballfelder Fläche Wald verloren.

Artenvielfalt

Wenn die Wälder leiser werden 

Weniger Pfeifen, Zwitschern und Rascheln: Seit 1970 gingen die Bestände von Vögeln, Säugetieren, Amphibien und Reptilien, die vollständig von Wäldern abhängig sind, um 53 Prozent zurück, belegt eine WWF-Studie. Wildtiere tragen maßgeblich zur Regeneration der Wälder bei. Diese beherbergen weit mehr als die Hälfte der landgebundenen Arten der Welt. Die Studie macht überwiegend Entwaldung und Entwertung der Wälder für den Einbruch der Tierbestände verantwortlich. Jährlich nimmt die Waldfläche global um 13 Millionen Hektar ab. Anders ausgedrückt: Pro Minute gehen Wälder mit einer Fläche von 35 Fußballfeldern verloren. „Wenn wir den weltweiten Rückgang der biologischen Vielfalt umkehren und den lebensbedrohlichen Klimawandel aufhalten wollen“, heißt es in dem WWF-Bericht, dann „müssen wir die Arten, die in Wäldern leben, schützen und gesund erhalten.“ Dazu müsse man die Übernutzung von Wildtieren beenden und invasive Arten bekämpfen. Dass dies gelingen kann, zeigten Bemühungen um den Schutz der Gorillas in Zentral- und Ostafrika oder der Kapuzineraffen in Costa Rica. Historisch gesehen betrifft der Waldverlust auch Deutschland, das natürlicherweise zu 95 Prozent von Wald bewachsen wäre. Zwei von drei Bäumen wären Buchen. Tatsächlich ist der Wald auf 31 Prozent zurückgedrängt, und es überwiegen aus ökonomischen Gründen mit 54 Prozent Nadelbäume. Die aber kommen mit dem Klimawandel nicht gut zurecht. Eine Gruppe von Wissenschaftlern und Umweltschützern warnt jedoch davor, Fichten einfach durch neue, hitzetolerante Arten zu ersetzen. Zudem wachsen derzeit nur 2,8 Prozent der Wälder ohne Försterhand. Damit aber verfehlt die Bundesregierung ihre selbst gesteckten Ziele, bis 2020 fünf Prozent des Waldes nicht mehr forstwirtschaftlich zu nutzen. 


Untersuchung

Bio hält, was es verspricht 

Saubere Sache: Bio-Lebensmittel weisen keine oder verschwindend geringe Verunreinigungen mit Pestiziden und anderen unerwünschten Stoffen auf. Das zeigt das Öko-Monitoring aus Baden-Württemberg. 15 000 Proben zogen die Experten vor allem bei Obst und Gemüse. Bei knapp 60 Prozent der Früchte aus Öko-Anbau waren keine Pestizidrückstände nachweisbar. Falls doch, dann blieben die Gehalte meist im Spurenbereich (< 0,01 Milligramm je Kilo). Beispiel Traubensaft: Bei den 30 Proben lagen die Schwefeldioxidgehalte unterhalb der Bestimmungsgrenze. Dies war bei den 47 Säften aus konventioneller Produktion nur bei etwa einem Drittel der Fall. Oder Antibiotika in Krebstieren: In keiner der Proben aus Öko-Aquakultur waren Rückstände nachweisbar. Im Gegensatz dazu wurden in Produkten aus konventioneller Aquakultur Rückstände unerwünschter Arzneien nachgewiesen. 

Foto ©  clipdealer


Mikroplastik

Mehr Forschung dringend nötig

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht sich für intensive Forschungen im Zusammenhang mit Mikroplastik aus. Es müsse viel genauer untersucht werden, warum die Partikel im Trinkwasser vorkommen und welche gesundheitliche Gefährdung von ihnen ausgeht. Auch wenn nach derzeitigen Informationen Mikroplastik im Trinkwasser kein Gesundheitsrisiko darstelle, müsse es mehr Wissen über die Folgen und Risiken geben. 


Zahl des Monats

Milliarden Euro gab der Staat im Jahr 2018 für klimaschädliche Subventionen aus – für solche, die gut für das Klima sind, dagegen nur 7 Milliarden. 


Globale Erwärmung

Leugner der Klimakrise widerlegt

Zweifler am Klimawandel verweisen gerne darauf, dass sich Warm- und Kaltzeiten auch in der jüngeren Erdgeschichte immer wieder abgewechselt haben. Wissenschaftler der Uni Bern sagen nun: Im Unterschied zu vorindustriellen Klimaschwankungen erfolgt die derzeitige Klimakrise auf der ganzen Welt gleichzeitig. Zudem ist die Geschwindigkeit der globalen Erwärmung so groß wie nie seit mindestens 2000 Jahren. Zwar war es auch während der „Kleinen Eiszeit“ von 1400 bis 1850 auf der ganzen Erdkugel kälter, so Klimaforscher Raphael Neukom. „Aber nicht überall gleichzeitig. Die Spitzenzeiten der vorindustriellen Warm- und Kaltzeiten traten zu verschiedenen Zeiten an unterschiedlichen Orten auf.“ Das treffe auch auf die „Mittelalterliche Warmzeit“ (700 bis 1400) zu. Die Erklärung dafür sehen die Autoren darin, dass das regionale Klima in vorindustrieller Zeit vor allem von zufälligen Schwankungen beeinflusst war. Externe Faktoren wie Vulkanausbrüche oder Sonnenaktivität seien nicht stark genug gewesen, um über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte zeitgleich auf der ganzen Welt für ausgesprochen warme oder kalte Temperaturen zu sorgen. Für ihre Untersuchung griffen die Experten auf eine Datenbank des Forschungskonsortiums PAGES (Past Global Changes) zurück, die Klimadaten der vergangenen 2000 Jahre anhand von Baumringen, Eisbohrkernen, Seesedimenten und Korallen abbildet. 


Der Klimawandel bedroht auch die Antarktis und die Pinguine. © Christian Aslund/EyeEm


Rote Liste

Und weg sind sie

Die internationale Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Arten wird immer länger: In ihrer aktuellen Liste hat die Weltnaturschutzunion (IUCN) 7000 bedrohte Arten hinzugefügt. 28 000 Arten sind demnach akut gefährdet. „Der Niedergang der Natur vollzieht sich in einem nie da gewesenen Tempo“, sagt IUCN-Chefin Grethel Aguilar. Die größte Gefahr bestehe für Arten, die von Menschen als Nahrung genutzt würden. Deutschland ist von dieser Entwicklung nicht ausgenommen: Wie das Bundesumweltministerium auf eine Anfrage der Grünen-Abgeordneten Steffi Lemke offenbart, sind in Deutschland nicht nur knapp 30 Prozent der hierzulande vorkommenden Pflanzenarten bedroht. In den vergangenen 150 Jahren sind sogar bereits 149 Arten oder Unterarten verschwunden. 


Gentechnik

Kastanie gerettet? 

Ein aus Südostasien eingeschleppter Pilz hat die nordamerikanische Kastanie fast ausgerottet. Nun soll die hochgradig gefährdete Art mit Hilfe von Gentechnik gerettet werden. Experten der Uni New York haben Weizen-Erbgut in die Kastanie eingeschleust. Es soll ein Enzym produzieren, das den Pilz unschädlich macht. Die Methode stößt auf unterschiedliches Echo: Einerseits gibt es Kritik wegen unabsehbarer Auswirkungen auf das Ökosystem. Zudem wird die Maßnahme als Einfallstor für andere Gentec-Bäume wie Eukalyptus gesehen, die einen höheren Holzertrag liefern sollen. Andere äußern sich zurückhaltender. Der Eingriff ins Genom sei das kleinere Übel: Es gehe darum, eine gefährdete Art zu retten, schreibt beispielsweise die Naturschützerin Faith Campbell. 


Antibiotika 

Mensch gesund, Fluss krank 

Arzneimittel geraten über die WC-Spülung ins Abwasser und werden von den Kläranlagen kaum zurückgehalten. Weltweit finden sich deshalb große Mengen Antibiotika in Bächen und Flüssen. Forscher der britischen Uni York entdeckten manchmal die 300-fache Konzentration dessen, was man als „sicher“ bezeichnen könnte. Sie untersuchten 711 Orte in 72 Ländern. Die Hotspots liegen zwar in erster Linie in Afrika, Asien oder Südamerika. Aber auch Europa ist erheblich betroffen: Ob in Themse, Seine oder Donau – überall lassen sich die gängigen Antibiotika nachweisen. In der Donau in Österreich waren es gleich sieben verschiedene Wirkstoffe, darunter eine ums Vierfache überhöhte Dosis von Clarithromycin, das zur Behandlung bakterieller Infektionen wie der Atemwege oder der Haut verwendet wird. 

Foto: © clipdealer

 

Erschienen in Ausgabe 10/2019
Rubrik: News

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Dietrich Cerff

Zur Zahl des Monats:
Sucht man auf der Seite des Umweltbundesamtes UBA nach Publikationen zum Thema "Umweltschädliche Subventionen", so findet man eine Reihe von Berichten, die einen Anstieg dieser Subventionen von 42 Mrd. € in 2006 bis 57 Mrd. € in 2012 belegen. Davon werden 90 % als zugleich klimaschädlich eingestuft.

Leider gibt es keine aktuelleren Berechnungen, aber angesichts des umweltpolitischen Stillstands, fürchte ich dass diese mittlerweile auf weit über 60 Mrd. angewachsen sind - jährlich! Die Diskrepanz zu Ihrer doch recht bescheidenen Zahl von 7,4 Mrd. € rüht vielleicht daher, dass das UBA im Gegensatz zum Wirtschaftsministerium einen umfassenderen Begriff von "Subventionen" hat und auch "implizierte Subventionen" und Bürgschaften mitrechnet. Was selbst das UBA nicht mitrechnet, sind die nicht (vollständig) internalisierten Umweltkosten (etwa durch Verkehrslärm oder Luftverschmutzung) und organisatorische Unterstützung des Autoverkehrs, indem etwa durch Raumordnung und Flächennutzungsplanung Freizeiteinrichtungen, Arbeitsplätz und Einkaufsmöglichkeiten an Stellen errichtet werden, die praktischerweise nur mit dem Auto erreichbar sind.

Das UBA rät der Bundesregierung schon seit über einem Jahrzehnt dazu, diese Subventionen schnell abzubauen. Politikberatung gehört ja auch zu den wichtigsten Aufgaben des UBA, dafür wird es bezahlt. Zu den wichtigsten Aufgaben der Politik gehört es ja auch, sich beraten zu lassen - fragt sich nur von wem.

Dietrich Cerff