Editorial - Schrot und Korn

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Liebe Leserin, lieber Leser,

Position - sollen wir öfter beziehen, so fordern manche unserer Leser. Hmm, Position!? Im Prinzip gerne. Allerdings sind wir drei Leute in der Redaktion, mit ständigen freien Mitarbeitern sind wir fast ein Dutzend, haben also mitunter dreizehn verschiedene Meinungen. Welche nehmen wir da?

Die des jeweiligen Autors vielleicht? Das könnte turbulent werden, wenn Mitarbeiterin A. beispielsweise auf den Rezeptseiten den Apfelessig als "lecker, erfrischend und gesund" besingt. Und dann, weiter hinten in der Rubrik HausRat, behauptet Kollege B., die wesentliche Bestimmung von Apfelessig sei es, Kalkstein zu entfernen. Denn seiner Erfahrung nach verursacht der bloße Geruch heftige Schauderattacken. Na gut, qua Amt und Würden als Redaktionsleitung könnte ich salomonisch sagen: Ganz klar bringen wir einfach immer meine Meinung! Und die lautet: Apfelessig an einer Vinaigrette, einem Linsengemüse - au ja! Aber allmorgendlich nüchtern in einem Glas lauwarmen Leitungswasser gelöst? - So einen Tip kann ich aus volkswirtschaftlichen Gründen nicht verantworten. Da käme doch kaum jemand zeitig aus dem Bett.

Aber diese, wie Sie sehen, höchst pointierte Position müßte ich dann allen meinen Mitarbeitern so lange in die PCs diktieren, bis ich alleine hier säße - mit einem Haufen Überstunden.

Das größte Problem ist allerdings, daß manchmal keiner von uns so eine furchtbar eindeutige Position hat. Wir lesen nämlich - genau wie Sie - voller Staunen wie uneins, ja zerstritten, die Wissenschaftler sind über dieses und über jenes. Als Journalisten sind wir vielleicht dichter dran an der Fachwelt als andere Laien, weil wir besseren Zugang zu vielen Detailinformationen haben. Aber deshalb gehören wir noch lange nicht dazu. Und das bedeutet: In vielen Fällen maßen wir uns kein Urteil an. Wir vertreten nicht eine Position, wir geben aber möglichst viele wieder. Innerhalb eines bestimmten Rahmens (der da heißt: vollwertige Ernährung, ganzheitliche Medizin, ökologische Lebensweise) versuchen wir, tolerant und pluralistisch zu bleiben.

Ja, ich weiß, es gibt eine Menge Magazine, da bekommt man immer den ultimativen Tip: "Trinken Sie literweise Apfelessig - dann wachsen Ihnen neue Zähne, und Sie werden mindestens hundert Jahre alt." Erst recht gibt es Zeitschriften, da sind alle Positionen eindeutig. Da finden Sie Bruker und nur Bruker. Und anderswo finden sie nur Leitzmann, gewürzt mit ein bißchen Pollmer.

Aber vielleicht ist es ganz gut, daß es auch sowas wie S&K gibt, wo alle zu Wort kommen. Und wo es keinen Guru gibt, der unwidersprochen behaupten darf, daß dies oder das die einzig gültige Weisheit wäre.

Oder?

Elke Achtner-Theiß