Wir schlagen Alarm - Schrot und Korn

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Wir schlagen Alarm

© Sarah Eick/bio verlag
Schrot&Korn-Mitarbeiter- innen und Mitarbeiter auf der Groß-Demo gegen Agrarindustrie in Berlin © Sarah Eick/bio verlag

 

DEMO 35 000 Menschen sind in Berlin für eine gerechte Agrarpolitik und eine klimafreundliche Landwirtschaft auf die Straße gegangen. Wir auch! Manfred Loosen

Fahnen ausrollen, Banner aufziehen, schnell noch ein Foto machen und los geht᾽s. Es ist ein kalter Samstag
Mitte Januar, wir stehen vor dem Brandenburger Tor in Berlin und von überall her strömen verkleidete Leute, Menschen mit Plakaten und Traktoren zum Startpunkt der neunten „Wir haben es satt“-Demonstration.

Unser Entschluss, nach Berlin zu fahren, fiel bereits drei Monate zuvor. Wieder einmal diskutierten wir in der Redaktionssitzung über fragwürdige Glyphosatstudien, nitratverseuchtes Wasser und Politiker, die viel reden, aber nichts tun. Schnell war klar: Wir wollen ein Zeichen setzen. Wir gehen demonstrieren. Eine unserer Botschaften: Bio statt Ackergift. Ausgestattet mit großen und kleinen Plakaten, zehn roten Fahnen mit Schrot&Korn-Aufdruck, Kochtöpfen und jeder Menge Vorfreude fuhren wir in die Hauptstadt.

Kurz nach 13 Uhr setzt sich der Zug in Bewegung, Schrot&Korn-Mitarbeiterin Monique schlägt Alarm: Mit einem Holzkochlöffel und ihrem roten Topf macht sie einen Heidenlärm. Neben ihr stimmen die Leute mit Deckeln, Töpfen und Rasseln ein. Bei der Großdemo geht es ganz bewusst auch darum, Lärm zu machen – für konsequenten Klima- und Naturschutz, eine gerechtere Agrarpolitik, für Bio-Anbau und eine artgerechte Tierhaltung.

Besonders laut wird es, als der Demonstrationszug in Richtung Auswärtiges Amt zieht. Denn dort berät gerade Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner mit ihren EU-Kollegen, wie es mit der Landwirtschaft in Europa weitergehen soll. Den Ministern sollen so richtig die Ohren klingeln! Eine von vielen Samba-Bands am Rand der Strecke macht zusätzlich mächtig Stimmung. Es ist ein bunter Zug von gut 35 000 Menschen, der sich durch Berlins Straßen bewegt.

Tina Schulz und Sven Klose ...

... aus Berlin-Heiligensee wollten mit ihren „tierischen“ Demo-Kostümen auf die Probleme aufmerksam machen, die die AgrarIndustrie verursacht. Tina, 46, is(s)t vegan, Sven, 45, vegetarisch. Beide setzen sich aktiv für den Tierschutz ein.


Links oben: Es gibt Alternativen zu Monsanto bzw. Bayer: Bio. Links unten: Die Demonstrierenden schlagen anständig Alarm, damit die EU-Agrarminister es auch hören. Mitte: Schrot&Korn-Redakteurin Barbara Lehnert-Gruber schnippelt Möhren für die Demo-Suppe. Rechts: Große und kleine Traktoren unterwegs auf Berlins Straßen. Sarah Eick/bio verlag; Fabian Melber/ wir haben es satt; Jörg Farys/die projektoren;

„Widerstand im Schnitzelland“

Auch das Wetter meint es gut mit uns und den anderen Menschen im Demo-Zug. Es ist zwar kalt – nur knapp über dem Gefrierpunkt –, aber die Sonne scheint. Dennoch: Wer Handschuhe dabei hat, ist beim Hochhalten der Transparente auf jeden Fall im Vorteil. Auf denen bringen teils knackige Sprüche die Botschaften der Demonstranten auf den Punkt: „Alles eine Frage der Haltung – Schluss mit den Tierfabriken“. Oder „Make food great again“, „Sind die Bauern ausgestorben, habt ihr nichts zu fressen morgen“, ist da zu lesen, genau wie „Ich wollt‘, ich wär kein Huhn“, „Widerstand im Schnitzelland“ und „Bio-vegan ist ein guter Plan“.

Bio und vegan ist auch die Suppe, die es zur Stärkung der Demo-Teilnehmer gibt. Am Vorabend trafen sich mehr als 1 000 Menschen zur sogenannten „Schnippel-Disko“, um Gemüse in mundgerechte Stücke zu schneiden. Bei Live-Musik, Bier und Wein waren die 2,4 Tonnen Gemüse bald verarbeitet. Die Veranstalter hatten das Bio-Gemüse von umliegenden Höfen eingesammelt, besser gesagt gerettet. Denn größtenteils wären die Karotten, Zwiebeln, Kartoffeln und Kürbisse im Müll gelandet, da zu klein, zu krumm, zu dick, zu dünn. In großen Töpfen kochten das Team der „Fläming Kitchen“ und ihr Aktionskoch Wam Kat eine leckere Gemüsesuppe für den Demo-Tag. Während der Auftakt- und Schlusskundgebung ist der Suppenstand dann auch ein beliebter Anlaufpunkt.

Luisa Metzner ...

... aus Schönhagen in Thüringen hat bei Demeter die „Freie Ausbildung“ gemacht. Sie ist jetzt „Gärtnerin fürs Leben“ und findet es toll, dass man sich „schon bei der Schnippel-Disko mit vielen Gleichgesinnten austauschen und auf die Demo freuen kann.“


Links: Eindrücklich: Pestizide töten Bienen und andere Insekten. Mitte: Demonstrierende und Plakate soweit das Auge reicht. Rechts: Schrot&Korn-Redakteurin Gabriele Augenstein möchte, dass wir Planet A schützen. © Sarah Eick/bio verlag; Jörg Farys/dieprojektoren

Regierung soll handeln

Bevor sich der bunte Zug vom Brandenburger Tor aus in Bewegung setzt, machten einigeVertreter der mehr als 100 Organisationen, die zur Demo aufgerufen hatten, noch einmal klar, worum es geht: „Wir-haben-es-satt!“-Sprecherin Saskia Richartz forderte die deutsche Regierung auf, den überfälligen Umbau der Landwirtschaft anzupacken. Die Gelegenheit sei jetzt da, denn bei der aktuellen Reform der EU-Agrarpolitik (GAP) entscheide die Bundesregierung maßgeblich mit, welche Landwirtschaft künftig durch Steuergelder finanziert werde. „Mit den über sechs Milliarden Euro, die Deutschland jedes Jahr an EU-Agrargeldern verteilt, muss der umwelt- und tiergerechte Umbau der Landwirtschaft gefördert werden”, rief Saskia Richartz der Menge zu. Doch Agrarministerin Klöckner klammere sich an die pauschalen Flächensubventionen wie ihre Vorgänger ans Ackergift Glyphosat. Der Agrarindustrie immer weiter Milliarden in den Rachen zu stopfen, sei agrar- und klimapolitischer Irrsinn, so Richartz.

Valentin Hörer, 34, ...

... von der Gemeinschaft Sulzbrunn bei Kempten im Allgäu ist Permakulturist und Gärtner. Bei der Schnippel-Disko zerkleinerte er kiloweise Pastinaken: „Ich komme zur Demo, weil wir die ökologische Landwirtschaft etablieren müssen!“

Gabriele Bira ...

... ist aus Gelsenkirchen nach Berlin gekommen. Die 57-Jährige arbeitet im Bio-Laden „Bio Körbchen“ und findet es toll, mit so vielen Gleichgesinnten im Regierungsviertel für mehr Bio-Landwirtschaft auf der Straße zu demonstrieren.

Mit dem Traktor nach Berlin

Dem stimmte auch Moritz Schäfer zu. Der 32-Jährige war mit dem Traktor aus dem hessischen Schwalmtal angereist, wo er einen Betrieb mit 100 Kühen und 250 Hektar bewirtschaftet. „Wir haben die Agrarpolitik der Bundesregierung satt. Wir ackern tagtäglich für gutes, enkeltauglich produziertes Essen. Dafür verlangen wir politische Unterstützung“, sagte er. „Meine Kühe stehen auf der Weide, ich produziere das Futter vor Ort und säe vielfältige Fruchtfolgen. Insekten, Wasser und Klima danken es mir, die Politik aber nicht. Julia Klöckner muss endlich die Interessenvertretung der Industrie beenden und eine Politik für Bauern, Bienen und lebensfähige Dörfer machen“, forderte Schäfer im Namen der Traktorfahrer. Sie führen bei der Demo den Zug an: insgesamt 171 Trecker. Zum Teil kamen die Bauern hunderte Kilometer angereist, um in Berlin ihre Meinung kundzutun: laut hupend ... bio und konventionell wirtschaftende Bauern, die mit der aktuellen Agrarpolitik unzufrieden sind, fahren dabei Seite an Seite. Ein beeindruckendes Bild!

Phillip Brändle von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) fasste die Anliegen der Bauern zusammen: „Wir erwarten, dass Ministerin Klöckner endlich ihrer Verantwortung gerecht wird und selbst Agrarpolitik gestaltet, statt dem Handel und der Industrie das Feld zu überlassen. Bei der EU-Agrarreform heißt das: Fördern Sie den Umbau der Ställe, unterstützen Sie umwelt- und klimaverträglichen Ackerbau und sichern Sie den Erhalt von Höfen statt Landbesitz zu subventionieren.“

Am Ende dieser bunten Demo sind wir erschöpft und optimistisch zugleich: Wir hoffen, dass die Botschaften bei
Julia Klöckner und den EU-Agrarministern angekommen sind und etwas in Gang kommt. Und wenn nicht? Dann sind wir 2020 wieder in Berlin! Vielleicht mit Ihnen an unserer Seite?

Karl Dollinger, 65, ...

... versorgt im Landkreis Roth bei Nürnberg mit seiner Solidarischen Landwirtschaft wöchentlich 500 Mitglieder mit Gemüse, Eiern, Fleisch, Obst und Getreide vom eigenen Hof: „Eine andere Landwirtschaft ist möglich!“ Dollinger fuhr einen der 171 Trecker, die durch Berlin rollten.

 

Volker Krause ...

... Bio-Pionier und Gründer der Bohlsener Mühle war es wichtig, in Berlin zu sein: „Inhabergeführte, ökologische Landwirtschaft und mittelständische Hersteller wie wir können die Entwicklung ländlicher Gebiete ökologisch, ökonomisch und sozial wirklich voranbringen.“


© Joerg Farys/dieprojektoren; Sarah Eick/bio verlag

Meine Landwirtschaft

Wir haben Agrarindustrie satt!

Die „Wir haben es satt“-Demo wird seit 2011 vom Bündnis Meine Landwirtschaft organisiert immer parallel zur Grünen Woche in Berlin. Das Motto 2019, passend zur anstehenden Agrarreform: „Der Agrarindustrie den Geldhahn abdrehen“. 

Das Bündnis Meine Landwirtschaft setzt sich für eine Agrar- und Ernährungswende ein und steht für:
weltweites Höfesterben stoppen • gesundes Essen für alle • Klimaschutz und Artenvielfalt • artgerechte Tierhaltung und weniger Fleischkonsum • Ernährungssouveränität und gerechten Welthandel • Digitalisierung ohne Konzerne und Datenklau • eine Landwirtschaft ohne Ackergifte • Entwicklungszusammenarbeit mit ökologischen Grundsätzen • eine sozialgerechte bäuerliche und ökologische EU-Agrarreform (GAP) • ein Nein zur neuen Gentechnik wie CRISPR und Gene Drives • ein solidarisches Europa – Geflüchtete willkommen

Zu dem Bündnis gehören 50 Organisationen, darunter Entwicklungsorganisationen, Bio- und Umweltverbände sowie Tierschutzorganisationen. Schrot&Korn unterstützt Meine Landwirtschaft und die „Wir haben es satt“- Demonstrationen als Medienpartner.

Erschienen in Ausgabe 03/2019
Rubrik: Leben&Umwelt

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