Wasser braucht Bio - Schrot und Korn

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Wasser braucht Bio

Umwelt © SMW
Wasserwerke in Deutschland sind immer häufiger mit zu hohen Nitratwerten konfrontiert. © SMW

 

UMWELT Unser Grundwasser hat ein Nitrat-Problem. Während die Regierung um Lösungen ringt, werden Wasserwerke selbst aktiv. Ihr Motto: vorbeugen statt reinigen. Michael Billig

Auf den Feldern des Wasserguts Canitz herrscht Winterruhe. Doch selbst jetzt zeigt sich hier, 25 Kilometer vor den Toren der Stadt Leipzig, das Leben. Zwei Reiher wachen erhaben über einen kahlen Acker. Bernhard Wagner, promovierter Agraringenieur und Geschäftsführer des Wasserguts, kann die beiden Geschöpfe genau bestimmen. „Der mit dem weißen Gefieder ist ein Silberreiher, der andere ein Graureiher“, sagt Wagner. Der 40-Jährige kann auch noch weitere Vogelarten benennen, die in den umstehenden Bäumen, Hecken und Büschen rasten und leben. An diesem Nachmittag bleiben Kiebitz, Rebhuhn und Rotmilan jedoch fern. Auch der größte Schatz, den dieser Betrieb behütet, ist nicht sichtbar. Es ist der Ursprung allen Lebens. Sein Versteck hat aber nichts mit der Jahreszeit zu tun. Es liegt auch im Sommer im Verborgenen: das Grundwasser.


Wasser ab Werk

Wasserversorger müssen sicherstellen, dass der Nitrat-Grenzwert eingehalten wird. Dazu mischen die Wasserwerke häufiger unbelastetes mit belastetem Rohwasser oder verlagern Brunnen. Wenn das nicht mehr reicht, werden aufwendige Reinigungsmaßnahmen nötig.


 Anfang der 1990er-Jahre war der Wasserschatz in Leipzig in Gefahr. Die Belastungen mit Nitrat erreichten ein bedenkliches Ausmaß. Zu viel davon kann der menschlichen Gesundheit schaden. Das Nitrat ist zwar nur die Vorstufe. Doch es wandelt sich in Nitrit um. Und das wirkt an der Bildung krebserregender Stoffe mit. Deswegen: Je weniger Nitrat im Wasser, desto besser. Die Nitrat-Konzentrationen im Wassereinzugsgebiet der Leipziger erreichten damals kritische 40 Milligramm pro Liter. Da traf die Stadt mit den Wasserwerken eine weise Entscheidung. Sie baute rund um die Brunnen einen eigenen Bauernhof auf und richtete ihn nach ökologischen Kriterien aus. Seitdem hat sich der Nitrat-Gehalt halbiert.

„Man hat sinnvoll in die Zukunft gedacht“, lobt Hofchef Wagner. Der Sohn einer Bauernfamilie aus dem Erzgebirge führt seit 2015 die Geschicke des Wasserguts. Zwölf Mitarbeiter zählen zum Betrieb. Kunstdünger kommt hier nicht aufs Feld. Stattdessen Kompost und Grünschnitt aus eigener Produktion. Auch der Mist aus den Ställen dient der Bodenfruchtbarkeit. Bei 200 Rindern, die hier gehalten werden, fällt davon nicht zu viel an. Alles ist genau abgestimmt. Es gibt keine überschüssigen Nährstoffe. Nur so viel wie die Pflanzen aufnehmen können. Denn: „Unser oberstes Betriebsziel ist der Schutz des Wassers“, betont Wagner.

Mehr als 100 Jahre ist es her, dass der Stadtrat von Leipzig nach neuen Quellen suchen ließ. Damals herrschte in der Stadt Wassernot. Die Einwohnerzahl stieg rasant, damit auch die Angst vor Seuchen. Sauberes Wasser war ein äußerst knappes Gut. Wer die wertvolle Ressource verschwendete, dem drohte sogar Gefängnis. „Die absichtliche oder fahrlässige Vergeudung von Wasser wird mit Geldstrafe bis 150 Mark oder Haft geahndet“, warnte die Stadt. Die Lage entspannte sich erst, als man in der Muldenaue im Wurzener Land auf ergiebige Grundwasservorkommen stieß. Die Stadt kaufte einen Teil der Flächen, 765 Hektar zwischen den Dörfern Wasewitz und Naschwitz. Bauern, die es zuvor bewirtschaftet hatten, konnten bleiben, wenn sie Pacht entrichten. Zwischen ihren Gütern ließ die Stadt Brunnen bohren, zwei Wasserwerke bauen und kilometerlange Leitungen verlegen. Investitionen in die Zukunft, von denen die 600 000 Einwohner Leipzigs noch immer profitieren. Den Großteil ihres Trinkwassers beziehen sie aus diesem Gebiet.

Links: Das Labor prüft, ob die Grenzwerte eingehalten werden. Rechts: Rund um die Brunnen des Wasserwerks Canitz wird Bio-Landbau praktiziert. ©Leipziger Gruppe/Bertram Bölkow; SWM

Deutschland hat ein Nitratproblem

In Deutschland stammen rund 74 Prozent des Trinkwassers aus Grundwasser. Längst nicht überall ist die Qualität so gut wie in Leipzig. Im Gegenteil: Von 1200 Grundwasserkörpern befinden sich laut Umweltbundesamt (UBA) 27 Prozent in einem „chemisch schlechten Zustand“. Verunreinigungen mit Nitrat übersteigen den von der Europäischen Union (EU) vorgegebenen Grenzwert von 50 Milliliter pro Liter mitunter um das Doppelte. Als Hauptverursacher hat das UBA die konventionelle Landwirtschaft mit ihren Massenställen und überdüngten Feldern ausgemacht. Ein Gebiet, das besonders stark betroffen ist, ist die Region zwischen Ems und Weser, ein Zentrum der deutschen Fleischindustrie. „Auf zwei Drittel der deutschen Gebietsfläche der Ems-Region sind die Grundwasserkörper in einem desolaten Zustand“, so die Deutsche Umwelthilfe, die zusammen mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz die verantwortlichen Bundesländer Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen mit einer Klage, die sie im November 2019 beim Oberverwaltungsgericht Lüneburg eingereicht hat, zu „schnellstmöglichen“ Gegenmaßnahmen zwingen will. Aus Sicht der beiden Organisationen haben Behörden „über Jahre dabei versagt, Grund- und Oberflächengewässer ausreichend vor zu hohen Nitrat-Belastungen zu schützen“.

Doch nicht nur Umweltschützer sind besorgt, auch Wasserversorger schlagen Alarm. Denn sie müssen den Wasserschaden reparieren. Sie müssen Brunnen verlegen, immer tiefer in den Grund bohren, um noch unbelastete Reservoire anzapfen zu können oder sie investieren in aufwendige Reinigungsverfahren. All das kostet Geld, was auch die Bürger früher oder später zu spüren bekommen werden. Einer 2017 veröffentlichten Studie des Umweltbundesamtes zufolge sei mit Preissteigerungen von 55 bis 76 Cent pro Kubikmeter Leitungswasser zu rechnen. Eine vierköpfige Familie müsste dann bis zu 134 Euro im Jahr mehr bezahlen.

Die Verschmutzung des Grundwassers kann die Deutschen auch noch aus einem anderen Grund teuer zu stehen kommen. Denn wie einst in Leipzig drohen mehr als 100 Jahre später wieder Strafen. Damals war es die Stadt, die ihre Bürger von Wasserverschwendung abhalten wollte. Dieses Mal ist es die EU, die der Bundesrepublik vorwirft, zu wenig für den Gewässerschutz zu tun. Der Europäische Gerichtshof in Luxemburg folgte diesem Vorwurf und verurteilte Deutschland im Juni 2018 wegen Verstoßes gegen die sogenannte Nitrat-Richtlinie der EU. 

Auch der Oldenburgisch-Ostfriesische Wasserverband glaubt an Bio – und hat in einen Bio-Hof investiert. © Joerg Faris; OOWV

Wasserwerke kooperieren

Diese Richtlinie aus dem Jahr 1991 war neben dem Wasserhaushaltsgesetz zumindest für einige Wasserversorger der Anlass, stärker mit Landwirten zusammenzuarbeiten. So begann beispielsweise die Arbeitsgemeinschaft der Wasserwerke an der Ruhr (AWWR), ein Zusammenschluss von 18 Werken, ihre „Kooperation Landwirtschaft“. Dieses Projekt setzt im Wesentlichen auf Beratung. Der Oldenburgisch-Ostfriesische Wasserverband (OOWV) in Niedersachsen hingegen hat in die ökologische Landwirtschaft investiert. Der OOWV kaufte einen Hof in seinem Wassereinzugsgebiet und hat ihn an einen Bio-Bauern verpachtet. 

Auch die Stadtwerke München pflegen seit Anfang der 1990er Jahre die Zusammenarbeit mit Bio-Landwirten und setzen dabei stark auf finanzielle Anreize: Jeder Hof im Mangfalltal im Voralpenland, dem Einzugsgebiet der Stadtwerke, der nach Kriterien eines Bio-Verbandes arbeitet, erhält von ihnen Fördergeld. Jährlich fließt so rund eine Million Euro, wie die Pressestelle der Stadtwerke auf Nachfrage mitteilt. „Zum Start waren es etwa zwei Handvoll Landwirte“, heißt es weiter. Mittlerweile machten 175 Betriebe mit. Zusammen verfügten sie über insgesamt 4200 Hektar Land und damit über eines der größten ökologisch bewirtschafteten Gebiete Deutschlands. 


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Zum Wassergut Canitz gehören auch 200 Bio-Rinder. Rechts: Bernhard Wagner, Geschäftsführer des Wasserguts Canitz © Leißziger Gruppe/Bertram Bölkow

Politik ringt um Lösungen – und scheitert

Doch Projekte wie im Mangfalltal oder bei Leipzig sind offenbar zu wenig. Das Grundproblem bleibt, wie Martin Weyand vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) berichtet. Der BDEW-Hauptgeschäftsführer für den Bereich Abwasser/Wasser fordert eine politische Lösung: „Deutschland muss endlich die EU-Nitratrichtlinie umsetzen.“

Die Düngeverordnung aus dem Jahr 2006 war der erste Versuch, den Ansprüchen aus Brüssel in einem einheitlichen und bundesweit gültigen Regelwerk gerecht zu werden. Die damalige Bundesregierung scheiterte damit krachend. Die EU leitete ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland ein. Mit Änderung der Verordnung in 2017 wurde der Einsatz von Düngemitteln zwar stärker reguliert, die Ergebnisse aber blieben die gleichen: zu viel Gülle und Kunstdünger auf den Feldern, zu viel Nitrat im Grundwasser und eine unzufriedene EU. 

Deutschland muss wieder nachbessern und – wenn die Vorschläge, die Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) und Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) im vergangenen Jahr unterbreiteten, nicht ausreichen – zahlen: täglich rund 850 000 Euro. So hoch ist laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft die Strafe, die die EU von Deutschland einfordern wird. Aufs Jahr hochgerechnet seien das mehr als 310 Millionen Euro. 

Bei den Wasserwerken der Stadt Leipzig muss man sich zumindest nicht wegen einer teuren Wasseraufbereitung Sorgen machen. Das Wassergut Canitz macht sie überflüssig. Zum sauberen Wasser gibt es auch noch Kartoffeln, Zwiebeln, Bohnen und Dinkel dazu. Der Bio-Hof erzeugt insgesamt 3000 Tonnen Rohware, zertifiziert nach Bioland und bundesweit vertrieben. „Wir erzielen einen sechsstelligen Gewinn“, so Bernhard Wagner. 

Leipzig hofft auf junge Landwirte

So ganz zufrieden ist der ambitionierte Hofchef, der auch im Präsidium von Bioland und beim Nationalen Wasserdialog des Bundesumweltministeriums als Experte gefragt ist, noch nicht. Zwei Dinge, die ihn beschäftigen: die Stickstoffüberschüsse der konventionellen Landwirte aus der Nachbarschaft. Das Wassergut federt sie aktuell noch ab. „Wir dienen als Puffer und verdünnen die Konzentration“, erklärt Wagner. Doch das reicht ihm nicht. Er will seine Nachbarn überzeugen, umzustellen. In den Anfangsjahren sei das Wassergut verspottet worden und bei älteren Generationen bis heute ein rotes Tuch. Jüngere Landwirte, die nachrückten, aber seien offener. „Mit einigen befinde ich mich im Gespräch“, sagt Wagner. Helfen bei diesen Gesprächen könnte ihm ein zweites Vorhaben: Der 40-Jährige will eine Marke entwickeln, die die Umweltleistungen von Bio-Bauern stärker in den Vordergrund hebt. Wagner: „Damit die Kunden wissen, dass sie mit ihrem Konsum die Qualität des Wassers und die Biodiversität beeinflussen können.“ 

www.l.de/wasserwerke
(Stichwort: Wassergut Canitz)

Nitrat

Der Weg ins Grundwasser

Stickstoff ist ein Baustein des Lebens. Pflanzen benötigen ihn fürs Wachstum. Doch wie bei so vielen Dingen im Leben: Zu viel davon ist auch nicht gut. 

Stickstoff steckt in der Gülle aus Tierställen, in künstlich hergestellten Düngern und in den Gärresten von Biogasanlagen. In all diesen Formen landet er auf deutschen Feldern. 

Was die Feldfrüchte nicht aufnehmen können, sucht sich seinen Weg. Im Boden wandeln Mikroorganismen Stickstoff zu Nitrat um, das bei Regen ins Grundwasser sickert. Aus dem Baustein fürs Leben wird eine Belastung für die Umwelt. Rund ein Viertel des Grundwassers in Deutschland hat einen zu hohen Gehalt an Nitrat. 

Die Verschmutzung führen verschiedene Experten wie etwa der Sachverständigenrat für Umweltfragen größtenteils auf die Landwirtschaft zurück. Stickstoff fällt aber auch in anderen Bereichen an, etwa in den Abgasen von Autos, Kraftwerken und in Abwässern.

Interview

„Pestizide haben im Wasser nichts zu suchen“

In Deutschland verunreinigt Nitrat vielerorts das Grundwasser. Die Belastung mit Pestiziden hingegen ist stark rückläufig. Wie kommt das?

Eine intensive Diskussion in der Vergangenheit und daraus folgend strenge Gesetze wie die europäische Wasserrahmenrichtlinie. In den 1990er-Jahren waren noch in 30 Prozent aller Grundwasser-Messstellen Pestizide und relevante Abbauprodukte nachweisbar. Der Wert ist heute auf knapp vier Prozent gesunken. Das ist aber immer noch zu viel. Pestizide haben im Grundwasser nichts zu suchen. 

Das toxische Herbizid Atrazin wurde vor fast 30 Jahren verboten. Dennoch ist es das Herbizid, das am häufigsten im Grundwasser nachgewiesen wird. Wie kann das sein?

Atrazin wurde früher zum Beispiel auf Maisfeldern und auf Trassen der Bahn zur Unkrautbekämpfung eingesetzt. Es braucht lange, um vom Boden ins Grundwasser zu gelangen und ist schwer abbaubar.

Der Pflanzenvernichter Glyphosat gilt als wesentlicher Verursacher des Insektensterbens. Findet man ihn auch im Grundwasser?

Bei Glyphosat ging man lange Zeit davon aus, dass es nicht im Grundwasser auftauchen wird und hat deswegen auch nicht wirklich danach gesucht. Das hat sich aber geändert. Je genauer man hinschaut, desto mehr findet man. 

Verbote lassen sich häufig erst nach Jahren durchsetzen. Müsste man nicht schon früher ansetzen, etwa bei der Zulassung von Pestiziden?

Ich würde noch ganz woanders ansetzen. Wir sollten komplett aussteigen und auf agrarökologische Methoden wie Nützlinge, lange Fruchtfolgen, Mischkulturen und Agroforstsysteme, also Landbausysteme, bei denen Bäume und Sträucher einbezogen werden, setzen. Dann brauchen wir diese Stoffe nicht mehr.

Karl Bär ist Referent für Agrar- und Handelspolitik beim Umweltinstitut München.

Der Verein setzt sich gegen Atomkraft, für gentechnikfreies Essen, für die Energiewende und den ökologischen Landbau ein.

© Joerg Faris

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