Vom Wert der Natur - Schrot und Korn

Anzeige

Anzeige

Vom Wert der Natur

@ Illustration: Elke Ehninger/bio verlag
Zerstörung von Lebensraum? Dem Planeten ist es wohl egal, ob Menschen ihn bevölkern oder nicht. @ Illustration: Elke Ehninger/bio verlag

 

GESELLSCHAFT Der Ausverkauf der Natur ist in vollem Gang. Schrot&Korn-Redakteur Oliver Scheiner sucht Werte, die nicht auf Preisschildern stehen. 

Die Überschriften für diesen Essay standen schnell fest: „Ausverkauf“, „Weltuntergang zum Schnäppchenpreis“ oder „Wir verramschen die Natur“. Schon eine Weile stelle ich mir die Frage, wie wir den Wert der Natur überhaupt bemessen können. Bei der Recherche stolperte ich über eine Broschüre des deutschen Umweltbundesamtes mit dem Titel „Naturkapital Deutschland“. Darin heißt es, dass es nicht darum ginge, Pflanzen und Tiere mit Preisschildern zu versehen. Das Papier stammt aus dem Jahr 2012. Der Gedanke gefiel mir. Ein Wald, dessen Wert sich mir nur über Barcodes an Bäumen und Tieren erschließt? Da fehlt doch was!

Natürlich spielt Geld eine wichtige Rolle, wie die Nachrichten bestätigten: 2019 wieder mehr SUVs verkauft, Zahl der Flugreisen erneut gestiegen, allein 2018 zahlte die Bundesregierung etwa 7,4 Milliarden Euro an klimaschädlichen Subventionen und so weiter und so fort. Die Wirtschaft wächst Jahr für Jahr, die Gewinne werden immer größer und die Ressourcen, die wir dafür benötigen, immer weniger. Ich musste an die tragische Geschichte der Osterinsel denken. Die Bewohner des Eilands im Südostpazifik hatten auf dem Höhepunkt ihrer Kultur alle Bäume gefällt. In der Folge konnten sie keine Boote mehr bauen, kein Feuer mehr machen, keine Häuser mehr errichten. Sie hatten sich ihrer Lebensgrundlage beraubt. Krieg und Kannibalismus sorgten für den Untergang der Kultur. Übrig geblieben sind nur die steinernen Statuen.

Ich fragte mich, wie wir das heute mit dem Holz handhaben – Stichwort Regenwald: In Brasilien haben wir dieses Jahr von Januar bis September 7 800 Quadratkilometer gerodet, also 780 000 Hektar abgeholzt, 2018 waren es insgesamt rund 500 000 Hektar. Das hat seinen Preis. Aber um welchen Wert geht es? Entspricht er den Gewinnen der Holzindustrie? Lassen sich die riesigen Mengen an CO₂, die durch das Fällen der Bäume in die Atmosphäre gelangen, irgendwie in Geld übersetzen? Mir fiel das Preisschild der Bundesregierung ein, das einen Einstiegspreis von zehn Euro pro Tonne CO₂ vorsieht, gestaffelt bis zum Jahr 2025. Dann soll die Tonne 35 Euro kosten. Das ist zu wenig, sagt zum Beispiel Ottmar Edenhofer vom Institut für Klimafolgenforschung in Potsdam. Er fordert einen Preis von 50 Euro pro Tonne CO₂. Ich griff zum Taschenrechner: Durchschnittlich speichert ein Hektar Wald pro Jahr etwa 13 Tonnen CO₂. In Brasilien konnten 2018 demnach 6,5 Millionen Tonnen CO₂ nicht mehr gespeichert werden. Bei einem derzeitigen Preis von zehn Euro pro Tonne CO₂ landen wir bei etwa 65 Millionen Euro. In diesem Jahr müssen wir von annähernd der doppelten Menge ausgehen.

Verzeihen Sie mir die Plattitüde: Wir sitzen auf dem Ast, an dem wir sägen, denn der Amazonas-Regenwald verarbeitet jährlich über zwei Milliarden Tonnen CO₂ und erzeugt ein Fünftel des weltweit verfügbaren Sauerstoffs – Tendenz sinkend. Und in dieser Rechnung sind weder der Verlust der zahlreichen Arten berücksichtigt noch der Verlust des Lebensraums indigener Völker. Wo bleibt der Wert eines Zuhauses, der eines gesunden Öko-Systems, das in der Lage ist, sich selbst zu erneuern? So lässt sich der Wert des Regenwaldes also nicht darstellen.

Dann fiel mir der Artikel über die wahren Kosten der Tierhaltung in dieser Ausgabe auf Seite 22 ein. Darin kommt Autor Dominik Baur zum Ergebnis, dass unser Schnitzel mindestens dreieinhalb Mal so teuer sein müsste, weil die Massentierhaltung enorme Umweltschäden verursacht. Überall sah ich nur noch Preisschilder flattern, denen wir auf der Jagd nach immer dem nächsten Schnäppchen hinterherhecheln. 

Mir wurde mulmig. So viel Pessimismus. Und dazu noch dieser moralinsauer erhobene Zeigefinger: So können wir nicht weitermachen! – Hatte ich Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser, so kurz vor Weihnachten denn nichts Besseres zu bieten? Ich überlegte, ob es sich lohnt, einen Schritt zurückzutreten und das größere Bild in den Blick zu nehmen. Ich ging in einem Park spazieren, bei uns um die Ecke, um auf andere Gedanken zu kommen. Die 100 Jahre alten Bäume rauschten im Herbstwind, Kinder kreischten beim Spielen. Im Park-Café genossen einige Gäste die Herbstsonne. Ein Gesprächsfetzen wehte herüber: „Pass bloß gut auf deine Füße auf, Mädchen. Auf denen musst du noch dein ganzes Leben laufen.“ Gesprochen von einer älteren Dame. Sie stützte sich dabei auf eine Krücke und lachte.

Wir verramschen die Natur. Der Verlust wird kosten.© Illustration: Elke Ehninger/ bio verlag

Ökologische Werte und Prinzipien verankern

Die Szene wühlte mich auf. Meine Gedanken mäanderten zurück zu der Frage, wo wir enden, wenn wir die Werte jenseits von Markt und Profit weiterhin vernachlässigen. Die große Erzählung vom freien Markt, der uns immer mehr Wohlstand beschert, wenn wir nur stetig für Wachstum sorgen, schien mir auserzählt, die moderne, arbeitsteilige und inzwischen häufig virtuelle Welt hat unsere Lebensgrundlagen an ihre Grenzen gebracht. Die Frage muss also lauten: Wie verankern wir ökologische Prinzipien und Werte in unser Wirtschaftssystem? Ich überlegte, wie sich das in unserem modernen Alltag umsetzen lässt und ob wir damit auch unsere sozialen Beziehungen neu gestalten könnten? Immerhin würde uns das wieder ein besseres Gefühl für die Ressourcen geben, die wir Tag für Tag verbrauchen. Wo sind die Geschichten vom gelebten Klima- und Umweltschutz, der profitabel ist, der Menschen zusammenbringt, der am Ende sogar Spaß macht?

Ich blätterte in einigen der letzten Ausgaben von Schrot&Korn und blieb bei dem Artikel „Strom von uns“ hängen, aus dem Oktober. Die Geschichte handelt von Initiativen, bei denen Bürger sich mehr oder weniger selbst um ihre Stromversorgung kümmern. Dabei setzen sie auf erneuerbare Energien, wie das Mietstromprojekt, das Mieter über Photovoltaik-Anlagen
auf dem Dach mit Energie versorgt. Daneben gibt es etliche andere Projekte, die ähnlich an der Stromversorgung von morgen arbeiten – ökologisch und erschwinglich. Im November-Heft las ich die Geschichte über Solidarische Landwirtschaft: „Näher dran an Milch und Möhre“. Auch da geht es um eine andere Wertschätzung. Kunden können hier mitbestimmen, was der Landwirt anbaut. Die Betriebe bieten die Möglichkeit, hinter die Kulissen zu schauen. Das fördert die Beziehung zwischen Verkäufer und Käufer. Nicht mehr der Preis steht im Mittelpunkt, sondern die Entstehung der Produkte und die gemeinsame Teilhabe. Beide Seiten nehmen aktiv am Leben der anderen teil und beginnen gemeinsam, profitable Strukturen zu schaffen.

An einer lebenswerten Zukunft bauen: statt überall Preisschilder daran zu kleben @ Fotos: Sonja Schwarz/bio verlag; Illustration: Elke Ehninger/bio verlag

Das Allmende-Prinzip

Elinor Ostrom, die große Vordenkerin einer modernen Gemeingüterwirtschaft, wusste das auch schon. Die 2012 verstorbene Politikwissenschaftlerin gewann 2009 als erste Frau den Wirtschaftsnobelpreis. In ihren Arbeiten schildert die US-Amerikanerin unzählige Beispiele von gelebter Kooperation und gesellschaftlicher Teilhabe an den Gemeingütern Boden, Wasser, Luft, Artenvielfalt und Wissen. Sie öffnete schon vor vielen Jahren den Blick für eine moderne Welt, „in der es nicht um die Ressourcen per se geht, sondern darum, wie wir die gesellschaftlichen Verhältnisse regeln und welche Institutionen wir dafür brauchen.“ So schreibt die Gemeingüter-Aktivistin Silke Helfrich in ihrem Vorwort zu Ostroms Buch „Was mehr wird, wenn wir teilen“.

Es gibt sie also doch, die positiven Geschichten, ganz oft sogar direkt vor unserer Nase: Es gibt Bürgerenergieprojekte, Solidarische Landwirtschaft und Nachbarschaftsnetzwerke, es gibt Carsharing, Kleidertauschbörsen und Gemeinschaftsgärten. In vielen Teilen der Gesellschaft leben Menschen diese Modelle gemeinschaftlicher Nutzung schon jetzt und sorgen
damit für ein neues Bewusstsein – zumindest im Kleinen. Ich war erleichtert und verwundert zugleich. Denn diese Ideen beruhen alle mehr oder weniger auf den Prinzipien der Allmende und sind beinahe so alt wie die Menschheit selbst. Aber sind diese Konzepte heute noch mehrheitstauglich? Sicher ist: Ohne unser Engagement wird nichts passieren und es wird anstrengend, weil wir unsere Komfortzone verlassen müssen. Politik und Industrie bewegen sich jedenfalls, wenn wir Druck machen. Beispiele gibt es, etwa den Radentscheid in Berlin, als eine Petition den Senat dazu brachte, die Stadt fahrradfreundlicher zu gestalten. Oder, dass Autohersteller inzwischen eigene Carsharing-Modelle anbieten. Dafür braucht es keinen Systemwechsel, sondern mutige Bürger, die neue Wege gehen und Parteien wählen, die Willens sind, einen Rahmen für diese Veränderung zu schaffen.

 Greta Thunberg stellte uns in New York eine unangenehme Frage: „Wie könnt ihr es wagen?!“ Klar ist, wir müssen etwas wagen und wenn es nur das wäre, was Greenpeace-Aktivistin Kirsten Brodde in der November-Ausgabe von Schrot&Korn vorgeschlagen hat: „Statt immer mehr Rohstoffe mit hohem Energieaufwand in immer mehr Gegenstände zu verwandeln, sollten wir Konzepte wie Leihen, Teilen, Tauschen aus der Nische holen.“ Damit würden wir nachhaltige Werte schaffen, und das Schicksal der Osterinsel bliebe uns erspart. Und das Gute daran: Wir können sofort damit anfangen.

Erschienen in Ausgabe 12/2019
Rubrik: Leben&Umwelt

Add a comment

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'
bodo behrendt

1896:
"Die Sozialwissenschaft der Bourgeoisie, die klassische politische Ökonomie, beschäftigt sich vorwiegend nur mit den unmittelbar beabsichtigten gesellschaftlichen Wirkungen der auf Produktion und Austausch gerichteten menschlichen Handlungen. Dies entspricht ganz der gesellschaftlichen Organisation, deren theoretischer Ausdruck sie ist. Wo einzelne Kapitalisten um des unmittelbaren Profits willen produzieren und austauschen, können in erster Linie nur die nächsten, unmittelbarsten Resultate in Betracht kommen. Wenn der einzelne Fabrikant oder Kaufmann die fabrizierte oder eingekaufte Ware nur mit dem üblichen Profitchen verkauft, so ist er zufrieden, und es kümmert ihn nicht, was nachher aus der Ware und deren Käufer wird. Ebenso mit den natürlichen Wirkungen derselben Handlungen." Friedrich Engels,
Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen
Privateigentum an Produktionsmitteln: 'mal etwas davon gehört !!!!