Einmal ohne, bitte! - Schrot und Korn

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Einmal ohne, bitte!

© AN PIOTROWSKA
In Bio-Märkten ist die Plastiktüte so gut wie verschwunden; sie setzen auf nachhaltige Alternativen.

 

VERPACKUNG Mehrweg, Recycling, Unverpackt: Bio-Hersteller und Händler versuchen, Verpackungsmüll zu vermeiden. Einfach ist das nicht. Leo Frühschütz

Ein Blick in den Einkaufskorb: Der Tofu ist in Plastik eingeschweißt, die Honigflakes stecken in einer Plastiktüte und einem Pappkarton, auch die Nudeln in Plastik. Die gelbe Tonne vor dem Haus ist voll mit Verpackungen – alles aus dem Bio-Laden. Muss das denn sein? Ja und Nein.

Ganz ohne Verpackung geht es nicht. Sie schützt das Lebensmittel, erleichtert dessen Transport und bietet Platz, um all die Verbraucherinformationen abzudrucken, die der Gesetzgeber vorschreibt. Muss sie aus Plastik sein? Eigentlich nicht, schließlich gibt es Kunststoffverpackungen erst seit 70 Jahren und auch davor wurden Lebensmittel verpackt und transportiert. Doch schnell verdrängte das neue Material Holzfässer oder Wachstücher. Ein Alleskönner und Chamäleon zugleich, denn es ist leicht, beständig und erfüllt unterschiedlichste technische Anforderungen. Plastik lässt sich zu Folien beliebiger Stärke ebenso verarbeiten wie zu Bechern und Flaschen. Es kann transparent oder undurchsichtig sein, luftdicht oder atmungsaktiv. Und das alles für wenig Geld; denn Erdöl als Plastikrohstoff ist immer noch billig. In dieser Hinsicht ist es nachvollziehbar, warum sich Hersteller, Händler und Kunden so schwer damit tun, auf dieses scheinbar ideale Verpackungsmaterial zu verzichten.

Und auch in den Bio-Läden hielt Plastik über die Jahre wegen seiner technischen Vorteile und geringen Produktionskosten Einzug. Seit einigen Jahren versuchen Firmen, die Bio-Produkte herstellen, und Händler umzusteuern. Während die Hersteller verstärkt nach alternativen Materialien für Verpackungen suchen, setzen immer mehr Bio-Märkte darauf, Abfall von Anfang an zu vermeiden – und auf Kunden, die dabei mitmachen.

In vielen Geschäften sind die dünnen Plastiktütchen in den Obst- und Gemüseabteilungen verschwunden. Ladenbesitzer motivieren ihre Kunden, die Ware lose oder in mitgebrachten Mehrwegbeuteln und Netzen an die Kasse zu bringen. Denn auch die ansonsten üblichen braunen Papiertüten sind eine aufwändige Einwegverpackung. An vielen Frischetheken können die Kunden mit mitgebrachten Gefäßen einkaufen und so Käsefolien oder die Plastikbecher für Oliven vermeiden. Das Prozedere ist etwas kompliziert, weil eine Vielzahl von Hygienevorgaben eingehalten werden muss. Meist funktioniert es so: Gefäß öffnen, auf das bereitstehende Tablett legen und hinter die Theke geben, dort wird es mit dem Gewünschten befüllt und zurückgereicht. Deckel schließen, den ausgedruckten Bon auf das Gefäß kleben und an der Kasse zahlen. Auf diese Art und Weise lassen sich auch Brot und Backwaren mit dem eigenen Beutel einkaufen.


Reduziert Verpackungsmüll und sieht auch noch schön aus: Abfüllen in Gläser © mauritius images/Tatiana Bralnina/Alamy

Bio kaufen ohne Müll

Einige Bio-Läden haben Abfüllstationen aufgestellt, an denen sich Kunden selbst bedienen können: Müsli, Nüsse, Nudeln oder Kaffee – soviel wie sie gerade brauchen. Noch rar gesät sind Abfüllautomaten für Milch, Öl oder Reinigungsmittel. Es gibt mittlerweile eine ganze Menge an Möglichkeiten, Verpackungen zu reduzieren. Dass bislang noch nicht alle gleichermaßen und flächendeckend genutzt werden, hat einen ganz einfachen Grund: Sie bedeuten zusätzliche Arbeit für die Ladenbesitzer. Die Behälter müssen regelmäßig geputzt, nachgefüllt und das Regal in Ordnung gehalten werden. Außerdem braucht es zusätzlichen Lagerraum für die großen Säcke und Kanister, in denen die Ware angeliefert wird.



Königsweg Mehrweg

Bei den Bio-Pionieren der 80er Jahre war Plastik als Symbol einer Ex-und-Hopp-Kultur verpönt.
Papier, Glas und Mehrweg waren angesagt und noch heute ist deren Anteil in Bio-Läden
höher als in konventionellen Supermärkten.


Und für die Kunden bedeutet Abfall vermeiden ebenfalls mehr Aufwand. Sie müssen zwar keine Zeitreise zurück in die Tante-Emma-Läden unternehmen. Aber das System funktioniert nur, wenn Kunden ihren Einkauf gut planen, passende Beutel, Tüten oder Gläser mitbringen und ihre Mehrwegflaschen im Laden zurückgeben. Davon gibt es im Bio-Laden noch eine ganze Menge: Bio-Molkereien bieten Milch, Joghurt, Quark und Sahne in Mehrweg an; Safthersteller füllen ebenfalls fast komplett in Mehrwegflaschen ab. Der Bio-Weingroßhändler Riegel macht rund ein Sechstel seines Umsatzes mit Wein in Mehrwegflaschen. Es gibt kleine Aufstrich-Manufakturen, die Mehrweggläser nutzen und das Unternehmen Fair Squared hat Naturkosmetik in Mehrwegtiegeln auf den Markt gebracht. Allerdings zeigen die Zahlen auch, dass seit Jahren kaum neue Bio-Kunden auf Mehrweg umsteigen.

Für viele Lebensmittel gibt es keine Mehrwegsysteme, weswegen deren Hersteller daran arbeiten, sie möglichst nachhaltig zu verpacken. Das ist nicht einfach, denn jedes Packmaterial hat seine Vor- und Nachteile. Glas schützt den Inhalt besonders gut und lässt sich zu neuen Gläsern und Flaschen recyceln. Es ist aber auch schwer und verbraucht deshalb beim Transport viel Energie. Blechdosen, etwa für Gewürze oder bei Konserven, sind deutlich leichter und ebenso gut zu recyceln, brauchen aber viel Energie in der Herstellung und haben ein schlechtes Image. Papier für Lebensmittel besteht aus frischem Zellstoff, weil
Recyclingpapier Spuren von Mineralöl enthalten kann, zum Beispiel aus alten Druckfarben. Für Zellstoff müssen reichlich Bäume gefällt werden, die Herstellung verbraucht ebenfalls viel Energie und belastet das Wasser. Solche Umweltaspekte müssen abgewogen werden gegen die beiden großen Nachteile von Plastik: fossil und nicht abbaubar.

Hersteller müssen bei der Umstellung ihrer Verpackungen viel beachten

Ein heiß diskutiertes Thema sind Bio-Kunststoffe. An denen ist zunächst einmal nichts „Bio“. Die Bezeichnung sagt lediglich, dass sie auf Basis nachwachsender Rohstoffe erzeugt wurden. Die Rohstoffe, in der Regel Mais oder Zuckerrohr, werden konventionell angebaut – mit Kunstdünger und Pestiziden. Aus Zuckerrohr stellt ein brasilianisches Unternehmen Alkohol her, den es weiter zu dem Kunststoff Polyethylen (PE) verarbeitet. Er ist nicht abbaubar und lässt sich wie Erdöl-PE recyceln. Maisstärke wird vor allem zu dem biologisch abbaubaren Kunststoff PLA (Polymilchsäure) verarbeitet. Stammt der Mais dafür aus den USA, ist er mit großer Sicherheit gentechnisch verändert. Gentech-Plastik als Verpackung für Bio-Lebensmittel?

Für die meisten Bio-Hersteller undenkbar. Sie setzen deshalb auf Kunststoffe auf Basis von Zellulose. Allerdings liegt der Vorteil gegenüber erdölbasierten Kunststoffen und solchen aus Zuckerrohr oder Mais lediglich in deren Materialien, die zur Herstellung benötigt werden. Denn obwohl auch sie grundsätzlich biologisch abbaubar sind, bleibt die Entsorgung ein kritischer Punkt. Landen solche Folien in der Gelben Tonne, fliegen sie bei der Sortierung raus und werden als Sortierrest verbrannt. In der Bio-Tonne sollen die kompostierbaren Folien aber auch nicht entsorgt werden, weil sie sich in den Kompostanlagen nicht schnell genug zersetzen. Selbst nach sechs Wochen bleiben kleine Kunststofffetzen übrig, durch die der Kompost unverkäuflich wird. Deshalb werden solche Folien ebenfalls vor der Kompostierung aussortiert und verbrannt.

Hersteller, die über eine Umstellung bei ihren Verpackungsmaterialien nachdenken, müssen dies bedenken. Und mehr noch: Der neue Verpackungsstoff muss das Lebensmittel ebenso wirkungsvoll schützen wie der alte und sollte sich auf den vorhandenen Maschinen verarbeiten lassen. Denn neue Maschinen kosten viel Geld. Die verschiedenen Aspekte führen dazu, dass Hersteller zu ganz unterschiedlichen Lösungen finden. Die Spielberger Mühle stellt gerade Schritt für Schritt ihre Produkte auf 100 Prozent Papier um. Sie achtet darauf, dass die Wälder für die Zellstoffproduktion zertifiziert nachhaltig (FSC-Siegel) bewirtschaftet werden. Zudem unterstützt sie die Aufforstung von Bergwäldern, um ihren Holzverbrauch auszugleichen. Für die Sichtfenster in den Tüten verwendet Spielberger Pergamin, das aus feingemahlenem Zellstoff besteht.

Beispiele wie diese gibt es einige in der Bio-Branche: Die Firma Albgold hat angefangen, erste Nudeln in Papier zu verpacken. Sonnentor setzt schon seit längerem für Gewürze und lose Tees auf Folien aus Zellulose, die biologisch abbaubar sind. Auch Lebensbaum nutzt die Folie als Hülle um Teebeutelschachteln. Ebenfalls aus Zellstoff besteht die NatureFlex-Folie, in die Vivani und andere Schokoladenhersteller ihre Tafeln verpacken. BioVegan startete im Februar 2019 das Projekt „Plastikfreies 2020“ und will bis dahin sämtliche Verpackungsmaterialien sowie Produktionsabläufe plastikfrei gestalten. Auf der Online-Präsenz der Firma kann man die Fortschritte nachverfolgen und findet zusätzlich Tipps zur Vermeidung von Plastik für den Alltag.

Plastik schon bei der Anlieferung im Bio-Laden sparen

Die Naturkosmetik-Hersteller Speick und Urtekram setzen auf Flaschen aus Zuckerrohr-PE, die Reinigungsmittelhersteller Sodasan und Almawin verwenden Flaschen, die aus Recycling-PET hergestellt wurden. Viele Seifen ziert nur noch eine Papier-Banderole, weil die Hersteller auf die früher übliche Plastikfolie verzichtet haben. Ganz oder überwiegend auf Papier und Pappe setzen die Naturkosmetikmarken GRN, Ben&Anna und Plaine. Einen ganz neuen Weg geht der Käse-Spezialist ÖMA. Er verwendet für seine Convenience-Produkte wie Back-Camembert Kartons aus Graspapier. Es besteht zu 25 bis 50 Prozent aus heimischer Grasfaser, die einen Teil des Zellstoffs ersetzt und damit die Energie- und Wasserbilanz deutlich verbessert.

Die Produkte der Hersteller werden von Bio-Großhändlern gebündelt und in die Läden transportiert. Für Obst und Gemüse gibt es funktionierende Mehrwegsysteme mit Plastikkisten. Viele Großhändler umwickeln zudem die Rollwägen und Paletten nicht mehr mit Schrumpffolie, um die Ware beim Transport zu sichern. Sie zurren sie statt dessen mit Gurten fest. Das ist zeitaufwändiger und teurer, spart aber ordentlich Plastik. Die Beispiele zeigen, wieviel sich in der Bio-Branche beim Thema Verpackungsmüll tut. Doch so wichtig wie das Drumherum der Verpackung auch ist, mindestens genauso wichtig für die Umwelt ist, dass der Inhalt passt: Bio.

Fakten-check

Verpackungswahn in Zahlen

In Deutschland fallen im Jahr über 18 Millionen Tonnen Verpackungsmüll an. Das sind 220 Kilogramm pro Einwohner. Mehr als in jedem anderen Staat der Europäischen Union. 70 Prozent davon werden recycelt, vor allem Metalle, Papier und Glas. Von den gut drei Millionen Tonnen Plastikverpackungen wird weniger als die Hälfte stofflich wiederverwertet. Der große Rest wird in riesigen Anlagen verbrannt. Die Statistik zählt bisher auch Abfallexporte zur Recyclingquote, die in Malaysia oder Indonesien auf wilden Müllkippen landen. Über Gelbe Tonnen und Säcke werden jedes Jahr 4,7 Millionen Tonnen Verkaufsverpackungen aus Haushalten eingesammelt. Viel größere Mengen fallen in Industrie und Gewerbe an.

Mehr zum Thema:

Leben ohne Müll – Blogs mit Erfahrungsberichten und Tipps:

www.wastelandrebel.com/de

www.zerowastelifestyle.de

www.zerowastefamilie.de

www.besser-leben-ohne-plastik.de

www.minimalwaste.de

Der Verein Plasticontrol kämpft gegen die globale Plastikflut:

www.plasticontrol.de

Das Deutsche Verpackungsinstitut informiert aus Herstellersicht:

www.verpackung.org

www.tag-der-verpackung.de

Interview

„Für Vermeidung bringt das Gesetz nichts“

Hilft das neue Verpackungsgesetz gegen die Verpackungsflut? 

Leider nein. Das Gesetz hat zwar die Recyclingquoten erhöht, aber damit lösen wir das Problem nicht. Aktuell verursacht ein Deutscher im Durchschnitt mehr Verpackungsabfälle als jeder andere Europäer. Wichtiger als Recycling ist die Vermeidung, aber da bringt das Gesetz praktisch nichts.

Was bräuchte es stattdessen? 

Zunächst braucht es ein Vermeidungsziel für Verpackungsmüll: bis 2030 runter auf 90 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Außerdem ist eine verbindliche Mehrwegquote sinnvoll, damit Verpackungen nicht jedes Mal zerstört und neu hergestellt werden müssen.

An welche Produkte denken Sie da?

Neben Getränken etwa an Molkereiprodukte, Konserven oder Aufstriche, die bisher in Einweg verpackt sind. Auch müssen Handelsketten verpflichtet werden, die Mehrwegquoten einzuhalten. Es darf nicht sein, dass Discounter nur Einweg anbieten und sich Mehrwegsysteme auf Kosten anderer sparen. 

Muss Einweg teurer werden?

Ja! Denn Einweg ist nur so günstig, weil Umweltfolgen wie die Vermüllung oder Klimaerwärmung nicht eingepreist sind. Wir fordern daher eine Abgabe in Höhe von mindestens 20 Cent auf alle typischen Eniwegverpackungen wie Einwegflaschen, Getränkekartons oder To-go-Becher. Gleichzeitig müssen wir mit den Einnahmen Vermeidungs- und Mehrwegkonzepte fördern. 

Trotzdem bleiben Verpackungen übrig?

Unvermeidbare Einwegverpackungen müssen besser werden: Dazu braucht es Vorgaben für das Design, damit sich die Verpackungen besser recyceln lassen. Verbindliche Einsatzquoten für Rezyklate müssen dafür sorgen, dass aus alten Verpackungen wieder neue werden.

 

Philipp Sommer

ist stellvertretender Leiter für Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe. www.duh.de

 

© DUH/Heidi Scherm

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