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Kolumne: Tier(quäler)schutz

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Das Schwein, das in einer Ecke des knatschengen Massenstalls verendet, angeknabbert von seinen Artgenossen. Hühner und Puten mit klaffenden Wunden. Schweine, die von Eiterbeulen übersät durch ihren eigenen Kot waten. Kühe, die nach ihren Kälbern brüllen, von denen man sie gerade getrennt hat. Sie alle kennen die Bilder. Heimlich aufgenommen in deutschen Tierfabriken. Alle paar Monate stellen radikale Tierschützer ihre Aufnahmen aus der Dunkelwelt der Milch- und Fleischproduktion für die Öffentlichkeit zur Verfügung. Und wer auch nur einen Funken Mitgefühl hat, möchte solche Bilder nie wieder sehen.

Tierschützer reißen
sich nicht darum, leidende
Tiere zu filmen

Julia Klöckner, unsere Landwirtschaftsministerin, möchte das auch nicht. Geht es nach ihr, wird es solche schrecklichen Filme über die ganz alltägliche Tierquälerei künftig nicht mehr geben. Ihr Ministerium arbeitet gerade an neuen Gesetzen mit härteren Strafen – für jene, die solche Filme drehen. „Wir brauchen keine selbsternannte Stallpolizei, die die Einhaltung des Tierschutzes kontrolliert“, wütet Frau Klöckner gegen die „Stalleinbrecher“. In jüngster Zeit hatten Gerichte Tierschützer immer wieder vom Vorwurf des Hausfriedensbruchs frei gesprochen. Das Oberlandesgericht Naumburg billigte zwei Männern und einer Frau, die heimlich Beweise für Verstöße gegen das Tierwohl gesichert hatten, eine Art Notstandsrecht zu. Die staatlichen Kontrollbehörden wären ihrer Verpflichtung trotz aller Hinweise nicht nachgekommen. Da dürften engagierte Bürger schon mal zu solchen Methoden greifen. In einem anderen Fall argumentierte ein Gericht, bei Tierquälerei sei das Informationsinteresse der Öffentlichkeit höher zu bewerten als die Rechte des Erzeugerbetriebs. Nicht für Frau Klöckner und ihre Freunde. Marlene Mortler, agrarpolitische Sprecherin der CSU-Landesgruppe im Bundestag, nannte den „Stalleinbruch“, der solchen „Enthüllungsfilmen“ vorausgeht, ein „traumatisches Erlebnis“ – für die Tierquäler. Die „Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands“ hält heimlich gedrehte Aufnahmen gar für ein besonders perfides „Geschäftsmodell“, mit dem die Tierrechtler Spendengelder eintreiben wollen. Als würden sich gerade Tierschützer darum reißen, leidende Schweine, Kühe oder Hühner zu filmen. Und der „Einbruch“? Ich stelle mir dann immer jemanden vor, der durch ein Fenster sieht, wie ein Feuer ausbricht, die Scheibe einschlägt, um den Brand zu löschen, und hinterher wegen „Hausfriedensbruch“ eingesperrt werden soll. Ja, so in etwa geht die schräge Logik. Würden Regierung und Fleischindustrie nur halb so engagiert gegen die unzumutbaren Zustände in der deutschen Massentierhaltung vorgehen wie gegen jene, die sie dokumentieren, müssten wir uns um das Wohl unserer Tiere keine Sorgen mehr machen. Und, endlich, solche Bilder nie wieder sehen.

Erschienen in Ausgabe 08/2018
Rubrik: Leben&Umwelt

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Hanne Justin

Diese Ministerin ist eine Strafe und Zumutung für den Tierschutz ! Wann tritt sie endlich zurück ? Wann regieren auch in der Landwirtschaft Menschen mit Verantwortung für die Tiere ? Die Mehrheit der Bevölkerung lehnt Massentierhaltung und die Folgen ab. Wann begreifen das die Minister und die dafür Verantwortlichen ??

Lui

Erstaunlich wie Politiker so gleichgültig, empathielos und perfide bleiben können vor so viel leid und sterben.
Wir haben auf diesem Planeten schon genug an pflanzlichen Lebensmitteln mit was wir uns gesund ernähren können ohne ein einziges Tier zu morden.
Leider sind die dreckigen Interessen und das Gaumenlibido größer als jegliche Empathie für die armen unschuldigen die nur einen schuld haben: "Auf einen Planeten geboren zu sein, wo der grausamer fresssüchtiger mensch herrscht!!"
Wir menschen sollen unsere Intelligenz benutzen um alle Mitbewohner auf diesem Planeten zu helfen, nicht sie leiden zu lassen, ermorden und fressen.

Carola Schumacher

Diese Kolumne finde ich sehr gelungen - gleichzeitig erschreckend. Da will die Klöckner einfach die Massentierhaltung und die teilweise unerträglichen Zustände unter den Tisch kehren, indem die mutigen Aktivisten verklagt werden, weil sie den Verbraucher informieren - was ja Pflicht des Landwirtschaftsministeriums wäre. Wirklich unglaublich, auf welche Ideen Lobbyisten kommen - und vor allem auch, wie sie diese begründen.

"Die Würde des Schweines ist unantastbar" (Reinhard Mey) - Was Julia Klöckner (CDU) zu den Themen Tierschutz, Tierquälerei und Umweltschutz sagt, ist schlicht unerträglich!

Corinna

Wieder einmal bin ich verwundert und entsetzt über die Reaktion der Bundesregierung. Gibt es bereits eine Petiton, um diesen Irrsinn zu stoppen?

Simon Schmitt

Tja. Solche Äusserungen können nur von korrupter und empathisch unterentwickelten Politikern kommen, denen Lobbygelder wichtiger sind als Moral und Herz